Birgit Otten

Passage

Das Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN stellt sich vor: In Zusammenarbeit mit LovelyBooks präsentiert Tor ONLINE die ganze Bandbreite der deutschsprachigen Fantasy und Science Fiction. Mit uns am Start: Birgit Otten, die im Ruhrgebiet lebt und arbeitet und Romane und Kurzgeschichten vorwiegend im Bereich der phantastischen Genres schreibt. Sie ist Jahrgang 1964, Kommunalbeamtin, und hat zwei Söhne.
In den Jahren 2013 und 2014 erschienen ihre Arbeiten bei Carlsen Impress, im Bookshouse-Verlag sowie in diversen Anthologien unter dem Pseudonym »Katjana May«. Inzwischen veröffentlicht sie wieder unter ihrem eigenen Namen. Zwischen 1984 und 2012 wurde sie mehrfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Hans-im-Glück-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Im Netz ist sie unter www.birgit-otten.de zu finden.
»Passage« ist die erste Erzählung um Vanth, eine alt-etruskische Todesdämonin, die die Autorin zusammen mit anderen mystischen Wesen in unsere heutige Zeit transferiert hat und die eines Tages ihren eigenen Roman bekommen soll.

Ihn zu finden, war nicht schwierig. Seine Verzweiflung strahlte so hell durch die Nacht wie eine Leuchtkugel am Himmel, und ich folgte ihrer Spur durch die Dunkelheit. An der Ecke einer schmutzigen Straße passte ich mein Aussehen an, bis ich nicht mehr weiter auffiel. Selbst im einundzwanzigsten Jahrhundert mit all seinen Merkwürdigkeiten durfte ich keinen Menschenauflauf riskieren. Vorsichtig blickte ich mich um, doch es gab niemanden sonst, der meine Ankunft bemerkt haben konnte. Die Straße war nur spärlich beleuchtet, der Atem der Nacht verteilte den Müll malerisch über den Bürgersteig, und dort drüben trat der Mann, den ich suchte, unruhig von einem Fuß auf den anderen. Von seiner Angst einmal abgesehen gab es zwei weitere Dinge, die ihn einhüllten: ein schäbiger und fleckiger Mantel sowie der Dunst nach billigem Fusel. Nun gut, ich hatte schon Schlimmeres erlebt. Weitaus Schlimmeres für alle Sinne, das brachte mein Job nun einmal so mit sich. Rasch warf ich einen Blick auf das Display meines Smartphones – ich schätzte die neuen Technologien, die einem die Arbeit erleichterten. Leo Kampmann, das war sein Name. Ich steckte das Gerät wieder fort und hüstelte, um den Verlorenen nicht zu erschrecken, als ich neben ihm stehen blieb. Natürlich zuckte er trotzdem zusammen. Er war ein reines Nervenbündel.
»Guten Abend«, grüßte ich mit einem möglichst freundlichen Lächeln. »Kann ich Ihnen vielleicht helfen?« Seine Augen versuchten, mich zu fixieren. Ich half ihm, indem ich mein Spiegelbild in seine Pupillen schickte: eine zierliche junge Frau, große Augen, braunes, leicht gelocktes Haar. Harmlos. Vertrauenerweckend. Ein Bild, das sich bewährt hatte. »Ich … ich glaube nicht«, stammelte er. »Ich … versuche nur, in die Parkgarage zu kommen. Aber mein Ausweis funktioniert nicht.« Ausweis?

