Édouard Louis Im Herzen der Gewalt

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Inhaltsangabe zu „Im Herzen der Gewalt“ von Édouard Louis

In seinem autobiographischen Roman ›Im Herzen der Gewalt‹ rekonstruiert der französische Bestsellerautor Édouard Louis die Geschehnisse einer dramatischen Nacht, die sein Leben für immer verändert. Auf der Pariser Place de la République begegnet Édouard in einer Dezembernacht einem jungen Mann. Eigentlich will er nach Hause, aber sie kommen ins Gespräch. Es ist schnell klar, es ist eine spontane Begegnung, Édouard nimmt ihn, Reda, einen Immigrantensohn mit Wurzeln in Algerien, mit in seine kleine Wohnung. Sie reden, sie lachen, aber was als zarter Flirt beginnt, schlägt um in eine Nacht, an deren Ende Reda Édouard mit einer Waffe bedrohen wird. Indem er von Kindheit, Begehren, Migration und Rassismus erzählt, macht Louis unsichtbare Formen der Gewalt sichtbar. Ein Roman, der wie schon ›Das Ende von Eddy‹ mitten ins Herz unserer Gegenwart zielt – politisch, mitreißend, hellwach.

Offen, emotional und voller Wort-Gewalt - eben "Keine" Geschichte - die uns allen passieren kann. Anspruchsvoll und bewegend zugleich.

— Binea_Literatwo

Ein wirklich tiefgreifend, feinsinniges und flüssig spannend zu lesendes Buch, welches mich nachhaltig beeindruckt hat.

— HEIDIZ

Ein wirklich dramatisches, aber auch faszinierendes Buch über den Mut eines Mannes, der belogen und betrogen wurde - ein Mutmacher!

— Daniel_Allertseder

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  • Berührt und bleibt im Gedächtnis

    Im Herzen der Gewalt

    Girdie

    08. October 2017 um 20:33

    „Im Herzen der Gewalt“ ist das zweite Buch des 24-jährigen Franzosen Édouard Louis. Der Roman ist autobiographisch. Im Rückblick schildert der Autor die zufällige Begegnung mit einem jungen Mann, den er am Heiligabend auf der Straße trifft und der sich ihm als Reda vorstellt. Die folgenden Stunden der Nacht enden für Édouard mit einer Morddrohung durch seine Zufallsbekanntschaft. Bereits das Cover des Buchs vermittelte mir die Ausgangslage einer grauen, düsteren Umgebung die dazu führt, dass der Autor den jungen Mann mit zu sich nach Hause nimmt.Der Geschichte beginnt im Waschsalon. Édouard befindet sich dort, unweit seiner Wohnung, um seine Bettwäsche zu waschen. Es ist überraschenderweise der 1. Weihnachtstag, wenige Stunden nachdem Reda ihm angedroht hat, ihn zu töten. Sein Bedürfnis nach Reinheit nimmt extreme Züge an. Zuhause säubert und desinfiziert er alle Flächen und duscht mehrmals. Doch seine Erinnerungen an das Erlebte kann er nicht so ohne weiteres wegwischen. Gleich auf den ersten Seiten lässt er den Leser ahnen, wie aufgewühlt er von den Ereignissen ist. Seine Schilderung ist ein Aufschrei, ein „ich möchte das nicht erlebt haben“ und doch kann er die Vergangenheit nicht ändern.Schließlich sucht er fast ein Jahr später Zuflucht bei seiner Schwester in Nordfrankreich, dort, wo auch seine Heimat ist. Während seines Aufenthalts lauscht er aus einem Versteck dem Gespräch seiner Schwester mit ihrem Mann. Sie schildert ihm das, was sie inzwischen von Édouards über die Nacht mit Reda erfahren hat. Aus dieser Distanz heraus reflektiert Édouard die Geschichte für sich und ergänzt das Gespräch für den Leser durch seine Gedanken. Hat der Beginn des Romans sich lediglich auf vage Andeutungen beschränkt, so erfuhr ich nun bruchstückhaft, aber in allen Einzelheiten, was sich in den wenigen Stunden des Zusammenseins mit Reda ereignet hat.Édouard ist verstört und hat ein großes Bedürfnis zu reden. Er will nicht allein sein mit seiner Geschichte, doch die Geschehnisse verlassen ihn nicht gemeinsam mit seinen Worten sondern bleiben bei ihm. Auch Tränen fließen, jedoch ohne die Erinnerungen mitzunehmen. Seine Freunde raten ihm zu einer Anzeige bei der Polizei. Jeder mit dem er spricht bedauert ihn, jedoch mit dem Unverständnis über die Tatsache, dass Édouard einem Unbekannten so schnell vertraut hat. Für ihn muss es einen Grund geben, warum Reda so gehandelt hat, vielleicht handeln musste. Er sucht dessen Tat zu rechtfertigen. Im Vordergrund steht dabei Redas Status als Immigrant und Kind eines kabylischen Flüchtlings von der er in dieser einen Nacht erzählt hat. Der Autor hat selber in seiner Kindheit und Jugend mit schwierigen Familienverhältnissen gekämpft, bevor er sich aus den engen Ansichten der Dorfbewohner seines damaligen Wohnorts befreien konnte. Letztlich kann er durch seine Argumentation nicht wirklich überzeugen, auch sich selber nicht, denn er selbst hat gezeigt, dass man seine Ziele aus einer ungünstigen Ausgangslage heraus dennoch erreichen kann. Seine ungewollte Opferrolle versucht er abzustreifen, doch eine von ihm gewünschte Mitschuld findet er nicht für sich. Was bleibt ist die ständig wiederkehrende Angst, das alles könnte wieder passieren.Als Leser habe ich die Verzweiflung von Édouard gespürt, der vergeblich versucht, das Geschehene zu vergessen. Er erzählt intensiv und eindringlich, in hellster Erregung, später auch erschöpft durch seine widerstreitenden Gefühle und sein Gedankenkarussell. Gerade das, was der Autor erlebt hat, kann auch denen von uns passieren, die ihren Empfindungen unbesonnen und spontan nachgeben. Dadurch sind die Schilderungen so beunruhigend in unserer heutigen Zeit zunehmender Gewaltbereitschaft. Der Roman berührt und bleibt im Gedächtnis. Darum eine Leseempfehlung von mir.

