Russland im Jahr 1867. Konstantin Ziolkowski, Kostja gerufen, ist zehn Jahre alt, als er nach einem Ausflug in den verschneiten Wald um seinen Heimatort Rjasan schwer an Scharlach erkrankt und infolge dessen weitestgehend gehörlos wird. Als sein Vater, um die zehnköpfige Familie weiter ernähren zu können, zum Arbeiten in das weit entfernte Wjatka ziehen muss, folgt die Familie ihm nach Kostjas Genesung nach. Doch nicht nur durch seine Schwerhörigkeit scheitert Kostja beim Besuch des Gymnasiums; nach dem Tod seiner Mutter versucht der Vater, der um die technische und mathematische Begabung seines Sohnes weiß, ihm eine bessere Chance zu verschaffen, und so zieht Kostja mit einem Empfehlungsschreiben und der Hoffnung, an der Technischen Berufsschule studieren zu können, nach Moskau.
Auf den ersten Blick fällt das schöne Cover auf: es zeigt Konstantin Ziolkowski höchstpersönlich, umgeben von zahlreichen technischen Skizzen und er Andeutung eines Hörrohrs, wie er es in späteren Jahren benutze.
Die Mechanik des Himmels ist eine buchstäbliche Reise durch das Leben Konstantins und wie bei jeder Reise gibt es Phasen, in denen sich der Weg zieht wie Kaugummi und man es kaum erwarten kann, an den nächsten Zwischenhalt zu kommen; ebenso gibt es diese kleinen Augenblicke, wenn man aus einem Tunnel fährt und plötzlich die schönste Aussicht der Welt vor Augen hat. Statt Metern und Meilen misst man hier in Werst und Arschin; Kostjas Familie zieht auf der Weg nach Wjatka durch eine Vielzahl kleiner Orte, deren Namen dem durschnittlichen deutschen Leser nichts sagen dürften, und deren geographische Einordnung sich nur auf die Entfernung zum Heimatort oder Moskau bezieht. Es ist eine alles andere als unbeschwerte, fröhliche Kindheit, die Kostja verlebt, und grade darin spiegelt sich sehr realistisch der Alltag im bäuerlichen Russland des 19. Jahrhunderts wieder.
Das Buch ist in Kapitel unterteilt, die jeweils nach den Lebensabschnitten und wichtigen Schlüsselerlebnissen Konstantins benannt sind; innerhalb der Kapitel findet eine chronologische Aufteilung statt, mal von Monat zu Monat, mal mit jahrelanger Unterbrechung. Das macht die Orientierung, in welcher Zeit und in welchem Alter sich die Charaktere befinden, leicht.
Es ist mir nur teilweise gelungen, mich auf das Erzählte einzulassen. Nach dem ersten Drittel folgte erstmal eine Pause, ehe ich es wieder zur Hand nahm und in einem Zug durchlas. Trotz der genauen Recherche und den bestimmt umfassenden mathematischen und physikalischen Hintergründen, die Tom Bullough ausbreitet, bleibt Konstantin als Protagonist eher farblos. Er gilt als geistiger Vater der russischen Raumfahrt – doch die einzigen Momente im Buch, in denen ich ihn wirklich spannend fand, waren die menschlichen.
Der an Scharlach erkrankte Kostja, der jugendliche Kostantin auf dem Weg nach Moskau, der Mathematiklehrer Konstantin Ziolkowski, der spätere Ehemann und Vater, diese Aspekte schafften es, meine Aufmerksamkeit zu fesseln; ich muss dem Buch zu gute halten, dass es sich nicht mit unnötigen, verwirrenden Liebesgeschichten aufhält. Die Begegnung und Beziehung zwischen Konstantin und seiner späteren Frau Varja ist einer der leisen, unauffälligen Sorte, ohne große Gesten, bei denen man sofort spürt, dass zwischen ihnen etwas stattfindet. Trotzdem hätte ich mir mehr gewünscht, zu erfahren, was in diesem zweifellos genialen Kopf vorgegangen sein muss.
Auch der Umstand, dass er trotz seines Handicaps nicht von seinen Wünschen und Zielen ablässt, erscheint eher nebensächlich; ich konnte mich zu wenig mit ihm identifizieren. Erst der Wendepunkt seines Lebens, die Anstellung als Mathematiklehrer in Kaluga, und seine Freude an dem, was er seinen Schülern vermittelt, haben ihn mir zum Ende hin etwas näher gebracht.
Was die physikalischen und mathematischen Details angeht, hat der Autor durchaus seine Hausaufgaben gemacht (sofern ich das beurteilen kann; mein Wissen in diesem Gebiet ist begrenzt); aber auch deswegen habe ich mich durch Teile der Geschichte gekämpft. Hinzu kamen die wort- und detailreichen Beschreibungen der vielen Stationen, die Kostja und seine Familie auf dem Weg nach Wjatka erreichen. Es mag der Übersetzung geschuldet sein, dass die Sprache des Autors unnötig verschachtelt und mit Adjektiven überladen wirkt. Immer wieder schafft Tom Bullough es, den Leser heranzuholen, ihn hineinzuziehen in seine Bilder, um ihn dann sehr abrupt und unerwartet wieder fallen zu lassen. Es sind zu viele Bilder und zu viele Beschreibungen, um ein inneres Panorama entstehen zu lassen.
Das Buch endet mit einem Prolog im Jahr 1965 – fast 100 Jahre nach Konstantins Geburt – , der den Flug der Woschod 2 aus Perspektive des Kosmonauten Alexei Leonows erzählt, der erste Mensch es schaffte, sein Raumschiff zu verlassen und frei im All zu schweben. Dieser Wechsel kommt etwas unerwartet, weil im ganze Verlauf des Romans – für mich zumindest – das Bahnbrechende an Konstantins Werken nicht klar wird, aber objektiv wird deutlich, dass der spätere Erfolg der russischen Raumfahrt auf seinen Überlegungen beruht.
Fazit: ein lesenswerter Roman, trotz trockener Episoden. Leider gelingt der Spagat zwischen Biographie und Erzählung nicht hunderprozentig. Es mag allegorisch sein, dass sich Konstantin Ziolkowskis Geschichte nach der Ankunft in Moskau so viel leichter liest – aus der unwegsamen, beschwerlichen Kindheit in die Universitätstadt -, deswegen vergebe ich auch im Respekt an die Arbeit des Autors 3,5 bzw. 4 von 5 Sternen.