»Ja«, nickte er mit gerunzelter Stirn auf meine unausgesprochene Frage hin. »Sehen Sie, der Ausweis hier enthält einen Chip, der das Garagentor öffnen müsste. Dummerweise scheint er defekt zu sein.« Rede weiter, komm schon.
»Na ja, und das ausgerechnet jetzt, wo ich es so eilig habe. Aber warum erzähle ich Ihnen das überhaupt?« Das möchtest du im Moment gar nicht wissen. Obwohl es nicht schaden konnte, das Ganze ein wenig zu beschleunigen. »Wohin müssen Sie denn?«, fragte ich daher höflich. »Vielleicht kann ich Sie ja mitnehmen.«
Er schaute mich skeptisch, aber arglos an. »Ich bin Reporter, wissen Sie. Immer ein kleiner Fisch gewesen, und heute hätte sich das ändern können. Die Story meines Lebens wäre es geworden! Eine ganz große Sache. Meine Informantin erwartet mich an der alten Eisenbahnbrücke, bei der Passage kurz vor dem Park. Wenn ich zu spät komme, ist sie verschwunden.« Wütend trat er gegen das alte Tor. »Und ich komme nicht an meinen Wagen!« »Sie könnten die U-Bahn nehmen«, schlug ich sanft vor. »Ich kann Sie gern dorthin begleiten.« »Die U-Bahn?« Er blickte ins nächtliche Dunkel hinaus. »Die fährt doch eine ganz andere Strecke.« Der Wind heulte auf, und mir war, als hätte in dem klagenden Ton noch etwas anderes mitgeschwungen – ich war nicht die Einzige, die hier in Geschäften unterwegs war. »Dann fahre ich Sie«, sagte ich kurzentschlossen. Mit einem Blick schätzte ich die Autos ab, die hier in der Gosse parkten, und entschied mich für einen Audi, der vertrauenswürdig genug aussah. Meinem Allzweckschlüssel hatte er nichts entgegenzusetzen, und ich hielt die Beifahrertür einladend geöffnet. »Los, kommen Sie.« Er war noch immer unsicher und nicht so betrunken, wie ich dachte. »Warum tun Sie das?«, fragte er zögernd. Ich lächelte. »Ich habe Zeit, und Sie wollen doch Ihre Story nicht verpassen, oder? Außerdem ist es mein Job zu helfen. Also steigen Sie ein.« Er atmete tief durch und gab sich einen Ruck, dann drängte er sich an mir vorbei auf den Beifahrersitz. Ich hielt die Luft an, als seine Ausdünstungen mir näher kamen, als mir lieb war, und lauschte in die Nacht hinein. Sie war nur zu trügerisch, das war mir wohl bewusst. In der Ferne heulte ein Motor auf. Dröhnend jagten zwei Räder über den Asphalt, zogen eine Spur durch meine geschärfte Wahrnehmung, näherten sich schneller, als in dieser Welt erklärbar war. Schneller, als ich den Wagen starten konnte. Ich seufzte tief und beschloss, noch zu warten, während ich die Hände zu Fäusten ballte. Um Leos willen. Quietschende Reifen, die vor uns hielten. Lack und Chrom, die selbst hier in der schummrigen Beleuchtung blitzten – das neueste Modell, ich zweifelte nicht daran. Ebenso wie die schicken Stiefel und der Rest der schwarzen Motorradkleidung. Ihre Eignerin legte Wert auf Stil und einen stets beeindruckenden Auftritt. »Wer ist das?«, murmelte Leo aus dem Inneren des Autos heraus, und ich konnte nur hoffen, dass er nicht aussteigen würde. »Eine alte Freundin«, erklärte ich ihm mit erzwungener Freundlichkeit. »Hallo, Brynnhilt.«
Die Bikerin riss sich den Helm vom Kopf und schüttelte ihre blonde Mähne. Ich verdrehte insgeheim die Augen. »Nun sieh mal an, wen haben wir denn da.« Ihr perfekt geschminkter Mund verzog sich zum Ansatz eines Lächelns, das jedoch ihre Augen nicht erreichte. »Die kleine Vanth, und ganz alleine. Wo hast du deinen Beschützer gelassen? Lässt Charun dich jetzt seine Drecksarbeit machen?« Tief durchatmen. Lass dich nicht von ihr provozieren. Du machst diesen Job schon länger als sie. Und besser. »Ich habe bei Charun gelernt, aber er war niemals mein Beschützer. Inzwischen bin ich längst selbständig, und es wäre schön, wenn du das endlich in deinen Schädel hineinbekämst, ohne dass ich dir zeigen muss, was ich kann.« »Oh, jetzt bin ich ja wirklich beeindruckt.« Brynnhilt lächelte und entblößte dabei ihre perfekten Zähne. »Willst du mir deine Flügelchen zeigen und mich damit davonwedeln? Hm?« Ich wusste, dass Leo im Auto immer ungeduldiger wurde, und außerdem lief uns die Zeit davon. Wenn wir nicht bald losfuhren, würden wir uns noch mit ganz anderen Kreaturen herumschlagen müssen als mit einer überspannten Walküre. »Zumindest brauche ich kein Hilfsmittel unter mir, um zu reisen«, zischte ich. »Mach’s kurz und sage mir, was du willst, denn ich glaube nicht, dass du rein zufällig hier bist.« Ihr Lächeln wurde breiter, und sie richtete ihren Blick auf das Fahrzeug hinter mir. »Vermutlich haben wir ein gemeinsames Interesse. Ist er da drin?« Ich stellte mich so, dass sie nicht hineinsehen konnte. »Er gehört mir, du bist zu spät gekommen. Du kennst unser Gesetz. Verschwinde!« Sie zog eine Augenbraue hoch. »Tatsächlich? Und was macht dich so sicher, dass ich ihn dir überlasse?«
Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Was soll das eigentlich, Brynnhilt. Sammelt ihr Walküren nicht Helden von Schlachtfeldern auf? Ich verstehe zwar, dass es blöd für dich ist, wenn es hier keine Schlachten mehr gibt, aber das ist nicht mein Problem. Hier findest du keine Krieger, also – schscht – weg mit dir.« Zu meiner Überraschung runzelte sie nur die Stirn, dann zuckte sie mit den Schultern. »Ich scheine den Ruf nun mal ebenso erhalten zu haben wie du, aber gut, es stimmt, du warst zuerst hier. Trotzdem ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Ich behalte euch im Auge, Vanth.« »Können wir jetzt los?« Leos Stimme aus dem Auto klang kläglich, und ich hob wortlos die Hand zum Abschied. Dann stieg ich auf der Fahrerseite ein und startete den Motor, ohne mich noch einmal nach der Walküre umzusehen.

