Im Herzen der Gewalt

von Édouard Louis 
4,1 Sterne bei38 Bewertungen
Im Herzen der Gewalt
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Neue Kurzmeinungen

Positiv (29):
Lysanders avatar

sprachlich brilliant, stilistisch sehr gut konstruiert, thematisch brisant - ein bewegendes Buch!

Kritisch (3):
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Schrecklich, welche (autobiographischen) Erlebnisse Édouard Louis hier schildert. Sprach- und Erzählstil haben mir jedoch nicht gefallen.

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Inhaltsangabe zu "Im Herzen der Gewalt"

Vom Autor des Romans ›Das Ende von Eddy‹

In seinem autobiographischen Roman ›Im Herzen der Gewalt‹ rekonstruiert der französische Autor Édouard Louis die Geschehnisse einer dramatischen Nacht, die sein Leben für immer verändert. Auf der Pariser Place de la République begegnet Édouard in einer Dezembernacht einem jungen Mann. Eigentlich will er nach Hause, aber sie kommen ins Gespräch. Es ist schnell klar, es ist eine spontane Begegnung, Édouard nimmt ihn, Reda, einen Immigrantensohn mit Wurzeln in Algerien, mit in seine kleine Wohnung. Sie reden, sie lachen. Aber was als zarter Flirt beginnt, schlägt um in eine Nacht, an deren Ende Reda Édouard mit einer Waffe bedrohen wird. Indem er von Kindheit, Begehren, Migration und Rassismus erzählt, macht Louis unsichtbare Formen der Gewalt sichtbar. Ein Roman, der wie schon ›Das Ende von Eddy‹ mitten ins Herz unserer Gegenwart zielt – politisch, mitreißend, hellwach.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783596297351
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Flexibler Einband
Umfang:224 Seiten
Verlag:FISCHER Taschenbuch
Erscheinungsdatum:27.03.2019

Rezensionen und Bewertungen

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    Korikovor 10 Tagen
    berührender Roman, der zum Nachdenken anregt

    Story:
    Es ist Heiligabend, als Édouard auf der Pariser Place de la République den jungen Immigranten Reda kennenlernt und spontan zu sich nach Hause einlädt. Zwischen den beiden entspinnt sich eine zarte Romanze, die jedoch im Laufe der Nacht umschlägt und in Gewalt endet: Reda raubt Édouard aus, bedroht ihn mit einer Waffe und vergewaltigt ihn. Für letzteren beginnt eine wahre Odyssee – geprägt von Polizeibeamten, Ärzten und Untersuchungen, die alle an der Nacht rühren, die Édouard am liebsten vergessen will …

    Eigene Meinung:
    Mit “Das Ende von Eddy” gelang dem französischen Shootingstar Édouard Louis eine Sensation – der autobiografische Debütroman über seine Kindheit in einem nordfranzösischen Dorf und seine Flucht aus den festgefahrenen Verhältnissen, den dort vorherrschenden Homophobie und dem Rassismus machte ihn über Nacht bekannt. Das Buch wurde in 30 Länder übersetzt, mehrfach ausgezeichnet und war die Inspiration des Films “Marvin”. Auch in seinem zweiten Roman “Im Herzen der Gewalt” verarbeitet der Autor ein autobiografisches Ereignis, das sein Leben von Grund auf veränderte: eine Vergewaltigung und ein Nahtoderlebnis.

    Die Geschichte wird dabei nicht direkt aus seiner Sicht erzählt, sondern von seiner Schwester Reda, die ihrem Mann von den Ereignissen des Heiligabends und den Tagen und Wochen danach berichtet. Édouard selbst steht als stummer Beobachter an der Tür und belauscht die Unterhaltung, die natürlich von den Gefühlen und Gedanken seiner Schwester durchsetzt ist – so schweift Clara immer wieder ab und fügt zusätzliche Anekdoten und Kommentare ein, die sich meist auf Édouards Kindheit und Jugend beziehen und die stark von dem unterschwelligen Rassismus des kleinen Ortes geprägt sind. Dadurch erfährt der Leser mehr von den Menschen, vor denen Édouard einst geflohen ist – und zu denen er, paradoxerweise, nach den schrecklichen Ereignissen zurückkehrt.