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  • Gewaltig gut

    Im Herzen der Gewalt

    HEIDIZ

    24. September 2017 um 10:04

    Im Herzen der Gewalt - dieser Titel hat mich neugierig gemacht. Es ist erst das zweite Buch des Autors, dennoch fühlt es sich während des Lesens an, als hätte man das Buch eines renommierten Autors vor sich, der nichts anderes macht, als schreiben.   "Das Ende von Edy" war sein Debüt, ich habe es bisher noch nicht gelesen, aber nachdem ich jetzt das zweite gelesen habe, werde ich ganz sicher irgendwann auch zum ersten greifen, weil sein Stil wirklich genial zu lesen ist. Er geht in die Tiefe, schreibt ausschweifend und doch nicht langatmig, schafft einen perfekten Spagat zwischen ausschweifend und auf den Punkt bringen, genau, wie ich es mir für ein gutes und durchweg spannendes Buch wünsche.   Außerdem ist der Inhalt zum einen dicht und zum anderen  brisant und für unsere Zeit extrem spannend und mit nachdenklichen Elementen hinterlegt.   Der Autor erzählt von Reda in Paris, es ist Weihnachten und der Hauptcharakter - es ist übrigens ein autobiografischer Roman - lernt Reda kennen, als er auf dem Heimweg ist von einem Abendessen mit den beiden Freunden. Reda erzählt davon was sein Vater erlebt hat, er erzählt von seiner Kindheit. Unser Hauptcharakter, also Édouard nimmt Reda mit zu sich, sie scheinen sich perfekt zu verstehen, auf einer Wellenlänge zu schwimmen, aber als die Nacht vorüber ist, sie gemeinsam gelacht haben, passiert das Unfassbare ...   Louis beschäftigt sich mit Gewalt auf eine ganz besondere Art. Mir hat es sehr gut gefallen, wie er an diesen sozusagen zweiten autobiografischen Roman heran gegangen ist. Man fühlt sich involviert, einbezogen.   Leseprobe: ========   Also hat er gedacht: Ich muss an meine Fotos kommen. Und während er das denkt, will er den anderen beruhigen, er lächelt, er streichelt ihn, dann drängt er ihn ein bisschen, aber sanft, harmlos, gut. Aber der andere war ganz schön wild. Der ließ sich nicht so leicht bremsen, jedenfalls nicht so. ...   Menschliche Abgründe, Gewalt und Schmerz, Zerstörung, Vertrauen .... all dies wird im Buch in die Handlung involviert.   Ich gebe zu, es war nicht ganz einfach, in das Buch hineinzukommen, aber ich sage es jenen, denen es auch so geht, lest weiter, es lohnt sich. Das Buch ist tiefgreifend, nachdenklich machend und extrem spannend und in hochwertig gut zu lesendem Stil geschrieben.

