Michael Schäfer

Mein Name ist Jedermann

Das Phantastik-Autoren-Netzwerk PAN stellt sich vor: In Zusammenarbeit mit LovelyBooks präsentiert Tor ONLINE die ganze Bandbreite der deutschsprachigen Fantasy und Science Fiction. Mit uns am Start: Michael Schäfer, 1971 in Troisdorf bei Bonn geboren. Nach Jobs im KFZ-Handel, Umzugsunternehmen und der Unterhaltungselektronik arbeitet er heute für einen bekannten Fliesenhersteller und lebt in Sankt Augustin zwischen Köln und Bonn
Inspiriert zu dieser Kurzgeschichte hat Michael Schäfer eine gute Freundin, deren Mutter wegen Alzheimer-Demenz ins Pflegeheim gekommen war. Die Erlebnisse mit ihr, vor allem, als sie noch zu Hause gepflegt wurde, hat der Autor – so weit möglich – in die Geschichte eingearbeitet.

»Guten Morgen, Elisabeth, ich bin es, Karl.« »O Karl, da bist du ja endlich«, sagte Elisabeth, die mir um den Hals fiel und mir Küsse auf die Wangen setzte. Zufrieden rückte sie von mir ab. Mein Bartwuchs hatte endlich die richtige Länge, nachdem ich ihn wiederholt korrigiert hatte. Somit entsprach ich ihrem Karl – so, wie sie ihn in Erinnerung hatte. »Wie findest du mich heute? Ich habe mich extra für dich feingemacht«, rief sie fröhlich und drehte sich vor mir im Kreis. Sie trug ein knielanges geblümtes Sommerkleid, das sich bei ihren Bewegungen bauschte. »Du siehst fantastisch aus, wie immer«, antwortete ich und wählte eine fein dosierte Begeisterung. »Wir wollten frühstücken gehen, nicht wahr?« »Ach, das Frühstück!«

Elisabeth schlug theatralisch die Hände vor dem Gesicht zusammen, zog sie weg und lachte. »Du solltest dein Gesicht sehen, Karl. Natürlich weiß ich, dass jetzt Frühstückszeit ist.« Kichernd ging sie zur Tür und öffnete sie weit. »Ich wollte dir nur schon mal zeigen, was ich tragen werde, wenn wir ausgehen. Kommst du?« Sie hielt mir ihren linken Ellenbogen hin, ich nahm die Aufforderung an, und Arm in Arm gingen wir in den Frühstücksraum. Sonntagmorgens um viertel nach acht war wenig los. Nur vereinzelt saßen Patienten an ihren Plätzen und klapperten mit Geschirr oder Besteck. Ich kannte Elisabeths Eigenheiten und hatte einen dünnen Kaffee und einen Teller Zwieback auf ihren gewohnten Platz gestellt. Ich nahm nur einen Tee zu mir, den ich später entsorgen würde. Wir saßen wie immer am Fenster, sie schaute gedankenverloren hinaus, zerbrach dabei ein Stück Zwieback und tunkte es in den Kaffee. Ich fragte, woran sie dachte. »Weißt du noch, wie wir auf dieses Konzert nach Bonn gefahren sind?«, fragte sie. »Diese irische Frauenband hat dort an der Museumsmeile gespielt, ich glaube, das ist 1992 gewesen. Die ganze Nacht sind wir durch die Rheinauen spaziert.«

Es war 1993 gewesen, doch ich korrigierte sie nicht. Das war nicht meine Aufgabe, und ich wollte sie nicht aufregen. Eine gebeugte, kleine Frau mit langen weißen Haaren kam mit ihrer Gehhilfe an uns vorbei. Ich grüßte sie höflich, während Elisabeth weiter aus dem Fenster sah. »Ich muss zu meinem Sohn«, sagte die alte Frau. »Wir sind zum Essen verabredet. Er ist Polizist und hat immer so wenig Zeit, aber jetzt treffen wir uns.« »Ich wünsche viel Spaß mit ihrem Sohn«, sagte ich in einer Lautstärke, die für ihre Hörimplantate optimal war. Ihr Sohn war 2018 bei einem Anschlag ums Leben gekommen. Zum Glück hatte sie das längst vergessen, und sie würde den Mann, der weiter hinten im Raum an einem Tisch auf sie wartete, für ihren Sohn halten. Eine halbe Stunde später erhoben wir uns. In Elisabeths halbvollem Kaffeebecher bedeckten Krümel die Oberfläche.

