Epidemie

von Åsa Ericsdotter 
4,6 Sterne bei41 Bewertungen
Epidemie
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Erschütternd, schonungslos und absolut furchterregend

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Nichts für schwache Nerven.

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Inhaltsangabe zu "Epidemie"

Die »Gesundheitspartei« hat unter Führung von Johan Svärd die Macht übernommen. Ihr politisches Programm: Das Volk von der Gefahr der Fettsucht zu befreien. Jeder wird nach Gewicht und Fettindikator klassifiziert. So auch Landon, ein junger Forscher, der sich auf die Suche nach seiner Liebe Helena macht. Und dabei ein rasch verändertes Land und eine dunkle Spur aus Gewalt vorfindet. Was geschieht mit all den Übergewichtigen – und was steckt hinter jenen »Fat Camps«, die es geben soll?

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783038802013
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:384 Seiten
Verlag:Arctis Verlag
Erscheinungsdatum:09.03.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    Phyrias avatar
    Phyriavor 7 Monaten
    Einfach nur schockierend und doch so genial

    Der charismatische Ministerpräsident Johan Svärd hat vor den anstehenden Wahlen mit seiner Gesundheitspartei nur ein Ziel, Schweden soll das schlankste Land Europas werden. Er hat dem Land versprochen, dass es gesünder und dünner wird und um dieses Versprechen einhalten zu können lässt er nichts unversucht und greift zu immer schlimmeren Maßnahmen. Bald reichen ihm schon die ganzen vorhandenen Auflagen nicht, es muss schneller gehen, die Fettepidemie in seinem Land muss mit allen Mitteln bekämpft werden.


    Unglaublich, dass dieser Roman ein Debüt ist, die Autorin hat mich regelrecht sprachlos zurückgelassen. Ein absolutes Lesehighlight und gehört jetzt schon zu meinen Lieblingsbüchern.
    Ein Roman, der aus verschiedenen Perspektiven die Grausamkeiten erzählt, die die Gesundheitspartei sich ausdenkt und immer wieder umsetzt ohne, dass irgendjemand etwas dagegen unternimmt. Die Gesellschaft wird manipuliert, es scheint als hätte man sie einer Gehirnwäsche unterzogen, wie die Verrückten feiern sie Johan, ihren gutaussehenden Ministerpräsidenten, der es schafft jeden um den Finger zu wickeln.  
    Für viele besteht das Leben nur noch aus Kalorienzählen, überall sind Fitnessstudios, es wird nicht davor zurückgeschreckt selbst Normalgewichtigen Diätpräparate zu verabreichen oder gar Baby's und Kinder einer Operation zu unterziehen. Alles für die Gesundheit, wer's glaubt.
    Es ist unfassbar wie real der Inhalt wirkt, oftmals musste ich das Buch kurz schließen und durchatmen, weil es so unglaublich menschenverachtend ist was hier dargestellt ist und gerade deswegen kommt man nicht umhin Assoziationen zu der Hitler Zeit oder selbst zu Trump zu ziehen. Kann es wirklich so weit kommen fragt man sich und die Antwort ist eindeutig ja, zuzutrauen wäre es. Das was hier beschrieben wird richtet sich zwar gegen die Übergewichtigen aber man könnte sie ganz leicht durch eine andere diskriminierte Gruppe von Menschen ersetzen. Es zeigt auf wie wichtig es ist nicht allem Gesagten zu vertrauen, dass man nicht einfach jemandem folgen sollte nur weil es der leichtere Weg ist. Lasst nicht andere für euch denken. Keiner sollte aus der Gesellschaft ausgeschlossen werden nur weil er nicht einem perfekten Idealbild entspricht.


    Die Erzählweise ist brisant, die Autorin beschönigt nichts und dadurch, dass man direkt mitten im Geschehen ist bekommt man einen ziemlich guten Einblick in Schwedens Entwicklung nach nur drei Jahren Amtszeit der Gesundheitspartei. Und wenn man denkt, dass es ja eigentlich kaum schlimmer kommen könnte, geschieht genau das. 
    Mit diesem Roman habe ich alle Emotionen durchgelebt, ich war mich am aufregen, den Tränen nahe, geschockt und fassungslos und einfach nur von tiefer Trauer ergriffen. Dieses Buch ist aufrüttelnd, meisterhaft geschrieben und behandelt ein brisantes Thema. Ich wünschte mir, dass es so viele Menschen wie nur möglich lesen würden. Es ist keine leichte Kost und dennoch ist die dahinter stehende Message immens wichtig. 


    Die Charaktere sind unglaublich gut ausgearbeitet und bis auf Svärd habe ich sie alle nur zu gerne begleitet. Im Gegensatz zu anderen Büchern freut man sich hier auf die Perspektivwechsel, weil man dadurch viel mehr mitbekommt, erlebt und es einfach nötig ist um sich ein besseres Bild machen zu können. Einige Charaktere habe ich wirklich ins Herz geschlossen.
    Man muss dieses Buch selber lesen um auch nur ansatzweise verstehen zu können wie ich mich beim Lesen gefühlt habe. So realitätsnah und erschütternd, einfach nur unglaublich. 

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    kleine_welles avatar
    kleine_wellevor 9 Monaten
    Erschreckend

    In Schweden ist eine neue Partei an der Macht. Die Gesundheitspartei. Diese achtet massiv darauf, dass die schwedische Bevölkerung abnimmt. Das geht sogar so weit, dass Leute die zu viel wiegen entlassen werden. Außerdem werden schon Kinder in der Grundschule nach ihrem Gewicht getrennt, damit die „übergewichtigen“ Kinder abnehmen können. Wenn das nichts hilft, werden diese sogar schon operiert. Doch kaum jemanden scheint das zu stören und fast alle machen mit.