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  • Was genau geschah……

    Im Herzen der Gewalt

    michael_lehmann-pape

    04. September 2017 um 12:23

    Was genau geschah……Da reißt einen die Lust (ein wenig) dahin. Da nimmt man einen zwar fremden, aber attraktiven und freundlich scheinenden Mann mit nach Hause. Reda, der „schöne Stunden“ zu versprechen scheint.„Ich hätte nie gedacht, dass er gefährlich sein könnte“.Was ein Irrtum war im Leben von Édouard Louis. Wobei, das alles wird sich dem Leser erst nach und nach erschießen und in einer Form von verschiedenen Perspektiven, in denen die Geschichte verarbeitet und, nach dem „Stille-Post-Prinzip“ auch mit neuen Nuancen versehen wird, so dass es dauert, bis klar ist, was genau und was wirklich in jener Nacht geschah (wenn das überhaupt genau zu klären sein wird).Denn zunächst irritierend ist es ja, dass Freiwilligkeit ja gegeben war an diesem Heiligen Abend in Paris. Dass Louis jenen Reda mit eindeutigen Absichten mit nach Hause nahm.Und sich dann in gefährlicher Situation, gewürgt, bedroht und vergewaltigt während jenes Abends und der Nacht wiederfand.Ein Geschehen, das Louis in der Betrachtung der Tat kühl, in der Aufarbeitung des Geschehens innerlich fiebernd fast erzählt.Er, der aus der Enge der Provinz doch entkommen, war, in der Metropole angelangt und der nun zurückflieht in den Schoß des Elternhauses, der Familie.Wo die Veränderungen der Geschichte ihren Lauf nehmen, subjektive Färbungen, eigene Erinnerungen anderer mit hineinfließen, gepaart mit dem Wirrwarr an Gefühlen in Louis, der zudem noch Polizei, Ärzte, das ganze Drumherum mit zu bewältigen hat.Was Louis, wohlwissend vorher wohl, erst zögerlich angegangen war. Nun liegt es nicht mehr in seiner Hand. Wobei als weitere Perspektive der Ereignisse auch die augenscheinliche Herkunft Reda´s beginnt, eine Rolle zu spielen.Polizisten, denen nach den ersten Worten klar zu sein scheint, dass man auch nichts anderes hätte erwarten können von einem „maghrebinischen Typen“.All diese Färbungen, und das ist ein interessant zu lesender mit Hauptaspekt des autobiographischen Romans ist, wie die Sicht der anderen die eigene Sicht immer mit „belagert“, mit färbt. So dass ein Gemisch entsteht von eigenen Ressentiments nun und fremden Meinungen und Äußerungen, wenn Louis nach einer Weile allen, die ähnlich fremd aussehen, mit zunehmenden bis absolutem Misstrauen begegnet.Eines wird klar, trotz allem heiß laufen des Verstandes, trotz aller Bemühungen um einen rationalen Umgang mit dem Geschehen, der eigenen Prägung, den vielfachen Stimmen des Umfeldes, den eigenen Unsicherheiten und dem zähen Lauf der Institutionen gegenüber wird die Machtlosigkeit des Einzelnen im Angesicht von Gewalt, tiefsitzenden negativen Traditionen und dem „Gang der Dinge“ gegenüber mehr und mehr bedrängend, umfassend und belastend.Gut, dass Édouard, im Leben wie im Roman, echte Unterstützung und Hilfe findet.Bedrängend und präzise zu lesen bietet Louis in seinem neuen Roman einen ungeschminkten Blick auf das Risiko des Lebens, auf latent breiter zunehmende Gewalt, auf einen tiefsitzenden Argwohn dem und den Fremden gegenüber, der den Leser lange nicht loslassen wird.

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  • Kein Buch, welches man so nebenbei liest

