Dieser schauderhaft geniale Thriller wird dich nicht so schnell loslassen!
Er mordet, um seine Sammlung an Knochen zu vervollständigen. Sein nächstes Opfer soll das Glanzstück seiner makaberen Leidenschaft werden. Kann ein weiterer Mord verhindert werden?

Der Knochensammler – Die Ernte von Fiona Cummins

Er sammelt aus Leidenschaft. Knochen. Menschliche Knochen. Doch das Herzstück fehlt ihm noch in seiner Sammlung. Die Knochen von Jakey. Einem sechsjährigen Jungen, der am Münchmeyer-Syndrom leidet, einer seltenen Knochenkrankheit, die Jakeys Körper langsam verknöchern lässt ... Den Knochensammler vergisst so schnell niemand mehr: Wie ein Schatten gleitet er durch Londons Straßen und verfolgt einen teuflischen Plan.

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Dieser schauerliche Thriller ist nichts für schwache Nerven. Kannst du dich dem Knochensammler entgegenstellen, um seinen grausamen Plan zu durchkreuzen? Dazu musst du den Knochen-Code mithilfe der Leseprobe lösen. Jede Zahlenkombination steht hierbei für einen Buchstaben des Lösungswortes. Finde die richtige Lösung und gewinne mit etwas Glück eines von 30 Exemplaren von „Der Knochensammler – Die Ernte“ für unsere Leserunde:

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S1 Z2 B4 - S3 Z18 B24 - S5 Z4 B6 - S6 Z7 B7 - S8 Z9 B13
S9 Z21 B5 - S10 Z1 B20 - S11 Z9 B6 - S12 Z22 B11 - S14 Z6 B8

Prolog

In stillen Winternächten, wenn der Mond sich trüb im River Quaggy spiegelt, rufen die Toten nach ihm.

Er neigt den Kopf und hört im Flüstern der Nacht das leise Schluchzen des Kindes.

Das Wimmern des Jungen lockt ihn quer durch die Stadt, aber er widersteht dem Drang, sofort aufzubrechen. Auch nach all den Jahren kann er sein Lebenswerk nicht betrachten, ohne dass ihn ein wohliger Schauer durchrieselt.

Jede Generation hat ihre eigene Sammlung. Sein Vater, der Vater seines Vaters und die Männer, die vor ihnen da waren.

Aber jetzt ist seine Zeit, ist es sein Privileg und seine Pflicht.

Er genießt es, wie der Mond durch die Jalousien ins Haus seines Vaters scheint, den Anblick der in sein Licht getauchten Gebeine.

Bänder und Streifen aus verknöchertem Gewebe. Stalagmiten und Stege. Verbogene Flächen, verhärtete Auswüchse. Und außen ein Schild mit einem eingravierten C.

Die Schatten im Haus werden länger. Er steht allein in der Diele und berauscht sich an der Herrlichkeit des Skeletts in seiner Vitrine: den faszinierenden Deformationen, dem in die Brusthöhle ragenden Stachel, den verkalkten Verzierungen entlang der Wirbelsäule.

Ein kleiner Junge in einem Gefängnis aus Knochen.

Jahrelang hat er nach diesem äußerst seltenen Stück gesucht, unter den Toten wie unter den Lebenden. Nie nachgelassen, nie die Hoffnung aufgegeben.

Und jetzt, nach all der Zeit, hat er wieder eines gefunden.

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Freitag

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15.21 Uhr

Wenn Erdman Frith Pizza statt Roastbeef genommen hätte, wäre sein Sohn vielleicht verschont geblieben.

Wenn Jakey Frith etwas durchschnittlicher gewesen wäre, wäre das Monster, das in der Dunkelheit lauerte, später nur eine Kindheitserinnerung gewesen, über die sie bei Familienfeiern gelacht hätten.

Wenn Clara Foyles Eltern sich etwas weniger auf sich selbst und dafür etwas mehr auf ihre fünfjährige Tochter konzentriert hätten, wäre es zu deren Verschwinden vielleicht gar nicht erst gekommen.

