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Rezension vom 14.06.2013 (1)
"Das sehe ich anders. Ich bin der Meinung, wenn das Leben beschissen läuft, dann kann man sich mitten durch diese Scheiße pflügen und das Steuer herumreißen. Und deshalb werde ich alles tun, was in meiner Macht steht. Ja, ich glaube wirklich, dass ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen kann."
[”Zwischen uns die halbe Welt” // Simone Elkeles // S.267]
Erster Satz:
Ich bin Amy Nelson-Barak.
Inhalt:
Nach den alles verändernden Sommerferien in Israel, lebt die siebzehnjährige Amy Nelson-Barak bei ihrem Vater in Chicago und konvertiert zum Judentum. Doof nur, dass zwischen ihr und Avi die halbe Welt liegt, während dieser in die israelische Armee eintritt. Da lenkt die Tatsache, dass alle um sie herum, Probleme in Sachen Liebe haben doch extrem ab, denn um ihr eigenes Unglück zu vergessen, hilft sie bei ihren Freunden gerne mal nach. Das wäre unter Umständen auch ganz hilfreich, wenn sie dabei nicht ständig in alle Fettnäpfchen treten würde, die es gibt und wenn ihr nicht ständig der neu eingezogene Nachbarsjunge Nathan über den Weg laufen würde, der sie abgrundtief zu hassen scheint. Als Amy jedoch herausfindet, dass Nathan gar nicht so schlecht küsst und sowieso eigentlich ein ganz anderer Mensch ist, als sie immer angenommen hat, steht ihre Welt Kopf. Das Chaos wird perfekt, als plötzlich Avi vor der Tür steht...
Schreibstil:
Das Wort "Unterhaltung" schreibt Simone Elkeles groß, schließlich weiß sie genau, wie sie jüngere Leser in ihren Bann ziehen kann. Aus der Sicht der jungen Amy geschrieben, ist "Zwischen uns die halbe Welt" ebenso frech und frisch geschrieben, wie schon der erste Teil der Reihe. Mal ganz davon abgesehen, dass es manchmal etwas zu teeniemäßig wird, legt Elkeles hier wie immer einen witzigen Schreibstil an den Tag, der sich lockerleicht und flüssig lesen lässt. Zwar kann man ab einer bestimmten Anzahl das Wort "Dingdongs" irgendwann nicht mehr hören und verdreht genervt die Augen, insgesamt unterhält der Stil aber schon relativ gut, wenn man sich darauf einlässt. Literarische Höhen darf man hier nicht erwarten, aber das ist auch in Ordnung so.
Meine Meinung:
Wolltet ihr schon einmal euren alleinstehenden Vater verkuppeln? Und habt ihr ihm dafür heimlich ein Profil in einem sozialen Netzwerk im Internet erstellt und seine Kreditkarte geklaut, um die Monatsgebühr von fünfzig Dollar dafür zu bezahlen? Nein? Dann solltet ihr Amy kennenlernen, denn neben dieser ziemlich dämlichen Aktion, tritt sie pausenlos in irgendwelche Fettnäpfchen und macht sich das Leben selbst ganz schön schwer - auf eine charmante Art und Weise. Was sie uns im ersten Teil der Reihe noch nicht von sich gezeigt hat, präsentiert sie uns im zweiten Band auf dem Silbertablett - und das ist zwar den Großteil des Buches ganz amüsant, wirkte aber nach einiger Zeit dann doch ganz schön überspitzt und übertrieben. Wer den ersten Teil mochte, wird sicherlich dem zweiten - etwas schwächeren - Teil auch etwas abgewinnen können, muss sich aber auch dieses Mal auf massig Teenieprobleme gefasst machen.
