Christian Handel

Schwarz wie Ebenholz

Das Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN stellt sich vor: In Zusammenarbeit mit LovelyBooks präsentiert Tor ONLINE die ganze Bandbreite der deutschsprachigen Fantasy und Science Fiction. Mit uns am Start: Christian Handel, der – unter anderem – als freier Journalist und Blogger in Berlin lebt und arbeitet und eingefleischter Popkultur-Geek ist. Meist schreibt er über Fantasy-Autoren und -Romane, manchmal kommt er aber dazu, selbst etwas zu verfassen. Vor allem Fairy Tale-Fantasy hat es ihm angetan: 2015 erschien seine Kurzgeschichte »Der Flötenspieler« in der Anthologie Die Irrlichter; im Herbst 2016 folgt im Drachenmond-Verlag Hinter Dornenhecken und Zauberspiegeln, eine Sammlung mit märchenhaften Kurzgeschichten sowohl deutschsprachiger als auch internationaler Autoren, die er herausgibt. »Schwarz wie Ebenholz« ist unabhängig von dieser Anthologie entstanden, adaptiert aber – der Name deutet es bereits an – ein weiteres Mal ein bekanntes Märchen. Mehr über Christian erfahrt ihr auf www.fantasy-news.com.

Die Seele meiner Mutter, so raunt man noch heute hinter vorgehaltener Hand, war schwarz wie Ebenholz. Wie die Frauen sämtlicher Generationen unserer Familie vor ihr war sie eine Hexe gewesen, und als solche wurde sie auch verbrannt. Obwohl ich sie liebte, habe ich das Urteil über sie gesprochen, denn sie hat versucht, mich zu töten, und zwar mehr als einmal. Man sagt, Hexen können keine Liebe empfinden, auch nicht für ihre eigenen Kinder. Aber ich glaube das nicht, denn ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der mich meine Mutter geliebt hat – die Zeit, ehe der Spiegel, der hinter mir an der Wand hängt, sie in den Wahnsinn trieb. Ich werfe dem Ungetüm in dem bronzenen Rahmen einen nachdenklichen Blick zu. Wird er eines Tages anfangen, auch mir zuzuraunen, wie er es angeblich bei meiner Mutter getan hat? Ich strecke den Arm aus und berühre mit den Fingerspitzen die gläserne Oberfläche. Sie ist kalt und hart, sonst fühle ich nichts; keine Spur von dem Geist, der in diesem Gefängnis aus Silber, Bronze und Glas eingesperrt ist. Vielleicht ist auch er nur Teil der Märchen, die die Leute sich heute über meine Mutter erzählen. Seufzend wende ich mich ab und richte meinen Blick wieder hinaus aus dem Fenster; er gleitet vorbei an dem Rahmen aus schwarzen Ebenholz, hinaus auf eine schneebedeckte Landschaft, die genauso fruchtlos ist wie mein Unterleib. In diesem Detail lügen die Märchen nicht: Hexen bringen nur selten lebende Kinder zur Welt. Und dennoch hat meine Mutter das schier Unmögliche geschafft. Weiß wie Schnee, schwarz wie Ebenholz. Die Leute nennen mich schön, die Schönste im ganzen Land, als wäre das das Einzige an mir, das eine Erwähnung wert wäre. Schönheit kann ein Segen sein oder auch ein Fluch. Und immer ist sie vergänglich; ich weiß das, ich habe es aus nächster Nähe gesehen. Ich sitze gern hier im Turmzimmer, am Fenster mit seinem Ebenholzrahmen und ihrem Spiegel in meinem Rücken. Dann fühle ich mich ihr nah. Dann erinnere ich mich an die Frau, die sie war, ehe Neid und Hass und, ja, vielleicht auch die Magie sie in ein Wesen verwandelt haben, das keine Liebe mehr kannte. Denn hier verbrachte ich mit ihr meine glücklichsten Stunden. Die Leute schütteln den Kopf darüber, dass ich mich ausgerechnet hierher zurückziehe, in ihr Reich. Aber das Damals, das in mir lebendig wird, wann immer ich mich in dieser Kammer befinde, macht mich glücklicher als das Heute, als meine Tage auf einem kalten, harten Thron, vor dem Bittsteller und Ratgeber stehen und mich mal in die eine, mal in die andere Richtung ziehen. Ein Leben in Erinnerung mag kein echtes Leben sein, aber trotzdem ist es real. Und egal, was später passierte, ich weiß, dass es eine Zeit gab, in der sie mich nicht gehasst hat. Manchmal glaube ich sogar, dass meine Mutter – trotz allem – der einzige Mensch auf der Welt war, der mich je wirklich liebte. Mein Volk bewundert mich, meine Diener mögen mich, und mein Gemahl begehrt die perfekte Hülle, in der ich gefangen bin. Aber lieben? Dazu müssten sie sich die Mühe machen, mich wirklich kennenzulernen. Wirklich gekannt hat mich nur eine. Meine Amme hat mich gemocht, mich verwöhnt und mit Honigkuchen gefüttert, bis meine Apfelbäckchen feist und rot waren. Mein Vater hat mir wohlwollend zugenickt, wenn ich artig vor ihm knickste oder gemessenen Schrittes die Gänge des Schlosses entlangspazierte. Natürlich mit meiner Amme an der Seite. Herumtoben in den verwinkelten Gängen meines Zuhauses war nicht erwünscht. Eine Prinzessin, ganz gleich wie jung sie auch sein mag, ist eine junge Dame und benimmt sich nicht wie ein Wildfang. In der Kammer meiner Mutter verhielt sich das anders. Hinter verschlossenen Türen durfte ich sein, wer ich war – und nicht, wie andere mich haben wollten. Ich durfte die Gürtel meines engen Kleidchens etwas lockern und auf dem mit duftenden Binsen ausgelegten Boden sitzend mit meiner Puppe spielen. Oder ich drehte mich mit meiner Mutter so schnell im Kreis, bis wir vor Lachen nicht mehr konnten und uns beiden schwindlig wurde. Sollte die Welt mit ihren Regeln und Vorschriften bleiben, wo sie war. In der Kammer lebten wir für uns, nicht für andere. Ich versteckte mich hinter Wandbehängen und wollte, dass Mutter mich stundenlang suchte, obwohl sich meine Gestalt unter dem bestickten Stoff deutlich abzeichnete. Sie ließ mir den Spaß, und ich freute mich, auch wenn ich damals bereits wusste, dass sie mich immer und überall finden würde. Schließlich war ich ihre Tochter. Und sie besaß den Spiegel.

