Das Wörterbuch der Liebenden erzählt eine Liebesgeschichte, die eigentlich keine Geschichte sein will. Vielmehr ist es eine Reihe an Episoden und Betrachtungen aus dem Leben eines Liebespaares, von der ersten Begegnung weg bis hin zu einer äußerst schweren Krise, das Folgende darauf beinah unvermeidlich.
Dabei ist an eine gewohnte zeitliche Abfolge nicht zu denken, wie das Buch selbst erklärt:
"Wir enthüllen unsere Geschichte einander nicht chronologisch. Es ist nicht so als könnten wir unseren Gegenüber auf einen Stuhl pflanzen und sagen: Erzähl mir alles! [...] Manchmal merken wir nicht einmal, dass wir uns häppchenweise offenbaren."
Dieses Zitat kann als Motto des Buches angesehen werden, da zu einer Reihe an Wörtern, alphabetisch sortiert, der Erzähler immer wieder seine Gedanken zu seiner Beziehung kundtut. Seien es Anekdoten, Stimmungen oder generelle Gefühlseindrücke bei ganz alltäglichen Situationen, die jeder von uns schon einmal erlebt haben müsste. Dabei beweist der Erzähler ein Gespür fürs Detail, oft wäre es mir nicht in den Sinn gekommen, dass gerade zu einem gewissen Wort so eine Geschichte folgt. Bei genauerem Betrachten bzw. erneutem Anhören allerdings kommt man hinter die doppelbödige Meinung.
Erneut Anhören bzw. Lesen kann man übrigens oft genug. Das Buch eignet sich hervorragend für Zitatesammler, die besonders auf feine Betrachtungen eines Liebenden stehen. Dabei wird David Levithan allerdings nie übertrieben kitschig, freut sich einfach an Details und kleidet sie in oft passende, teils auch nah an der Grenze zum Pathetischen gewählte Worte.
Von der Idee ganz abgesehen gelingt es dem Autor durch gezielte Aneinanderreihung der chronologisch auseinandergefädelten Ereignisse harte Sprünge zu kreieren, die durch Wechsel Betrachtungsweise oft vom "gemeinsam" auf das "einsam" springen und eine ganz andere Atmosphäre erzeugen. Spricht der Erzähler im einen Eintrag noch vom guten Sex, kommt im nächsten Absatz bereits die Meinung "warum gibt's keinen Knopf am Steißbein, der dich kommen lässt".
Die Charaktere bekommen unglaublich viel Freiheit, sich zu entfalten. Besonders der Erzähler, der sich schnell als relativ unsicher und zweifelnd entpuppt. Anders hingegen seine Frau, die er auf Podeste hebt, von unten dann allerdings auch durchaus kritisch sein kann. Früh genug merken wir auch, dass nicht alles rosig im Leben der beiden verläuft, und alles scheint sich dann um den Tag zu drehen, an dem der Erzähler etwas erfährt, was er nicht wissen wollte.
Darauf läuft es tatsächlich hinaus, unglaublich kunstvoll in den letzten Seiten verstrickt, als die Erzählweise selbst Teil der Handlung wird und alles im absoluten Höhepunkt endet, und dieser ist nicht nur metaphorisch gemeint.
Noch eine kleine Anmerkung zum Hörbuch: Ungekürzt und vom Übersetzer Andreas Steinhöfel unglaublich gefühlvoll vorgetragen! Die perfekte Stimme zur erzählenden Person, da muss sehr viel Herzblut in die Übersetzung geflossen sein.
Ein wundervolles, romantisches wie verträumtes Liebesbuch. Innovativ erzählt und zum Wiederlesen anregend. Allerdings auch gut, dass es einigermaßen kurz gehalten ist, für einen längeren Text hätte der Wörterbuchstil wohl nicht gehalten.