Und wenn Detective Sergeant Etta Fitzroy nicht dem nachgetrauert hätte, was hätte sein können, was sie hätte sein können, wären beide Kinder aus dem grellen Licht der Schlagzeilen in dunkelstes Unheil gestürzt.

Aber keiner von ihnen ahnte etwas von all dem an jenem nassen Novembernachmittag, nur Stunden, bevor ihre Leben kollidierten und in den Trümmern die Wahrheit zutage trat.

Vor allem Erdman Frith ahnte nichts, als er unschlüssig in der Abteilung mit den Kühlregalen stand. Gang drei für Pizza und ein langes Leben; Gang fünf, und er war womöglich bald ebenso tot wie das Lendenstück, das er in seinen Wagen legte.

Nein, Erdman Frith dachte nicht an den Tod. Er machte sich eher Sorgen darum, was Lilith sagen würde beim Anblick von … oh … oh … oh … rotem Fleisch.

Erdman sah sie vor sich, wie sie die Lippen zusammenpresste, bis sie so verkniffen waren wie der Hintern eines Huhns.

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»Und was ist mit den gesättigten Fettsäuren, Erdman?«

»Fördert rotes Fleisch etwa nicht Darmkrebs, Erdman?«

»Und was ist mit Rinderwahn, Erdman? Sie behaupten zwar, den gibt’s nicht mehr, aber wer weiß schon, ob das stimmt?«

Erwartete sie ernsthaft, dass er darauf antwortete?

Früher hätte er sie geneckt, um die Sorgenfalten aus ihrem Gesicht zu vertreiben, hätte alberne Witzchen gerissen, bis sie beide gelacht hätten. Dann hätte sie sich an ihn geschmiegt, wäre ihm mit den Fingern durch die Haare gefahren, hätte seinen Duft eingesogen und ihre Ängste vergessen.

»Warum heißt es bei Frauen PMS, Lilith?«

»Keine Ahnung, Erdman, warum heißt es so?«

»Weil das Wort Rinderwahn schon vergeben ist.«

Voilà!

Aber heutzutage konnte er ihr nicht mal ein Lächeln entlocken.

Heutzutage ließ sie Jakey nicht aus den Augen, und ihre Ängste wurden nicht vergessen, sondern tausendfach vergrößert von einem grausamen Feind, der ihren Sohn – und jetzt auch ihre Ehe – in zarte, allzu zerbrechliche Papierschmetterlinge verwandelte.

Lilith und Erdman erzählten ihrem Sohn, er hätte ein kleines Problem mit seinen Knochen. Was eine ziemliche Untertreibung war, denn Jakeys »kleines Problem« würde ihn irgendwann umbringen.

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Das Ärzteteam, das ihn auf die Welt holte, hatte es wegen der typischen Missbildung seiner großen Zehen sofort vermutet: Jakey litt an einer fortschreitenden Verknöcherung des Binde- und Stützgewebes, FOP – Fibrodysplasia Ossificans Progressiva. Fünfunddreißig Buchstaben. Mehr oder weniger einer für jedes Jahr, das Jakey voraussichtlich zu leben hatte. Das war die durchschnittliche Lebenserwartung. Jedes weitere Jahr wäre ein Bonus.

Eine der Schwestern in der Entbindungsstation hatte zufällig ein halbes Jahr zuvor in einem australischen Krankenhaus gearbeitet, in das ein Teenager mit merkwürdigem Knochenwachstum und zunehmender Bewegungseinschränkung eingeliefert worden war. Sie hatten dem jungen Mädchen schmerzstillende Medikamente in die Muskeln gespritzt, wie die Schwester ihnen erklärte, und das überschüssige Knochengewebe operativ entfernt, doch davon war alles nur noch eine Million Mal schlimmer geworden. Als die Diagnose schließlich feststand, war das Mädchen praktisch eine lebende Statue gewesen. Es konnte sich fast nicht mehr bewegen, nur sprechen. Sprechen war noch möglich. Die Schwester hatte ihnen das erzählt, als wäre es eine Art Segen.