Auch dem zweiten Teil merkt man sein Alter und die Zielgruppenbestimmung an, denn "Zwischen uns die halbe Welt" ist unreifer als die Fuentes-Reihe und nicht ganz so ernst wie die Paradise-Reihe. Ganz im Gegenteil: Amys ganzes Leben scheint ein einziges großes und komödiantisches Theaterstück zu sein, bei dem keine peinliche Aktion ausgelassen wird und Amy sich stetig selbst in dumme Situation begibt. Lässt man sich auf diese Stimmung ein, hat das Buch durchaus seine Reize, betrachtet man die Geschichte jedoch skeptisch, werden einem die vielen Fehler und Makel definitiv nicht entgehen. Der Anfang ist etwas holprig und hat mich erst ziemlich genervt zurückgelassen, aber ab der Hälfte begann das Buch für mich wieder in alter Elkelesmanier zu erstrahlen - wenn auch etwas kindischer, als gewohnt.
"König Solomo hat Gott nicht um Reichtum oder ein langes Leben gebeten, sondern um Weisheit und Verstand (Könige, 3,9). Ich muss zugeben... ich bin egoistischer als König Salomo. Bei Abercrombie & Fitch ist nächste Woche Sale und, na ja..."
[S.299]
Protagonistin Amy ist und bleibt ein selbst ernanntes Desastergirl und scheint sich in dieser Rolle auch nicht unbedingt unwohl zu fühlen. Obwohl sie einige Zweifel im Bezug auf ihren Familienstand hat, die sich im Laufe des Buches aber klären, ist sie sehr selbstbewusst und zeigt das auch, was ich größtenteils ziemlich erfrischend fand. Sie ist nicht das typisch zurückgezogene Mädchen, dass sich alles gefallen lässt, sondern hat eine ziemlich große Klappe und sagt, was sie denkt. Außerdem lernen wir hier auch ihre beste Freundin Jessica besser kennen, die zwar etwas blass wirkt, aber dennoch sympathisch ist. Auch Nathan ist ein neuer Charakter, der mir erst so gar nichts sagte, später aber dreidimensionaler wird, obwohl ich befürchte, dass sich da eine Dreiecksgeschichte anbahnen wird, die sich in "Zwischen uns die halbe Welt" schon leicht andeutete.
Avi hingegen bleibt, wie schon im ersten Teil, ziemlich blass. Man kann kaum eine richtige Beziehung zu ihm aufbauen, weil man ihn nicht richtig zu durchschauen weiß und die Beziehung zwischen Amy und ihm zu Beginn des Buches sehr abgekühlt ist - was ich aber durchaus realistisch fand. Leider kommt die Spannung zwischen den beiden erst wieder gegen Ende etwas auf, aber hier fehlte mir einfach diese Nähe zu der Beziehung, die im ersten Teil zumindest ansatzweise vorhanden war. Hier hoffe ich einfach auf den dritten und letzten Band der Reihe, obwohl die Inhaltsangabe auch nicht unbedingt so klingt, als würden die Probleme zwischen den beiden weniger werden.
Ein weiterer Aspekt des Buches ist die Religion und der Glaube, der eine beachtliche Rolle einnimmt, wenn auch auf eine - glücklicherweise - sehr unaufdringliche Art und Weise. Ich finde es interessant, dass so etwas in einem Jugendbuch besprochen und bearbeitet wird und habe mich gerne damit auseinandergesetzt, auch wenn ich so gar nichts mit dem Judentum zu tun habe. Abgesehen davon finden aber auch andere Themen einen Platz, die zwar lediglich angerissen und kaum weiter ausgeführt werden, aber dennoch interessant sind. Ich hoffe da bei einigen auf eine Weiterführung im letzten Teil. Insgesamt war das Buch unterhaltsam, hat mich oft zum Lachen und Schmunzeln gebracht, aber das war's leider auch schon. Es ist halt sehr Teenie-orientiert und ist eher für eine jüngere Zielgruppe gedacht.