    Im Herzen der Gewalt

    CocuriRuby

    25. August 2017 um 15:15

    Das ist kein Buch, welches man nebenher lesen kann – weder von der Thematik, noch vom Schreibstil her. Die vielen Schachtelsätze und Gedankensprünge oder Themenschlenker, erfordern eine gewisse Aufmerksamkeit. Der Schreibstil an sich, ist jedoch einnehmend und präzisen. Es packt einen sofort, es sind klare Worte, die scharf beobachten und aussprechen, was man sonst verschweigt. Die Geschichte selbst wird vor allem bis zur ersten Hälfte, nicht ausschließlich von dem „alter-Ego“ des Autors erzählt, sondern andere bemächtigen sich seiner Geschichte, vorrangig die Polizisten, bei denen er Anzeige erstattet und vor allem seine Schwester. Wenn seine Schwester zur Wort kommt, ist es tatsächlich anders geschrieben. Dummerweise fand ich es schrecklich. Sie erzählt in vielen Schleifen und Wiederholungen, schiebt immer wieder Füllwörter und Nichtigkeiten ein – was schon ziemlich nervig war. Außerdem ist sie einfach ein schrecklich Mensch: sie verurteilt, ist selbstbezogen, schnell beleidigt. Man kann sich ihre Person aber sehr gut vorstellen, wie sie da sitzt und ihrem Mann vollquatscht. Wahrscheinlich dabei noch viel gestikuliert. Es hinterlässt ein Bild. Ich fand ihre Passagen trotzdem kaum zu ertragen und sie haben es mir ziemlich schwer gemacht. Mir ist natürlich bewusst, warum der Autor dieses Mittel verwendet hat. Man könnte sagen, das Buch beschäftigt sich hauptsächlich mit Formen von Gewalt. Nicht nur die Gewalt, die er selbst an diesem Abend erlebt hat, sondern auch, dass sich andere Menschen unserer eigenen Geschichte bemächtigen, sie uns entreißen und sprachlich zu ihrer machen: Jede Geschichte, ist immer verzerrt, je nachdem wer sie wahrnimmt und was dieser wahrnehmen oder weitererzählen will. Sowie seine Schwester, sie verzerrt seine Geschichte bzw. das was er ihr erzählt hat und sich an manchen Stellen nicht überein bringen lässt. Auch die Polizisten, die ihn durch gezielte Fragen und Vorurteilen in eine bestimmte Richtung zwingen, er also seine eigene Geschichte nicht so zu erzählen kann, wie er sie erzählen würde. Das erkenne ich als Stilmittel an, trotzdem hat es in der Praxis für mich nur teilweise funktioniert, da ich, wie gesagt, es kaum ausgehalten habe, wenn seine Schwester spricht und es kaum abwarten konnte, bis wieder der Autor berichtet, weil er auch sprachlich dann mit einer ganz anderen Brillanz schreibt. Die Ehrlich- und Aufrichtigkeit ist entwaffnend und trifft einen ungefiltert. Er beschreibt wie man sich fühlt, verhält und denkt, wenn einen so etwas Traumatisches widerfährt. Wie widersprüchlich oder sogar ungerecht das sein kann, wie einen das aus der Spur wirft. Weshalb ich unglaublich dankbar war, dass ab der zweiten Hälfte fast ausschließlich der Autor spricht. Wobei man sagen muss, dass auch er zwischendurch diesen Einschüben oder Themensprüngen unterlegen ist. Dadurch wirkte manches für mich zusammenhangslos und manchmal sogar unstimmig. Weitere Themen die mitspielen sind Homophobie, Rassismus, welches fast schon reflexartig aufkommt, aber auch Freundschaft, also Freunde, die einen bedingungslos beistehen. Fazit Sprachlich ist das Buch großartig. Es erschüttert einen, spricht Dinge an, die sonst verschwiegen werden. Leider hatte ich meine Schwierigkeiten, wenn die Schwester das Wort an sich gerissen hat – dort musste ich mich etwas durch quälen und konnte es kaum abwarten bis sie wieder aufhört zu reden – was jedoch ausschließlich daran lag, dass ich sie mir zu plastisch vorstellen und absolut nicht leiden konnte.