Jetzt, sechs Jahre später, waren selbst die Spezialisten schockiert, dass Jakeys Leiden so schnell voranschritt. Dass seine Krankheitsschübe für jemanden seines Alters ungewöhnlich heftig waren. Dass die Erkrankung zwar durchaus einen typischen Verlauf nahm, Jakeys Arme aber viel früher in Mitleidenschaft gezogen worden waren als erwartet. Dass schon ein Sturz oder eine Prellung einen lebensbedrohlichen Schub auslösen konnte.

Sie sollten ihre Zeit mit Jakey genießen.

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Erdmans Finger strichen über die kühle, feuchte Verpackung in seinem Einkaufswagen. Es war wohl besser, er legte sie zurück. Lilith würde ihn umbringen, und eigentlich wollte er nicht, dass sie sich aufregte. Er sehnte sich zurück nach der fröhlichen Unbeschwertheit ihrer Liebe, bevor sie zwischen Krankenhausterminen und medizinischen Behandlungen zerrieben worden war. Aber er war es leid, immer das zu tun, was sie ihm sagte.

Er hatte ja schließlich kein BSE oder Creutzfeldt-Jakob oder wie, zum Teufel, das hieß, und er ging schon auf die vierzig zu. Hätte dieser metaphorische Rinderscheiß es wirklich auf ihn, Erdman Frith, abgesehen, dann hätte er auf sein Leben – das auch so wahrlich beschissen genug war – längst einen dicken Haufen gesetzt. Und selbst wenn. Sollte er sich von einem gesunden Mann mittleren Alters langsam in einen Idioten mit Hirnerweichung verwandeln, würde er den Unterschied doch gar nicht mitbekommen. Sogar eine Kartoffel hatte mehr Spaß als er.

Scheiß drauf. Jakey liebte Roastbeef zum Abendessen, und der Junge musste zu Kräften kommen.

Hätte Erdman gewusst, dass er an diesem glamourösesten Ort von allen, im Tesco-Supermarkt an der Lewisham Road, das Schicksal seines Sohnes besiegelte, wären alle in der Familie Vegetarier geworden. Aber da er es nicht wusste, fuhr er nach Hause und dachte dabei selbstgefällig, dass derjenige, der einkauft, auch entscheiden kann, was auf den Tisch kommt.

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15.23 Uhr

»Ene, mene, miste, es rappelt in der Kiste, ene, mene, muh, und raus bist du.«

Poppy Smith zeigte kichernd direkt auf sie und entblößte dabei ihre Zahnlücke, aber Clara Foyle lächelte nicht.

»Ich mache nicht mit«, sagte Clara und drehte den anderen Kindern, die Fangen spielen wollten, den Rücken zu.

Die Hände tief in den Taschen vergraben, marschierte sie auf die Tore am anderen Ende des Schulhofs zu. Er war jetzt fast leer, nur einige Versprengte warteten noch darauf, dass das spontan zustandegekommene Fußballspiel der älteren Jungs zu Ende ging. Poppy rief Clara noch etwas nach und klappte dabei die zusammengelegten Finger wie Krebsscheren auf und zu. Alle lachten, aber Clara tat so, als hörte sie sie nicht. Poppys Mutter, die auf Clara aufpassen sollte, unterhielt sich, von dem Mädchen abgewandt, mit einer anderen Mutter, weshalb sie nicht bemerkte, wie es davonspazierte. Und Poppy tuschelte zu angeregt mit den anderen, um es zu sehen.

Das war das erste Mal an diesem Tag, dass der Zufall ihm in die Hände spielte. Mrs Foyle, Claras Mutter, bezeichnete die anderen Mütter, die sich jeden Nachmittag vor den Schultoren versammelten, gern als Hyänen. Für Clara sahen sie aus wie Vögel mit ihren auf- und abschnellenden Köpfen, rosa geschminkten Lippen und hübschen Kleidern. Dass manche Vögel mit Vorliebe Knochen abpickten, an denen die Überreste des Lebens anderer hingen, wusste sie nicht.

