Rezension vom 15.08.2009
(9)
Rant Casey wächst in einer ärmlichen, ländlichen Gegend auf, ist Außenseiter und beliebtester Junge der Schule zugleich und pflegt ein gewöhnungsbedürftiges Hobby: Er lässt sich von Schlangen, Spinnen, Skorpionen und Kojoten beißen und kultiviert diese Gifte in seinem Körper. Nebenbei kurbelt er die örtliche Wirtschaft an. Als er in die Stadt kommt, schließt er sich einer Gruppe von Party-Crashern an, einer Szene, die in Verkleidungen Unfälle verursachen und so ihre Leben in völlig neue Dimensionen lenken.
Chuck Palahniuk entwickelt hier ein dystopisches Stadtszenario, in dem die Bevölkerung in Tag- und Nachtgänger geteilt ist, in welchem die klassischen Unterhaltungsmedien von "Peaks" abgelöst wurden, durch die man fremde Empfindungen nachfühlen kann und das sich immer mehr in Richtung Apartheit wandelt. Im Stil einer Oral History wird aus verschiedenen Perspektiven die Geschichte Rant Caseys erzählt; wer Rant Casey wirklich ist, bleibt letztendlich im Dunkeln. Nach und nach setzen sich die Puzzleteilchen zusammen, erst im letzten Viertel des Romans offenbart sich, worum es wirklich geht. Diese Offenbarung jedoch stellt den Leser vor mehr Fragen, als er eigentlich beantworten kann.
Die Entscheidung, ob all das hanebüchener Blödsinn oder ein fesselndes Konstrukt ist, bleibt beim Leser. Fest steht, dass Palahniuk ein großartiger Erzähler ist, der den konventionellen Twist einer Geschichte untergräbt, indem er ihn so weit ausbaut, dass man sich besonders in der zweiten Hälfte des Romans sehr verloren vorkommt. Die Erwartungen zu Beginn werden enttäuscht und umgeworfen und in verschiedene Richtungen gelenkt, am Ende steht ein vielleicht philosophischer Diskurs. Allerdings bleibt trotz einer letztlich schlüssigen Verbindung der Puzzleteile ein unbefriedigendes Gefühl zurück. Ich fühlte mich zeitweise erschlagen, als hätte Palahniuk einfach zu viel gewollt, viel mehr, als ich aus einem Roman mitnehmen möchte. Das Register der auftretenden Personen ist lang, unruhig, selbst die Figuren, an denen man sich zunächst festhalten wollte, dementieren sich selbst oder verschwinden. So wirft der Roman so viele Fragen auf - unter anderem auch interessante Betrachtungen über das Wesen von Epidemien, die haltlos im Raum schweben. Mir persönlich fehlt da eine gewisse Basis, um meine Gedanken zu ordnen, die Fragen zu ordnen und einen Standpunkt zu finden, vielleicht ist das bei dieser Thematik einfach nicht möglich.
Palahniuk hat noch zwei weitere Romane um Rant Casey angekündigt, in denen offene Fragen geklärt werden sollen. Vielleicht sollte ich diese bis zu einem endgültigen Urteil abwarten.