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  • Ende einer Nacht

    Im Herzen der Gewalt

    serendipity3012

    24. August 2017 um 17:49

    Ende einer Nacht Édouard Louis, Mitte 20 und Autor des autobiographischen Romans „Das Ende von Eddy“, in dem er von seiner schlimmen Kindheit und Jugend als schwuler Junge in der französischen Provinz erzählte, hat erneut eine wahre Begebenheit in Romanform gepackt. In einem Interview erzählt der junge Schriftsteller, dass er nach Beenden seines Debütromans eigentlich eine Liebesgeschichte schreiben wollte, dass ihn dann aber eine plötzlich erfahrene Gewalttat, deren Opfer er wurde, dazu zwang, das Manuskript beiseite zu legen.Es ist ein Abend im Dezember, Édouard war mit Freunden zum Abendessen aus. Auf dem Heimweg trifft er einen jungen Mann, Reda, einen jungen Immigranten mit algerischen Wurzeln. Sie unterhalten sich, schließlich nimmt Édouard den Fremden mit zu sich in seine kleine Wohnung. Sie reden, lachen, kommen sich näher. Sie verstehen sich gut, bis irgendwann die Stimmung kippt. Édouard bemerkt, dass Reda ihn bestehlen will. Damit konfrontiert, wird Reda aggressiv und droht, ihn umzubringen.„Im Herzen der Gewalt“ ist die literarische Aufarbeitung der traumatischen Erfahrung Édouard Louis’. Er entkam der Bedrohung, er überlebte, doch verständlicherweise ist es ihm nicht möglich, einfach zur Tagesordnung überzugehen. Seine Freunde überreden ihn, zur Polizei zu gehen. Er erstattet Anzeige, er erzählt anderen von dem, was ihm passiert ist. Der Roman gibt diese Berichte wieder, und Louis wählt dafür eine etwas ungewöhnliche Methode: Es ist über weite Teile seine Schwester, die er einige Wochen nach dem Geschehen besucht, die wiederum ihrem Mann davon erzählt. Sie weiß nicht, dass ihr Bruder sie belauscht. Er gibt die Schilderungen der Schwester für den Leser wieder, unterbrochen von seinen eigenen Gedanken zu dem, was die Schwester sagt. Er rückt gerade, stellt richtig, verschiebt die Schwerpunkte in ihrer Erzählung, er differenziert, oft nur in Nuancen. Louis wählt diese Herangehensweise, um zu verdeutlichen, dass sich andere unsere Geschichten zu eigen machen, eine Erfahrung, die wahrscheinlich jeder schon einmal gemacht hat. Dass wir interpretieren, unterfüttern, verändern, was andere erlebt oder uns zugetragen haben. Es ist, als gäben wir die Macht über unsere Geschichten aus der Hand, wenn wir sie anderen erzählen, da sie sich dadurch immer verändern. Und Édouards Geschichte ist eine, die es in sich hat.„Im Herzen der Gewalt“ ist ein Roman, es ist aber deutlich, dass dem Autor passiert ist, wovon er schreibt. Im Kern ist seine Geschichte wahr. Dass mir beim Lesen solch intimer Erfahrungen immer ein wenig unwohl ist, ich mir dabei ein wenig wie ein Voyeur vorkomme, den all das in dieser Genauigkeit eigentlich gar nichts angeht, kann ich daher weder dem Autor noch seinem Buch wirklich vorwerfen. Das Verhältnis Édouards zu seiner Schwester scheint dabei schwierig. Oft kommen ihre Kommentare Bewertungen seines Charakters gleich – und die sind zumeist kritisch. Warum also lässt Louis uns so genau teilhaben an etwas, dass sich teilweise wie die Beschreibung einer schwierigen Schwester-Bruder-Beziehung liest? Die Frage stellt sich, ob der eigentliche Antrieb, „Im Herzen der Gewalt“ zu schreiben, ausschließlich war, das Geschehen zu verarbeiten. Ganz klar scheint mir das nicht und ganz überzeugen konnte mich Louis’ Herangehensweise ebenfalls nicht. Auf jeden Fall aber will Louis ein Buch über die uns alle umgebene Gewalt schreiben – Gewalt, die sich überall findet, nicht nur, und das ist ihm wichtig, bei jungen Immigranten aus nordafrikanischen Ländern.„Im Herzen der Gewalt“ ist ein intensives Buch, auch und gerade durch die starke, schnelle Sprache des jungen Autors. In den Passagen, in denen die Schwester redet, sehr nah am Gesprochenen und umgangssprachlich. In den erzählenden Abschnitten ebenso direkt und auf den Punkt. Ein Roman, der sehr fokussiert ist auf die erfahrene Gewalt des Erzählers und der anderes bewusst auslässt, so dass Nebenfiguren wie seine Freunde im Hintergrund bleiben, was sicher kein Zufall ist.Eine große Stärke in Louis’ Roman liegt in dem Verdeutlichen dessen, was die Geschehnisse dieser Nacht mit ihm gemacht haben. Seine Angst, seine Empfindlichkeiten, das Gefühl des Sich-schmutzig-Fühlens, all dies ist für den Leser stets nicht nur nachvollziehbar, sondern auch spürbar. „Im Herzen der Gewalt“ ist so nicht nur zuweilen ein brutales, sondern auch ein brutal offenes Buch.

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  • '[...] ob eine so lächerliche andere Entscheidung den Verlauf der Nacht [...] geändert hätte.'

