Jens Grabarske

Karrierewechsel

Das Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN stellt sich vor: In Zusammenarbeit mit LovelyBooks präsentiert Tor ONLINE die ganze Bandbreite der deutschsprachigen Fantasy und Science Fiction. Mit uns am Start: Jens Grabarske, 1977 in Hamburg geboren und studierter Informatiker, Philosoph und Mathematiker. Er arbeitet mittlerweile als Softwareentwickler im Ruhrgebiet. Diese Kurzgeschichte entstammt der Anthologie "Die Irrlichter" aus dem Verlag Torsten Low.
Manche sagen, Irrlichter führen verirrte Wanderer ins Verderben, locken sie ins Moor. Andere wiederum sagen, dass jene leuchtenden Wesen, die oft als diffus verschwommenes Licht beschrieben werden, alle Pfade kennen. Die Wahrheit liegt – wie wohl alle Wahrheiten – irgendwo dazwischen. Aber vielleicht verhält es sich auch ganz anders …

Anfangs hatten wir Schwierigkeiten, uns an die Neuzeit zu gewöhnen. Früher, da war es einfach jemanden in die Irre zu führen, zu verleiten, ins Moor zu locken. Heute? Abgesehen davon, dass es nur noch wenige unberührte Moore und Sümpfe gibt, schaut jeder Trottel doch nur noch auf sein Handy, wo er hinlaufen muss. Da hat man kaum eine Chance, zwischen Wetterbericht und dem neuesten dämlichen Internet-Trend überhaupt wahrgenommen zu werden.

Aber ich will nicht klagen. Schließlich gibt es uns noch. Kobolde, Feen oder Elfen finden Sie in Deutschland nicht mehr. Da müssen Sie nach Island oder irgendwo in die Karpaten gehen, hier sind sie faktisch ausgerottet. Aber uns Irrlichter wird man so schnell nicht los. Das hat allerdings viel Anpassung gekostet und das Ablegen von alten, liebgewonnenen Gewohnheiten. Ja, ich würde sogar sagen, dass ein Stück Kultur dabei verschwunden ist.

Sehen Sie, wir Irrlichter blinken nicht einfach nur blöde und warten , dass jemand darauf hereinfällt. Das ist plump. Ein Anfängerfehler, wenn man so will. Wie alles braucht es Vorbereitung und eine gewisse Sorgfalt in der Ausführung.

Ich möchte Ihnen einmal ein Beispiel geben, damit Sie es besser verstehen. Das war so um 1750. Ein junger Mann auf der Walz. Also, ein Geselle, auf der Suche nach Arbeit. Deutlich erkennbar an der Zimmermannskluft, dem freien Gang, der Welt in den Augen. Auf dem Weg in die nächste Stadt kam dann die Dämmerung und die Dunkelheit, doch warum anhalten, warum Rast machen, wenn der Tatendrang einen noch vorantreibt und die Beine noch nicht müde sind und in der Ferne ein Bett und eine warme Mahlzeit locken, die er vielleicht in einem Gasthof bekommen kann? Wissen Sie, mich hat so etwas immer gereizt. Ein junger, kräftiger Mann. Jeder Trottel kann einen Betrunkenen auf dem Weg aus dem Schankhaus ins Moor treiben, er fällt ja schon fast von selbst hinein. Aber so ein Jüngling, das ist eine Herausforderung. Also schlich ich ihm nach. Wie er fröhlich pfeifend den Weg entlangschritt. Es hieß, den richtigen Moment zu erwischen.

Wenn Sie Bücher oder Märchen lesen, dann werden Sie vielleicht gehört haben, dass wir Irrlichter Menschen vom Weg abbringen. Das stimmt so nicht. Menschen sind nicht dumm, sie wissen, dass Wege immer irgendwohin führen und dass man auf ihnen, trotz Banditen, am sichersten ist. Einen Menschen von einem Weg fort zu locken, das ist sehr schwer. Natürlich, als junger Geist habe ich das auch immer wieder versucht, aber man lernt. Denn einfacher ist es, auf einen Moment zu warten, an dem der Mensch selbst den Weg verlässt. Das tun Menschen aus den verschiedensten Gründen. Um ihre Notdurft zu verrichten, um sich kurzzeitig zu verstecken oder, wie bei diesem Burschen, um von einem Bach zu trinken.

Hat der Mensch erst einmal den Weg verlassen, ist es wichtig zu verhindern, dass er wieder zurückgeht. Also blendete ich ein Reh, das verschreckt durch das Unterholz brach. Das Opfer, wie so viele vor ihm, fuhr hoch, das kalte Wasser noch in den Händen. »Ist da wer?«, fragte er bang, während er in die Stille horchte.