Arm in Arm und wir gingen hinaus in den Garten, der weitläufig das Gebäude umgab. Nach vier Minuten erreichten wir einen künstlichen Bachlauf mit einer Holzbrücke. Sie drehte sich zu mir und sah mir in die Augen. »Ist es nicht schön hier? Hörst du die Musik?«, fragte sie und lächelte verzückt. Meine Augen hatte ich an das leichte Stahlblau #6E7B8B angepasst, dass ihr am besten gefiel und Karls Augenfarbe am ehesten entsprach. Als sie mich kennenlernte, hatte die Farbe sie irritiert, obwohl sie nach seinen Fotos gestaltet worden war. Inzwischen hatte ich dazugelernt, jeder Mensch sah Farben anders. »Hör nur, Karl, sie spielen Tango Terrible!«

Als wir die Brücke überquerten, summte sie eine Melodie der französischen Musikerin Lydie Auvray. Wir setzten unseren Weg fort und schlenderten zwischen hohen Buchen einher, während sie von weiteren Konzertbesuchen erzählte. Musik hatte ihr immer viel bedeutet, und so weit ich es vermochte, ergänzte ich ihre Erinnerungen mit denen Karls. Nach 54 Minuten hatten wir unseren Rundweg beendet und kehrten ins Pflegeheim zurück. Der morgendliche Spaziergang belebte ihren Geist, ermüdete aber ihren Körper. Ich begleitete sie daher auf ihr Zimmer, half ihr beim Umziehen und hinlegen.

»Ich glaube, heute kommt Monika früher aus der Schule«, sagte sie, während ich sie zudeckte. »Mach dir keine Sorgen, ich bin doch heute mit Abholen dran«, antwortete ich, so beruhigend wie möglich, und wartete ab, bis mir ihre Vitalwerte verrieten, dass sie eingeschlafen war. Ihre Tochter hatte keine Kosten gescheut, sie bezahlte für eine Versorgung mit maximaler Überwachung. Da meine Aufgabe vorerst beendet war, verließ ich den Raum. Schwester Marie kam aus der Fahrstuhl schräg gegenüber, und wir nickten uns zu. Sie hatte auf dieser Station sechzig Patienten zu versorgen, auf den anderen neun dieses Gebäudes waren es nicht weniger. Insgesamt beherbergte der Pflegekomplex Rhein-Ruhr 2796 Patienten. Daher waren Pflegekräfte wie Marie dankbar für die Hilfe, die ich auf ihrer Station leisten konnte.

Am Mittag holte ich Elisabeth punkt zwölf Uhr zum Essen ab, denn sie hatte ihre festen Gewohnheiten. Nach dem Abendbrot um siebzehn Uhr spielten wir einmal die Woche in einer Patientenrunde Karten, zweimal übten wir mit dem Heimorchester zusammen. Sie spielte noch sehr gut mit dem Knopf-Akkordeon, dass sie sich nach ihren Vorbildern Lydie Auvray sowie Maria Kalaniemi angeschafft und zu beherrschen gelernt hatte. Bei den Heimbewohnern waren die gemeinsamen Proben und kleinen Konzerte sehr beliebt. So verliefen die meisten Tage im Pflegeheim: Feste Gewohnheiten und Rituale gaben allen Halt.

Vier Wochen später, wir kamen eben von einem Spaziergang zurück, stürzte sich Elisabeth überraschend auf einen Blumenstrauß, der auf einem Tisch im Gang stand. »Schau, den hat Frank mir geschickt«, rief sie begeistert und zog den Strauß aus der Vase. Es war ein Gebinde aus roten Rosen mit gelben Gerbera. »Oh, die Rosen duften so wundervoll!« Ich nahm die gut gefüllte Vase an mich – sie hatte nur Augen für die Blumen – und dirigierte sie in ihr Zimmer. Dort stellte ich Strauß und Vase auf ihren Tisch am Fenster, während Elisabeth mit gefalteten Händen davorstand und lächelte. Ihre blauen Augen waren wässrig, ihr weißblondes Haar stand wirr vom Kopf ab.

»Frank hat wirklich einen besonderen Geschmack. Und ich war so ungerecht zu ihm.« Ich antwortete ihr nicht, sondern nickte nur, weil ich die Situation nicht einschätzen konnte. Das Implantat unter der Haut ihres Handgelenks sendete ihre Biowerte an den Rechenverbund des Heim-Komplexes, ich erkannte nur einen leicht erhöhten Blutdruck. »Sollte ich wieder mit Frank reden? Was meinst du?« Mir war noch nicht klar, für wen sie mich im Augenblick hielt. Frank war ihr zweiter Ehemann gewesen, für den sie Karl verlassen hatte. »Ach Moni, wir müssen noch für die Schule lernen. Morgen ist der Test in Deutsch? Wir reden danach über Frank.«

Jetzt wurde mir klar, dass sie in mir ihre Tochter sah. »Wir haben morgen kein Deutsch, Mama. Wir haben noch Zeit. Ich bin müde, du nicht auch?« Monikas Stimme beherrschte ich sehr gut, ich hatte mehrere Stunden mit ihr geübt, und anhand alter Videoaufnahmen aus ihrer Kindheit traf ich auch ihren Tonfall als zehnjähriges Mädchen. »Ach, da hast du Recht. Es war ein langer Tag«, antwortete sie und drehte sich mit gerunzelter Stirn von dem Blumenstrauß weg. Mit etwas Mühe gelang es mir, ihr den Pyjama anzuziehen und sie ins Bett zu stecken. Ich wartete, bis ihr die Augen zufielen, und ging zur Tür, drehte mich dort noch einmal um und warf einen Blick auf die Schlafende. Sie war eine große, schlanke Frau, die im Februar ihren vierundsiebzigsten Geburtstag gefeiert hatte. Ihre Haut war immer noch glatt, nur um die Augen herum hatten sich Falten eingegraben. Jetzt hatte sie die Beine angezogen und lag da wie ein Embryo. Vor der Tür traf ich auf Schwester Marie, die einen neuen Blumenstrauß in der Hand hielt. »Wer hat denn die Rosen mitgenommen?«, fragte sie.