    Im Herzen der Gewalt

    sabatayn76

    24. August 2017 um 08:38

    ‚[...] ich rede mir ein, ein kleines Detail, ein winziges, unbedeutendes Detail wie ein Glas mehr oder weniger, oder auch eine kleine Pause, um mir ein paar Dutzend Meter vor der Place de la République die Schnürsenkel zu binden, oder ein kleiner Umweg durch eine Straße, die ich mag, die ich angenehmer, schöner, besonderer finde, ich frage mich, ob etwas derart Banales mir erlaubt hätte, Reda nicht zu begegnen, ob eine so lächerliche andere Entscheidung den Verlauf der Nacht und der folgenden Monate geändert hätte.‘Édouard hat den Heiligabend mit seinen besten Freunden Didier und Geoffroy verbracht und macht sich schließlich mit seinen Buchgeschenken auf den Heimweg. Da trifft er auf einen gutaussehenden, sympathischen, lächelnden Fremden, der darauf insistiert, dass Édouard mit ihm spricht und noch ein wenig Zeit mit ihm verbringt. Und nach einigem Zögern entschließt sich Édouard, den Fremden - Reda - mit zu sich zu nehmen. Sie verbringen die Nacht miteinander, reden, lachen, doch gegen Morgen kippt die Stimmung, und Reda zieht plötzlich eine Waffe. Dieses Erlebnis zerstört Édouards Vertrauen in Menschen, selbst gegenüber seinen engsten Freunden. Er kann nichts mehr ertragen, ‚wollte so viele Leute wie möglich mit sich herunterziehen‘ und ‚den Schmerz verteilen‘. Édouard entwickelt einen ausgeprägten Rededrang, teilt sein Trauma mit Freunden, Ärzten und kaum bekannten Leuten, phantasiert über das Einbeziehen gänzlich Fremder: ‚An den Tagen, an denen ich ruhiger war, stellte ich mir vor, wie ich unversehens Unbekannte auf der Straße ansprach, irgendwo auf dem Bürgersteig oder im Supermarkt, um ihnen meine Geschichte detailliert zu erzählen, alles. In meinen Visionen ging ich auf den Betreffenden zu, er schrak zusammen, und ich redete los, ebenso vertraut und unverblümt, als würde ich ihn schon immer kennen, ohne mich vorzustellen, und was ich da erzählte, war so hässlich, dass er nicht anders konnte als stehenzubleiben und mir bis zum Ende zuzuhören; er lauschte, und ich beobachtete sein Gesicht.‘Auf den Rededrang folgt eine starke Mattigkeit, und Édouard besucht zum ersten Mal nach zwei Jahren seine Schwester und hofft, durch einen Aufenthalt auf dem Land über seine Müdigkeit und den Überdruss seines Alltags hinweg zu kommen. Seine Schwester ist neben Édouard selbst der zweite Erzähler im Roman, denn sie berichtet ihrem Mann ausführlich von Édouards Erlebnis mit Reda, so dass Édouard durch sie spricht und die traumatischen Geschehnisse zum Teil stellvertretend erzählt werden. Aufgrund meiner großen Begeisterung für Édouard Louis‘ Debüt ‚Das Ende von Eddy‘ war ich sehr gespannt auf ‚Im Herzen der Gewalt‘, den zweiten Roman des französischen Autors. Eigentlich wollte Louis nach der Veröffentlichung seines Erstlings einen Liebesroman schreiben, doch dann ist ihm im wirklichen Leben Reda begegnet, und er wollte und musste über den Abend mit ihm und über sein Trauma schreiben. ‚Im Herzen der Gewalt‘ ist somit ein autobiografischer Roman, und der Autor erlaubt dem Leser darin einen tiefen Einblick in seine Gedanken- und Gefühlswelt. Louis schreibt offen, fast exhibitionistisch, verschont den Leser nicht und erzählt ihm alle Details seines Abends mit Reda, der erlebten Gewalt und der Zeit danach, in der er wieder lernen muss, in seiner Wohnung zu schlafen, allein zu sein, zu vertrauen. Damit ist ‚Im Herzen der Gewalt‘ meiner Meinung noch persönlicher und noch ergreifender, als es das großartige Debüt ‚Das Ende von Eddy‘ war. Den Einstieg in ‚Im Herzen der Gewalt‘ empfand ich als eher verwirrend und den Inhalt als sehr unstrukturiert. Dieser Schreibstil passt jedoch perfekt zum Thema des Romans, denn auch Édouard hat seine Struktur und seinen geordneten Alltag durch die Begegnung mit Reda verloren, und die langen, verschachtelten Sätze mit den ständigen Wiederholungen, den eingeschobenen Gedanken und Querverweisen vermitteln einen Eindruck vom atemlosen Erzählen Édouards, der seine Gedanken und Gefühle erst wieder sortieren und der von seinen Erlebnissen und von der erfahrenen Gewalt erzählen muss, um wieder in sein altes Leben finden zu können. Louis fordert durch seinen Erzählstil höchste Konzentration vom Leser, und obwohl die Lektüre formal und inhaltlich nicht immer einfach ist, erhält man als Leser dadurch auch einzigartige Einblicke, wie der Autor versucht, das Trauma zu verarbeiten. Trotz des düsteren Themas empfand ich ‚Im Herzen der Gewalt‘ auch als sehr positives Buch, denn Louis schreibt sehr feinfühlig über seine Verbindung zu anderen Menschen, über seine Freunde, die ihm in dieser schweren Zeit geholfen haben, und über die Möglichkeit, keine Rache zu suchen, sondern Reda zu vergeben, das Trauma integrieren und so weiterleben zu können.