Fünf Minuten vorher hatte Clara Poppys Mutter am Ärmel gezupft und ihr zugeflüstert, sie müsse zur Toilette, doch Mrs Smith hatte nicht reagiert.

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Sie redete einfach weiter und schlug mit den Armen wie mit Flügeln. Clara hatte die Beine zusammengepresst und war ein bisschen herumgehüpft, aber jetzt war ihre Strumpfhose feucht und scheuerte beim Gehen gegen die Oberschenkel.

»Nein, Mummy, ich mag Poppy aber nicht mehr«, hatte Clara am Morgen gejammert, als Mrs Foyle ihr erklärt hatte, wer sie abholen würde.

»Tut mir leid, Schatz, aber es geht nicht anders. Du wirst schon sehen, das wird bestimmt nett. Gina hat heute ihren freien Nachmittag, und ich hab einen Termin.«

Clara hatte geschmollt und geweint, aber es nützte nichts. Ihre Mutter ließ sich nicht erweichen. Perfekt frisierte Haare waren ihr wichtiger als das Atmen.

Der Wind ließ seine Muskeln spielen, indem er Blätter über den Schulhof jagte. Clara fror, sie hatte Kopfweh und wollte zu ihrer Mum. Sie klopfte auf ihren Rucksack, um zu kontrollieren, ob ihre Geldbörse noch da war. Eigentlich durften die Kinder kein Geld mit in die Schule nehmen, aber Clara hatte es nach dem Frühstück eingesteckt, als Gina nicht hinschaute. Ihr gefiel es, wie die Münzen klimperten.

Sie spürte erneut die beißende Kälte auf der Haut und musste an ihren Vater denken, daran, wie er sie manchmal in die Wangen zwickte, bis sie rot waren und weh taten.

Zitternd machte Clara sich am Reißverschluss ihrer Jacke zu schaffen. Ihre Grundschullehrerin Mrs Lewis sah sie durch das Fenster des Lehrerzimmers und winkte ihr zu. Sie hob schüchtern die Hand, um zurückzuwinken, und schulterte ihren Rucksack, der fast so groß war wie sie selbst.

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Die Seitentore waren geöffnet. Mr Crofton, der Hausmeister, würde sie bei seiner Runde am späteren Nachmittag schließen, aber jetzt waren die schweren Metallgitterstäbe in ihrer Halterung fixiert; der Weg in die Freiheit stand offen.

Claras Herz schlug so laut wie ein Presslufthammer, als sie aus dem Schultor schlüpfte und draußen auf dem Bürgersteig stehen blieb. Ein kleiner Schauder, der mit dem Wind nichts zu tun hatte, rieselte durch sie hindurch. Schnell warf sie einen Blick zurück. Auf der anderen Seite des großen, betonierten Schulhofs spielte Poppy mit Sasha, während Poppys Mutter sich weiterhin heftig gestikulierend unterhielt. Noch drei Schritte, und Clara würde um die Ecke und außer Sichtweite sein.

Das kleine Mädchen grinste nervös.

Auf der anderen Straßenseite stieg ein Mann im schwarzen Nadelstreifenjackett aus einem Wagen, der seit zwei Wochen jeden Nachmittag an dieser Stelle stand, und setzte sich ebenfalls in Bewegung. Da er größere Schritte machte als sie, hatte er Clara schon bald eingeholt, aber sie war zu sehr auf ihre Flucht konzentriert, um ihn zu bemerken.

Ein paar Straßen weiter wurde eine Frau, die aus einem Zeitungskiosk kam, auf das Mädchen aufmerksam, da es an einem Freitagnachmittag in der Dämmerung ganz allein nach Hause lief. Seltsam. Sie registrierte die Mütze von Claras Schuluniform, hielt nach einem Erwachsenen Ausschau und nahm vage Notiz von dem Mann im schwarzen Nadelstreifenjackett.

