Åsne Seierstad Einer von uns

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Inhaltsangabe zu „Einer von uns“ von Åsne Seierstad

Wie konnte sich Anders Breivik, der im wohlhabenden Westen aufwuchs, zu einem perfiden Terroristen entwickeln? Åsne Seierstads ausgezeichnetes Buch ist gleichzeitig psychologische Studie und literarisches True Crime, gleichzeitig Würdigung der Opfer und eine messerscharfe Analyse einer Tat, die sich jederzeit und überall wiederholen könnte.

Kein Buch für schwache Nerven, das den Opfern Namen gibt und einen Erklärungsversuch wagt.

— sollhaben

Biografie eines Massenmörders, Rekonstruktion einer unfassbaren Tat. Akribisch, präzise, mit einem leichten Hang zum Pathos.

— Gulan

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  • Vor allem die Geschichte der Opfer

    Einer von uns

    Pongokater

    29. October 2016 um 17:02

    Es musste wohl sein, dass der Untertitel des Buches lautet "Die Geschichte eines Massenmörders". Aber dieses Buch von Asne Seierstadt ist alles andere als ein reißerisches Portrait des Täters von Utoya, Anders Breivik. Die stärksten, ergreifendsten Passagen sind die  Schilderungen des Lebens und Sterbens der Opfer. Lesenswert in Zeiten, in denen mit der AfD Teile der Gedankenwelt von Breivik zum Programm einer Partei geworden ist, die wohl in den Bundestag einziehen wird.

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  • Ein Attentat, das man nicht begreifen kann

    Einer von uns

    sollhaben

    16. October 2016 um 17:32

    Am 22. Juli 2011 explodiert in Oslo eine Autobombe und auf der kleinen Insel Utoya erschießt Andreas Behring Breivik 69 Menschen. Insgesamt sterben an diesem Tag 77 Menschen. Zuerst glauben alle an islamistischen Terror, doch schnell stellt sich heraus, dass der Attentäter ein Norweger ist. Nun muss sich ein Land, das als tolerant und fortschrittlich gilt, die Frage stellen, wie konnte es soweit kommen? Warum mussten so viele Menschen sterben, welche Auswirkungen wird dieses Attentat auf das Land haben?Die Autorin Asne Seierstad versucht in diesem Buch ein Bild des Täters zu geben. Seine Vergangenheit, sein Elternhaus und sein beruflicher Werdegang werden durchleuchtet. Seine extremen politischen Ansichten wuchsen in vielen Jahren heran und gipfeln am 22. Juli 2011. Natürlich liegt das Augenmerk auf dem Attentäter, doch in diesem Buch bekommen auch die Opfer Platz. Besonders 3 gute Freunde und eine junge Frau aus Kurdistan werden in den Mittelpunkt gerückt. Ihr Leben, ihre Familien und ihre Leidenschaften stehen stellvertretend für alle Opfer. Es wurden nicht nur 77 Menschen getötet, sondern damit veränderte sich das Leben von unzähligen anderen. Auch die Überlebenden erzählen von ihren traumatischen Erlebnissen. Das Gerichtsverfahren ca. 1 Jahr später bildet im Buch den Abschluss. Die Taten an sich stehen niemals im Zweifel, jedoch herrscht keine Einigkeit über den Geisteszustand von ABB. Ist der Mann einfach verrückt oder böse bis in die Knochen? Das Buch entstand aus Berichten der Polizei, Zeugenaussagen, Gesprächen und Interviews. Die Autorin recherchiert vor allem in der Vergangenheit des Täters . Diese zeigt einen Mann, dem ein männliches Vorbild fast völlig fehlt. Denn Anders Vater Jens ist Diplomat und nie wirklich anwesend. Seine Mutter Wenche entstammt einer lieblosen Familie. Mit seiner älteren Schwester Elisabeth verbindet ihn auch nicht besonders viel. Die Familie zieht oft um und er kann keine freundschaftliche Verbindungen knüpfen. Er ist immer auf der Suche nach Anerkennung und Ruhm, die ihm jedoch ständig verwährt werden. Die Polizei muss sich schweren Vorwürfen stellen. Sämtliche Notpläne schlugen fehl. Beamte hielten sich nicht an Anweisungen und somit konnte Breivik seinen mörderischen Weg fortsetzen. Kommunikationsprobleme und Missgeschicke pflastern den Weg.Besonders in Erinnerung geblieben ist mir vor allem bei der Gerichtsverhandlung die Aussage eines Überlebenden, der sich gut auf seinen Auftritt vorbereitet. Er wurde schwerst verletzt und will sich dennoch nicht unterkriegen lassen, obwohl ihm noch viele schmerzhafte Jahre bevorstehen. Während der Verhandlung erhält jedes Opfer ein Gesicht und wird erwähnt. Sie sollen nicht untergehen im Auftritt des Täters, der seine Momente nutzt, um die Welt mit seiner extremen Meinung zu vergiften. Das Buch gilt als Sachbuch, liest sich jedoch stellenweise wie ein Krimi. Die Seiten rund um ABBs Kindheit und Jugend, haben mir stellenweise die Haare zu Berge stehen lassen. Die Schilderungen der Ereignisse am Freitag 22. Juli lassen wohl niemanden kalt. Mit tödlicher Präzision und Kaltblütigkeit zieht Anders sein Vorhaben durch. Als Leserin war es fast unerträglich die sachliche Schilderung zu lesen. Ich möchte mich bei Michael aus einer Facebook Gruppe bedanken, der mich auf dieses außergewöhnliche Buch aufmerksam gemacht hat. Es war keine leichte Lektüre, aber jede Stunde des Lesens wert. 