Die Stadt umhüllte uns wie ein finsteres Laken, umschlang den Gestank, den Lärm, den Schmutz und das, was in ihren Eingeweiden lebte. Menschen waren kaum unterwegs, und wenn, dann waren es eher solche, auf deren Begegnung man gut verzichten konnte. Die meisten von ihnen ahnten nicht einmal, dass es hier weitaus Übleres gab, das mitten unter ihnen hauste. Das Klagen im Wind von vorhin wurde lauter, und ich warf einen flüchtigen Blick in den Außenspiegel. Wir passierten gerade die Friedhofsmauer. Leo konnte mir dankbar sein, dass ich ihn sicher im Auto verwahrte, bevor sich ein Rudel hungriger Ghule an unsere Fersen heften konnte. Aus dem Augenwinkel sah ich zu ihm hinüber. Still hatte er sich auf den Sitz gekauert, in seinen alten Mantel gehüllt, und starrte in die Nacht hinaus. Es wurde Zeit, ihm weiterzuhelfen. »Was ist denn das für eine Informantin?«, fragte ich, während ich den Wagen durch die Straßen lenkte. »Die, mit der Sie sich treffen wollen?« Die Nervosität kehrte in Leo zurück. »Sie wollte mir etwas erzählen. Etwas Wichtiges. Die Stadt selbst hat ihre Finger im Spiel.« »Und woher kennen Sie sie?« Irgendwas hatte sich im Rinnstein bewegt, und ich unterdrückte den Impuls, auf die Bremse zu treten. Im Auto waren wir sicherer. Weiter.

»Sie ist zu mir ins Büro gekommen und hat mir ihre Karte dagelassen. Hier.« Er hielt mir ein Stück Karton entgegen, und ich griff mit der rechten Hand danach, während die linke weiter das Steuer bewegte. »Eine Frau Stresemann«, las ich laut. »Ordnungsamt.« Ich gab ihm die Karte wieder zurück. »Leo«, wagte ich mich vor. »War das gerade nicht der Ausweis, mit dem Sie in die Garage wollten?« In der Dunkelheit spürte ich seine Verblüffung mehr, als dass ich sie sah. »Woher kennen Sie meinen Namen? Und – ja – ich glaube, schon …« Verwirrt blickte er auf die Visitenkarte. »Aber das ist gar kein Ausweis, oder? Schon gar nicht meiner?« »Nein.« Dort hinten kam schon die Brücke in Sicht. »Das würde doch auch erklären, warum Sie nicht hineingekommen sind?« »J… ja …« Leo geriet ins Schwitzen, ich konnte es geradezu in der Luft um uns fühlen. Eine weitere Nuance in seinem ohnehin schon überwältigenden Geruchscocktail. »Was geht hier vor? Irgendwas stimmt da doch nicht. Mit mir. Mit … allem.« Schau an, so langsam kamen wir weiter. Ich drosselte die Geschwindigkeit und hielt nach einem geeigneten Platz Ausschau, an dem wir den Audi abstellen konnten. »Das sollten Sie herausfinden«, schlug ich vor. »Da vorn ist jedenfalls Ihr Treffpunkt. Kommen Sie, steigen Sie aus.«