Fazit:
Auch wenn ich manchmal das Gefühl hatte, dass zwischen mir und diesem Buch die halbe Welt liegt, hat mir die Geschichte um die abgedrehte Amy eine Menge Spaß bereiten können. Wer eine lustige und charmante Lektüre für Zwischendurch sucht und den ersten Teil gelesen hat, könnte durchaus seine Freude mit "Zwischen uns die halbe Welt" haben, sollte sich aber auf eine Menge Teenagerprobleme gefasst machen. Zwar hat das Buch seine Makel, bietet aber dennoch Abwechslung und viele witzige Situationen, die einfach Spaß machen. Die Figuren bleiben etwas blass, während Amy zusammen mit ihrem Köter "Köter" die Bude rockt, was teils etwas schade ist, weil ich gern eine größere Nähe zu Avi aufgebaut hätte - aber wer weiß, vielleicht erfahren wir ja bald, ob "das auch für immer sein kann", wenn es wieder nach Israel geht, was ich trotz des schwächeren zweiten Teils auf keinen Fall verpassen werde.
Rezension vom 14.06.2013 (1)
"Das hier ist wie ein Märchen. Alles mit dir war wie ein Märchen. Du hast dich wie der perfekte Märchenprinz benommen. [...] Es ist nicht mein Märchen. Es ist nichts, was ich jemals gewollt hätte. Es ist das Letzte, was ich will. Ich hasse Menschenmengen. Ich will nicht von jeder anderen Frau auf dem Planeten beneidet werden. Ich habe nie davon geträumt mit einem perfekt aussehenden Typen zusammen zu sein. Das ist einfach nicht mein Märchen."
["Nicht mein Märchen" // E.M. Tippetts // S.183]
Erster Satz:
Ich trat durch die Haustür hinaus in die kühle Albuquerque-Nacht.
Inhalt:
Die einundzwanzigjährige Studentin Chloe Winters will nur eins: Ein normales Leben mit einem normalen Beruf und einem normalen Freund, hat sie doch in der Vergangenheit viel mehr Trubel um sich selbst ertragen müssen, als sie es jemals gewollt hätte. Als sie dann mit einer Statistenrolle an dem Dreh eines neuen Films teilnimmt, dessen Hauptrolle der berühmte Schauspieler Jason Vanderholt einnimt, scheint sich ihr Leben um hundertachtzig Grad zu wenden, denn sie lernt keinen Geringeren kennen, als Jason Vanderholt persönlich - und der scheint ein arges Interesse an ihr zu haben. Immer wieder laufen sich die beiden über den Weg und Jason konfrontiert sie mit Dingen, die besser nicht ans Licht gekommen wären, denn so sehr sie jede andere Frau auch beneidet: Das ist einfach nicht Chloes Märchen...
Schreibstil:
Mit dem Schreibstil kommen wir zu meinem Hauptkritikpunkt, denn genau dieser hat "Nicht mein Märchen" für mich etwas zu sehr runtergezogen. Ob das an der Übersetzung liegt oder auch in der Originalsprache so ist, kann ich nur bedingt einschätzen, da ich das Original nicht gelesen habe, aber die Geschichte liest sich - vor allen Dingen auf den ersten hundert Seiten - sehr holprig. Oft werden viele Hauptsätze, teils nur durch Kommata getrennt, aneinander gereiht, sodass sich die Geschichte manchmal wie ein Stichpunktzettel liest und dadurch einfach nicht den gewissen Lesefluss erreicht, den ich mir gewünscht hätte. Außerdem fallen die wenigen Beschreibungen auf, die dazu führen, dass man sich die Umgebung oft nur schlecht vorstellen kann, wohingegen viel Dialog eigentlich dafür sorgen sollte, dass die Geschichte lebendiger wirkt. Hier ist es jedoch oft schwer zu erraten, wer denn eigentlich gerade spricht, da meist einfach nur direkte Rede (ganz ohne "sagte ich") verwendet wird. Zum Ende hin verbessert sich der Stil merklich - oder man gewöhnt sich einfach nur dran - aber so ganz verschwindet der fade Beigeschmack leider nicht.