    Das Cover gefällt mir sehr gut. Dieses leicht sandige Gefühl beim darüberstreichen ist klasse, ich liebe sowas. Kleines Manko, der Autor steht leider nicht drauf.
    Wow, das Thema ist schon wirklich harter Tobak und ist nicht so leicht zu verdauen. Oben habe ich geschrieben, fast alle machen mit und genau darin liegt das Problem. Der Großteil der Bevölkerung folgt der Gesundheitspartei vorbehaltlos und schluckt Diät-Pillen oder geht mit seinen Kindern zu den vorgeschlagenen OPs. Wie dumme Schafe hinterfragt niemand dieses Konzept, im Gegenteil, die „Dicken“ werden sogar noch gemieden oder gemobbt. Sogar die Nachbarländer greifen die schwedischen Modelle auf.
    Ja genau, man fühlt sich sehr stark an das Dritte Reich erinnert.
    Und genau das hat mich bei der Lektüre auch sehr stark mitgenommen, denn so wird einem wieder mal klar, wie schnell man in eine Schiene der Unterdrückung und Teilung der Menschen in verschiedene Arten gerät und wie leicht sich die Massen davon überzeugen lassen und mitmacht. Man braucht nur einen Sündenbock für alles Üble und alle laufen dem „Revolutionär“ hinterher. In dem Fall ist es Johan Svärd, der Ministerpräsident. Dieser findet immer neue grausamere Möglichkeiten um alle Schweden schlank zu bekommen und ich musste größtenteils viel Schlucken. Das Buch behandelt zwar das Thema Fettleibigkeit, aber im Grunde stellt uns der Autor essentielle Fragen und gibt einem viel zum Nachdenken mit.
    Obwohl ich anfangs erst langsam in den Schreibstil reingefunden habe, da dieser meiner Meinung nach etwas undurchsichtig war, konnte ich später einfach nicht mehr aufhören zu lesen. Denn die Beschreibungen der Geschehnisse haben mich nicht mehr losgelassen.
    Diese zähe Art am Anfang lag vielleicht auch daran, dass Ericsdotter ziemlich viele Fakten einstreut, die zwar sehr interessant waren, aber doch etwas viel auf einmal. Dazu kommt, dass ich am Anfang das Gefühl hatte, dass diese Fettepidemie doch eher Nebensache ist und im Hintergrund mitläuft. Erst nach und nach dreht sich alles viel mehr um Svärd und seine Machenschaften.
    Der trockene, eher berichtende Stil am Anfang ändert sich auch sehr stark im letzten Drittel und auch das hat zu einem besseren Lesefluss beigetragen.
    Was mich etwas gestört hat, war das ich das Gefühl hatte, dass hauptsächlich weibliche Personen besonders dick sein sollen und außerdem ist bei den Protagonisten Landon und auch Helena das Selbstwertgefühl extrem im Keller. Klar, ich kann das natürlich nachvollziehen, wenn quasi eine ganze Nation gegen einen ist, aber gerade Helena als Mutter sollte doch vielleicht etwas mehr Kampfgeist zeigen, finde ich.
    Dazu kam, dass sich alle irgendwie zu kenne scheinen und das ist schon oft ein glücklicher Zufall und wirkte auf mich etwas konstruiert. Schade!
    Noch ein kleiner Kritikpunkt: Die Zeit zwischen den Ereignissen ist nicht klar erkennbar. Es scheinen manchmal Tage oder Wochen zu vergehen, aber wenn man das Buch liest, hat man das Gefühl, dass alles von einem Tag auf den anderen geschieht. Mir hätte eine kleine Zeitleiste geholfen.
    Das Ende war dann wieder sehr spannend aufgebaut und hat mir äußerst gut gefallen. Ein positives Ende ist in diesem Fall einfach nur wunderbar, denn wer möchte so ein Land wie dieses Schweden in der EU?

    Mein Fazit: Das Buch beschreibt ein wirklich erschreckendes Szenario, dass mir an vielen Stellen den Atem gestockt hat. Teilweise hätte es vielleicht ein klein wenig besser umgesetzt werden können, aber wer nochmal schwarz auf weiß lesen möchte, wie schnell man ein Drittes Reich aufbauen kann, sollte dieses Buch zu Hand nehmen. Einfach nur furchtbar! (Also nicht das Buch, sondern die Vorstellung)

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    Linker_Mopss avatar
    Linker_Mopsvor 9 Monaten
    Kurzmeinung: Nichts für schwache Nerven.
    Rezension zu "Epidemie"

    Das Buch "Epideme" ist definitiv nichts für schwache Nerven. Kommt der Klappentext noch relativ harmlos her, ist das Geschriebene der Autorin wirklich harter Stoff. Zudem schreibt sie so bildhaft, dass ich das Buch mehrmals weglegen musste, weil ich einfach nicht weiterlesen konnte. Diese Bilder und die eigene Erinnerung an die Gräueltaten der Nazis, welche hier sicher als Vorbild dienten, waren dann doch too much.

    Nichtsdestotrotz empfehle ich dieses Buch dringend weiter. So brutal es ist, so regt es doch auf der anderen Seite zum nachdenken und erinnern an. Zudem hat es eine Sogkraft, der ich mich einfach nicht entziehen konnte. Ich MUSSTE es einfach weiterlesen und erfahren ob Svärd von der Gesundheitspartei mit seiner Doktrie weitermachen kann. Oder ob er gestoppt wird.

    Auch wenn das Thema "Wie schafft man ein Unterdrücker-Regime ohne dass die Bevölkerung dagegen aufbegehrt" schon oft genutzt wurde, finde ich es hier doch wieder sehr gut umgesetzt.

    Mein Fazit: Unbedingt lesen. Es lohnt sich.

    Kommentare: 3
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    HibiscusFlowers avatar
    HibiscusFlowervor einem Jahr
    So grauenvoll, dass man sich weigern will, an die Möglichkeit dessen zu glauben

    Klappentext des Verlages:
    »Die Fett-Epidemie ist eine tickende Zeitbombe. Schweden muss sich von Grund auf verändern, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes bewältigen zu können.« Die ‚Gesundheitspartei‘ hat unter Führung von Johan Svärd die Macht übernommen. Ihr politisches Programm: Das Volk von der Gefahr der Fettsucht zu befreien. Jeder wird nach Gewicht und Fettindikator klassifiziert. So auch Landon, ein junger Forscher, der sich auf die Suche nach seiner Liebe Helena macht. Und dabei ein rasch verändertes Land und eine Spur aus Gewalt vorfindet. Was geschieht mit all den Übergewichtigen – und was steckt hinter jenen ‚Fat Camps‘, die es geben soll?