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  • „Er benahm sich wie ein King, obwohl er nur ein Toy war.“

    Einer von uns

    Gulan

    19. August 2016 um 11:49

    Sie ließ sich auf den Bauch fallen und drehte das Gesicht zur Seite. Ein Junge legte sich neben sie, den Arm um ihre Hüfte. Sie waren elf. Alle taten, was der Junge gesagt hatte. Hätte er „Lauft!“ gerufen, wären sie vielleicht um ihr Leben gerannt. Aber er sagte „Legt euch hin.“ So lagen sie dicht beisammen und drehte die Köpfe zum Wald und den dunklen Baumstämmen, die Füße am Zaun. Manche lagen sogar übereinander. Zwei beste Freundinnen hielten sich an den Händen. „Alles wird gut“, sagte einer der elf. Der schlimmste Regen hatte sich gelegt, aber das Wasser lief ihnen noch immer über die verschwitzten Wangen in die Krägen. Sie atmeten so flach und lautlos wie möglich. Auf den Klippen wuchs ein verirrter Himbeerbusch, Wildrosen mit blassrosa, fast weißen Blüten rankten um den Zaun. Dann hörten sie seine Schritte. (S.8) 22. Juli 2011: Gegen 15:30 Uhr zündet Anders Behring Breivig eine Autobombe im Osloer Regierungsviertel. Acht Menschen sterben durch die Detonation. Während die Einsatzkräfte die Innenstadt abriegeln, fährt Breivig zur Insel Utøya, wo gerade ein Sommercamp der Jugendorganisation der sozialdemokratischen Partei stattfindet. Von 17:20 Uhr an eröffnet Breivig das Feuer auf Teilnehmer und Betreuer des Camps. In den nächsten 75 Minuten sterben 69 Menschen. Erst um 18:35 Uhr erreichen Polizeikräfte die Insel, Breivig lässt sich widerstandslos festnehmen. Die Anschläge vor fünf Jahren erschütterten nicht nur das sonst so beschauliche Norwegen, sondern die ganze Welt. Åsne Seierstad, eine bekannte Auslandsjournalistin, vorwiegend in Krisengebieten, erhielt von der amerikanischen Zeitschrift „Newsweek“ den Auftrag für eine Reportage. Ungewohntes Terrain für die Journalistin, die außerdem über den Prozess berichten durfte und als Resultat hieraus mit tiefer gehenden Recherchen für ein Buch begann. Sie sichtete Gerichtsakten, Polizeidokumente, Breivigs Tagebuch und Manifest, alte Akten der Sozialbehörden und vor allem führte sie eine Menge Gespräche. Lediglich mit Breivig selbst kam kein Interview zustande. Seierstads Buch ist zum einen eine Biografie Anders Behring Breivigs, daneben verfolgt sie aber auch das Leben von fünf jungen Menschen, die auf Utøya zu Breivigs Opfern werden: Simon, Anders und Viljar aus der Region Troms im Norden Norwegens, nur Viljar überlebt schwer verletzt. Außerdem Bano und Lara, zwei Schwestern aus einer kurdischen Familie, die aus dem Irak nach Norwegen flohen, lediglich Bano überlebt. Alles intelligente, soziale, politische Kinder, die künftige Elite des Landes. Die Diskrepanz zu Breivig ist nur allzu deutlich. Dessen Leben wird chronologisch erzählt: Eine unruhige Kindheit, die Mutter trennt sich früh vom Vater, ist mit der Erziehung von Anders und seiner älteren Schwester Elisabeth überfordert. Anders ist schon als kleines Kind psychisch auffällig, beinahe wird der Mutter das Sorgerecht entzogen. Doch dazu kommt es nicht und in der Folgezeit bleibt Anders zwar ein Außenseiter, aber bleibt nicht völlig isoliert, hat immer wieder einen kleinen Freundeskreis. Später wird er Teil einer Clique von Sprayern, bei denen er sich krampfhaft zu profilieren versucht, dadurch aber auf Ablehnung stößt: „Er benahm sich wie ein King, obwohl er nur ein Toy war.