Afrika, 1904. Anstatt wie geplant als Schiffsköchin nach Australien zu fahren, geht die 18-jährige Schwedin Hanna Lundmark nach dem Verlust ihres Ehemannes in Moçambique an Land. Wenige Monate später ist sie Besitzerin des beliebtesten Bordells Südafrikas und zählt damit zu den reichsten Menschen des Landes. Doch ist sie damit in einer Welt aus Lug und Betrug, Angst und Fremdenhass auch eine mächtige Frau?
In seinem Roman Erinnerung an einen schmutzigen Engel erzählt Henning Mankell auf nachvollziehbare Weise vom Reifungsprozess eines unbedarften, unsicheren Mädchens, das sich von den äußeren Umständen treiben lässt, zu einer geradlinigen, selbstbewussten Frau, die ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Dabei berichtet er nur das Notwendigste, verzichtet auf ausschmückende Details und treibt die Handlung in einem atemberaubenden Tempo voran, ohne jedoch zu überfordern. Gleichzeitig skizziert er die Funktionsweise der Apartheid, ihre Auswirkungen auf die schwarze und weiße Bevölkerung und wie sie aufrecht erhalten wird. Sein nüchterner, distanzierter Stil vermeidet jeglichen Pathos und versucht kein Mitleid zu erregen, wodurch sowohl Hannas Entwicklung als auch die Schilderung der rassistischen Mechanismen sehr authentisch wirken.
Für mich macht gerade diese unpersönliche, unemotionale Erzählweise die große Stärke des Buches aus, denn obwohl ich mich weder mit Hanna identifizieren konnte, noch in die Geschichte hineingesogen fühlte, war ich sehr gespannt darauf, wie es weitergehen würde. Der gefühlskalte Abstand ließ mich Hannas Verhalten besser verstehen, als emotionale Appelle an mein Mitgefühl es je vermocht hätten, genau wie erst dadurch die volle Grausamkeit der Apartheid greifbar wurde, weil sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit wie alle anderen kleinen und großen, banalen und außergewöhnlichen Ereignisse beschrieben wurde.
Gefallen hat mir auch die oft sprunghafte Verflechtung von Vergangenheit und Gegenwart im ersten Abschnitt, die doch nie willkürlich oder unnatürlich wirkt.
Abzüge gibt es hingegen für den Prolog, der mir gänzlich überflüssig und künstlich erscheint und mich den Schluss eines Kreises erwarten ließ, der nie kam.
Insgesamt handelt es sich jedoch um ein starkes, lesenswertes Buch, das zum Nach- und Weiterdenken anregt. Henning Mankell versteht es, mit nur wenigen, prägnanten Pinselstrichen ein komplettes Bild zu malen und trotzdem genügend Freiflächen zu lassen, die der Leser mit eigenen Interpretationen füllen kann.