    "Die Fettepidemie ist alles andere als eine gewöhnliche Krankheit. Sie ist eine umfassende Bedrohung. Sie bedroht die physische und psychische Gesundheit eines jeden Einzelnen von uns."
    (Johan Svärd - S.43)

    In jeglicher Form ERSCHRECKEND - so lässt sich das Geschehen in Åsa Ericsdotters ersten Roman - der durchaus als Thriller durchgehen kann - kurz und knapp zusammenfassen.
    Durch eine Bloggerin und ihre sehr ansprechende Rezension wurde meine Aufmerksamkeit auf das Buch gelenkt, denn Übergewicht als Kernpunkt habe ich als sehr ungewöhnlich empfunden. Und obwohl ihre Meinung erkennen lässt, dass dieses Buch aufwühlt, hätte ich nicht damit gerechnet, dass die Thematik mit solch einer Heftigkeit behandelt wird.

    Mit stets gerunzelter Stirn habe ich die anfänglichen Schilderungen von zugestellten Ernährungsplänen, Empfehlungen für Operationen, gewichtsbedingten Kündigungen, fanatischen Schönheitswahn oder der Umsetzung von fettfreiem Wohnen verfolgt.
    Während ich bis dahin von einer leichter Gänsehaut überzogen war, legte die Autorin noch eine Schippe drauf und sorgte mit der Steigerung des Unfassbaren für Entsetzen bei mir, durch das ich das Lesen immer wieder unterbrechen musste.

    Unvorstellbar, fern jeglicher Menschenwürde, so grauenvoll, dass man sich weigern will, an die Möglichkeit dessen zu glauben - diese Punkte fielen mir als erstes zu diesem Buch ein.
    Doch die politische Geschichte der Welt zeigt, mit welcher Verachtung Menschen ausgegrenzt, behandelt und deren Leben ausgelöscht werden können. Somit hat die Autorin einen Nerv getroffen, bei dem man sich durchaus dessen bewusst ist, dass dieser vorhanden ist, aber bei dem man hofft, dass er nie wieder qualvolles Leid auslöst möge.
    Was nach dem Beenden dieses Buches bleibt, ist die Hoffnung darauf, dieser oder ähnlicher Manipulationen nicht begegnen zu müssen und falls doch, das Geschehen rechtzeitig zu hinterfragen und diesem entgegenwirken zu können.

    Åsa Ericsdotters `Epidemie´ konfrontiert die LeserInnen schonungslos mit einer Thematik, die sich ohne weiteres durch eine andere ersetzen lässt und dennoch ebenso erschütternd wirken würde. Wer nur einen Moment vergessen hat, zu welcher Grausamkeit, Verachtung und zu welchem Hass Menschen fähig sind, dem wird es nach diesem Buch nicht so schnell entfallen.

    Kommentare: 1
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    Normal-ist-langweiligs avatar
    Normal-ist-langweiligvor einem Jahr
    schockierend, ergreifend und dabei richtig gut

    Meine Meinung:

    „Epidemie“ ist ein wahrlich grandioses Buch, das Thriller mit Politik und Gesellschaftskritik verknüpft.

    Die Geschichte ist von Anfang an so spannend, dass ich das Buch nur schlecht aus den Händen legen konnte. Ich wollte immer weiterlesen und erfahren, wie es mit dem größenwahnsinnigen Johan Svärd und seiner Gesundheitspartei weiter geht.

    Innerhalb des Buches gibt es verschiedene Geschichten, die letztendlich am Ende zusammenlaufen. Jede Geschichte eines anderen Charakters zeigt, wie allumfassend die Maßnahmen der Partei sind und wie sie dessen Leben beeinflussen. Für mich eine schlimmer als die andere. Auch der Fädenzieher, Svärd, berichtet in einzelnen Kapiteln, was er plant und warum. Hier bekommt man einen guten Einblick in den Geist eines (harmlos ausgedrückt) sehr verwirrten und vom Weg abgekommenen Mannes!

    Die eigentliche Geschichte selbst hat mich emotional sehr mitgenommen und mich teilweise regelrecht geflasht. Meine Entrüstung und meine Bestürzung waren so gr0ß, dass ich während des Lesens auf keinen Fall mehr etwas essen konnte. Ich kam mir gleich beobachtet vor. Wie hoch wäre eigentlich mein Fettindikator? Hoch genug, um in ein Fat Camp zu kommen, meinen Job zu verlieren oder Angst vor der Partei zu haben? Da schmeckt doch trotz der hohen Temperaturen kein Eis mehr!  Aber daran merkt man, wie gut das Buch geschrieben ist, wie eingängig und realistisch!

    Die Dinge, die sich die Gesundheitspartei ausdenkt, sind schon irre und in meinen Augen völlig übergeschnappt. Das Schreckliche aber an der Sache ist die, dass so viele Menschen diese Maßnahmen mittragen, die ihre Augen, Münder und Ohren vor der Realität verschließen und denken, dass es sie nichts angeht. Ebenso schlimm fand ich beim Lesen die Erkenntnis, wie schnell man Menschen einschüchtern  und ihnen Angst einjagen kann, wie leicht es ist, Menschen zu bestechen und sie nur das sehen zu lassen, was sie wollen.

    Die Parallelen zu Hitler und seinen Schergen zu ziehen, fällt hier nicht schwer.

    Die Geschichte hinterlässt einen massiv faden Beigeschmack und mehr als einmal hätte ich vor Wut und Fassungslosigkeit weinen können.

    Das Buch hat das Zeug zum Bestseller! Und als Schullektüre, da das hier gewählte Thema doch für Jugendliche unserer Zeit ebenfalls sehr greifbar ist!

    Das Ende ist für mich absolut gelungen. Alles andere wäre unrealistisch gewesen und unpassend.

    Absolut verdiente (5 / 5)!

