In den Siebziger Jahren geschrieben, spielt dieser Roman Ende der Fünfziger Jahre. Joan wurde früh von ihrem Freund schwanger, die beiden mussten, wie damals üblich, heiraten, und sie verlor ihren Mann, weil er betrunken gegen eine Wand fuhr. Jetzt hat sie kein Geld, Strom und Telefon wurden schon abgestellt und die Polizei verdächtigt sie, dass sie am Tod ihres Mannes nicht ganz unschuldig war.
Da hat sie Glück. Sie bekommt einen Job als Kellnerin in einer Bar. Sie ist hübsch, sexy und trägt bei der Arbeit ein sehr offenherziges Kostüm. Das spricht die Männer an und führt zu großen Trinkgeldern. Außerdem interessiert sich Earl, ein reicher, älterer Mann mit Herzproblemem für sie, den sie heiraten möchte. Damit sie ihr Kind wieder zu sich nehmen kann. Doch weiche Knie bereitet ihr nicht Earl, sondern Tom, ebenfalls ein Kunde der Bar. Der hat aber kein Geld.
James M. Cain lässt Joan ihre Geschichte erzählen und wie sie diese erzählt. In der Ich-Perspektive, atemlos, packt sie den Leser, er fiebert mit ihr und weiß doch nicht, was er der Dame glauben darf. Ist sie so naiv oder einfach nur gerissen? Cain lässt die Fünfziger Jahre aufleben, den Sex, der eigentlich Pfui ist, aber gerade deswegen überall präsent, die junge Frau mit dem alten Mann, der sie retten könnte und dem jungen Burschen, der ein Hallodri ist, für den sie aber Gefühle entwickelt, die es eigentlich gar nicht geben dürfte.
Ich weiß nicht, was ich mehr loben soll, den konsequent durchgehaltene Stil der Erzählung, der die junge Frau lebendig werden lässt; den stringent erzählte Plot, der den Leser mit immer neuen Verwicklungen in Bann schlägt oder den Schluss, der eine völlig überraschende, ebenfalls aber glaubwürdige Lösung bietet. "ABSERVIERT wird Sie fesseln und mit seinem unglaublichen Ende schockieren" urteilte Stephen King und er hat ganz sicher recht.
Obendrein enthält das Buch ein sehr gutes Nachwort. Die Leser liebten James M. Cain, er sprach Millionen an, bei der Kritik galt er aber als Mainstream, als Lieferant von grellem Schund, der die niederen Instinkte der Leser bediente. Was beim Lesen natürlich die Frage keimen lässt, wieviele der heutigen Autoren, die von Kritikern aus gleichen Gründen verrissen werden, in fünfzig Jahren vielleicht als Literaten hochgeschätzt werden.
Dazu findet sich eine ausführliche Schilderung von Charles Ardai, der diesen letzten Roman von Cain entdeckte, wie er die Einzelteile fand und daraus schließlich eine kohärente Fassung zusammenfügte. Das jedenfalls ist ihm bestens gelungen.
Fazit: Ein Pulp-, ein Trashroman der alten Schule, der immer noch zu faszinieren vermag.
Leseprobe: http://www.amazon.de/Abserviert-Roman-James-M-Cain/dp/3849300625#reader_B00BN7YH5I
Abserviert, Krimi, James M. Cain, Walde und Graf, März 2013
ISBN-13: 978-3849300623, gebunden, 352 Seiten, Euro 22,99