Ein kurzer Moment der Ablenkung. Aber ein wichtiger. Er soll den Weg vergessen. Zeit für eine erste Illusion. Ich leuchtete also, in einiger Entfernung, auf einer Lichtung. Das schwankende Licht einer Laterne.

»Hallo? Hallo, Sie? Verzeiht, werter Herr... oder werte Dame... Ich bin auf dem Weg nach Münster – hätten Sie vielleicht Unterschlupf für einen jungen Gesellen?« Es klingt paradox, aber der beste Verbündete eines Irrlichts ist die Dunkelheit. In ihr wird aus jedem Schemen das, was der Mensch sich erhofft – und das, vor dem sich der Mensch fürchtet. Ich bewege mich hin und her, und in dem Schwanken der Bäume und dem Rauschen meint er eine Gestalt zu sehen, die ihn zu sich winkt. Sicherlich können ein, zwei Schritte vom Weg nicht verkehrt sein oder? Einen Schritt machte er, einen zweiten dazu – und schon folgte er mir, wie ein braver Geselle seinem Meister folgt.

Hier ist nun wichtig, die Distanz zu wahren. Zu nah, und das Opfer würde sehen, dass es keine Laterne ist, der er folgt. Zu weit entfernt, und es erscheint abweisend. Also den Abstand halten. In der Gestalt eines Irrlichts hat man keine menschlich klingende Stimme, es muss also alles ohne Sprache geschehen, nur durch Licht und Schemen und den Wunsch dieses Gesellen nach einer Lagerstatt und einer warmen Mahlzeit.

Ich führte ihn nicht schnurgerade. Auch das wäre ein Anfängerfehler. Menschen sind gut darin, einfach eine gerade Linie wieder zurückzugehen. Ich führte ihn also in Schlangenlinien, durch das Unterholz, durch frischen Morast, durch junge Bäume, die an seiner Haut ratschten, durch Dickicht und Dornen und Gestrüpp.

Die Zeit, die es dauert, bis ein Opfer merkt, dass etwas nicht stimmt, ist sehr unterschiedlich. Einige merken es nach ein paar Minuten, andere gar nicht. Diesem Burschen fiel es nach einer Viertelstunde auf, der er der vermeintlichen Laterne gefolgt war. Dennoch, welche Wahl hatte er zu diesem Zeitpunkt? Der Weg zurück war nicht klar, und das einzige Licht weit und breit – das war ich. Also folgte er weiter, mit unsicherem Schritt.

Das kann man eine Weile so weitermachen. Sehen Sie, ein durchschnittlicher erwachsener Mann ist eigentlich kräftig genug, um in einem Moor, wenn er vorsichtig ist, wieder umzukehren und sich so zu retten oder zumindest sich nach hinten zu lehnen und sich hinauszuziehen. Um das zu verhindern, muss man also zunächst seine Kraft zermürben – und dann muss man dafür sorgen, dass er seine Besonnenheit verliert und unbedacht, ja, fahrlässig durch die Gegend irrt. Letzteres erreicht man durch Angst.

Nach zwei Stunden, in denen ich den Jungen durch den Wald irren ließ, war es so weit. Sein Stolz und das Leuchten in seinen Augen waren verschwunden. Er war erschöpft von dem Laufen im anstrengenden Unterholz. Er folgte mir, nicht mehr, weil er auf einen anderen Menschen hoffte, sondern weil ich der einzige Anhaltspunkt war, der Hoffnungsschimmer. Den Weg hätte er alleine nicht mehr gefunden.

Ich löschte also mein Licht. Finsternis umgab ihn nun, wo er zwei Stunden lang sich mit meinem Licht angefreundet hatte. Das Aufschrecken einiger Tiere tat sein Übriges. Statt sich dort an Ort und Stelle für die Nacht einzurichten und zu schlafen, beschleunigte er noch seinen Schritt. Seine Atmung wurde schneller, das Herz pochte, die pure Panik ergriff den jungen Burschen in dieser mondlosen und rabenschwarzen Nacht. Käuzchen riefen, Wildschweine grunzten, Wölfe heulten in der Ferne – alles mit etwas Nachhilfe durch einen gezielten Lichtstrahl, der die Tiere in ihrem nächtlichen Geschäft störte. Für den jungen Mann aber war klar, dass es genau diese Tiere waren, die ihm ans Leder wollten.