»Elisabeth hielt sie für ein Geschenk ihres zweiten Mannes«, sagte ich und setzte ein zerknirschtes Gesicht auf. Ich fand, dass sich Karls Mimik dafür hervorragend eignete. »Oha. Bisher war sie aber nicht so drauf. Wie geht es ihr?« Marie stellte den Strauß in eine neue Vase auf den Tisch im Gang und füllte sie mit Wasser aus einer Karaffe. Da ich natürlich einen Bericht über den Vorfall abgeben würde, sparte ich mir einen Kommentar und warf Marie einen bedeutungsvollen Blick zu, eine Geste, die ich mir beim Personal abgeschaut hatte. Sie verstand sofort, seufzte und ging zurück in das Stationszimmer. Ich ging ebenfalls und setzte mich in die Cafeteria, um mein Protokoll zu verfassen. Vielleicht war es nur ein kleiner Ausbruch gewesen und Elisabeth würde bald in ihren alten Zustand zurückfallen. Zurück zum Paar Karl und Elisabeth, die glückliche Zeiten miteinander erlebten.

Während der nächsten Tage war sie wieder verhältnismäßig klar, erkannte mich als ihren ersten Ehemann und war gut aufgelegt. An einem Abend, als außerhalb des Heims ein Sommergewitter tobte, schauten wir zusammen im abgedunkelten Gemeinschaftsraum einen Film. Auf einem großen papierdünnen Bildschirm lief ein ruhiger Reisebericht über Italien, da Dokumentationen bei vielen Patienten angenehme Erinnerungen wachriefen. Als eine Kirche in Rom gezeigt wurde, packte sie mich am Arm.

»Weißt du noch, Karl, unser erster Italienurlaub? War das 2000?« Ich brummte zustimmend, einen Italienurlaub in diesem Jahr kannte ich aus ihrer Biografie. »Wir sind mit meinen Freunden Alexander und Claudia in einem VW-Bus über den Brenner gefahren. Alex hatte so einen selbstumgebauten T4.« Vorsichtig antwortete ich: »Ja, ich erinnere mich.« Ich war gespannt, was sie mir zu erzählen hatte.

Blicklos sah sie auf den Bildschirm – die Bilder, die sie wirklich sah, erschienen vor ihrem geistigen Auge. »Das Hotel in Siena war überbelegt, und nur Alex und Claudia bekamen noch ein Zimmer. Wir schliefen im VW-Bus, das war in der Nähe dieser Kirche, San Rocco, erinnerst du dich?« Bevor ich einen Kommentar abgeben konnte, fuhr sie fort.

»In der ersten Nacht im Bus zeugten wir Monika. Ich war mir immer sicher, sie in dieser Nacht empfangen zu haben. Wir liebten uns wie nie zuvor, und du warst sehr leidenschaftlich.« In der Biografie der beiden hatte nichts von einem Zeugungsakt gestanden, daher spekulierte ich, dass sie noch nie mit jemandem darüber gesprochen hatte. »Du warst immer meine große Liebe, Karl«, fuhr sie leise fort, »auch wenn Frank ein wunderbarer Mann war.«

Ich hörte aufmerksam zu, jede neue Information über ihr Leben war wertvoll. Ich hob fragend eine Augenbraue, was sie vermutlich gar nicht bemerkte. »Ich liebte dich, doch ich war mir nie sicher, ob du der Richtige warst. Wie lange würde die Liebe anhalten? Würde sie genügen, um unserem Leben genug Sicherheit zu geben? Du warst nie ein zuverlässiger Mann, Karl. Oh, verzeih mir.« Sie legte meine Hände in die ihren, und mit feucht schimmernden Augen sah sie mich an. »Natürlich konnte man sich auf dich verlassen, wenn man dich um etwas bat«, sagte sie. »Doch du hattest deine eigenen Prioritäten. Man konnte nur schwer Pläne schmieden, die Zukunft war nie ein Thema für dich. Doch ich wollte etwas erreichen und erleben.« Was Elisabeth erzählte, konnte ich wohl unter »Lebensbeichte« abspeichern. Das war neu, die wenigsten Patienten waren in der Lage, noch so viel zu reflektieren. »Ich war froh, als ich schwanger wurde. Denn jetzt gab es ´einen Fixpunkt in meinem Leben. Wir mussten mehr planen, und du wurdest zuverlässiger.« Ihre Hände waren feucht und drückten meine sehr fest.

