Maria Dolors, die von allen nur Dolors genannt wird, ist eine unabhängige, kluge und wissbegierige Frau mit nicht gerade bescheidenem Mundwerk. Sie erledigt die Dinge lieber selbstständig und nimmt nicht gern Hilfe an. Bis zu ihrem Schlaganfall. Denn seitdem lebt die mittlerweile 85-jährige bei ihrer jüngsten Tochter Leonor und deren Familie. Sie kann zwar nicht mehr sprechen und ihre rechte Hand zittert häufig, weshalb ihr das Schreiben schwer fällt, aber ansonsten ist sie noch ziemlich fit. Dennoch wird sie von fast allen Familienmitgliedern eher wie Inventar behandelt.
Als sie den unbändigen Wunsch verspürt, etwas zu stricken, entscheidet sie sich für einen warmen Winterpullover für ihre Enkelin Sandra, der eine Überraschung für sie werden soll. Und so sitzt sie dann also die meiste Zeit in ihrem Sessel im Wohnzimmer und strickt. Auf diese Weise und da sie eigenartigerweise auch für etwas schwerhörig gehalten wird, bekommt sie so einiges mit, was in dieser Familie so vor sich geht…
Die Geschichte wird aus Dolors Sicht erzählt. Wobei „erzählt“ eigentlich nicht das richtige Wort dafür ist, da wir nur Anteil an ihren Gedanken haben. Gepaart mit einem amüsanten Schreibstil hat mir das sehr gut gefallen. Während sie die aktuellen Geschehnisse in der Familie verfolgt, schweifen ihre Gedanken immer wieder auch in die Vergangenheit ab. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie sie in ihrem Sessel sitzt, strickt und in sich hineinlächelt. ;)
Durch die vielen Rückblenden stockt die Geschichte in der Gegenwart und geht nur langsam voran. Das hat mich aber gar nicht gestört, eher im Gegenteil: ich fand es sehr schön so auch viel über Dolors Vergangenheit erfahren zu können. So versteht man auch, warum sie eine solche Persönlichkeit geworden ist. Der Epilog gefiel mir leider nicht so sehr, aber dazu werde ich nichts weiter sagen, um nicht zu viel zu verraten.
Dolors ruht in sich und ist zufrieden mit den Dingen, die in ihrem Leben passiert sind. Ich glaube nicht, dass sie im Nachhinein etwas anders gemacht hätte – es gab vielleicht Entscheidungen in ihrem Leben, die sie später gern rückgängig gemacht hätte, aber nun im Nachhinein hat sie sich quasi selbst ihre Fehler vergeben. Dies und ihre Einstellung ihren Gebrechen gegenüber finde ich faszinierend und würde mir wünschen, selbst auch so ruhig und gelassen mit solchen Dingen umgehen zu können.
Das Cover scheint eigentlich nichts Besonderes an sich haben, passt meiner Meinung nach aber dennoch sehr gut zur Geschichte. Und mir persönlich gefällt es auch sehr gut. ;) Der Schreibstil ist eher ungewöhnlich, was vor allem daran liegt, dass wir ja Dolors Gedankengängen folgen. Wenn sie an vergangene Ereignisse denkt, dann fehlen zum Beispiel auch die Anführungszeichen der wörtlichen Rede. Zu Anfang hat mich das etwas verwirrt, aber ich habe mich recht schnell daran gewöhnt.
Die anderen Familienmitglieder sind alle sehr unterschiedlich. Die sechzehnjährige Sandra plagen vor allem Teenagerprobleme, ihr älterer Bruder Marti hat mit Vorurteilen zu kämpfen und Leonor steht unter dem Pantoffel ihres Ehemannes Jofre, während Tessa, Dolors ältere Tochter, in Barcelona die Politik verfolgt und mitgestaltet. Es macht Spaß die Entwicklungen in dieser Familie zu beobachten und dabei gemeinsam mit Dolors, die selbst auch kein Unschuldslamm ist, ihre Geheimnisse zu erfahren.
Die einzelnen Kapitel haben interessante Überschriften: „Die Idee“, „Das Bündchen“, „Die Hüften“, „Die Taille“, „Eine Masche pro Reihe“ um nur die ersten zu nennen. Dolors strickt sich quasi durch das Buch, was ich sehr gelungen finde. Jedes Kapitel beginnt eigentlich damit, dass sie überlegt, ob sie auch wirklich die richtigen Maße ihrer Enkelin hat, denn das kann so einfach nicht stimmen… ^^ Die Kapitellänge ist meiner Meinung nach auch gut gewählt, eben nicht zu lang, aber auch nicht zu kurz.
Fazit: Wer gern mal in die Gedankengängen eines anderen Menschen eintauchen und das ganz normale Leben einer nicht ganz unschuldigen Familie erleben möchte, der sollte unbedingt zu diesem Buch greifen. ;)