Alles, was ich nun noch machen musste, war – über dem Moor zu leuchten. Das vertraute Licht erschien wieder. Mit letzter Kraft zog es den Jungen in meine Richtung. Etwas Schlamm, etwas viel Schlamm, aber weiter, dort vorne ist das Licht, weiter. Merkt das Opfer, dass es nicht einfach nur Matsch ist, sondern ein Schlammloch in einem Moor, dann ist es zu spät. Er sinkt bis zur Hüfte hinein. Statt sich nach hinten zu lehnen, will er weg von den Geräuschen, er flieht zum Licht, und durch das Kämpfen sinkt er ein, bis nur noch der Kopf herausragt und langsam weiter einsinkt.

An diesem Punkt gehe ich gerne sehr nah heran und beobachtee die letzten Atemzüge meiner Opfer. Der Gesichtsausdruck ist dabei bei jedem unterschiedlich. Die einen schauen immer noch mit derselben Angst und Panik, die sie spürten, starr geradeaus. Andere sehen mich mit einer stummen Anklage an und einem entsetzten Verstehen – nicht, dass es helfen würde. Dieser Bursche wurde sehr ruhig. Sein Gesicht entspannte sich, als er den Tod willkommen hieß und erst sein Mund und dann seine Nase sich mit Schlamm füllten. Seine Augen waren ausdruckslos. Er schloss sie und versank.

Manchmal habe ich fast so etwas wie Mitleid. Wie ein Jäger, der seine Beute schätzt und respektiert, trauere ich um den einen oder anderen. Aber dennoch – ich bin ein Irrlicht, das ist, was ich tue. Sie würden ja auch nicht einen Löwen verurteilen, weil er eine Gazelle reißt. Unsere Jagd, das ist eine Kunst, dieser Tod hat eine gewisse Ästhetik, die in der Neuzeit verloren ging.

Wir Irrlichter mussten uns also neu orientieren. Uns anpassen. Menschliche Form annehmen. Dennoch – letztendlich tun wir immer noch dasselbe, was wir immer getan haben. Menschen verleiten und verführen. Und sobald wir uns angepasst hatten, lernten wir zu schätzen, welche unendlichen Möglichkeiten sich uns bieten. Einige von uns kann man fast als größenwahnsinnig bezeichnen, da sie ganze Völker verführen. Ich meinethalben gehöre zu der bescheideneren Sorte. Ich sehe, wie damals, meinen Opfern gerne ins Gesicht, während ihre Existenz verhaucht, auch wenn dies heute abstrakter und weniger greifbar ist.

Ich bin ein einfacher Bankangestellter, der mit jemandem wie Ihnen über Kredite redet. Der Ihnen vormacht, dass es um Ihre Interessen geht, freundlich lächelt, während ich Sie in Ihr Unglück stürze. Wie hier und jetzt mit diesem Antrag von Ihnen.

Vielleicht verstehen Sie jetzt, warum ich Ihre Umschuldung nicht genehmigen kann, obwohl ich es war, der Sie überhaupt erst zu diesem hohen Kredit gedrängt hatte. Ja, mir war damals schon klar, dass Sie ihn nie zurück zahlen können. Und ja, mir ist auch bewusst, dass Sie Kinder haben. Sollten diese Ihr Anwesen und Ihren Hof erben wollen, müssten Sie ebenfalls diese horrende Schulden abbezahlen, durch die Insolvenz wären die Immobilien eh nicht mehr greifbar. Es sei denn natürlich – sehen Sie, mir ist da ein gewisses Missgeschick unterlaufen. Ihre Lebensversicherung würde natürlich sämtliche Schulden begleichen und Ihre Frau und Ihre Kinder für ein paar Jahre über Wasser halten. Und normalerweise gibt es eine Klausel, dass die Versicherung nicht zahlen muss, wenn der Tod selbstverschuldet ist. Diese haben wir leider in diesem Vertrag vergessen.

Ich will nicht grausam sein. Hier auf diesem Zettel stehen die Namen von ein paar frei verkäuflichen Medikamenten. Wenn Sie diese zusammen einnehmen, dann ist der Tod relativ angenehm und schmerzfrei.

Wenn Sie mir allerdings einen großen Gefallen tun möchten – und ich würde mich da Ihren Erben gegenüber sehr erkenntlich zeigen –, dann gehen Sie ins Moor. Es hat für mich immer noch eine nostalgische Note, und ich denke immer noch wehmütig an die alten Zeiten zurück. Es würde mir wirklich viel bedeuten, noch einmal in das Gesicht von jemandem zu blicken, der entkräftet und verängstigt im Schlamm versinkt. Der alten Zeiten wegen.

© 2016 by Jens Grabarske
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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