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  • Dramatisch und faszinierend!

    Im Herzen der Gewalt

    Daniel_Allertseder

    23. August 2017 um 15:58

    Meine Meinung   Was passiert mit einem Menschen, der hinterrücks bestohlen, bedroht und vergewaltigt wird? Welche Wahrnehmungen, welche Gedanken, welche Emotionen spielen eine Rolle? Was passiert, wenn ein scheinbar liebevoller Mensch eine 380-Grad-Drehung vollführt und zum Bösewicht mutiert?    Dem 24-jährigen französischen Schriftsteller Édouard Louis ist ebendies passiert. „Im Herzen der Gewalt“ ist ein Tatsachenbericht, ein autobiographischer Roman, der die verhängnisvolle Nacht erzählt, die Louis‘ Leben verändert hat. Der Autor verarbeitet und erzählt in seinem jüngsten Werk die Erfahrungen, die er unglücklicherweise machen musste – mutig, diskret und unbeschönigt!    Zwei verschiedene Subjekte dienen zum Erzählen der Geschichte: Abwechselnd beichtet der Autor selbst, der auch Protagonist in seinem Bericht ist, und dann Édouard’s Schwester Clara, die ihrem Mann die Erlebnisse erzählt, die sie wiederrum von ihrem Bruder erfahren hat. Diese Balance erschuf Abwechslung und ein stetiges Interesse beim Lesen. Was ebenso sehr positiv war, war die Art, wie Édouard Louis die Tatsachen verarbeitet hat: Verspielt, offen und sehr selbstbewusst. Er hält kein Blatt vor den Mund, zeigt durch sein neues Werk großen Mut, den Angriff, Reda, und auch seine sexuellen Auslebungen offen zu schildern. Allein dieser Aspekt, die gewöhnungsbedürftigen Erzählungen, sind Grund genug, den Autor zu lieben, seine Offenheit und seinen Mut, seine Entschlossenheit, seine eigentlich private und schreckliche Geschichte mit uns zu teilen, zu loben und zu respektieren!    Bereits zu Beginn ist mir aufgefallen, dass Monsieur Louis sehr oft selbstkritisch ist, sich selbst verurteilt und – besonders im Mittelteil des Buches – seine eigene Vergangenheit prekär wiedergibt und sein Verhalten kritisiert. Auch kritisiert der Autor des Öfteren die Gesellschaft – sei es Politik, die Kultur, die Literatur oder die Weltoffenheit, den Rassismus ganz konkret. Ein großes Thema, welches auch im Zusammenhang mit dem Geschehenen verarbeitet und übermittelt wird, ist die paradoxe Einfachheit der Gewalt. Menschen lassen sich zu leicht beeinflussen, sind zu gutgläubig, zu optimistisch – sehr zum Leidwesen für diejenigen selbst, denn Unschuldige werden dadurch leicht zu Opfern, werden Mittelpunkt von Gewalt, Diebstahl, Intrigen, Terror – wie Monsieur Louis selbst. Ein zudem sehr wichtiger Punkt im autobiographischen Roman des jungen Franzosen ist die Veränderung seines Selbst, die er uns emotional und offen geschildert hat. Wie eine Nacht, ein vielleicht psychisch kranker Mensch oder eine von der Vergangenheit geschundene Person das Leben eines Opfers verändern kann. Édouard war sympathisch, lachte viel, hatte Humor, doch nach der Tat war er labil, hatte stetig Angst, war paranoid.    Trotz autobiographischem Genre sind Spannungselemente im Roman zu finden, die sich wie einen Krimi lesen lassen: Als Leser hält man die Luft an, hofft auf ein gutes Ende, ist gespannt, wie der Autor aus schlimmen Situationen zu Handeln vermag. Monsieur Louis legte großen Wert auf Dramatik, Sachlichkeit, Literatur und Tempo. Er verweilt nicht lange in Rückblicken seiner konservativen Heimat, verdeutlicht dem Leser durch diese Erzählung sein Verhalten und seine Art zu handeln. Er sieht sich in sich selbst nicht den perfekten Menschen, was ihn aber umso sympathischer macht. Sehr beeindrucken finde ich, dass Louis trotz seiner erst 24 Jahre eine enorme Wortgewandtheit besitzt und durch seinen verspielten und lässigen Schreibstil Dramatik und stetige Neugier hervorrufen kann. Ich bin begeistert von dem Roman und dem Autor selbst! ​ Fazit   Ein mutiger autobiographischer Roman über eine dramatische Nacht, die nicht nur den Autor, sondern auch seine Sicht auf Dinge verändert und komplett umgekrempelt hat. Sprachgewaltig, wortgewandt, selbst- wie auch gesellschaftskritisch. Eine Explosion aus Eindrücken und Emotionen – verstörend, emotional und äußerst empfehlenswert! Ich schätze Édouard Louis für seine Offenheit und seine hochwertigen, literarischen Fähigkeiten!