»Trotzdem war ich nie ganz zufrieden«, fuhr sie leise fort. »Als später Frank auftauchte, gab er mir genau das, was ich wollte. Er war strukturiert, konnte mit Geld umgehen und tat alles für mich.« Sie stockte und sah mich an. Vorsichtshalber checkte ich die Parameter meines Aussehens, doch alles war, wie ich es optimiert hatte. Ich sah aus wie Karl mit vierzig Jahren, darauf reagierte sie am besten. Sogar die kleine Narbe auf dem linken Handrücken war in der richtigen Größe an der richtigen Stelle. Sie sah mich vier Sekunden an, dann sagte sie: »Leider machte mich die ganze Sicherheit nicht glücklich. Ich hoffte, damit meine Ängste bekämpfen zu können. Doch in Wahrheit … ich wollte nur frei sein.«

Diese Situation war außerhalb meiner Erfahrung, daher schwieg ich vorsichtshalber. Sie wandte sich von mir ab und starrte auf den Bildschirm, der Bilder der Toskana zeigte. Elf Minuten lang sagte sie nichts, kaute auf der Unterlippe und sah – oder sah nicht – dem Film zu. Unvermittelt sprang sie auf, zog mich an den Händen mit sich. »Komm, der Film ist langweilig, lass uns flanieren gehen.« Wir verließen den Raum, und Elisabeth war wie ausgewechselt. Ich hatte ihre Erzählung aufgezeichnet und würde sie ihrer Tochter zur Verfügung stellen. Denn dafür nahm sie meine Dienste schließlich in Anspruch: Damit nichts mehr aus dem Leben ihrer Mutter verloren ging.

Sechs Wochen später holte ich sie von einer Orchesterprobe ab. Ich trug ihr Akkordeon und versuchte, sie mit Smalltalk zu unterhalten. Sie war sehr schweigsam, die Probe für die Aufführung des Orchesters am nächsten Sonntag schien nicht gut verlaufen zu sein. Ich war nicht anwesend gewesen, da es eine Konferenz aller Stationsärzte mit dem Pflegepersonal und allen Hilfskräften gegeben hatte. Ich stellte das Instrument auf den Boden und wollte es in seinem Transportkoffer verstauen. Doch sie nahm es mir ab. Schroff sagte sie: »Ich möchte noch etwas üben.«

Ich wehrte mich natürlich nicht, schließlich hatte die Musik eine gute Wirkung sie. Am Fenster sitzend, das Instrument an der Brust, legte sie die Finger auf die Knöpfe und runzelte die Stirn. Ich ging hinaus, um frische Wasserflaschen zu besorgen, da der Kühlschrank leer war. Ich musste eine Etage tiefer gehen, denn auf dieser waren die Kästen im Vorratszimmer leer. Als ich zurückkehrte, saß sie auf dem Stuhl und schien wie erstarrt zu sein; Tränen rannen ihre Wangen herab, und kein Ton kam aus dem Akkordeon. Nach diesem Tag spielte sie nie mehr darauf, ich packte es in seinen Koffer und meldete sie vom Orchester ab. »Ich weiß nicht mehr, wie man spielt«, hatte sie unter Tränen gesagt. »Ich bekomme keinen richtigen Akkord mehr heraus.«

Als ich sie an dem Abend ins Bett brachte, erkannte sie mich nicht. Im Bad hielt sie sich für ihre Tochter und wollte von mir wissen, wie man richtig die Zähne putzt. Ich erwähnte alles in meinem Dossier an ihren Arzt und die Pflegeleitung. Meiner Erfahrung nach kamen diese Symptome zu früh. Allerdings war ich nicht befugt, Empfehlungen abzugeben. Ich durfte sie nur begleiten, für eine schöne Zeit sorgen und alles für ihre Nachkommen aufzeichnen. Dies tat ich, im Rahmen meiner Möglichkeiten.

Den Herbst erkennt man daran, dass es mehr regnet, kälter wird und der Verbrauch an Antidepressiva steigt, erzählte mir einmal Marie. Elisabeth bekam er nicht, sie litt unter Stimmungsschwankungen. An einem Tag stritt sie mit mir als Karl und machte ihm Vorwürfe, nicht genug im Leben geleistet zu haben. An einem anderen Tag saß sie nur apathisch im Wintergarten und sah den Wasserschleiern des Regens zu, die an den Fenstern hinabliefen. Einmal hatte sie einen klaren Moment und fragte, wo sie sei und warum ich wie ihr Ex-Mann aussähe. Doch das war flüchtig wie immer, wenig später hatte sie es vergessen. Ich schickte regelmäßig Berichte an Monika, aber leider hörte ich in dieser Zeit nur wenig von ihr. Ich bekam eine Nachricht, dass sie schwanger wäre und nicht reisen könne. Das war verständlich und bedauerlich. So mussten meine Fähigkeiten ausreichen, Elisabeth ihre Familie zu ersetzen.