Die Brücke, die die Straße an dieser Stelle fast tunnelartig überspannte, war ein Relikt aus den Zeiten, als es hier noch eine Eisenbahnstrecke gegeben hatte. Längst waren die Gleise verrostet und verbogen, das Unkraut wucherte zwischen dem Schotter, und die Wände der Unterführung waren mit Graffiti und Schmierereien bedeckt. Der Nachtwind trug Gerüche mit sich, die selbst Leo dazu trieben, unwillig das Gesicht zu verziehen. »Ein eigenartiger Ort für ein Treffen«, meinte ich mit einem Seitenblick zu ihm. »Können Sie sie sehen?« In der Dunkelheit der Unterführung bewegte sich etwas, wenn auch keine Frau: Ich nahm die zerlumpte Gestalt noch vor Leo wahr, ihren unförmigen Körper, den Alkoholdunst. Sie trug einen ausgebeulten, zerlöcherten Hut und versuchte, sich aufzurichten, als wir uns näherten. »Vanth?«, krächzte sie heiser. »Bist du das?«
Ich zog meine Taschenlampe hervor, stellte sie auf den Normalmodus ein und richtete sie auf das Wesen, um besser sehen zu können. Kleine Augen kniffen sich heftig zusammen, und hastig verschwand die Kreatur aus dem Lichtkreis zurück in die Schatten. Doch der kurze Moment genügte mir, um die groben Züge zu erkennen – nur ein alter Brückentroll, harmlos. Ich steckte die Lampe wieder ein. »Tom? Bei der Dunkelheit, du hast schon mal besser ausgesehen.«
Er kroch wieder ein Stückchen nach vorn. »Nicht jeder arrangiert sich so gut mit der neuen Zeit wie du, Vanth. Niemand ist mehr da, um mir Zoll zu entrichten und meine Lebenskraft zu verlängern. Aber Tote, die wird’s immer geben, so viel ist sicher. Du hast den besseren Job von uns, Mädchen.« Ich lächelte schief. »Das ist Ansichtssache. Und ich bin auch nicht zum Plaudern hier.« Wo steckte Leo eigentlich? Ich blickte mich um und fand ihn einsam und verloren mitten auf der verlassenen Straße, wo er ins Leere starrte. »Leo?« Er kam unbeholfen zu mir herüber. »Sie ist nicht hier«, sagte er hilflos.
»Ah.« Tom rieb sich über sein schmieriges Kinn. »Ist er dein aktuelles … Objekt?«
»Hast du hier eine Frau gesehen?«, fragte ich zurück, ohne darauf einzugehen.
»Eine Frau? Nein. Du bist die erste. Auch wenn du nicht mit mir plaudern willst.« Er zögerte. »Leider, wenn ich das mal so sagen darf. Du bist noch immer eine Augenweide, Vanth. Dir sieht man dein Alter echt nicht an.« Das fehlte mir noch – Flirtversuche eines versoffenen, schmutzigen Brückentrolls konnte ich genauso wenig gebrauchen wie die Sticheleien aufgemotzter Walküren. »Was machen wir jetzt?«, flüsterte Leo, und ich rief erneut seinen Steckbrief auf, bevor ich das Smartphone wieder fortsteckte. »Haben Sie Hunger?«, fragte ich. »Kommen Sie, ich lade Sie auf einen Imbiss ein.«