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    Betsys avatar
    Betsyvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein wahrlich verstörendes Debüt dieser Autorin, die eine Zukunft ausmalt, in der dicke Menschen zu Vieh werden und Schlanksein alles ist.
    Ein fettfreies Schweden um jeden Preis?

    "Die Fettepidemie ist eine tickende Zeitbombe. Schweden muss sich von Grund auf verändern, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes bewältigen zu können."

    In Schweden ist die Gesundheitspartei (GP) unter Ministerpräsident Johan Svärd seit 4 Jahren an der Macht, deren Ziel es ist das Land von seinen Problemen zu heilen, indem sie dafür sorgen, dass seine Bewohner gesünder werden. Deshalb wird erst mal ordentlich abspeckt, um die ausbreitende Fettepidemie zu stoppen und so auf lange Sicht die Kosten zu senken. Die Umsetzungen werden rasch durchgeführt und der FMQ (Fett-Muskel-Quotient) bestimmt das Leben aller. Wer einen zu hohen FMQ hat, bekommt Verwarnungen und verliert im schlimmsten Fall sogar seinen Job, wenn er nicht in einer bestimmten Frist radikal abnimmt. Wir erleben die Maßnahmen und das Alltagsleben anhand verschiedenster Personen und erfahren wie schwer es ist weiterhin als Übergewichtiger zu leben und wie fatal dieses System selbst für Normalgewichtige sein kann.

    „Die GP hatte die Wahl nicht nur gewonnen, weil die Schlanken die Übergewichtigen hassten; sie hatten gewonnen, weil die Übergewichtigen sich selbst hassten.“


    Die Geschichte wird aus verschiedenen Perspektiven geschildert und vermittelt deshalb sehr gut wie sich alles letztendlich entwickelt und was es heißt in so einer Gesellschaft zu leben bzw. aufzuwachsen. Da gibt es natürlich Johan Svärd, den Ministerpräsidenten, der die GP präsentiert und von dem man nach und nach erfährt wie es dazu kam, dann Landon, einen Wissenschaftler, der kurz davor ist eine Verwarnung zu bekommen und damit seinen Job zu verlieren, wenn er sich nicht zusammenreißt, Rita, seine Exfreundin, die nur noch ein Schatten ihrer Selbst ist und sich dennoch immer noch zu dick findet, Gloria, eine bekannte Autorin, die sich mittlerweile regelrecht in ihrer Wohnung versteckt und sich ihres Gewichts schämt, ihre Nachbarin Bibi, die selbst dem süßen Genuss nicht abschwört und Helena mit ihrer Tochter Molly, die beide übergewichtig sind und die letztendlich in ein Ferienhäuschen flüchten, weil Helena ihre Tochter vor dem Wahn der GP und den Methoden der Ärzten schützen will.

    „Die Gesundheitsideologie war ein Glaube ohne Erlösung. Das Versprechen eines schlankeren und glücklicheren Lebens. Eine oberflächliche Hülle, die so stark glänzte, dass man schnell vergaß, dass nichts dahinter war.“


    Natürlich kommt es immer stärker zur Diskriminierung gegen Übergewichtige. Man wird schief angesehen, verliert seine Arbeit, traut sich nicht einmal mehr vor die Türe, muss mehr Steuern zahlen, schämt sich, weil man es selbst mit all der Hilfe nicht schafft abzunehmen und gerade durch diesen Druck werden diese Menschen oftmals noch dicker. Es gibt aber auch diejenigen, die kein Interesse daran haben sich einer Radikalkur zu unterziehen oder sich aufschneiden zu lassen und voller Sorge an die Zukunft denken, da selbst vor Kindern und Baby nicht mehr haltgemacht wird um zu verhindern, dass sie einmal dick werden.

    „Wenn sie nicht ununterbrochen davon geredet hätten, dass man abnehmen soll, wäre ich niemals auch nur in die Nähe meines jetzigen Körperumfangs gekommen. Erst durch die Diät wurde ich so hungrig. Je weniger ich essen durfte, desto mehr hab ich in mich hineingestopft.“

    Die Zeitungen werden so gut wie komplett von der GP kontrolliert und alles was nicht gefällt wird zensiert. Obwohl es skeptische Stimmen gibt verhallt dies, denn die Scham hält die Übergewichtigen zurück und der Großteil begrüßt die neuen Entwicklungen und auch die anderen Länder blicken interessiert auf Schweden und seine Gesundheitspolitik. Um auch weiterhin an der Macht zu bleiben, wird natürlich versucht dieses Problem, nämlich die restlichen scheinbar unkooperativen Übergewichtigen, in den Griff zu bekommen, damit bei der Wiederwahl niemand einen Grund hat gegen die GP, und damit Johan Svärd, zu stimmen. Es folgt die Idee der sogenannten “Fatcamps“ in die alle mit einem FMQ über 50 gebracht werden, doch was dort tatsächlich vor sich geht, lässt einem das Blut in den Adern gefrieren und erinnert stark an andere historische Ereignisse.

    Die Botschaft der GP klingt durchaus plausibel, wenn alle gesund sind, dann geht’s auch der Wirtschaft gut und es gibt weniger Kosten hinsichtlich Krankheiten, die mit der Fettepidemie einhergehen, folglich weniger Krankenstände und weniger Pflegekosten. Ein löblicher Ansatz, der allerdings sehr schnell eine Eigendynamik bekommt und alles ins Extreme ausufern lässt. Es wird Sport betrieben bis an die körperlichen Grenzen, die Ärzte machen selbst mit OPs vor Babys nicht halt, in den Medien und auch überall sonst ist die GP ist allgegenwärtig und sammelt fleißig die Daten ihrer MitbürgerInnen. Die Leute sind letztendlich schlanker, aber auch unzufriedener und unfreundlicher, matt, lustlos und haben das Lächeln scheinbar vergessen, so fokussiert sind sie auf ihr Gewicht und die Angst zuzunehmen. Kein geselliges Kaffeetrinken oder Essen mehr, da alle auf ihr Gewicht achten und dabei voller Verachtung auf diejenigen herabblicken, die sich scheinbar weiterhin gehen lassen.