Meine Meinung:
Der Steckbrief "Traummann" (oft durch Bücher à la Twilight oder Shades of Grey bedingt) sieht inzwischen bei vielen Mädchen ähnlich aus. Reich muss er sein und eine Berühmtheit, mal ganz davon abgesehen, dass er schon die ein oder andere Frau im Bett hatte, ein bisschen schlimme Vergangenheit hier, ein wenig Drama dort hinten und schon steht Edw... eh, ich meine natürlich Mr. Gr... ach, was sage ich... der perfekte Traumtyp vor einem. Es scheint fast so, als wäre der unrealistischste Fall der absolut beste Fang, wobei die Nachteile einer solchen Beziehung so gut wie gar nicht beleuchtet werden. Da ist es doch erfrischend, wenn auch mal jemand auf dem Teppich bleibt und bemerkt: Ein Märchen ist das nicht! In dem Fall ist das Chloe Winters, die genau weiß, was sie nicht will: Jason Vanderholt und ein Leben im Mittelpunkt der Blitzlichter.
Aber ist die Geschichte um Chloe und Jason tatsächlich so erfrischend, wie sie im Klappentext anmutet? Oder ist "Nicht mein Märchen" tatsächlich einfach nicht mein Märchen? Um ehrlich zu sein, tendiere ich eher zu letzterem, denn obwohl ich die Idee für ganz phantastisch halte, war es die Umsetzung leider nicht. Das Frischegefühl verpufft schon auf den ersten Seiten und ließ mich am Ende mit einer typisch amerikanischen Liebesgeschichte zurück, die auf jeden Fall etwas hätte werden können, langsam in Fahrt kommt und leider in alte Muster zurückfällt. Bei diesem bestimmten Genre nämlich - ich weiß gar nicht, wie man es nennen soll, aber Bücher wie "Beautiful Disaster", "Rush of Love", etc. fallen mit hinein - gilt, wie für viele anderen Genres auch: Kennst du eines, kennst du alle.
Denn genau das ist ein großer Minuspunkt der Geschichte: Die Vorhersehbarkeit. Hatte ich mir anfangs noch erhofft, dass alles eine ganz andere Wendung nehmen würde, fuhr die Geschichte dann doch auf dem vorherbestimmten Gleis dem Ende entgegen! Schade, denn Chloe, die eigentlich ganz sympathisch ist, hatte doch eine so gute Einstellung zum Thema ruhmreicher Freund, ändert diese nach einer Trennung dann aber plötzlich so schnell, dass der arme Jason fast wie ein Lückenbüßer wirkt. Jason hingegen stalkt Chloe von Anfang an aus mir unerklärlichen Gründen und ich konnte die ganze Zeit über nicht wirklich verstehen, was er an ihr findet - mal ganz davon abgesehen, dass sie sich eben nicht an seinem Ruhm laben möchte. Letztendlich wirkten mir alle Figuren zu glatt, zu konstruiert, zu übertrieben gezeichnet - das fing bei Chloe an (kein Sex wegen ihrer Vergangenheit, keine Partys, kein Spaß, Hauptsache lernen und durchs Leben kommen - da dürfte es bei einigen schon ordentlich klingeln!) und ging mit Jasons liebevoller Mutter über seine stressige Schwester weiter. Die Klischees werden mir einfach zu sehr bedient und alles war etwas zu amerikanisch.
""Ich wäre gerne dein Märchenprinz," sagte er. "Ich bin nicht wirklich das Mädchen, das nach dem Prinzen auf seinem weißen Schimmel sucht. [...] Ich muss nicht von dir gerettet werden." "Ich weiß." Er erschien enttäuschht darüber. "Du hast schon alle Drachen erschlagen.""
[S. 296ff.]