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Er schaute sie direkt an, und in diesem Moment des Blickkontakts fühlte sie sich an den alten Hund ihrer Familie erinnert. Der war in diesem Sommer gestorben, nachdem Maden ihn von innen zerfressen hatten – ein qualvoller, langwieriger Tod durch die Fliegenmadenfraßkrankheit. Als sie Buddy gefunden hatte, lebte er noch, stand aber unter Schock, und sein Blick war ganz leer gewesen. So leer wie der Blick dieses Mannes. Plötzlich befiel sie ein so heftiger Ekel, dass ihr beinahe ihre mit Kondenswasser beschlagene Milchflasche aus der Hand gerutscht und auf dem Gehsteig zerplatzt wäre. Der Mann schaute weg, und die Frau dachte gerade noch rechtzeitig daran, die Flasche fester zu umfassen.

Kurz darauf hatte sie sein Gesicht bereits wieder vergessen.

Der Mann betrat den Laden neben dem Zeitungskiosk. Dort war niemand bis auf den Inhaber, der auf Pandschabi telefonierte, den Hörer zwischen Kopf und Schulter klemmte und Zahlen auf einen Zettel kritzelte. Er rechnete gerade aus, was es kosten würde, eine Überwachungskamera zu installieren, und blickte nicht zu seinem Kunden hoch.

Die Bonbongläser lockten auch Clara in den Laden. Sie liebte Süßigkeiten, und hier gab es reihenweise knallbunte Lutscher, in Glanzpapier gewickelte Toffees, Colafläschchen, Schokorosinen und Zuckerstangen in allen möglichen Geschmacksrichtungen.

Eins-zwei-drei-vier-fünf verschiedene Farben, zählte Clara im Kopf ab. Fünf – genauso viele Farben, wie ich Jahre alt bin.

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Ihr Magen knurrte. Das Mittagessen lag schon fast vier Stunden zurück, und sie hatte ihre Truthahnpastete in eine Serviette gewickelt und in den Müll geworfen, während Mrs Goddard Saffron Harvey dafür ausschimpfte, dass er seine Erbsen auf dem Fußboden des Speisesaals verteilt hatte.

Der Mann in dem schwarzen Jackett stand vor ihr. Weil Clara so klein war, konnte sie sein Gesicht nicht sehen, dafür aber einen Fleck von der Größe eines Fünf-Pence-Stücks, der sich über die feinen weißen Streifen an seiner Jackentasche erstreckte und aussah wie Rost. Clara wusste, was Rost war, weil ihr Vater darüber geklagt hatte, der Gärtner würde die Geräte verrosten lassen, und ihr die Harke gezeigt hatte. Allerdings war das hier kein Rost. Es war getrocknetes Blut. Aber über Blut wusste sie nichts. Noch nicht.

»Ein Viertelpfund von den Himbeertoffees, bitte«, sagte der Mann.

Als Clara den Laden wenig später mit einer Papiertüte voller Erdbeerbonbons in der einen Hand und dem Kleingeld in der anderen wieder verließ, wartete der Mann draußen. Er lehnte an einem Geländer.

»Was hast du dir geholt?«, fragte er freundlich und vergnügt, während er in seiner Papiertüte herumstöberte, ein Toffee herauspickte und es auspackte. Er warf sich das schokoladenumhüllte Bonbon in den Mund und grinste das Mädchen an.

»Mmmmh … köstlich … möchtest du eins?«

Er schüttelte die Tüte und hielt sie ihr hin. Clara wich einen Schritt zurück, wodurch ihr Rucksack gegen den Laternenmast prallte und sie ins Stolpern kam.

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»Keine Angst, ich beiße nicht.«

Die Tüte wurde erneut geschüttelt. Clara beugte sich vor und war plötzlich ganz gebannt von dem glänzenden Bonbonpapier mit den rosafarbenen Spiralen. Sie streckte eine Hand aus, um sich zu bedienen, und die knochigen Finger des Mannes legten sich um ihr Handgelenk.