    Sehr eindringlich geschrieben und eine Zukunftsvision die nicht umsonst so realistisch wirkt, da das Thema Fett und Zucker überall präsent ist und deren Folgen für die Weltbevölkerung. Wer hat letztendlich nicht schon Probleme mit seinem Gewicht gehabt und sich durch Diäten gequält? Hier wird eine Zukunft aufgezeigt, die es einem scheinbar einfach macht endlich abzunehmen. Vieles wird vom Staat gefördert, wie neuartige Medikamente, SchönheitsOPs, und Ernährungsprogramme. Kirchen werden zu Fitnessstudios umfunktioniert, ungesunde Lebensmittel werden höher besteuert oder verboten, an Kindern wird im Zweifelsfall eine Magenoperation durchgeführt und selbst Schwangeren wird schon geraten wie sie vorbeugen können ein übergewichtiges Kind zu bekommen, doch der gesunde Menschenverstand scheint ausgeschaltet worden zu sein.

    Als Leser selbst kann man nur den Kopf schütteln und ist fassungslos wie sich alles entwickelt. Es reißt einen mit und obwohl es nicht gerade eine leichte Kost ist und man mit Entsetzen weiterliest, kann man nicht aufhören damit, da sich wieder einmal zu bestätigen scheint, nur der Mensch kann anderen Menschen etwas so schreckliches antun.

    Fazit: Ein schlichtes Cover, aber ein Inhalt, der einen so schnell nicht mehr loslässt! Zwar ist der Einstieg in die Geschichte etwas unglücklich gewählt, weil er nicht wirklich stimmig zum Rest passt, allerdings bekommt man nach diesem Prolog schnell einen Einblick davon wie die GP in Schweden agiert und sämtliche Hindernisse, die der baldigen Wiederwahl im Weg stehen, letztendlich aus dem Weg räumt. Eindringlich und verstörend, gibt es hier etliche historische Parallelen und es zeigt sich, dass nicht immer die Religion jemanden ausgrenzt, sondern, dass es nur darum geht wie man etwas präsentiert und verkauft, um die Mehrheit der Bevölkerung auf seine Seite zu ziehen. Diskriminierung gegenüber Übergewichtigen im großen Stil, die sich selbst dafür verachten, beschämt sind, in ihrer Verzweiflung noch mehr essen als vorher und letztendlich für andere keine Menschen mehr sind, sondern Vieh, das es gilt loszuwerden. Nichts für schwache Nerven und dennoch ein Buch, das man unbedingt lesen sollte! Großteils wirkt es wirklich verstörend realistisch und zeigt gekonnt wie schnell politische Ambitionen außer Kontrolle geraten können. Man erlebt hier Menschen, die nicht glauben wollen was hier passiert, Menschen, die versuchen die Wahrheit herauszufinden, Menschen, die für das höhere Ziel geopfert werden, Menschen, die einfach die Augen davor verschließen was vor ihnen passiert und Menschen, die einfach mitmachen. Ein spannendes und mitreißendes Buch für alle mit starken Nerven!

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    ConnyKathsBookss avatar
    ConnyKathsBooksvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Erschreckender und packender dystopischer Thriller - nichts für schwache Nerven.
    Erschreckender und packender dystopischer Thriller

    "Die Fettepidemie ist eine tickende Zeitbombe. Schweden muss sich von Grund auf verändern, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes bewältigen zu können." (S. 42)

    Ein schlankes und fettfreies Schweden - das ist das erklärte Ziel von Ministerpräsident Johan Svärd, der seit 4 Jahren mit seiner Gesundheitspartei an der Spitze des Landes steht. Seitdem wird eine strikte gesundheitspolitische Linie gefahren, welche die Gesellschaft zunehmend spaltet und Angst verbreitet. Denn wer einen zu hohen Fett-Muskel-Quotient (FMQ) hat, dem drohen Anfeindungen, Sanktionen und Jobverlust. Für die extrem Übergewichtigen brechen bald sogar noch härtere Zeiten an. In sogenannten Fat-Camps sollen sie endlich abnehmen und fitter werden. Da ahnt noch keiner, was wirklich hinter diesen Camps steckt und ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

    "Epidemie" ist das gelungene Romandebüt der schwedischen Autorin Åsa Ericsdotter. Ein erschreckendes dystopisches Szenario und zugleich ein packender Thriller,  bei dem einem richtig die Lust am Essen vergeht. Denn mit seinen radikalen Methoden will Johan Svärd die Übergewichtigen quasi ausrotten und Schweden zum globalen Leitstern im Bereich Gesundheit machen. Ob Zuckersteuern, Fettghettos, Gewichtsregister, kostenlose Impfungen gegen Fettleibigkeit, spezielle AirFoods oder günstiges Fettabsaugen und Magenband-Ops selbst für kleine Kinder - die Maßnahmen gegen die Fettepidemie sind so zahlreich wie schockierend. Dennoch regt sich in der vom Schlankheitswahn besessenen Bevölkerung kaum Widerstand. Alles dreht sich nur um Kalorientabellen und sogar Kirchen werden zu Fitnesscentern umgebaut. Aber noch immer gibt es zu viele Übergewichtige, was für Svärd, der in 6 Monaten die nächste Wahl gewinnen will, nicht tragbar ist. Und so kommt er auf die Idee der Fat Camps, die für alle Bewohner Schwedens mit einem FMQ über 50 verpflichtend sind. Was es aber tatsächlich damit auf sich hat, das enthüllt sich später auf unfassbare Weise. Besonders gegen Ende spielen sich hier entsetzliche Szenen ab, bei denen man wirklich starke Nerven braucht und die sofort Assoziationen an grauenvolle Ereignisse aus der deutschen Vergangenheit wecken.