Eines nachts irrte sie durchs Haus, dank des implantierten Chips fand ich sie schnell wieder. Sie stand vor dem Haupttor, das Personen mit ihrem Status ohne Begleitung nicht passieren konnten, und wollte nach Paris reisen. Behutsam brachte ich sie zurück. Ich verstand nicht, warum man ihr keine anderen Medikamente gab, für mich verschlechterte sich Elisabeth Zustand zu schnell, doch durfte ich an meiner Objektivität zweifeln? Sie aß kaum noch zu Mittag, dafür mehr abends. Ihre Gewohnheiten waren auf den Kopf gestellt. Sie schlief viel mehr am Tag und unternahm einsame Wanderungen durchs Haus, wollte entweder nicht, dass ich sie begleitete, oder stahl sich davon, wenn ich nicht in der Nähe war. Sie war weiterhin folgsam, aber das beruhigte mich nicht. Ich bekam Zweifel, meine Aufgabe erfüllen zu können. Daher stellte ich an die Zentrale ein Ersuchen auf Revision. Ich erhoffte mir eine gründliche Untersuchung und die Prüfung meines Verhaltens auf Mängel. Leider blieb die Inspektion aufgrund von Zeit und Personalmangel aus. Das war bedauerlich, denn ich fand meine große Besorgnis um Elisabeth ungewöhnlich.

Die Tage häuften sich, wo sie nur apathisch im Wintergarten der Cafeteria saß, hinaus ins Freie traute sie sich nicht mehr. Inzwischen kam es vor, dass sie selbst mich nicht mehr erkannte, egal wen ich dank meiner Mimikry-Fähigkeiten nachahmte. Sie benötigte immer öfter Hilfe der Pflegekräfte, die ich alleine nicht mehr leisten konnte. Der Winter kam, und Elisabeth machte sich auf zu gehen, schrieb ich in einen Bericht an ihre Tochter.

Ende Januar meldete sich Monika wieder. Sie hatte ein Mädchen entbunden und war in der Lage zu reisen. Ich freute mich, so konnte ich meine Erlebnisse persönlich berichten. Als sie eintraf, brachte sie ihren neuen Ehemann und ihre kleine Tochter mit. Als sie zu dritt das Zimmer betraten, reagierte ihre Mutter zuerst nicht. Monika redete leise auf sie ein, während ihr Mann mich seltsam ansah. Ich war diese Art Blicke gewöhnt, daher störte es mich nicht. Als Monika ihrer Mutter den Säugling zeigte, lebte diese sichtlich auf. Sie legte das Kind vorsichtig in Elisabeths Arm, und endlich zeigten sich Reaktionen bei ihr. Sie lächelte ihr Enkelkind an und sagte: »Monika, du süßer Fratz.«

Ich beobachtete, wie Monikas Augen feucht wurden. Sie bat mich, für einen Moment hinauszugehen, wofür ich Verständnis hatte. Vor der Tür blieb ich stehen, und meine ausgezeichneten Ohren nahmen selbstverständlich wahr, was ihr Ehemann über mich sagte. »Das ist er also? Er sieht wirklich wie dein leiblicher Vater aus.« Und seine Frau antwortete: »Ja, das ist er. Ich hatte dem Heim alle Fotos und Videos meiner Familie gegeben, das weißt du doch.« »Ich finde ihn unheimlich.«

»Es geht ihr mit Begleitung viel besser als alleine. Darüber gibt es zahlreiche Studien.« »Er kostet uns eine Stange Geld.« »Er kostet mich eine Stange Geld. Und sie ist meine Mutter. Ich möchte keine Diskussion mehr darüber.«

Ich entfernte mich so weit wie möglich, um nicht den Verdacht zu erregen, ich würde lauschen. Natürlich waren meine Dienste nicht kostenlos. Dafür stand ich den Patienten auch vierundzwanzig Stunden zur Verfügung. In jeder möglichen Gestalt.

Monika und ihre Familie kehrten nie wieder zurück. Sie müsse sich nun um ihre Tochter kümmern, sagte sie mir. Sie habe ihr Leben noch vor sich, während ihre Mutter ihres gelebt hatte, unwiderruflich. Trotzdem sollte sie nicht allein bleiben und ich behielt meine Aufgabe. Also schickte ich ihr weiterhin Berichte über den Weg ihrer Mutter, so wie es meine Pflicht war. Elisabeth vergaß immer öfter zu essen und zu trinken, ich musste sie ständig dazu anhalten, ihr Glas Wasser zu leeren. Ich blieb weiterhin Karl, es war die Rolle, die ich am besten beherrschte, und ich rechnete trotz allem damit, dass sie wieder klare Momente haben würde. In der Pfingstwoche bekam ich endlich einen Termin für eine Revision. Die Untersuchungen fanden in der Zentrale in Düsseldorf statt und dauerten 48 Stunden. Ich wurde gründlich auf den Kopf gestellt – alle meine Werte waren normal. Mein Verhalten wurde nicht kritisiert und schien nur harmlose Abweichungen aufzuweisen. Als ich in die Rhein-Ruhr-Kliniken zurückkehrte, empfing ich wieder Datenströme des Netzwerkes. Ich suchte nach Daten über Elisabeth, fand jedoch keine. Bestürzt stieg ich in den Fahrstuhl und forderte von der Station ein Informationspaket an, bekam aber keine Antwort. Als ich ihr Zimmer betrat, war es leer. Schwester Marie hatte mich gesehen und lief zu mir.