    Neben dieser Erzählerstimme, fügt Édouard seine eigenen Gedanken hinzu, teils berichtigt er seine Schwester Clara in Gedanken, teils führt er die Erzählung weiter aus und gibt dem Leser zusätzliche Einblicke zu dem, was er erlebt hat: zur Begegnung mit Reda, ihrer Zweisamkeit und dem plötzlichen Umschlagen der Atmosphäre, als Édouard sein Handy sucht und Reda als Dieb enttarnt. Dabei greift er mitunter in der Handlung vor, webt bereits die Gespräche mit der Polizei und den Ärzten ein, was dafür sorgt, dass die Geschichte zu Beginn sehr konfus wirkt und man als Leser zwischendurch den Überblick verliert. Édouard Louis verweigert sich einer chronologischen Berichterstattung, sondern erzählt die Ereignisse so, wie sie ihm richtig erscheinen und wie er sie erzählen muss, um sie selbst verarbeiten zu können, denn das scheint eines der Ziele des Autors zu sein: der Versuch mit der Gewalt klarzukommen, die ihm am Heiligabend und in den Tagen danach wiederfahren ist. Dabei bezieht sich die Gewalt nicht nur auf die Ereignisse mit Reda, sondern auch auf das, was Édouard Louis in den folgenden Tagen passiert – die Begegnungen mit Polizisten und Beamten, Ärzten und Psychologen, denen er immer wieder erzählen muss, was passiert ist, bis er sich „seiner eigenen Geschichte beraubt“ fühlt und kaum mehr den Eindruck hat, selbst Entscheidungen zu treffen. Zudem wird er mit dem Rassismus der Institutionen konfrontiert und muss erkennen, dass dieses Erlebnis ihn selbst zu einem Rassisten macht, denn er hat zunehmend Angst vor Männern, die nicht dem typisch europäischen Bild entsprechen. Da er in “Das Ende von Eddy” vor ebensolchen Ansichten geflohen ist, wirkt dieses Eingeständnis doppelt so schwer und regt zum Nachdenken an.

    Stilistisch legt Édouard Louis große Literatur vor, für die man sich Zeit nehmen muss, denn sie ist nichts für zwischendurch. Als Leser muss man bereit sein, sich auf das Buch einzulassen, auf die Geschichte und die Ereignisse; auf die mitunter chaotische Erzählstruktur und die endlosen Schachtelsätze. Hat man erst einmal den Zugang zum Buch gefunden, taucht man tief in Édouard Louis‘ Erzählung ein, erlebt das Auf und Ab der Geschichte, aber auch der Gefühlswelt des Autors und erhascht einen tiefen Einblick in die menschliche Natur. Édouard Louis – bzw. im Deutschen sein Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel – weiß dabei mit Worten umzugehen, sein Roman bewegt sich sprachlich auf hohem Niveau und ist wie sein Debüt “Das Ende von Eddy” ein empfehlenswertes Buch.

    Fazit:
    “Im Herzen der Gewalt” bietet keine leichte Lektüre und ist aufgrund der ernsten Thematik nicht für jeden Leser geeignet. Wer jedoch Édouard Louis‘ Debüt mochte und die Art wie er autobiografische Erlebnisse in seinen Romanen verarbeitet, dem wird sein zweites Werk ebenfalls gefallen, ist es doch noch persönlicher und tiefgehender als “Das Ende von Eddy”. Der Autor berichtet auf sprachlich hohem Niveau von Gewalt in allen Facetten, von der Machtlosigkeit gegenüber den staatlichen Institutionen und den Gedanken, Gefühlen und Ängsten, mit denen sich Opfer in den Wochen nach einer solch schrecklichen Tat herumschlagen müssen. Édouard Louis ist einmal mehr ein Roman gelungen, der berührt und der lange nachhallt.

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    musicamericangirls avatar
    musicamericangirlvor 5 Monaten
    Die Kraft der Literatur - ein Gewaltakt und die Zeit danach

    „Und Clara erzählte ich später, dass sein Atemgeräusch mir so attraktiv erschien, dass ich seinen Atem am liebsten zwischen die Finger genommen und mir das Gesicht damit gesalbt hätte.“ (S. 45)

    Es beginnt ganz harmlos – Édouard Louis befindet sich auf dem Heimweg, nachdem er den Heiligabend bei zwei Freunden verbracht hatte. Auf dem Pariser Place de la République wird er von einem jungen Mann namens Reda angesprochen. Nach kurzem Zögern nimmt er ihn mit in seine Wohnung. Der arglos beginnende One-Night-Stand entwickelt sich in eine tragische Richtung, mündet in einer Vergewaltigung und endet schließlich in einem Mordversuch.

    Von diesem Gewaltakt, auf dessen Ausgang schon die erste Seite schließen lässt, handelt das Buch Im Herzen der Gewalt. Es stellt ein persönliches Erlebnis des französischen Autors dar, somit weist das Werk autobiografische Züge auf. Seine Intention sei, wie er bei Lesungen berichtete, die Geschichte aus seiner Sicht zu erzählen. Er hatte das Gefühl, dass sie ihm genommen wurde, da alle anderen an seiner Stelle darüber berichten würden. Daher schreibe er nicht, weil es ihm Spaß bereitet, sondern weil es geschrieben werden muss. Er möchte zudem nicht, dass der Vorfall für rassistische Zwecke genutzt wird. Als er den Polizisten Redas Aussehen beschreibt, lautet ihre Antwort: „Ah sie meinen, maghrebinischer Typus“ (S. 18). Louis bemerkt in dieser Aussage den kristallisierten Rassismus der Beamten, „denn für sie implizierte maghrebinischer Typus keine geographische Information, sondern bedeutetet schlicht Schurke, Übeltäter, Krimineller“ (S. 18).

