Alistair MacLeods Erzählband „Die Insel“ siedelt die einzelnen Geschichten in Nova Scotia, genauer rund um das Cape Breton an. Geschichten von aus Schottland vor langer Zeit nach Kanada ausgewanderten Menschen. Ihr Geschick und ihre Geschichten lernen wir in diesem Band kennen und somit sind dies Geschichten aus einer zum Teil längst vergangenen Welt, lebendig gehalten durch die mündliche Tradition über Generationen hinweg.
Es sind Geschichten aus einer rauen, unwirtlichen Welt mit ebensolchen Menschen. Geschichten von kurzen, arbeitsreichen Sommern und langen, harten, an Entbehrungen reichen Wintern.
Es sind Geschichten in denen es zumeist darum geht das Überleben, die Existenz zu sichern. Sei es auf dem stürmischen Meer als Fischer, sei es unter Tage, in alten, verrotteten, lebensgefährlichen Bergwerken. Und das alles, damit die Familie, mit nicht selten mehr als sechs, sieben Kindern durchgebracht werden kann. Notfalls gehen die Männer und Väter im Winter auch fort, für Monate, in die fernen Städte, um dort für einen Hungerlohn zu schuften. Oder es zieht die Jüngeren von ihnen gleich ganz hinaus in die weite Welt, in die Minen nach Afrika oder Russland.
Es sind Geschichten von heiligen Traditionen, Familientraditionen die stark machen und den Einzelnen zugleich einengen, die Luft zum selbstständigen Atmen nehmen. Die aufzubrechen kaum jemand einmal wagt. Wer es tut, wer nicht mehr Fischer wie Vater, Großvater, Urgroßvater werden mag, oder Farmer, oder Bergmann, wer sein Glück lieber in der fernen Stadt sucht, wer lernen, studieren, nach einem besseren, leichteren Auskommen für sich und seine Lieben Ausschau halten möchte, der droht gleichzeitig zu einer Art „Aussätziger“ der eigenen Großfamilie zu werden, wird zum Verräter an jenen Sinn stiftenden Traditionen. Dennoch wird er nicht lassen können von seiner Heimat, weder vom Land, noch von seinen Leuten. Immer wieder zieht es ihn hin zum Ursprung, wie es den Lachs alljährlich in seine Laichgewässer zieht.
MacLeods Erzählungen sind atmosphärisch äußerst dicht, sehr langsam, sehr genau im Detail. Oft nehmen die Gedanken, die Innenwelten, die inneren Kämpfe der Protagonisten breiten erzählerischen Raum ein.
An anderen Stellen wird auf das wunderbarste und ausführlichste, Detail verliebt eine Landschaft mit all ihrer Flora und Fauna beschrieben, so, dass der Leser sich mitten drin fühlt, jeden Schritt behutsam mitgeht, jede Drehung des Kopfes mit vollzieht um neues, aufregendes Geschehen wahrzunehmen. Den Duft der Blumen und den Tau im Gras, mit allen Sinnen erlebt der Leser solche Passagen.
Und nicht zuletzt geht es MacLeod um die Träume dieser Menschen. Spuren vom Glück, von Geborgenheit, von Heimat, von Freundschaft zwischen Menschen und Tieren, vom Sinn des Lebens und des Sterbens, ziehen sich wie ein roter Faden durch alle Geschichten. Die harte, fast menschenunwürdige Arbeit, der tägliche Kampf um die Existenz steht diesem Sehnen immer wieder gegenüber.
Sechzehn Erzählungen umfasst der Band, geschrieben und chronologisch so angeordnet in den Jahren von 1968 bis 1999. Wunderbare, ja magische Erzählungen, die nur darauf warten entdeckt zu werden.