„Das Herz ihrer Tochter“ ist ein Buch, über das man noch lange nachdenkt, eines mit Nachwirkung. Nach einigen Anlaufschwierigkeiten habe ich mich dann doch hineingelesen und es letztendlich förmlich verschlungen – aber leider nicht, weil ich es so ausgesprochen gut fand, sondern eher, weil ich immer darauf gewartet habe, dass es mich doch noch restlos überzeugt. Doch auch nach ein paar Tagen Überdenkzeit bin ich immer noch zwiegespalten und weiß nicht so recht, was ich von diesem Buch halten soll.
„Das Herz ihrer Tochter“ lebt zweifelsohne von den vielen verschiedenen Ich-Erzählern, die sich alle rund um den Häftling Shay Bourne gruppieren: Da ist June Nealon, die nach dem Tod ihres Mannes, der bei einem tragischen Autounfall gestorben ist, den Polizeibeamten Kurt heiraten, den sie selbst als ihren Traummann bezeichnet. Gemeinsam ziehen sie Junes Tochter aus erster Ehe Elizabeth groß und warten freudig auf ihr erstes gemeinsames Kind, denn June ist erneut schwanger. Doch diese Idylle währt nicht lange, denn Shay Bourne, den June als Zimmermann engagiert hatte, erschießt Kurt und Elizabeth, nachdem er das Mädchen zuvor missbraucht hatte, wofür er zum Tode verurteil wird – als erster Häftling in New Hampshire seit über 50 Jahren. Kurz nach der Beerdigung ihres Mannes und ihrer Tochter bringt June ihre zweite Tochter Claire zur Welt, doch das Mädchen wird mit einem schweren Herzfehler geboren und ab ihrem 11. Lebensjahr verschlimmert sich ihr zustand drastisch, sodass nur noch eine Herztransplantation ihr Leben retten kann.
Hier kreuzen sich die Wege von Shay und June erneut, denn Shay möchte sein Herz nach seinem Tod der kleinen Claire spenden, was allerdings nur möglich ist, wenn er nicht mit per tödlicher Injektion sondern durch den Strang stirbt. Hier treten zwei weitere Ich-Erzähler hinzu: Father Michael und die Anwältin Maggi. Father Michael, der eins als Jurymitglied die Hinrichtung Shays mitbeschlossen hat, ist nun sein Seelsorger und entdeckt in den „Wundern“, die Shay während seiner Inhaftierung vollbringt, Fragen, die ihn seinen Glauben Stück für Stück anzweifeln lassen, denn Shay ist kein ganz gewöhnlicher Häftling – er zitiert Passagen aus einem unbekannten Evangelium, erweckt scheinbar Tote wieder zum Leben und heilt einen an Aids erkranken Mithäftling, was ihn für viele Menschen zu einem Heiligen macht und einige halten ihn sogar für einen Messias. Und auch Maggi, die sich eigentlich für die Abschaffung der Todesstrafe einsetzt, sieht sich plötzlich mit ihren Grundsätzen konfrontiert und muss sich entscheiden, was wichtiger ist: Ihren Prinzipien treu bleiben oder Shay bei seinem letzten Wunsch unterstützen.
Die Frage, die dieses Buch stellt ist also klar: Was würden wir tun? Wären wir bereit, unsere fest verankerten Standpunkte aufzugeben und an etwas zu glauben, wofür es keine Erklärung gibt? Oder wären wir dann leichtgläubig? Und noch wichtiger: Würden wir unser Kind retten, auch wenn das bedeutet, dass ein Teil unseres Feindes mit ihm verschmilzt? Könnten wir vergeben?
Trotzdem konnte ich mich mit dem Thema dieses Buches nicht recht anfreunden. Shay wirkt für mich zu konstruiert, ist er doch ein junger Mann ohne nennenswerte Bildung und doch ist er rhetorisch sehr gewandt, so sehr, dass es mir manchmal einfach zu viel war. Dennoch muss ich sagen, dass „Das Herz ihrer Tochter“ sehr spannend geschrieben ist und man von all diesen unterschiedlichen Personen doch mitgerissen wird. Durch die Ich-Perspektive kommt man den Charakteren, die durchweg sehr sympathisch sind, sehr nah. Alles in allem doch ein lesenswertes Buch, wenn man sich auf das Thema einlassen kann.