»Sie hatte gestern einen Zusammenbruch. Ihre Werte verschlechterten, sich und aufgrund der Prognose hat der Arzt entschieden, sie zu verlegen.« Ich nickte, im Informationssystem hatte ich endlich ein großes Memopaket gefunden, daher waren ihre Informationen überflüssig.

»Die Zentrale teilte uns mit, du kämst erst morgen«, fuhr Marie fort, und ich nickte abermals. Obwohl sie schon lange auf der Station arbeitete, erhöhte sich ihre Augenfeuchtigkeit sichtbar. »Ich glaube, sie wollte einfach nicht mehr«, fuhr sie fort.

Das war eine subjektive Behauptung, ohne die Fakten zu beachten. Dennoch konnte ich verstehen, wie sie zu dieser Ansicht gekommen war. »Sie wurde ins Hospiz verlegt?«, fragte ich überflüssigerweise. »Ja, auf Anweisung des Oberarztes. Ihre Tochter haben wir verständigt und die Genehmigung erhalten.«

Ich drehte mich um und ging. Das Hospiz befand sich abseits des Gebäudekomplexes, von einem eigens angelegten Wald umgeben. Ich betrat das Haus, in dem es im Gegensatz zum Heim sehr still war, durch den Haupteingang. Nur wenige Besucher standen in der Eingangshalle und redeten gedämpft miteinander. Da ich alle Daten kannte, war es einfach, Elisabeths Zimmer zu finden. Sie lag schlafend in einem Sensorbett, ihr Gesicht grau und eingefallen. Neben ihr stand ein Tropf, und über ihrem Bett hing ein großer Bildschirm, der alle Vitalwerte in einer Übersicht zeigte. Ich ignorierte die Daten, sie hätten mir nichts gebracht. Noch schlug ihr Herz, sie konnte selbständig atmen, doch sollten ihre Organe versagen – ich kannte ihre Verfügung für diesen Fall: Lebenserhaltende Maßnahmen waren nicht erwünscht!

Ich starrte die alte Frau, die einmal die fröhliche, lebenshungrige Musikliebhaberin gewesen war, eine Weile an – exakt 248 Sekunden nach meiner inneren Uhr. Sie schlief weiter, und ich ging hinunter in den Empfangsbereich. Eine Familie mit einem Kind, einem Jungen von sechs Jahren, wie ich schätzte, stand am Empfang. Die Eltern redeten leise mit der Krankenschwester hinter dem Tresen, während der Junge gelangweilt umherschaute. Unvermittelt zeigte er mit aufgerissenen Augen auf mich: »Mama, was hat der Mann da?«, schallte es durch die Halle. Alle Blicke richteten sich auf mich. Ich überprüfte mich und erkannte, dass ich ständig mein Gesicht veränderte. Von Karl zu Frank, dann zu Monika und wieder zu neutral. Meine Züge, meine Augenfarbe, meine Haare und die Nase, alles änderte sich in einer fortwährenden Metamorphose. Ich war ebenso erstaunt wie dieser Junge. Meine Mimikry-Fähigkeiten setzte ich nur im Pflegeheim ein, nie änderte ich mein Aussehen öffentlich. »Hab keine Angst, mein Junge«, sagte die Krankenschwester hinter dem Tresen. »Das ist nur einer unserer neuen AMN-100-Androiden. Wir setzen sie zur begleitenden Pflege der Patienten ein, vor allem bei Alzheimer-Demenz.«