    "Das Schlimmste ist, dass man nicht sieht, was geschieht, bevor es geschehen ist." (S. 348)

    Das Ganze ist flüssig geschrieben und trotz aller Schreckensmomente war ich durchweg fasziniert von der Story, in der mindestens 8 verschiedene Erzählperspektiven für viel Abwechslung sorgen. Da ist zum Beispiel die Autorin Gloria Öster, welche mit einem FMQ von 54 ihren Job an der Uni verlor und nun kaum mehr aus dem Haus geht. Oder Johan Svärds Jugendfreund Hans Christian Mikkelsen, der sich von Svärd und seinen Methoden zunehmend distanziert. Im Mittelpunkt stehen aber Helena Andersson, ihre 8jährige Tochter Molly und Wissenschaftler Landon Thomas-Jæger. Die drei lernen sich auf der Insel Kavarö kennen, wo die "übergewichtigen" Helena und Molly Zuflucht suchen. Doch schon bald geraten alle in große Gefahr, denn Svärd ist skrupellos und Landon ist der Einzige, der ihn noch aufhalten und seine Machenschaften ans Licht bringen kann. Wird es ihm gelingen? Die Spannung steigt immer weiter an und die Seiten fliegen nur so dahin bis zum alles entscheidenden Showdown. Am Ende bleibt viel Stoff zum Nachdenken und die Geschichte klingt noch lange nach.

    Insgesamt kann ich daher "Epidemie" uneingeschränkt empfehlen. Ein aufwühlender, erschreckender und fesselnder dystopischer Thriller, der mich rundum begeistern konnte. Von mir daher klare 5 Sterne.

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    Kerstin_KeJasBlogs avatar
    Kerstin_KeJasBlogvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Richtig heftig - dass ruft Assoziationen hervor. Nicht für schwache Nerven. Aber auf jeden Fall lesenswert
    Gesundheitswahn und daraus resultierenden Wahnsinn

    „Wie beschreibt man das Unvorstellbare?“ (S. 365)

    Das kann nicht sein! So etwas kann niemals geschehen! Die Menschen würden das nicht zulassen! Ein ganzes Land im kollektiven Schweigen, Mitmachen, Wegsehen? Von der Regierung vorgegeben? Eine einzelne Person die solch schauerliche Dinge ‚kreiiert‘ und Gleichgesinnte findet? Wenn Andersartigkeit zum Fluch wird, der Gang auf die Straße zur Qual. Was oder wer ist schlimmer davon?

    „Epidemie“ hat mich geschockt – zu tiefst sogar, denn direkt mit dem Einstieg in dieses Buch wird bewusst um was es geht, auch wenn es anfänglich gar nicht direkt ausgesprochen wird. Menschen mit Übergewicht, egal welches Geschlecht oder Alter werden diffamiert, ausgegrenzt und letztendlich……nein, dass muss jeder selber lesen.

    „In diesem Punkt betreiben wir eine Null-Toleranz-Grenze“ (S. 335)

    Johan Svärd, Vorsitzender der Gesundheitspartei, deren Gründung erst wenige Jahre zurückliegt und die alles und jeden in der Hand hat, hat einen Traum vom schlanken Schweden. Er will die Kosten für Behandlungen der Übergewichtigen senken und mit aller Macht will er vor allem eins – wieder gewählt werden. Aus seiner anfänglich vielleicht eheren Idee wird ein Alptraum. Man erliest sich im Laufe der Geschichte immer wieder wie manipulativ die Menschen letztendlich doch sind und wie der Staat seine Macht gnadenlos ausspielt.

    Plakate an Autobahnen, Werbung zur besten Sendezeit, in Gyms umgewandelte Kirchen, vergünstige Magenbandoperationen – am besten schon beim Kleinkind. Eine Flut an Gesundheit suggerierenden aber krankmachenden Möglichkeiten für die die unbedingt abnehmen wollen. Wer nicht mitspielt, warum auch immer und mit seinem FMQ (Fett-Muskel-Quotient) eine kritische Zahl übersteigt, wird bestraft.

    Wir hatten so etwas schon einmal – Arbeitsverbot, Vertreibung aus der Wohnung, Siedlungen für die ‚Betroffenen‘, soziale Ächtung, massive Eingriffe in das tägliche Leben. Überwachung, Registrierung. Die Menschen stehen unter Druck und während die Einen sich in den krankhaften Gesundheitswahn flüchten, fängt für Andere der Wahnsinn erst an. 

    Diesen Wahnsinn hat Åsa Ericsdotter durch eine ganz gezielte Auswahl der Protagonisten sehr deutlich dargestellt. Landon, eher ein Einzelgänger ist noch nicht so massiv betroffen aber auf dem besten Weg dorthin. Er hat eine große Aufgabe und weiß es nur noch nicht. Obwohl Landon soviel Raum im Buch bekommt blieb er mir etwas farblos, wie eigentlich alle anderen Protagonisten auch. Selbst Helena und ihre Tochter Molly – allesamt Symphatieträger – sind nur eine Art schmückendes Beiwerk. Die Träger der Last sozusagen.

    Es ist die Geschichte an sich, die einen durch das Buch treibt, dieses absolut Unglaubbare, dieses Grausame und vor allem, für mich ganz wichtig, diese Assoziationen die es aufwirft. Der lockere Schreibstil kann nicht darüber hinwegtäuschen dass es richtig heftig ist. Hätte ich beim Lesen gegessen, wäre es mir mit Sicherheit im Hals stecken geblieben. 

    „Wir hatten keine Möglichkeit Einspruch zu erheben….Nein, das ist nicht wahr,  natürlich hatten wir das. Wir waren einfach zu feige.“ (S. 284/285)

    Während man also gemeinsam mit Landon einer so perversen Sache auf die Spur kommt, erfährt man schon einiges über die Einzelnen und so manch einer verschwindet mitten im Buch und wird nie wieder gesehen. Auch das hatten wir schon einmal. Nachbarn, Freunde, Kollegen – weg, verschwunden, in den sogenannten Fat-Camps und niemanden stört es. NIEMANDEN STÖRT ES? 

    Nur vereinzelter Widerstand, kurz mal angerissen und dann wieder fallen gelassen. Kein Buch über Helden, sondern ausnahmslos über Verlierer. Kein Buch für Sartbesaitete, selbst für Hartgesottene kann es unerträglich sein. Obwohl es kaum bis keine Details gibt, es ist so beschreiben dass es im Kopfkino rund geht, so richtig sogar, und das in Farbe.