Das heißt allerdings nicht, dass man nicht wissen möchte, wie es weitergeht, obwohl man es im Grunde weiß. Ich fand es schon interessant zu sehen, wie sich die Geschichte zwischen Chloe und Jason entwickelt und das Buch hatte durchaus seine guten Seiten, allerdings zu wenige, als dass ich es als wirklich lesenswert betiteln könnte. Man merkt zwar, wie es oft versucht, ein wenig an Tiefgründigkeit zu gewinnen - gerade durch Chloes interessante Vergangenheit, der Nebenhandlung mit Kyra (Jasons Nichte), die in Chloe eine Art Vorbild sieht und auch das Verhältnis zwischen Chloe und ihrer Mutter - aber insgesamt kratzt "Nicht mein Märchen" leider trotzdem an der Oberfläche und schaffte es - für mich - bis zum Ende nicht diese Schicht zu durchbrechen. Für mich wäre es interessanter gewesen, hätte man die Geschichte eben nicht so gedreht, wie man es erwarten würde, sondern einfach mal mit den Klischees gebrochen und Chloes "Unmärchen" auch als solches gelassen.
Fazit:
Obwohl mir die Idee hinter dem Buch sehr zusagt und durchaus viel Potenzial da gewesen wäre, ist diese Geschichte einfach nicht mein Märchen. Weder der Schreibstil, noch die Umsetzung hat es für mich schmackhaft gemacht und die vielen guten Ansätze werden durch vorhersehbare Handlungen und typisch amerikanischem Inhalt ruiniert. Die Figuren wirken allesamt zu glatt und übertrieben, die Geschichte entwickelt sich zu schnell und die meisten Szenen scheinen zu konstruiert und bemüht, als dass sie glaubwürdig sein könnten. Zwar will man bis zum Ende wissen, wie es weitergeht, nichtsdestotrotz kratzt "Nicht mein Märchen" lediglich an der Oberfläche und bricht nicht mit dem typischen Schema. Für Zwischendurch sicherlich eine nette Geschichte, mehr aber leider nicht. 2,5 Sterne
Rezension vom 11.06.2013 (2)
"Als ich Michael sagte, dass ich Mädchen mochte, meinte ich nicht, dass ich mir das ausgesucht hatte. Meine Vorliebe für Mädchen war ein grundlegender Teil meines Wesens, der mir unfreiwillig gegeben war, so wie man rotes Haar und helle Haut hatte. Auch meine Vorliebe für Bücher wie Finnegans Wake oder Verbrechen und Strafe schien etwas zu sein, über das ich keine Kontrolle hatte. Manchmal fragte ich mich, ob es so etwas, wie einen freien Willen überhaupt gab."
[”Über ein Mädchen” // Joanne Horniman // S.111]
Erster Satz:
Heute Morgen bin ich aufgewacht und musste an sie denken.
Inhalt:
Die neunzehnjährige Anna wohnt alleine in einer Wohnung und arbeitet in einer Buchhandlung. Sie liebt Literatur und Musik, doch was keiner weiß: In Wirklichkeit ist sie einsam und schämt sich für ihre Andersartigkeit, denn Anna mag Mädchen - und das ist keine Laune. Als sie auf einem Konzert die junge und schöne Musikerin Flynn kennenlernt, steht ihre Welt Kopf. Sofort weiß sie, dass Flynn anders ist als die anderen und dass sie das Mädchen mit der weißen Gitarre und den schwarzen Haaren unbedingt kennenlernen muss. Schon bald laufen sich die beiden öfter über den Weg und die prickelnde Spannung, die zwischen ihnen liegt, wird schon bald zu einer tiefen Liebe, die von Geheimnissen und Angst lebt. Anna jedoch will alles oder nichts und muss schon bald erfahren, dass Liebe manchmal nicht genug ist...