»Ach so, das ist einer von diesen Andriden?«, fragte der Junge neugierig. »Es heißt Andro, nicht Andri«, berichtigte seine Mutter, und die Eltern sahen mich skeptisch an. Ich formte mein Karl-Gesicht und behielt es bei, dann setzte ich mein freundlichstes Lächeln auf und ging. Dabei hörte ich noch, wie der Junge »cool« sagte, was immer er damit meinte. Ja, ich war einen von »denen«. Das hörte ich oft von den Menschen. Dank meiner plastischen Formhaut, den Kunsthaardrüsen und meiner Fähigkeit, in begrenztem Maße auch meine Körpergröße zu variieren, war ich sehr anpassungsfähig. Mein Gehirn bestand aus 1024 3D-Prozessoren der neuesten Generation. Ein künstliches neuronales Netz aus biologisch gezüchteten Zellen simulierte Gefühle. Ich sollte die Menschen auf ihrem letzten Weg begleiten, indem ich ihnen Freunde und Verwandte ersetzte, damit sie sich besser fühlten und nicht einsam waren. Langsam spazierte ich durch den kleinen Wald und verfeinerte Karls Züge auf eine Version, die ihn mit sechzig Jahren zeigte. Leicht graue Haare, tiefe Falten neben der Nase und ein grauer Kinnbart. Er war mit vierundsechzig an Pankreas gestorben und hatte damals bereits fünfzehn Jahre von Elisabeth getrennt gelebt. Noch mehr Daten aus der Vergangenheit dieser Menschen kamen mir in Erinnerung ¬– ich schaltete sie ab. Ich war verwirrt genug: Als Android-Mimikry-Nurse, Modell 100, gehörte Unsicherheit nicht zu meinen Eigenschaften. Aber selbst meine Fähigkeiten schienen außer Kontrolle zu sein. Ich hatte zahlreiche Erinnerungen in meinen Speicherbänken. Meine Programmierung zielte darauf ab, Persönlichkeiten nachzubilden, damit die Patienten glaubten, echte Menschen vor sich zu haben. Selbst wenn diese in der realen Welt längst verstorben waren. Ich hatte schon mit unterschiedlichen Patienten interagiert, ich verstand meine Aufgabe – trotzdem, die Menschen zu verstehen gelang mir immer noch nicht. Sie waren unlogisch, intolerant, logen und blieben oft bis zum Ende widerspenstig. Was war an diesem Zustand so besonderes, den sie Leben nannten, dass sie sich so sehr daran klammerten? Viele verloren den größten Teil ihres Gedächtnisses und wurden wieder zu Kindern: fröhlich, lachend, verspielt. Als wären mit ihren Erinnerungen auch alle Sorgen und Sünden der Welt gelöscht worden. Seit ich Elisabeth begleitete, war ich verunsichert. Früher war mein neuronales Netz nicht mit dem Philosophieren über die menschliche Existenz beschäftigt gewesen. Meine Überprüfung in der Zentrale hatte keine Fehler gefunden. Das ließ den Schluss zu, dass ich so funktionierte, wie ich sollte.

Die Induktionsstreifen, die in die Gehwege eingelassen waren, versorgten mich mit Energie, daher ging ich bis Mitternacht weiter um das Gebäude spazieren. Zweimal sah ich nach ihr – sie schlief unverändert. So ging ich drei Tage ununterbrochen um das Hospiz herum und besuchte Elisabeth. Die Schwester am Empfang beobachtete mich bereits misstrauisch, aber die Heimleitung rief mich nicht ab. Meinem künstlichen Gehirn war es inzwischen gleichgültig. Erst zwei Tage später änderte sich etwas bei Elisabeth. Ihr Blutdruck war niedrig, die anderen Werte sahen nicht gut aus, nur die Hirnaktivität hatte sich gesteigert. Ich stand neben ihrem Bett, hielt ihre dürre, altersfleckige Hand, so wie ich es gelernt hatte, um das menschliche Verhalten nachzuahmen. Ohne Vorwarnung drückte sie plötzlich meine Hand, dabei hatte ich ununterbrochen den Monitor mit ihren Werten beobachtet. Als ich mich von den bunten Anzeigen abwandte, bemerkte ich, dass sie mich ansah. Ihr Blick war klar und nicht trübe, so wie zuletzt. Mit meinen perfekt nachgeahmten stahlblauen Karl-Augen sah ich in die ihren. »Schatz?«, fragte sie schwach, meine eingebauten Verstärker übermittelten es tadellos. Ich wählte die Antwort mit der höchsten Wahrscheinlichkeit: »Ja, Liebes?« Sie drückte meine Hand minimal fester. »Karl, verzeihst du mir?«

Meine Prozessoren errechneten in Bruchteilen von Sekunden zahlreiche mögliche Antworten. Mein neuronales Netz verwarf alle. In ihrer Frage lag ein ganzes Leben, keine Statistik oder Hochrechnung konnte sie beantworten. Ich sah aus wie ihr erster Ehemann. Also antwortete ich wie er: »Ich verstehe dich. Ich habe dir schon verziehen.« Ihr Griff ließ nach, ihre Hand rutsche aus der meinen. Ich ließ sie auf das weiße Laken fallen. Ellie hatte die Augen wieder geschlossen. Ich drehte mich um und ging, warf noch einen letzten Blick auf die Schlafende und speicherte einen Screenshot meiner Kunstaugen davon ab. Das Bild würde ich dem letzten Bericht an ihre Tochter anhängen. Draußen im Park setzte ich mich auf eine Bank. Ich hatte Zeit. Im Gegensatz zu allen Menschen um mich herum hatte ich kein Problem mit dem Altern. Ich war ein zeitloses Ding im Zentrum des Verfalls. Ich saß 34 Stunden dort, wartend. Dann bekam ich die Meldung: Elisabeths Herzschlag hatte ausgesetzt.