    Passend zu dem Gefühl, alle anderen schildern seine Geschichte, nur er nicht, hat er seine Schwester Clara als Erzählerin eingebaut. Diese informiert ihren Ehemann, während Louis hinter der Tür steht und zuhört. Nach der Nacht besuchte er sie in seiner alten Heimat, um der Sache zu entfliehen. Schnell merkte er, dass es nicht hilft und wie negativ er seinem ehemaligen Heimatort gegenüber gestimmt ist. „[D]a begriff ich, dass ich einem Irrtum aufgessen war und noch melancholischer und deprimierter wieder nach Hause fahren würde“ (S. 10). Hier wiederfuhr ihm Gewalt, unter anderem aufgrund seiner Sexualität. Über seine Kindheit berichtete er in seinem Debütroman Das Ende von Eddy. Gewalt war ihm demnach nicht fern und, wie er betonte, nicht „rassenabhängig“.

    Auffällig und beeindruckend ist, dass keineswegs eine Schuldzuweisung passiert. Vielmehr versucht er Redas Verhalten zu analysieren, der Gewalt auf die Spur zu kommen. „Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen“ (S. 129). Die Bedeutung der Thematik wird auch am französischen Originaltitel deutlich: Histoire de la violence. Wie er in einer Lesung erwähnte, wolle er aus Gewalt einen literarischen Ort machen.

    Louis’ Erlebnis wird nicht chronologisch beschrieben. Dadurch entsteht eine interessante Gestaltung des Werks. Seine Schwester schweift oft ab, schwebt in Erinnerung an ihre gemeinsame Kindheit. Sie erzählt direkt, unverblümt und umgangssprachlich. Louis kommentiert ihre Erzählungen und korrigiert sie in Gedanken, wenn sie etwas falsch wiedergibt oder ergänzt Dinge, auf die sie, seiner Meinung nach, nicht genug eingegangen ist. Dennoch greift er nicht in ihre Erzählung ein und bleibt die gesamte Zeit über hinter der Tür stehen. Zeitsprünge geben vereinzelte Einblicke in die Nacht und in die Gespräche mit der Polizei, die sich durch das Buch ziehen. Einschübe von Louis, in denen er über Gedankengänge philosophiert, unterbrechen den Fortgang. Er denkt darüber nach, ob der Abend anders verlaufen wäre, wenn er ein kleines banales Detail anders gemacht hätte, ein Glas mehr bei seinen Freunden getrunken oder einen anderen Weg eingeschlagen hätte. Zudem kommt er zu der Beobachtung, dass sich jeder Mensch den schrecklichsten Umständen anpasst (so wie er in der Nacht): man braucht nicht jeden Einzelnen gesondert zu verändern, was viel zu lange dauern würde, die Menschen passen sich an, sie erdulden nicht, sondern passen sich an“ (S. 14).

    Spannend an dem Buch ist die Reflexion über sein eigenes Verhalten, die nicht zimperlich ausfällt. So fällt ihm auf, dass er, obwohl er es nicht wollte, selber zum Rassisten geworden ist und Vorurteile gegenüber arabisch aussehenden Mensch hegt. „Im Bus, in der Metro senkte ich den Blick, wenn ein Schwarzer oder Araber oder möglicher Kabyle mir näherkam“ (S. 205) Um seine Vorurteile und Paranoia zu bekämpfen, fliegt er schließlich auch mit einem Freund nach Istanbul.

    Erbarmungslos schreibt er über die sexuelle Gewalt, über die Vergewaltigung und den Strangulierungsversuch. Er berichtet über den Rassismus, den Rassismus der Polizeibeamten und seinen eigenen. Er schildert seine Trauer, seinen Drang, jeder fremden Person auf der Straße seine Geschichte zu erzählen und den Drang zu schweigen. Er schildert seine Angst, seine Paranoia, die ihn verfolgt. Er schildert seine Wut, seine Wut nicht nur auf Reda, sondern auf alle, auf die Ignoranz der Polizisten, auf jede glückliche Person auf der Straße. Und er schildert seinen Machtverlust. Seinen Machtverlust in der Nacht und danach. Durch das Aufschreiben schafft er es, letztendlich wieder zum Herr seiner Geschichte zu werden.