Die Straße war immer noch fast menschenleer, als ich den Audi erneut einparkte. Vor uns glänzten die dunklen Scheiben eines verlassenen Lokals, zu dem zwei Stufen hinaufführten. Erneut tönte das klagende Heulen, weit genug noch, doch viel Zeit würde man uns nicht mehr lassen. Leo musste sich selber finden, bevor es nichts mehr zu finden gab. »Was tun wir hier?«, wollte er gerade wissen. »Es ist geschlossen, und ich mag nichts essen.« »Wir müssen hinein«, erklärte ich und tastete nach meinem Allzweckschlüssel. Es klickte, als das Schloss nachgab, und ich drückte die Klinke herunter. Quietschend schwang die Tür nach innen, während ich nach einem Lichtschalter suchte. Gefunden! Erst jetzt bemerkte ich den scharfen Geruch nach ranzigem, abgestandenem Fett. Na prima, das hatte mir in meiner Sammlung an Eindrücken der heutigen Nacht gerade noch gefehlt. Ich drehte mich zu Leo um. »Kommen Sie rein, na, machen Sie schon. Wie finden Sie es? Gemütlich, oder?« Er bewegte sich zögernd in die Mitte des Raumes, stirnrunzelnd, unschlüssig. Sein Blick richtete sich auf die unsauberen Tische, vor denen sich wacklige Stühle duckten, den klebrigen Fußboden, die Theke mit den Brat- und Frittiermulden dahinter. Verkrustete Essensreste hatten sich längst fest in die Anrichte gefressen, während eine tote Fliege dicht daneben den Anblick vermutlich nicht mehr hatte ertragen können. Ich konnte sie verstehen. »Das ist … ekelhaft.« Leos Stimme klang angewidert. »Völlig verkommen.« Er zuckte zusammen und sah mich groß an, sagte aber nichts weiter. »Kann es sein, dass Sie diese Worte heute schon einmal gehört haben?«, half ich ihm vorsichtig weiter. »Hat das jemand hier gesagt?« Seine Hände bewegten sich, und erst jetzt erkannte ich, dass er noch immer die Visitenkarte fest umklammert hielt, ganz so, als wäre sie der letzte Halt in einer Welt, die rings um ihn her zu wanken begann. »Vielleicht … Frau Stresemann?«, schlug ich ihm vor.
»Sie …« Seine Stimme wurde brüchig, und er taumelte. Rasch schob ich ihm einen der klapprigen Stühle hin, damit er sich setzen konnte. Anschließend wischte ich mir vorsichtshalber die Hände an der Jeans ab, während Leo dankbar niedersank. »Was hat Frau Stresemann hier gewollt?«, hakte ich nach.
Leo fuhr sich mit den Händen durch das ohnehin schon wirre Haar. »Sie … sie sagte, dass sie vom Ordnungsamt käme … hat den Imbiss stillgelegt … gesundheitsgefährdend …« Ich konnte sie noch besser verstehen als die Fliege.
»Und sie hat Ihnen ihre Karte dagelassen, Leo. Warum ging Ihnen das so nahe?«
»Kann ich einen Schluck zu trinken haben? Bitte.«

Ich sah mich um, aber nichts, was sich hier befand, konnte ich ihm ruhigen Gewissens anbieten. Ganz zu schweigen davon, dass er davon nichts mehr haben würde. Was er hoffentlich bald herausfinden wird, damit wir dieses Spiel hier beenden können. »Das ist nicht die Zeit und der Ort dafür«, bemerkte ich deshalb. »Bitte antworten Sie, Leo. Was bedeutet Ihnen dieser Laden? Wem gehört er?« Er stierte mich aus rotgeäderten Augen an. »Er ist mein Zuhause«, sagte er unsicher. »Alles, was mir geblieben ist. Frau weg, Kind weg, nur die beschissene Bruchbude hier, die ist noch da. Verdammt, ich brauche was zu trinken!« Er sprang auf und stürzte um den Tresen herum zu dem Kühlschrank dahinter. Ich wollte gar nicht wissen, wie es darin aussah, doch er entnahm ihm eine Dose Bier und löste zischend ihren Verschluss. Ehe ich noch etwas sagen konnte, hatte er sie schon an die Lippen gesetzt, schüttelte dann jedoch ungläubig den Kopf und warf die Dose gegen die Wand. Mit einem Scheppern kam sie auf dem Boden auf und verbreitete eine weitere klebende Pfütze. Nicht, dass es darauf noch angekommen wäre. »Da ist ja nur Wasser drin!«, fluchte er. »Wollt ihr mich eigentlich alle verarschen?« Ich hätte es dir gleich sagen können. »Leo«, versuchte ich es sanft. »Alkohol nützt Ihnen nichts mehr. Was ist denn nun mit Ihrem Imbiss?« Er rieb sich müde über die Augen. »Ein Drecksladen ist das, so sieht’s aus. Keine Gäste, nur noch Schulden. Mir war am Ende alles egal. Wofür sollte ich mich noch anstrengen? Für wen? Für was? Und ich habe an ihm gehangen, trotz allem.« Unbeholfen kam er wieder um den Tresen herum auf mich zu. »Ich bin ein miserabler Betreiber, und warum? Ich wollte niemals einer sein. Ein Reporter, das wär’s gewesen. Dann hätten die Leute Respekt gehabt.« Nun ja … »Als Junge hab ich mir Geschichten ausgedacht. Heimlich hab ich die aufgeschrieben, bis mein Vater das Heft entdeckte. Er hat’s zerrissen, vor meinen Augen. Spinnereien bringen kein Geld, hat er gesagt. Und ich hab die Zeitungen austragen müssen, die ich gern mitgeschrieben hätte.« Er hielt sich an der Tischplatte fest, als wollte er sein Leben in sie hineinmeißeln. »Was ist passiert, nachdem Frau Stresemann hier gewesen ist?«, brachte ich ihn zum Wesentlichen zurück. »Nachdem sie Ihnen eröffnet hatte, den Imbiss stillzulegen?« Leo blickte durch mich hindurch. »Ich wusste nicht, was ich tun sollte, und hab mich erst einmal betrunken. Dann wollte ich zum Ordnungsamt, um noch mal mit ihr zu sprechen. Vielleicht hätte sie ja mit sich reden lassen … Aber es war zu spät, das Amt war geschlossen. Bin dann eine Weile lang ziellos durch die Stadt gelaufen, bis …« »Ja?« Meine Stimme war sanft. »Bis was passiert ist, Leo?« »Ich … weiß es nicht. Da war diese Brücke, und …« Man sah es ihm an, wie er verzweifelt überlegte. »Ich kann mich nicht mehr erinnern!« »Sollen wir noch einmal dort hinfahren?« Es war mehr eine Aufforderung als eine Frage, und Leo wehrte sich nicht mehr dagegen. Mit hängenden Schultern schritt er zur Tür, ohne sich noch einmal umzusehen. Ich folgte ihm und löschte das Licht.