Der Spiegel war der einzige Gegenstand im Raum, den ich nie berühren durfte. »Halte dich von ihm fern«, sagte sie immer. Als ich noch ein Kind war, meinte sie das als Warnung. Später, viel später, als Drohung. Aber das störte mich nicht. Ja, der Spiegel faszinierte mich in seiner Perfektion. Nirgends sonst gab es ein so makelloses Exemplar wie dieses, das meine Mutter von ihrer Mutter geerbt hatte. Und diese wiederum von ihrer. Ich wusste bereits damals, dass der Spiegel eines Tages mir gehören würde. Wenn wir erschöpft vom Spielen waren, setzten wir uns ans Fenster und schauten hinaus in die Weite, wo sich in einiger Entfernung die dichtbewaldeten Berge erhoben. Der Winter war unsere Lieblingsjahreszeit, ihre und meine, jedenfalls damals. Wir blickten hinaus in den fallenden Schnee, und sie erzählte mir Märchen aus alter Zeit und Geschichten aus ihrer Familie, aus unserer Familie. Von den Frauen vor mir, den Frauen vor ihr: von Barbera, die einen Mantel gewebt hatte, der seinen Träger unsichtbar machen konnte, oder von Kungundt, die ein Häuschen besaß, das aus Brot gebaut und mit Kuchen gedeckt war. Als ich älter wurde, begann sie auch mich Zauber zu lehren. Vieles von dem, was ich vermag, brachte sie mir bei. Anderes lernte ich aus den Büchern, die seit Generationen in unserer Familie weitergegeben werden und die gut verborgen an einem sicheren Ort auf ihre nächste Schülerin warten. Oft griff meine Mutter aber auch einfach nur nach einem Kamm und fuhr mir damit sanft und vorsichtig durch das hüftlange Haar, wieder und wieder, bis es seidig glänzte. Wie sehr ich dieses Gefühl liebte! Dann veränderte sich alles. Ich merkte es daran, wie sie mich ansah, nicht mehr liebevoll, sondern oft nachdenklich, schließlich unzufrieden, missbilligend, ja sogar feindselig. Sie hörte auf, mir das Haar zu kämmen – tatsächlich tat sie das danach nur noch ein einziges Mal – und fand barsche Worte, wenn ich unangemeldet ihr Turmzimmer betrat. Sie begann, den Hof zu meiden, und der Ort, der jahrelang unser gemeinsames Rückzugsgebiet war, wurde zu ihrem. Ich erinnere mich an einen Herbstabend, an dem sie mich zwar in ihre Turmkammer ließ, aber nicht zum Kamm griff wie sonst, nachdem ich auf dem Stuhl vor dem Fenster Platz genommen hatte, sondern zur Schere. Ehe ich es mich versehen konnte, schnitt sie mir das Haar so kurz, dass ich aussah wie ein junger Page. Zwölf oder dreizehn muss ich damals gewesen sein, und meine Apfelbäckchen waren schlank geworden und von nobler Blässe. Ich hatte angefangen zu bluten und aufgehört, die Honigkuchen meiner Amme zu essen. Als ich meine schwarzen Strähnen zu Boden fallen sah, war ich erschrocken, aber ich weinte nicht. Tatsächlich störte es mich nicht einmal. Ich war nicht eitel. Mein Vater aber wurde furchtbar wütend. In den Jahren zuvor hatte er seine Frau, meine Mutter, nur ignoriert. Nach diesem Ereignis jedoch begannen die beiden, sich heftige Auseinandersetzungen zu liefern, die erst zu Ende gingen, als mein Vater eines Sommermorgens auf die Jagd ritt und