    Definitv wieder ein Buch das nachhallt, das begeistert hat obwohl das Thema gar nicht begeistern darf.  Eine fiktive Geschichte, die aber durchaus Realitätsnähe hat und alleine deswegen gelesene werden sollte. Andersartigkeit spiegelt sich in vielen Variantionen wieder. Sie darf nur nie missbraucht oder zweckentfremdet werden. 

    „Sind sie der Meinung das es eine absolute Menschenwürde gibt?“ (S. 336)

    Rezension verfasst von © Kerstin April 2017

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    SATZZEICHENs avatar
    SATZZEICHENvor 2 Jahren
    Schweden in Not

    Wer fand, dass 2016 ein schreckliches Jahr war, wird derzeit eines Besseren belehrt. 2017 mausert sich bereits in seinem ersten Viertel zu einem Jahr, das es in sich hat  – und wohl noch weiter spannend bleibt. Donald Trump ist Präsident der USA geworden, in Holland führte bis kurz vor der Wahl gerade noch ein Rechtspopulist, der den Islam verbieten wollte, die Umfragen an, und in Frankreich hat Marine Le Pen angekündigt, im Fall ihres Wahlsiegs, Frankreich aus der EU zu führen. Für Deutschland bleibt abzuwarten, wie die Rechtspopulisten bei der Bundestagswahl im September abschneiden werden.

    In diesen wirren Zustand der Weltpolitik platzt Åsa Ericsdotter mit ihrem Titel „Epidemie“. Sie entwirft in ihrem Romanerstling ein Szenario, in dem ein paar neue, populistische Ideen durch ein frisches, unverbrauchtes Gesicht präsentiert werden. Ein paar Phrasen werden gedroschen und sie scheinen genug Überzeugungskraft zu haben, um die Masse zu erreichen und damit an die Macht zu kommen.

    Konkret sieht das so aus: In Schweden hat die „Gesundheitspartei“ unter der Führung des jungen, charismatischen Johan Svärd die Macht übernommen. Seitdem ist das Thema Essen dort verpönt und es ist alles andere als gewöhnlich, sich ungehemmt diesem Genuß hinzugeben. Fitness ist das Maß aller Dinge. Da gibt es Sportkurse mit so charmanten Namen wie „Fit-Or-Die-Bootcamp“.

    In der Schule wurde die Fächervielfalt auf ein Mimimum zurückgeschnitten. Die Kinder haben nun vor allem Sportunterricht und Gesundheitskunde auf dem Stundenplan stehen. Die Übergewichtigen sollen in spezielle Klassen eingeteilt werden und Sonderunterricht zum Thema Diäten u.ä. bekommen.

    Helena ist Krankenschwester und lebt mit ihrer Tochter Molly in Gimo. Sie ist bereits seit einem halben Jahr arbeitslos, denn ihr Fett-Muskel-Quotient (FMQ) liegt deutlich über 42. Wer zu viel wiegt, wird entlassen. Und nun wurde auch noch Molly in die „Dicken-Klasse“ eingeteilt. Zu viel des Guten, befindet Helena und beschließt, dass sie mit ihrer Achtjährigen aus diesem kranken Umfeld verschwinden muss.

    Landon arbeitet an der Universität und ist mit einer Verwarnung der Regierung davongekommen. Sein FMQ von 41 hat ihn gerade noch vor dem Jobverlust gerettet, doch auch so macht das Leben derzeit keinen großen Spaß. Als er Zeuge wird, wie eine weitere Kirche in Uppsala zu einem „Gesundheitszentrum“ mit Fitnessgeräten umgerüstet wird, beschließt er, dass es Zeit ist, abzuhauen. Das elterliche Sommerhaus auf der Insel Kavarö scheint ihm genau der richtige Ort zu sein, um sich wieder besser auf seine Arbeit konzentrieren zu können.

    Dort treffen er, Helena und Molly aufeinander und werden schnell zu einem eingeschworenen Team gegen den grassierenden Wahnsinn.

    Und dann gibt es da auch noch die Schriftstellerin Gloria, FMQ 54, neuerdings, man ahnt es, arbeitslos. Doch so geschockt sie auch sein mag durch diese Horrornachricht, Gloria beginnt zu recherchieren. Wie kam es eigentlich zu dieser Fettleibigkeits-Hysterie und was genau ist denn nun so schlimm an übergewichtigen Menschen?

    Als die Umfragewerte für Johan Svärt und seine Leute zu sinken drohen, überschlagen sich die Ereignisse und Svärt nimmt billigend in Kauf, auch über Leichen gehen zu müssen, um seine Ziele realisieren zu können. Er entwirft einen unfassbaren Plan und seine Anhänger folgen ihm, blindlings und ohne nachzudenken. Nur einer stellt sich ihm in den Weg, ausgerechnet sein ältester Freund. Doch ob das reichen kann?

    Der Politthriller lässt den Leser wie einen Wirbelsturm über die Seiten fegen und gewährt ihm kaum Zeit, auf Feinheiten zu achten. Man will, verdammt noch mal, endlich wissen, wie dieses Riesenschlamassel sich auflösen wird.

    Der Plot ist spannend geschildert, die Dramaturgie stimmig. Die Sprache ist hier ein Mittel zum Zweck und kein eigenständiges Kunstwerk. In diesem Thriller werden keine philosophischen Sätze geäußert, hier ist Action angesagt. Doch die Grundidee wirkt stark konstruiert, wenn man sich gegen Ende der Lektüre noch mal die Zeit nimmt, Luft zu holen und all das Geschehene Revue passieren zu lassen.

    Eine „Gesundheitspartei“, der es gelingt, die große Masse anzusprechen? Müsste sie, um das zu schaffen, nicht die Unterschicht ansprechen?  Und ist es nicht gerade die Unterschicht, die laut Erhebungen den größten Teil der Übergewichtigen darstellt? Kann es tatsächlich gelingen, mit so lapidaren Themen wie „mehr Gesundheit, weniger Dicke“ eine Wahl zu gewinnen? Fettleibige Patienten kosten den schwedischen Staat unglaublich viel Geld, so lässt Ericsdotter ihren Parteichef argumentieren. Erreicht man mit dieser These ein ganzes Volk?