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  • LovelyBooks Romane-Challenge 2017: Die Challenge mit Niveau

    aba

    29. December 2016 um 13:40

    LovelyBooks lädt im neuen Jahr wieder zu spannenden Challenges ein.Und auf euch warten tolle Gewinne.Die anspruchsvolle Gegenwartsliteratur ist 2017 wieder dabei!Liest du gerne Bücher mit Niveau?Dann ist diese Challenge genau das Richtige für dich.15 anspruchsvolle Romane möchten wir vom 01.01.2017 bis 31.12.2017 lesen.Es gelten Bücher - Gegenwartsliteratur -, die in diesem Zeitraum erscheinen (Ersterscheinungen) und an diesem Beitrag angehängt sind.Auch Neuauflagen – 2017 erschienen - von Klassikern.Die Regeln: Melde dich mit einem kurzen Beitrag hier im Thread an. Einstig ist jederzeit möglich. Und du kannst dich jederzeit wieder abmelden. Du verpflichtest dich zu nichts. Schreibe bitte zu jedem Buch, das du für die Challenge gelesen hast, eine Rezension bei LovelyBooks, und verlinke diese in einem einzigen Beitrag in diesem Thread. Dieser Beitrag, wird von mir unter dem entsprechenden User-Namen in der Teilnehmerliste verlinkt. Das wird dein Sammelbeitrag für deine Rezensionen sein. Es gelten nur Bücher, die an diesem Beitrag angehängt sind! Bitte beachten: Die Liste der Bücher erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Nimmst du die Herausforderung an? Unter allen Teilnehmern, die es schaffen, 15 Romane mit Niveau bis zum 31.12.2017 zu lesen und zu rezensieren, wird ein tolles Buchpaket verlost.Natürlich mit den passenden Büchern zum Thema. Ich freue mich auf viele Anmeldungen! Teilnehmer: AgnesM aljufa Ancareenanneschuessler anushka Arietta ArizonaAspasia ban-aislingeachbanditsandra Barbara62 blaues-herzblatt BookfantasyXY bookgirl Buchina Buchraettinc_awards_ya_sin CaroasCaro_LesemausCornelia_Ruoff Corsicana Curin cyrana czytelniczka73 dia78 DieBerta Dionemma_vandertheque erinrosewell Federfee Flocke86 Fornika Frau_J_von_T Gela_HK Ginevra Gruenentegst Gwendolina hannelore259 imitas Insider2199 Isaopera jenvo82 JoBerlin kalestraKatharina99 katrin297Katze21 krimielse lesebiene27 leselea LibriHolly maria1 Maritzel marpije Mercado Miamou Mira20 miro76  miss_mesmerized moni_lovesMotte_muqqel Nane_M naninka Nilonce-upon-a-time parden Petris Pocci Sandra_Halbesar89 schokoloko29 serendipity3012 SikalSimi159 sofie solveig SorR StefanieFreigericht Sumsi1990 suppenfee Susibelle TanyBee Tinchen07 TochterAliceulrikerabe vielleser18 Weltensucher Xirxe xlxn Yolande

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