Die Brücke lag unverändert da, wie wir sie verlassen hatten – nur der Wind schien stärker geworden, und das Heulen erklang schon viel näher. Leo schauderte zusammen, obwohl ich mir nicht sicher war, dass er es überhaupt hören konnte. »Da seid ihr ja schon wieder!« Toms krächzende Stimme klang erfreut. »Hast du’s dir noch einmal überlegt, Vanth? Vielleicht doch noch mal’n Abend mit mir zu verbringen?« Ich stöhnte auf. »Tom, halt die Klappe. Es gibt im Moment Wichtigeres als dein Geplänkel, und wir müssen es zu Ende bringen, bevor die Ghule schneller sind. Was ist hier heute Abend passiert? Komm schon, du musst es doch wissen!« Er verzog listig das Gesicht. »Ein Abendessen mit dir, Vanth, unter dem mache ich’s nicht.« Verfluchter Kerl. »Leo?«

Er stand schon wieder hilflos mitten auf der Straße, doch im Unterschied zu unserem letzten Besuch versuchte er nun deutlicher, etwas Bekanntes wahrzunehmen, seinen Erinnerungen auf die Sprünge zu helfen. Wir waren ganz dicht dran, so viel stand fest. Wir würden es vor den Ghulen schaffen. »Leo?«, wiederholte ich. »Kommst du bitte mal hierher?« Er gehorchte und trottete zu mir, sein Gesichtsausdruck beinahe leer. Die Verwirrung, in der ich ihn anfangs angetroffen hatte, war tiefer Resignation gewichen, und ich war erleichtert, keine Panik vorzufinden. Was ebenso verständlich gewesen wäre, aber alles nur verkompliziert hätte. »Was hier geschieht, ist nicht normal«, murmelte er. »Aber es fühlt sich nicht an wie ein Traum. Was ist geschehen – mit mir, mit der Welt? Bin ich … gestorben, ohne es zu wissen?« Na endlich kommen wir auf den Punkt.