“ (S.111) Dies wird Breivig später ebenfalls in der Jugendorganisation der rechtspopulistischen Fremskrittspartiet passieren. Hier finden er zunächst seine politische Heimat, sein Aktionismus wird jedoch nicht von allen goutiert. Als er bei der parteiinternen Listenaufstellung für die nächsten Wahlen nicht berücksichtigt wird, verlässt er die Partei. Breivig verlässt die Schule ohne Abschluss, gründet (nicht unerfolgreich) eine Reihe von Internetfirmen, die sich jedoch am Rande der Illegalität bewegen. Er verliert viel Geld bei Aktienspekulationen, gerät ins Visier der Steuerbehörden und zieht 2006 schließlich wieder bei seiner Mutter ein. Dort zieht er sich immer mehr in sein Kinderzimmer, das „Furzzimmer“, zurück. Er verbringt Tage und Nächte vor der PC, spielt exzessiv Spiele wie „World Of Warcraft“ und beginnt in rechtsextremen Blogs und Foren sein rechtes Politikverständnis weiter zu radikalisieren. „Die Muslime werden die Macht in Europa übernehmen, weil sie sich vermehren wie die Karnickel“, erklärte Anders. „Sie tun so, als würden sie sich anpassen, aber bald sind sie in der Mehrheit. Seht euch die Statistiken an...“Die Worte sprudelten aus ihm heraus. „Die Sozialdemokraten haben unser Land ruiniert. Sie haben den Staat feminisiert und zu einem Matriarchat umgeformt. Und vor allem haben sie es unmöglich gemacht, reich zu werden. Die AP erlaubt den Muslimen alles... (S.160-161) Das längste Kapitel des Buches trägt den Namen „Freitag“. Auf knapp 80 Seiten beschreibt Seierstad minutiös die Ereignisse des 22. Juli 2011. Trotz der journalistischen Präzision und Distanz ist dieses Kapitel schwer zu ertragen, denn es wird (nahezu) jeder Mord beschrieben. Aber auch die massiven Fehler der Polizeibehörden nach der Detonation der Bombe in Oslo. Nach der Tat beobachtet die Autorin den Prozess und dem Kampf der Gutachter um die Frage der Zurechnungsfähigkeit, wobei vor allem Breivig sehr daran gelegen ist, für zurechnungsfähig erklärt zu werden. Gleichzeitig fügt die Autorin immer wieder die Erzählstränge der Jugendlichen ein, ihren Lebenslauf, ihr politisches und soziales Engagement, nach der Tat schließlich der Trauer der Hinterbliebenen und den Schock des ganzes Landes, in dem Ministerpräsident Stoltenberg die folgenden Worte findet. „[...] Wir sind ein kleines Land, aber wir sind ein stolzes Volk. Wir sind noch immer erschüttert von dem, was uns getroffen hat, aber wir werden niemals unsere Werte aufgeben. Unsere Antwort lautet mehr Demokratie, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber niemals Naivität.“ (S.419) Im Nachwort erklärt die Autorin, dass ihr Werk „ein Buch über Zugehörigkeit und Gemeinschaft“ sei. Beziehungsweise im Falle Breivigs die „erfolglose Suche nach Zugehörigkeit“. Ohne jede Dämonisierung zeichnet sie ein präzises Bild des Attentäters Breivig, seines Werdegangs und seiner Radikalisierung. Obwohl immer am Rande war Breivig „einer von uns“, bevor er sich entschied, „aus der Gemeinschaft auszusteigen und sie so brutal wie möglich zu verletzen“ (S.540). Seierstads Sprache ist zumeist klar und sie verzichtet weitgehend auf wertende Aussagen. Allerdings tendiert sie für meinen Geschmack an einigen Stellen zum Kitsch, wenn es um Breivigs Opfer geht. Überall auf der Insel waren Klingeltöne zu hören. Die Anfangstakte einer Symphonie, ein Justin-Bieber-Song, die Erkennungsmelodie von Die Sopranos oder einfach irgendwelche Standardklingeltöne. [...] Die eingehenden Anrufe konnte niemand mehr entgegennehmen. Nur die Polizisten, die auf der Insel die Stellung hielten und über die Toten wachten, hörten die Melodien und sahen die immer wieder aufleuchtenden Displays. Mama Mama Mama Mama Bis die Akkus schließlich versagten, einer nach dem anderen. (S.396) Insgesamt liefert Åsne Seierstad mit „Einer von uns“ eine hervorragende literarische Reportage über ein erschütterndes Ereignis ab, dass sich ins norwegische Gedächtnis ähnlich einbrennen wird wie 9-11 in den USA. Dabei überzeugt vor allem die biografische Studie Breivigs, die gesellschaftspolitische Einordnung hätte vor allem zum Ende hin noch ausführlicher sein können.

