In dieser Geschichte geht es um ein neunjähriges Mädchen mit dem Namen Liesel Meminger, um ihre Pflegeeltern Rosa und Hans Hubermann, um die Himmelstraße 33 in Molching, um viele Diebstähle und um noch mehr Worte. All diese Begebenheiten geschehen von Januar 1939 bis Oktober 1943 und der Erzähler, inmitten der Wirren und des Leids des 2. Weltkrieges, ist niemand anderes als der Tod.
Bereits im Prolog berichtet der Tod, dass er Liesel drei Mal begegnen wird und erzählt noch vor der eigentlichen Geschichte von diesen drei Begegnungen. Das fand ich sehr irreführend, weil ich mitten im Buch dachte: „Das hast du doch schon mal gelesen.“ Ja, hatte ich auch. Im Prolog. Diese Erzählweise scheint dem Tod zu gefallen, denn er nimmt im Laufe der Geschichte immer wieder die Ereignisse vorweg. Wenn es sich dabei um Vorausdeutungen handeln würde, die die Neugierde des Lesers wecken sollen, wäre nichts dagegen einzuwenden, aber konkrete zukünftige Begebenheiten im Voraus auszuplaudern hielt ich für unangebracht. Der Tod selbst findet es wohl auch nicht richtig, denn an einer Stelle sagt er: „Wieder gestatte ich euch einen Blick auf das Ende. Vielleicht um den Schlag zu mindern, vielleicht um mir selbst das Erzählen leichter zu machen.“ Wie auch immer: Ich mochte diese Vorwegnahme nicht und fragte mich, was der Autor damit bezweckt hat.
Die Struktur der Geschichte ist ebenfalls ungewöhnlich, denn die Geschichte wird alle zwei Seiten durch fettgedruckte Bemerkungen, Zusammenfassungen oder Feststellungen unterbrochen. Am Anfang tat ich mich mit diesen regelmäßigen Einschüben schwer, aber irgendwann arrangierte ich mich mit ihnen und sie störten mich nicht mehr.
Sehr beeindruckend finde ich Zusaks Umgang mit Worten. Er bevorzugt die originelle Ausdrucksweise und da seine auffallende Wortgewalt fast immer die entsprechende Stimmung in der Szene trifft, wirkt die Form seiner Beschreibung oft harmonisch. Hin und wieder erscheinen seine Worte zwar ein wenig aufgesetzt, aber trotzdem vermögen sie es, den Leser zu verzaubern, Gefühle in ihm zu wecken oder sein Gemüt zu erhellen.
Dass Markus Zusak grundsätzlich den besonderen Ausdruck wählt, beweis er an vielen Stellen in seinem Buch. Wo andere Autoren die Stimme versagen lassen, so begeht die Stimme bei Zusak Selbstmord. Wenn ein Flugzeug im Wald hockt und noch hustet, hat es einen Absturz hinter sich. Und wenn die Juden zu Fuß auf dem Weg ins Konzentrationslager Dachau sind, dann konzentrieren sie sich. Um nur einige Beispiele zu nennen.
Auch die Namen seines Romanpersonals, typische bayerische Namen aus der Zeit der Weltkriege, hat sich Zusak reiflich überlegt. Sie passen hervorragend in die Geschichte, weil sie ihr etwas Reales verleihen und unterschwellig zum Feinschliff beitragen.
Alles in allem ist „Die Bücherdiebin“ ein wirklich außergewöhnliches Buch. Für Leser, die Trivialliteratur to go bevorzugen, könnte dieses Buch allerdings ein Reinfall sein, aber wer Freude am Umgang mit Sprache hat, sollte dieses Buch unbedingt lesen, denn einige Textstellen sind ein sprachlicher Hochgenuss und machen Lust auf mehr. Viel Spaß!