nicht mehr zurückkehrte. Eine Wildsau tötete ihn. Als er von seinen Mannen ins Schloss gebracht wurde, betrachtete meine Mutter nur schweigend den Leichnam. Dann drehte sie sich um und zog sich in die Turmkammer zurück. Ich glaube nicht, dass sie um ihn getrauert hat. Natürlich tat mir der Verlust meines Vaters sehr weh, aber ich war auch froh, dass ihre Streitereien, für die ich mir die Schuld gab, endlich ein Ende fanden. Ich dachte, ich würde Trost in der Liebe meiner Mutter finden; wir würden jetzt, da mein Vater nicht mehr unter uns weilte, wieder einen Weg zueinander finden. Aber ich irrte mich bitterlich. Denn von da an wurde es noch schlimmer. Es fällt mir schwer, mich daran zu erinnern, was sie mir alles angetan hat. Belassen wir es dabei, dass ich in einer frühen Morgenstunde feststellen musste, dass die Frau, die weiterhin in der Turmkammer hoch über mir lebte, mit meiner Mutter nicht mehr viel gemeinsam hatte. Die Fremde, die wie meine Mutter aussah, hatte einen der königlichen Jäger darauf angesetzt, mir ein Messer in den Leib zu rammen. Aber ihr Plan schlug fehl, und ich flüchtete in den Wald. Ich wusste, dass ich zu Hause nicht mehr sicher war. Der Rest ist, wie man so schön sagt, Geschichte. Am Lagerfeuer erzählen sich die Leute ein phantastisches Abenteuer darüber, was mit mir geschah. Aus den Bergarbeitern, bei denen ich Unterschlupf fand, machen sie Zwerge oder Räuber. Und den Prinzen, mit dem ich jetzt verheiratet bin, stilisierten sie zum Helden. Ich sehe keinen Sinn darin, sie eines Besseren zu belehren, wo sie mich doch nicht einmal richtig verstehen. Vier Mal sah ich meine Mutter nach meiner Flucht aus dem Schloss noch. Drei Mal versuchte sie, mich mit eigener Hand umzubringen. Beim vierten Mal war ich es, die ihr das Leben nahm. Wir sprachen nicht miteinander bei dieser letzten Begegnung. Weder flehte sie um ihr Leben, noch bat sie mich um Verzeihung. Und trotz allem, trotz all des Schmerzes, den sie mir zugefügt hat, sehne ich mich nach ihr. Sehne mich danach, dass sie mein Haar kämmt, mich in den Arm nimmt und mir zuflüstert, dass alles gut wird. Dass die Magie diesmal nicht gewinnen wird. Dass sie immer meine Mutter bleibt. Ich sehne mich so sehr nach dieser Liebe, doch weder sie noch meine Mutter sind noch da. Ich habe sie brennen und vergehen sehen, und manchmal versuche ich mir einzureden, dass sie mir verziehen hat, in jenen letzten, schmerzgepeinigten Momenten, ehe das Feuer uns für immer auseinanderriss. Ich weiß, dass mein Gemahl mir niemals wahre Liebe schenken wird. Er hat sich in eine Leiche verliebt, und er wird mich vergessen, sobald meine Schönheit zu verwelken beginnt. Das ist das Schicksal, das ich mit allen Frauen meiner Linie zu teilen scheine; ein Fluch, der seit Jahrhunderten nicht gebrochen wurde. Aber vielleicht wird diesmal alles anders? Ich lächle traurig, als mir bewusst wird, dass genau dies die Worte waren, die meine Mutter mir immer zuflüsterte, damals, als ich auf ihrem Schoß saß und mit ihr hinaus auf den Schnee blickte.