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  • Fundierte und sehr gut zu lesende Darstellung der Hintergründe Breiviks

    Einer von uns

    michael_lehmann-pape

    29. June 2016 um 08:24

    Fundierte und sehr gut zu lesende Darstellung der Hintergründe BreiviksAnders Breivik hat eines der schrecklichsten individuellen Verbrechen der Geschichte vollzogen. Aber, wer ist dieser Anders Breivik? Was hat ihn geprägt? Wer hat ihn geprägt? Was waren das für Umstände im Land, auf der junge Mann ehedem reagiert, was trieb ihn selber an.Schon die Schwangerschaft und Geburt unter nicht einfachen emotionalen Voraussetzungen vor allem bei der Mutter, schwierige Verhältnisse in der Kindheit, eine starke gesellschaftspolitische Veränderung in Norwegen, die im direkten Umfeld Breiviks mit fast Hass aufgenommen wurde.Akribisch legt Seierstadt all diese Dinge dar und treffend gelingt es ihr (ihre Arbeitsmethode legt sie am Ende des Buches zudem ausführlich dar), das „Klima“ in und um das Kind und den Jugendlichen Breivik minutiös zu schildern.Die Aggressivität. Die Tierquälerei. Wie die meisten Nachbarn ihren Kindern schlichtweg verboten, mit dem kleinen Anders zu spielen. Wie sich dennoch eventuell haltbare Freundschaften bildeten, die wiederum an seinem Verhalten scheiterten.Wie zudem das Jugendamt trotz eindringlicher psychologischer Hinweise und der Bereitschaft des (längst geschiedenen und neu verheirateten Vaters) zur Übernahme des Sorgerechtes nicht folgt.Wie dann in der Subkultur (und Anti-Kultur“ der „Tragger“ (Sprayer) wieder Puzzlestücke „gegen die da alle“ ins Leben traten.Seierstadt beschreibt immer wieder, welche Türen als Ausweg hätten genutzt werden können. Und ist doch nicht verbissen dabei, diese als „entscheidende Veränderungen“ zu kennzeichnen.Ja, vielleicht hätte das anders laufen können, aber vielleicht gibt es so etwas, wie von Beginn an unzugängliche, aggressive, „böse“ Kinder, die in bestimmten Familienkonstellationen und bestimmten Erlebnissen in Kindheit und Jugend diesem „Bösen“ freie Bahn in sich geben. Was Breivik schon früh, glaubt man den Erzählungen der Mutter, getan hat.Da rückt eine der Kernfragen der Menschheit im Blick auf diese Entwicklung in den Blick. Ist bei manchen einfach „“Hopfen und Malz“ von Beginn an verloren?„Man will geliebt werden, mangels dessen bewundert, mangels dessen gefürchtet und verachtet. Man will irgendein Gefühl in den Menschen wecken. Die Seele schreckt vor der Leere zurück und sucht um jeden Preis Kontakt“.Auch um den dutzendfacher Menschenleben in einer autistisch zu nennenden inneren Überzeugung, die wiederum nur vorgeschoben worden sein könnte im Lauf der Jahre.Es ist Sierstadts klarer Verdienst, jeder Spur, jedem Bekannten, Freund nachgegangen zu sein, jedem und jeder, derer sie habhaft werden könnte, der Breivik kannte und erlebte. So ergibt sich ein ungeheuer dichtes Bild dieses vielfach ins ich gespaltenen und nicht einfachen Struktur seiner Persönlichkeit.So zeigt sich wo hätte eingegriffen werden können und welche Schwierigkeiten solche Eingriffe mit sich gebracht hätten.Bis dahin, dass Seirstadt direkt zu Begiinn (und da nicht zum letzten Mal im Buch), auch in die harten Schilderungen und emotional erschreckenden Bilder des Massenmordes fast kühl hineingeht.Und nicht nur von Breivik erzählt, sondern auch von anderen, die die Atmosphäre im Land versinnbildlichen, die eine eigene Geschichte hatten, bevor diese mit Breivik in (in vielen Fällen) tödlichen, zumindest aber Abwehr hervorrufenden Kontakt geriet.Tatsächlich in den ganzen Stationen von der Geburt bis zur Tat „einer von uns“, ein in bestimmten Kreises völlig „normales“ und „gängiges“ Mitglied der Gesellschaft. Was einfach erschreckt. Das einer zu so etwas fähig ist, dass so etwas überhaupt möglich ist und dass, vielleicht, bei so ähnlichen Lebensstrukturen, noch eine ganze Reihe weiterer menschlicher „Zeitbomben“ schon mehr oder weniger laut ticken.Eine sehr empfehlenswerte Lektüre.