Schreibstil:
Wenn ein Buch wie ein akustisches Liebeslied klingt, kann der Schreibstil nur poetisch und wunderschön sein - und genau das ist er. Um es einmal auf den Punkt zu bringen: Es ist anders! Es spricht mit unglaublich leisen und sanften Tönen zu seinem Leser, flüstert seine Worte, haucht sie beinahe. Die Geschichte ist aus der Ich-Perspektive von Anna geschrieben und beleuchtet daher intensiv ihre Gedanken und ihr Leben, sodass das Buch sehr von dem Innenleben der Protagonistin lebt und verträumt und nachdenklich daherkommt. Gerade das ist es jedoch, was die schöne Atmosphäre des Buches ausmacht, durch die man die Wärme Australiens beinahe zu spüren glaubt - zusammen mit dem zuerst gewöhnungsbedürftigen, aber dann blumigen Schreibstil, der teils sehr indirekt formuliert, ergibt sich ein ganz leises, ruhiges Liebeslied in Form eines Buches, dass nicht nur von Außen eine tolle Figur macht.
Meine Meinung:
Gleichgeschlechtliche Liebe ist wohl eines der aktuellsten Themen auf der Welt, obwohl es eigentlich völlig selbstverständlich und kein Diskussionsstoff oder gar Tabuthema sein sollte. Und obwohl die Thematik derart polarisiert, wird sie dennoch viel zu oft totgeschwiegen - umso schöner, dass Bücher manchmal mehr sagen, als tausend Worte und umso besser, dass Bücher sich auch an Themen herantrauen, die nicht hundertprozentig von der Gesellschaft angenommen werden können. In "Über ein Mädchen" wird die Liebe zwischen zwei Mädchen behandelt und das auf eine faszinierend sanfte und leise Art und Weise. Als ich das erste Mal gehört habe, dass es in dem Buch um eine lesbische Liebesgeschichte geht, musste ich unfreiwillig direkt an diverse Männerphantasien denken, weil ich das Gefühl habe, dass die Liebe zwischen zwei Frauen immer nur auf so etwas herabgesetzt wird - was ich im Übrigen ziemlich schade finde. Daher war ich sehr gespannt, wie die Autorin die Thematik umsetzt und wurde positiv überrascht!
Was das Buch nämlich derart einzigartig und besonders macht ist die Selbstverständlichkeit, die sich durch das ganze Buch zieht und oft nur sehr selten zu finden ist. Die Protagonistin erwähnt in ihren inneren Monologen nicht ständig, dass sie homosexuell ist, sondern "denkt" einfach drauf los, so wie es jeder andere Protagonist in jedem anderen Buch auch gemacht hätte. Ihre Liebe zum gleichen Geschlecht wird auf den ersten Seiten nicht erwähnt, wodurch die Tatsache einfach sehr authentisch und als selbstverständlich hingenommen wird. Doch nicht nur mit der sexuellen Neigung geht die Autorin in einer solch angenehmen Art und Weise um, auch die Sexualität selbst steht im Mittelpunkt ihres Werkes, wird aber absolut diskret behandelt und so, dass man trotz weniger Beschreibungen immer weiß, was gerade zwischen den Protagonistinnen geschieht. Diese Ruhe und Gelassanheit im Bezug zu den jeweiligen Themen, hat die Herangehensweise einfach ungemein vereinfacht und mich völlig unvoreingenommen lesen lassen.
"Denn man kann sich entscheiden, ob man sich verlieben will. Doch sobald man das getan hat und mittendrin steckt, kommt man nicht mehr heraus. Es gibt keinen Weg zurück."