Ich streiche mir das Haar aus dem Gesicht – rabenschwarz wallt es mir über die Schulter – und schüttle die Erinnerung ab. Es ist an der Zeit. Die Zukunft wartet auf mich, und eine Möglichkeit gibt es noch, diese Liebe zu spüren, die ich so sehnlich vermisse. Mein Hexenkörper mag unfruchtbar sein, aber die Magie kennt Mittel und Wege, die Natur zu überlisten. Es ist ein dunkler Zauber, den ich weben werde, aber meine Intention ist rein, und vielleicht genügt das diesmal, um den uralten Fluch zu brechen. Die stärkste Magie liegt im Blut. Deshalb öffne ich die Fensterläden, ergreife die spitze Silbernadel, die ich aus der Nähkammer mit heraufgebracht habe, und stoße sie mir in den Finger. Dann halte ich die Hand hinaus in die Kälte, genau über den äußersten Fenstersims, der von Schnee bedeckt ist. Drei Tropfen Blut lasse ich auf dieses winterliche Bett fallen. Ich führe den Finger zum Mund und sauge an der kleinen Wunde, schmecke das Kupfer und Eisen meines Blutes und spüre, wie die Magie zu wirken beginnt. Was für ein verstörender Anblick: rot auf weiß auf schwarz. Einen kurzen Augenblick lang wallt Angst in mir auf. Ich erinnere mich an all den Schrecken und das Leid, das meine Mutter und ich uns gegenseitig angetan haben. Aber dann lege ich meine Hand auf den Bauch und lächle. Noch ist er flach, aber Blutmagie verfehlt nie ihre Wirkung. Bald werde ich eine Tochter haben. Wie meine Mutter und deren Mutter und deren Mutter vor ihr. Man sagt, Hexen können keine Liebe empfinden, auch nicht für ihre eigenen Kinder. Wir werden sehen.

© 2016 by Christian Handel
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

Alle Rechte vorbehalten