Am 3. Januar 2022 wäre sie hundert Jahre alt geworden: Ágnes Nemes Nagy, ungarische Autorin und Übersetzerin. Zu diesem Anlass erschien bei roughbooks dieser Band "Mein Hirn: ein See", übersetzt (wenn nicht in Klammern anders angegeben) und herausgegeben von Orsolya Kalász und Christian Filips.
In seinem Nachwort weist Filips auf die vielen Perspektiven und Sprechweisen (man könnte viell. auch "Sounds" sagen) in Nagys Gedichten hin. Und in der Tat ist es spannend, wie in ihrer Poetik Betrachtung, Einfühlung und Anverwandlung verschmelzen. Statt zum Gemälde oder Stillleben zu gerinnen, entpuppen sich ihre Texte immer wieder als fruchtbares Gelände, als Humus, in dem einzelne Worte und Sätze prächtig gedeihen (oder vergehen) und das Geschilderte lebendig und beweglich bleibt, widerspenstig auch. Kein zementiertes Abbild sind sie, sondern ein flüchtig-fester Griff nach den ständigen Metamorphosen des Seins.
In Teilen hat mich Nagys Poetik an jene von Louise Glück, der Nobelpreisträgerin von 2020, erinnert. Glücks Gedichte machen eine Menge Ambivlanzen auf, was die Idee einer kultivierten, eingehegten Natur, einer menschlichen Dominanz angeht. Auch bei Nagy nehme ich diesen Zug war, wenngleich die beiden Werke auch vieles wieder trennt (allein schon die Sprachen, in denen sie verfasst wurden; Filips geht in seinem Nachwort kurz auf die Besonderheiten des Ungarischen ein, einer historisch und sprachfamiliär relativ isolierten Sprache).
Ansonsten können Nagys Texte, wie angesprochen, vieles aufbieten, nicht zuletzt: Humor. Und zwar Humor von der besten Sorte, nämlich einen, der dem Ernst einer Sache nicht zu entrinnen, sondern zu genügen versucht - zudem hier und da auch bisschen surreal und anarchisch ist. Weitere Vorzüge ergeben sich hoffentlich aus den Textbeispielen!
Lyristix