    Doch dann fällt es einem wieder ein: Donald Trump hat es auch geschafft, 2017 Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden.

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    Brunhildivor 2 Jahren
    Ein erschreckendes Szenario


    Meine Meinung:
    Das Cover hat mich auf Anhieb angesprochen. Es wirkt sehr geheimnisvoll und auch schon ein wenig erschreckend auf mich. Über dem Schriftzug befindet sich eine kleine Sandschicht, weshalb es sich auch richtig gut anfühlt.


    Der Klappentext hat den Inhalt sehr gut getroffen. In Schweden ist Johan Svärd an die Macht gekommen, der strickt gegen die Fettsucht ist. Deshalb werden die Menschen nicht mehr nach dem ungenauen BMI bemessen, sondern nach Gewicht und Fettindikator. Je höher der Wert ist, umso "schlimmer" werden die Menschen behandelt. Ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen, weshalb ich auf den Inhalt nicht weiter eingehen möchte. Wie gesagt, der Klappentext ist sehr gut gewählt.


    Zu Beginn des Buches bin ich recht schwer reingekommen. Der Schreibstil kam mir ziemlich trocken und nüchtern vor. Aufgrund der vielen verschiedenen Personen, die man begleitet, war es zu Beginn ein wenig verwirrend. Nach und nach hat die Story aber Fahrt aufgenommen. Das Tempo hat sich sehr gesteigert und ich wollte das Buch aufgrund der hohen Spannung und erschreckenden Entwicklung in Schweden nicht aus der Hand legen.


    Man hat hier viele verschiedene Personen, die man begleitet. Zum einen ist da der Hauptprotagonist Landon, dessen Exfreundin dem Magerwahn verfallen ist. So erhält man auch einen Einblick in den Magerwahn. Wie denken diese Leute und wie können sie abnehmen, obwohl sie bereits dünn sind? Dann trifft Landon noch auf Helena, eine Übergewichtige. So erhält man auch einen Einblick in das Leben dieser. Es ist schlimm zu sehen, wie diese behandelt werden.
    Man begleitet aber auch den Ministerpräsidenten persönlich, der alles zu verantworten hat. Hier fehlte mir allerdings die Information, warum er das Ziel zu einem fettfreien Schweder verfolgt. Es war erschreckend zu sehen, zu welchen Mitteln er dafür greift.
    Es gibt noch weitere Charaktere, die ich hier aber nicht extra noch erwähnen möchte. Die Charaktere waren meiner Meinung nach sehr gut ausgearbeitet und authentisch.


    Wie bereits erwähnt, ist der Spannungsbogen sehr gut. Die ganze Handlung spitzt sich immer weiter zu und zum Schluss kommt das große Finale. Es war erschreckend zu sehen, wie die dickeren Menschen behandelt werden - egal ob Kind oder Erwachsener. Die Story lässt einen auf die deutsche Geschichte zurückblicken und regt auf jeden Fall zum Nachdenken an.
    Von mir gibt es hier eine klare Leseempfehlung.




    Fazit
    Das Buch "Epidemie" hat eine Handlung, welche keine leichte Kost ist. Sie lässt einen in der Geschichte zurückblicken und regt zum Nachdenken an. Die Spannung hat mich das Buch ab der Hälfte nicht mehr aus der Hand legen lassen. Es gibt viele Charaktere, die man begleitet. So erhält man den Einblick in alle Ecken des Programms "Ein fettfreies Schweden".


    4/5 Punkte
    (Sehr gut!)


    Vielen Dank an die Netzwerkagentur Bookmark und an den Arctis Verlag für die Bereitstellung eines Rezensionsexemplares.

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    Gesundheitswahn, Machtspiel und Gewalt - Ein Land im Ausnahmezustand

    Willkommen zu einer weiteren Leserunde aus dem Arctis Verlag.
    Autorin Åsa Ericsdotter startet mit "Epidemie", ihrem ersten Roman durch und wir sind sehr gespannt auf eure Lesermeinungen & vergeben für die Leserunde ingesamt 20 Rezensionsexemplare.

    »Die Fett-Epidemie ist eine tickende Zeitbombe. Schweden muss sich von Grund auf verändern, um eine Katastrophe dieses Ausmaßes bewältigen zu können.« Die ‚Gesundheitspartei‘ hat unter Führung von Johan Svärd die Macht übernommen. Ihr politisches Programm: Das Volk von der Gefahr der Fettsucht zu befreien. Jeder wird nach Gewicht und Fettindikator klassifiziert. So auch Landon, ein junger Forscher, der sich auf die Suche nach seiner Liebe Helena macht. Und dabei ein rasch verändertes Land und eine Spur aus Gewalt vorfindet. Was geschieht mit all den Übergewichtigen – und was steckt hinter jenen ‚Fat Camps‘, die es geben soll?

    Åsa Ericsdotter, geboren 1981 in Uppsala und aufgewachsen in Schweden, lebt heute mit ihrer Familie an der Ostküste der USA. Sie debütierte mit 17 Jahren und hat seitdem eine Reihe lyrischer Prosabücher veröffentlicht. Mit "Epidemie" legt sie ihren ersten Roman vor.

    Wir suchen nun mindestens 20 Leser, die gerne in dystopischen & mitreißenden Geschichten schmökern und das Buch gerne gemeinsam in der Leserunde lesen möchten.

    Bewerbungsaufgabe: Schildert uns in 2-3 Sätzen, warum ihr gerne mitlesen möchtet & was ihr von diesem Roman erwartet.

    Viel Spass

    *** Wichtig ***

    Ihr solltet Minimum 2-3 Rezension in Eurem Profil haben, damit ich sehen kann wie Ihr Eure Rezensionen schreibt und wie aussagekräftig/aktuell sie sind. Der Erhalt eines Rezensionsexemplares ist verpflichtend für die Teilnahme an der Leserunde. Dazu gehört das zeitnahe Posten in den Leseabschnitten und das anschließende Rezensieren des Buches.
    Erwiesene Nichtleser werden nicht ausgewählt.
    Gewinneradressen werden nach Bucherhalt gelöscht.

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