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  • Die Wunden bleiben

    Einer von uns

    WinfriedStanzick

    13. June 2016 um 12:00

    Als am 22. Juli 2011 Anders Behring Breivik in der Hauptstadt Oslo im Regierungsviertel und kurz danach auf der Insel Utoya insgesamt 77 meist junge Menschen tötete, da stand ein ganzes Land unter Schock. Ein friedliches, ein wohlhabendes Land, das stolz darauf war, alle seine Probleme, insbesondere die Integration so vieler Flüchtlinge bisher gut gemeistert zu haben.In einer sehr umfangreichen und von der New York Times als eines der besten zehn Bücher des Jahres bezeichneten Reportage verfolgt die norwegische Journalistin Asne Seierstadt nicht nur die Lebensgeschichte des Attentäters bis zu seiner Tat, sondern in vielen Erzählsträngen folgt sie der Lebensgeschichte der Opfer und ihrer Familien, ihrer Träume und Hoffnungen und wie sie, nicht selten mit Migrationshintergrund, versuchen ihren Platz und ihre Heimat in der norwegischen Gesellschaft zu finden. Über viele Hundert Seiten und viel Jahre folgt sie deren Geschichten und gibt den Opfern und ihren Familien ein Gesicht.Doch auch in der hervorragend recherchierten Beschreibung des Lebenswegs von Anders Behring Breivik hütet sie sich vor Pathologisierung und Dämonisierung. Immer wieder sucht sie nach den sozialen und psychologischen Hintergründen seiner Tat, die dadurch aber keinen Deut verständlicher wird. Im Gegenteil. Dass die ganze Gesellschaft für eine solche Entwicklung ein Stück mit Verantwortung trägt, steht für Asne Seierstadt außer Frage.  Bei der Beschreibung der Quellen, die Breivik nutzte, um sein abstruses Weltbild zu formen, war ich mehr als einmal an die jüngsten Nachrichten aus unserem Land erinnert, besonders durch unabhängige Medien wie etwa die Huffington Post, die nachweisen, in welchem Dunstkreis rechtsradikaler und faschistischer Ideen und Haltungen sich die AfD bewegt.Wie gerade gestern das Massaker in Orlando gezeigt hat, ist die Tat von Breivik kein Einzelfall geblieben. Umso wertvoller scheint mir das vorliegende Buch, ein Meisterstück der literarischen Reportage. Ein Buch, das wegen der Grausamkeit, das es beschreibt, nur sehr schwer zu verdauen ist. Das Land Norwegen hat sich längst davon erholt, wie man am Ende erfährt, aber die betroffenen Familien werden das niemals können. Die Wunden bleiben.

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