»Leo«, begann ich behutsam. »Genau deshalb sind wir hier. Wir werden herausfinden, was passiert ist. Und dann begleite ich dich nach … Hause.« So konnte man es jetzt durchaus nennen. »Denn das ist der Grund, warum ich hier bin.« »So etwas …« Er schluckte. »So etwas habe ich mir schon gedacht. Was bist du? Ein Engel? Oder ist am Ende der Teufel gekommen, um meine vermurkste Seele zu holen? Du siehst nicht aus wie das eine oder andere.« Ich lächelte. »Das bin ich auch nicht. Weder die eine noch die andere deiner Geschichten. Lassen wir es erst mal dabei, dass es meine Aufgabe ist, dich heimzubringen, für alles andere ist später noch Zeit. Und, oh, ich bin älter, als ich vielleicht aussehe.« Ich zwinkerte ihm zu und drehte mich um. »Leo, kennst du diesen Mann? Hast du ihn vielleicht schon gesehen?« Dabei deutete ich auf Tom, der schweigend von einem zum anderen schaute. Leo versuchte, die Schleier der Dunkelheit fortzuwischen, die inneren wie die äußeren. Man sah es ihm deutlich an. Sein Geruch nach Alkohol war verflogen, was man leider von Tom nicht behaupten konnte. »Wer ist denn da?« Leo trat näher, bis er Toms zusammengekauerte Gestalt vom nachtschwarzen Hintergrund abgrenzen konnte. »Ich … ich weiß nicht recht …« Ich blickte zu Tom, der mir zunickte, sich aber sichtlich nicht einmischen wollte. Sturer, alter Troll. »Doch«, versuchte ich es wieder. »Du weißt es. Erinnere dich.«

Leo schwieg und schien in sich hineinzuhorchen. Als er schließlich sprach, kam seine Stimme wie aus weiter Ferne. »Ich habe ihn schon einmal gesehen, aber ich kenne ihn nicht. Ein Obdachloser, der unter der Brücke wohnt. Schläft hier wohl öfter seinen Rausch aus, so lange er nicht vertrieben wird.« »Wer will ihn vertreiben?«, hakte ich nach, um seine Erinnerung in Gang zu halten. Auch Tom schien dabei auf Gedanken zu kommen, denn prompt fing er an, seine Habseligkeiten nach Hochprozentigem zu durchwühlen. »Ich … weiß nicht. Welche von der Stadt vielleicht. Manchmal auch … andere.« Unterdessen hatte Tom gefunden, was er suchte, und prostete mir zu, während er sich einen langen Schluck genehmigte. »Andere?«, wiederholte ich. »Welche denn?«

Leos Worte klangen hohl, durchzogen von winzigen Fäden aus Angst, die ihn am Ende doch noch in ihren Kokon zu spinnen begannen. »Jugendliche, betrunken und grölend. Solche, die sich einen Spaß daraus machen, auf wehrlose Opfer loszugehen.« »Was ist gestern Abend passiert?«, fragte ich noch einmal mit einer Stimme, die so sanft war, dass sich seine Antworten nicht länger wehren konnten. Plötzlich sprudelte es aus ihm heraus wie aus einer Quelle, deren Öffnung man wieder freigelegt hatte. »Ich … kam aus der Stadt zurück, ohne zu wissen, wohin ich ging. Wollte einfach nur laufen und laufen und alles hinter mir lassen … den Imbiss, Frau Stresemann, mein verlorenes Leben. Hab nichts um mich her gehört und gesehen, bis ich hier angekommen war.« Er zog seinen Mantel fester um sich. »Es herrschte ein solcher Lärm und ein solches Gegröle, dass es mich aus den Gedanken riss … Drei Halbstarke standen um den Pen… den Obdachlosen herum. Sie haben sich über ihn lustig gemacht, und einer fing an, nach ihm zu treten. Ein zweiter kippte seine Sachen aus … Der Mann hat sich nicht gewehrt, muss sturzbetrunken gewesen sein.« Ich warf einen scharfen Blick zu Tom hinüber, der gleichmütig mit den Achseln zuckte. »Und dann?«, fragte ich aufmunternd weiter.