Meine Augen erlitten eine Fehlfunktion. Die künstlichen Tränendrüsen sonderten unkontrolliert Flüssigkeit ab. Ich war defekt, es war eindeutig. Bestimmt spielten die gezüchteten Hirnzellen verrückt. Ich war ja kein Mensch, alle Gedanken und Gefühle nur eine raffinierte Simulation. Karl, Frank, Elisabeth, alle hatten ein Leben gelebt – ich kannte Sorgen, Ärger und Liebe nur aus Erzählungen, konnte sie nur nachspielen. Gesetze regelten bei Androiden wie mir, dass wir als Lebewesen anerkannt wurden. Waren wir echtes, wahres Leben? »Lassen Sie die Tränen ruhig laufen, junger Mann«, sagte ein älterer Herr mit Glatze, der auf einen Stock gestützt vor mir stand. Meine Sensoren hatten ihn zwar bemerkt, ich hatte es jedoch ausgeblendet.

»Trauern Sie nur, das hilft. Und machen Sie sich keine Vorwürfe.« Er hielt mich wahrscheinlich für einen Angehörigen, warum auch nicht. Ich stellte den Tränenfluss ab, was nicht sofort geschah – wieder eine Fehlfunktion. »Der Tod ist die Hoffnung des Lebens«, fuhr der Alte fort. »Ich weiß das, ich habe zwei Ehefrauen begraben und letzte Woche meinen Bruder. Es schmerzt jedes Mal. Aber alles hat einen Sinn. Wir sind nur nicht dafür gemacht, ihn zu verstehen.«

Ich scannte den Mann, er trug keinen Chip und war daher kein Patient. Ich nickte ihm freundlich zu, er lächelte zurück. Bedauernd – und wissend zugleich. Er ging langsam weiter, ich blieb sitzen und vermutete, dass er Recht hatte. Ich, der selbst keine Ahnung davon hatte, sollte anderen durch ihr Leben helfen. Und jetzt war wieder eins gegangen.

Zuletzt hatte sie gelächelt, zufrieden mit meiner, mit Karls Antwort. Jedoch – diese Antwort hatte er nie gegeben. Ich hatte sie erfunden und gelogen. Aber war das so wichtig? Mein neuronales Netz wies offenbar zahlreiche Fehler auf, ich durfte gar nicht über diese Dinge nachdenken. Meine Funktion war wichtig. Für wirre Gefühlsregungen war ich nicht gebaut worden, womöglich wurde ich noch zu einer Gefahr für die Patienten. Daher gab es nur eine Lösung. Ich stand auf, ließ mich noch einmal von meiner künstlichen Intuition leiten – oder meiner fehlerhaften Programmierung – und ging zurück in Elisabeths Zimmer. Ihr Eigentum war noch nicht entfernt worden, daher packte ich den Koffer mit dem Akkordeon aus dem Schrank, entnahm das Instrument und legte es um. Schon damals, als Ellie noch gespielt hatte, hatte ich mir eine Anleitung zum Spielen in meinen Speicher geladen. Ich setzte mich auf das Bett und stimmte erste Akkorde an. Ich hatte Elisabeth oft zugeschaut und mir alle Griffe eingeprägt. Eine dieser Erinnerungen rief ich ab, spielte Tango Terrible von Lydie Auvray, und vielleicht war es das letzte Mal, dass jemand auf diesem Instrument spielte.

Bald kamen einige Krankenschwestern angelaufen, um nachzusehen. Seltsamerweise ließen sie mich spielen. Beim fröhlichen Arctic Paradise von Maria Kalaniemi wippten einige im Takt mit den Füßen. War es falsch, Musik an einem Ort wie diesen zu spielen? Hatte der alte Mann nicht gesagt, der Tod ist die Hoffnung des Lebens? Erfreute Musik nicht die Herzen der Menschen? Immer mehr Leute kamen hinzu und füllten den halben Raum. Mich störte es nicht. Ich spielte 37 Minuten lang. Dann stand ich auf, verließ das Hospiz und benachrichtigte die Zentrale. Ich bat sie darum, mein fehlerhaftes Ich zu löschen.

»Guten Tag, Martin, ich bin es, Carola!« »Mensch, Carola, wo bist du so lange gewesen?« Der große, dürre Mann kam leicht gebeugt auf mich zu und umarmte mich. Zärtlich strich er über meine graubraunen Locken. Meine Augenfarbe entsprach #458B74, Aquamarinblau. Ich hieß Carola und sah aus wie die verstorbene Frau des Mannes. Aber das war egal, ich konnte jedermann sein. Ich war schließlich ein Androide vom Typ AMN-100, es war meine Aufgabe zu helfen. Alles andere war – unwichtig.

© 2016 by Michael Schäfer
Mit freundlicher Genehmigung des Autors

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