»Mummy hat gesagt, dass ich dich nach Hause bringen soll. Weil du Angst im Dunkeln hast. Okay?«

Mit einem schüchternen Nicken ließ sie sich die Straße hinunterführen, zu einem Grundstück mit baufälligen Garagen. Nebel senkte sich herab und verhüllte die parkenden Autos und den Gehsteig vor ihnen. Die Dämmerung würde um neun Minuten nach vier Uhr einsetzen, und es war bald zwanzig vor.

Sie drängte sich näher an den Mann. Er machte ihr Angst, aber noch mehr ängstigte sie das schwindende Tageslicht und das schnelle Verblassen der Farben. Er schaute sie an. Seine Augen waren wie schwarze Klumpen.

Die Straße war schmal und zu beiden Seiten von niedrigen Wohnblöcken gesäumt. Vor den Gebäuden gab es statt Gärten nur Betonstreifen, auf denen sich überquellende Mülltonnen aufreihten. Weiter oben waren auch Wohnungen, die im Dunkeln lagen, aber durch die Fenster im Erdgeschoss drang Licht, und Claras Blick wurde von den riesigen Fernsehbildschirmen in mehr als einem Wohnzimmer angezogen. Ihr Magen knurrte erneut, und sie ließ die linke Hand in ihre Tasche gleiten, um ein Bonbon herauszuholen. An ihrer Fingerspitze haftete ein Hauch rosaroter Zuckerstaub.

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Sie nuckelte heftig daran, und einen Augenblick lang vertrieb die Süße den bitteren Geschmack der Angst aus ihrem Mund.

Clara wohnte am Pagoda Drive in Blackheath, einer Enklave mit exklusiven Immobilien, und somit in einer völlig anderen Welt als dieser hier, wo die Rutsche nur auf einem kleinen Flecken Grün stand und mit Graffiti besprüht war. Clara hatte ihr eigenes, rosafarben gestrichenes Zimmer und eine passende Kleiderstange, die voller Disney-Prinzessinnenkleider hing. Ihr Lieblingsmärchen war Dornröschen.

Sie versuchte, dem Mann zu sagen, dass sie es sich anders überlegt hatte und lieber allein nach Hause laufen wollte, aber er hörte sie nicht. Er ging einfach weiter und hielt ihr Handgelenk umklammert. Als sie sich losmachen wollte, bohrten sich seine Fingernägel in den blassen Streifen nackter Haut, der aus dem Ärmel ihrer Jacke hervorschaute.

Am Ende der leeren Straße stand eine stillgelegte Fabrik mit kaputten Fensterscheiben und einem Zutritt-verboten-Schild. Davor parkte ein verbeulter grauer Ford-Lieferwagen ohne Fenster.

Der Mann wandte sich dem Mädchen zu, und diesmal zeigten sich keine freundlichen Fältchen um seine Augen. Während er Clara weiter festhielt, richtete er seine Schlüssel auf den Lieferwagen, der daraufhin einen Piepton von sich gab. Der Mann wies mit einer abrupten Kopfbewegung auf den Wagen.

»Steig ein«, befahl er schroff.

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Clara wollte nicht in seinen Lieferwagen einsteigen. Sie schüttelte den Kopf und versuchte, sich loszumachen, hatte ihm mit ihrer schmächtigen Gestalt aber nichts entgegenzusetzen. Als sie den Mund öffnete, um zu schreien, schob er seine Hand zwischen ihre Zähne. Sie biss fest zu. Er brüllte nicht, aber sein drohender Blick und sein fester Griff zeigten seinen Zorn.

Sie wehrte sich und strampelte mit den Beinen, wie sie es im Schwimmkurs gelernt hatte, doch vergebens. Der Mann fasste sie um die Taille und hob sie in den Wagen. Dann stieg er hinter ihr ein und schlug die Tür zu. Mrs Smith, Poppys Mutter, bemerkte Claras Verschwinden ungefähr sechs Minuten, nachdem das Mädchen den Schulhof verlassen hatte. Bis sie das Schulgelände nach ihr abgesucht und über Handy die Polizei gerufen hatte, war es dunkel geworden, und der Lieferwagen war weggefahren.

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