[S.197]
Wie auch schon der Schreibstil und die Geschichte insgesamt, sind auch die Protagonistinnen als ruhige und nachdenkliche Personen anzusehen, die mit leisen Tönen zu punkten wissen. Anna ist sehr schüchtern und zweifelt oft an sich und ihre Neigung. Man merkt, dass sie sich noch nicht selbst gefunden oder akzeptiert hat und trotzdem ist sie eine eigenständige und sympathische Persönlichkeit, die einem schnell ans Herz wächst und im Laufe der Geschichte viel reflektiert und sich dementsprechend entwickelt. Flynn hingegen ist eigenwillig, spontan und aufgedreht, verbirgt aber merklich ein großes Geheimnis und scheint gerade wegen ihrer Eigenwilligkeit auch noch nicht zu wissen, wo sie eigentlich hingehört. Durch ihre geheimnisvolle Art wirkt sie oft sehr distanziert, was dafür sorgt, dass man sie kaum durchschaut und keinen richtigen Bezug zu ihr aufbauen kann. Insgesamt blieben die Figuren nämlich trotz allem ein wenig blass, was an der geringen Seitenzahl des Buches liegen könnte. Es wirkte teils so, als würde die Autorin versuchen, viel Inhalt auf wenige Seiten zu quetschen, was leider nicht immer ganz geglückt ist.
Die Liebesgeschichte zwischen Anna und Flynn entwickelt sich ziemlich schnell, dafür aber auch ziemlich authentisch. Man spürt die Elektrizität zwischen den beiden und diese unterschwellige Anspannung, was dafür gesorgt hat, dass ich unglaublich mitgebangt habe und die Liebe zwischen Anna und Flynn absolut verstehen konnte. Das Hin und Her von Flynn allerdings hat nach einer Zeit schon ein wenig genervt und Anna tat mir schon bald sehr Leid, weil es so wirkte, als würde Flynn sie nur benutzen. Gegen Ende klärt sich Flynns Art zwar ein wenig auf, dennoch bleibt dieser fade Beigeschmack erhalten.
Neben der gleichgeschlechtlichen Liebe behandelt das Buch jedoch auch andere Thematiken, die der Geschichte die nötige Ernsthaftigkeit und Tiefe verleihen. Im Grunde geht es nämlich nicht hauptsächlich um Annas sexuelle Einstellung, sondern viel mehr um ihr Leben und wie sie damit fertig wird bzw. es meistert. Es geht um Selbstfindung, Familie, Trennung und Verlust und gerade durch die bereits genannte Selbstverständlichkeit wird dem Leser verdeutlicht, dass Personen mit einer anderen sexuellen Neigung ebenfalls ganz normale Menschen mit Höhen und Tiefen und denselben Problemen sind. Das Leben wird ihnen zusätzlich oft unnötigerweise schwerer gemacht, als es sein könnte, was man gut an Anna sehen kann, die zwar zu ihrer Neigung steht, aber dennoch Angst davor hat und oft an sich zweifelt. Gerade weil das Buch so viele Themen beinhaltet und in die Tiefe geht, habe ich mir noch mehr davon erhofft - mehr Seiten, noch mehr Inhalt -, aber leider endet das Buch viel zu schnell mit einem realistischen, aber dennoch unbefriedigendem Ende.
Fazit:
Diese besondere Lebensgeschichte erzählt in leisen Tönen "über ein Mädchen", dass sich selbst finden muss und behandelt Themen wie Sexualität, gleichgeschlechtliche Liebe, Verlust und geht dabei so einfühlsam, sanft und leise auf das Leben selbst ein, dass man meinen könnte, Anna zu kennen. Trotz kleiner Schwächen und inhaltlicher Kürze verliebt man sich selbst ein wenig in die Geschichte, in die Teekanne Lavinia, in die Katzen, in die See und in Anna und ihre Nachdenklichkeit. Obwohl die Geschichte durch leise Töne besticht, wirkt es manchmal so, als würde sie einem lauthals ins Gesicht schreien und dieses Zusammenspiel und die Selbstverständlichkeit, mit der erzählt wird, hat "Über ein Mädchen" so besonders und lesenswert gemacht. Eine vielfältige, sanfte, wunderschön geschriebene und leider viel zu kurze Geschichte, die wie aus dem Leben gegriffen wirkt, und einfühlsam auf pikante Themen eingeht! Leise, schreiende Töne können so wunderschön sein! 4,5 Sterne