Leo lief unruhig auf und ab. Ich wusste nicht, ob er mich überhaupt noch wahrnahm. »Sie haben einfach nicht aufgehört, und ich hab gerufen, sie sollten ihn in Ruhe lassen. Ich konnte doch nicht … da war mal einer, dem es noch beschissener ging als mir selbst, und ich konnte doch nicht … Da sind sie auf mich losgegangen.« Wieder eine kurze Pause. »Hab einen von ihnen zu Boden geschickt, aber die anderen beiden waren schneller. Dann war da etwas Grelles, und …« Schmerz. Deine Erinnerung möchte dich davor schützen, es noch einmal zu durchleben. »Ist auf’m Pflaster aufgeknallt«, mischte sich Tom jetzt doch endlich ein, als hätte ihm der Schnaps seine Zunge gelockert. »Erst waren sie über ihm, dann sind sie weggerannt. Hat sich nicht mehr bewegt, der Gute.« Ich konnte meinen Ärger nicht länger zurückhalten. »Schön, dass du uns auch mal hilfst. Konntest du das nicht eher sagen?« Er hob die Brauen und nahm noch einen Schluck. »Ist dein Job, nicht meiner. Ich misch mich nicht ein. Hab nicht solch hohe Freunde wie du. Überleben heißt, sich rauszuhalten.« Er warf einen Blick zu Leo hinüber. »Der da hat’s nicht getan. Was hat’s ihm gebracht?« »Er hat dir deinen Arsch gerettet«, zischte ich. »Was hast du mit seiner Leiche gemacht? Wehe dir, du sagst mir jetzt, dass du sie an die Dunklen verkauft hast!« Tom wackelte entschuldigend hin und her. »Sei mir nicht böse, Vanth. Bitte. Aber es muss einem doch noch erlaubt sein, in seiner Wohnung aufzuräumen. Ich will keine ungebetenen Besucher – weder Ghule noch Polizei.« Ich riss ihm die Flasche aus der Hand und warf sie so weit weg, wie ich konnte. »Wo – ist – er?«, wiederholte ich und spürte, wie meine Flügel sich ausbreiten wollten. Verzweifelt versuchte ich, mich wieder unter Kontrolle zu bekommen. Nicht auffallen. Das heißt Überleben.

Tom winselte unter meinem Blick und zeigte mit dem Finger nach oben. »Auf der Brücke«, krächzte er. »Da müsste er noch immer liegen. Noch war niemand von den anderen da.« Ich schnaubte und drehte mich zu Leo um, der mich sprachlos anstarrte. »Gehen wir«, sagte ich, als wäre nichts geschehen. »Da hinauf. Und, Leo …« Ich musste ihm etwas Nettes sagen, irgendetwas, er hatte es verdient. »Am Ende warst du doch ein Held. Du hast dein Leben für seins gegeben.« Und das erklärt auch Brynnhilts Erscheinen. Aber ich werde dich nicht ihr überlassen, nicht nach dieser Nacht. »Es passt zu mir, erst ein Held zu sein, wenn ich tot bin.« Leos Stimme klang jetzt wieder gefasst, immerhin. »Und ich bin wirklich gestorben, ganz bestimmt? Nicht nur bewusstlos oder im Koma oder …?« »Ja«, sagte ich leise, denn es fiel mir nach wie vor schwer, den Leuten die letzte Hoffnung zu nehmen – selbst nach all den Jahrhunderten. »Deshalb ist es wichtig, deinen Körper zu finden. Du warst zu geschockt von dem, was passiert ist, und bist geflohen, bevor du verstehen konntest. Wenn du deinem toten Körper begegnest, wirst du begreifen – und bereit sein loszulassen.« Falls nicht, geisterst du ewig als Verlorener herum – darum mussten wir schneller sein als die verdammten Ghule. Aber das wirst du noch alles erfahren. Später. Auf unserem langen Weg zurück. »Zeig ihn mir«, flüsterte Leo heiser. »Damit ich weiß, dass das alles hier wahr ist.«

Er lag oben zwischen den rostigen Gleisen, verborgen unter dornigem Gestrüpp. Leo beugte sich hinab und berührte sich langsam mit einem Finger. Sein Umriss flackerte kurzzeitig hell, dann richtete er sich wieder auf und wandte sich zu mir. Seine Augen schimmerten silbrig, und er wischte sich eine Träne fort. »Die Story meines Lebens«, wisperte er. »Nur schade, dass ich sie niemals aufschreiben konnte. Ist nun alles vorbei? Was geschieht jetzt mit mir?« »Alles, was erdacht wurde, lebt irgendwo weiter. Und es gibt Orte für Wesen wie dich, wo sie zu Hause sein können, bis sich die Welten erneut verschieben.« Ich lächelte. »Komm mit mir, Leo. Ich bring dich hin.« »Mit dem Auto?«, fragte er verwundert, und ich lächelte erneut. »Nein, das fahren wir dorthin zurück, von wo ich es mir ausgeborgt habe. Dann steigen wir um. Die U-Bahn wartet schon auf uns.« »Die …« Ich zuckte die Schultern. »Moderne Zeiten, Leo. Speziallinie. Na komm schon, worauf wartest du noch?« Mit diesen Worten schritt ich den Abhang hinunter, und er folgte mir dichtauf, während der Nachtwind an seinem Mantel zerrte und ihn flattern ließ wie einen Vogel, einen Vogel auf dem Flug in eine andere Welt. Seine Reise hatte bereits begonnen.

© 2016 by Birgit Otten
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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