    auch zu finden auf:

     https://woerteraufreise.wordpress.com/2018/04/15/nadine/

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    Das_Leselebens avatar
    Das_Leselebenvor 7 Monaten
    Kurzmeinung: Tief berührender Roman, der den Leser durch schleudert. Édouard Louis ist ein grandioser Autor, obwohl mich der Erzählstil verwirrt hat.
    Erschütternd

    Nach dem ich im Februar ungewollt eine Pause gemacht, weil ich einfach andere Sachen im Kopf hatte. Entsprechend wenig habe ich dann auch gelesen. Aber ein Buch welches mir besonders in Erinnerung geblieben ist, ‚Im Herzen der Gewalt’ möchte ich näher vorstellen. Es handelt sich dabei um den zweiten autobiografischen Roman des jungen Autoren Édouard Louis. In den 224 Seiten verarbeitet eine dramatische Nacht, welche sein Leben veränderte. Erschienen ist es im August 2017 im S. Fischer Verlag.

     

    Inhalt:
    Am 24. Dezember auf dem Pariser Place de la République begegnet Édouard einen jungen Mann. Obwohl er nur nach Hause möchte verwickelt ihn Reda in ein Gespräch und überzeugt Édouard ihn mit nach Hause zunehmen. Er fühlt sich zu dem Algerier hingezogen. Aus einem One-Night-Stand wird eine Nacht an deren Ende Édouard mit einer Waffe bedroht wird.

     

    Meine Meinung:
    ‚Im Herzen der Gewalt‘ ist zutiefst zerstörend! Um über diesen Roman schreiben zu können muss ich tief in mein Innerstes gehen und selbst meine aufgewühlten Gefühle beruhigen, in denen von Wut, Hass, Machtlosigkeit und Angst alles mitschwingt. Die Emotion, die am Ende übrig bleibt ist der Respekt gegenüber Édouard Louis.
    Auch wenn ich mit dem Schreibstil so meine Probleme hatte, drückt er zu hundert Prozent die Gefühle aus, die diese Situation beherrschen.
    Probleme hatte ich eher mit der Darstellung seines Schreibstils. Hauptsächlich wird die Handlung von seiner Schwester erzählt. Diese erzählt die Ereignisse (so wie sie sie von ihrem Bruder gehört hat) ihrem Mann. Ganz Nebenbei lässt sie Ereignisse aus dem Dorf, wo sie und ihr Bruder aufgewachsen sind mit einfliessen. Aber auch Édouard der das Gespräch hinter einer Tür belauscht und in Gedanken, in Ich-Perspektive, seine Darstellung der Ereignisse erzählt. Die verschiedenen Ansichten lösen sich oft mitten im Satz ab ohne wirklich erkennbar zu sein. Mich persönlich hat dies oft aus dem Lesefluss gebracht. Ich hätte mir einfach verschiedene Schrifttypen gewünscht.
    Ich verstehe den Sinn dahinter, es soll die Verwirrung ausdrücken die mit einem solchen schweren Ereignis einher gehen. Man kann es sich so ähnlich vorstellen, wenn man selbst ein verstörendes Ereignis hatte und diese hastig erzählt, oft erzählt man dann erst Sachen die fernen selber total wichtig sind und erst nach und nach kommt eine gewisse Ordnung in die Sache. Genauso ist der Erzählstil in diesem Buch, anstrengend und gleichermaßen berührend.
    Selbst bei und nach der Bedrohung, nimmt Édouard Reds fast schon in Schutz und ist von seiner Echtheit überzeugt. Immer wieder werden Parallelen zu seinem Debütroman ‚Das Ende von Eddy‘ gezogen und seinen eigenen früheren Ich oder auch auch den Ansichten seiner Familie.
    In seiner Angst versucht er sich immer wieder in Reda hinein zu versetzen. Als Autor schafft er es mir ein sehr vielschichtiges Bild des jungen Algeriers zu zeigen., das aber nicht verallgemeinert wird. Nicht zuletzt dadurch das er seine Hintergründe mit einfliessen lässt.
    Die Tat an sich schon an sich schrecklich, aber wie die Behörden dann mit Édouard umgehen und ihn schikanieren macht mich einfach nur wütend. Und Nein dies ist kein Einzelfall, er hat einfach nur den Mut es auszusprechen.

     

    ‚Im Herzen der Gewalt‘ lässt den Leser zu tiefst durchgerüttelt und erschüttert zurück.



    Mehr Infos:  https://das-leseleben.webnode.com/news/im-herzen-der-gewalt-von-edouard-louis/

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    vivreavecdeslivresvor 8 Monaten
    Im Herzen der Gewalt | Buchbesprechung


    Im Herzen der Gewalt ist das erste Buch, das ich von Édouard  Louis gelesen habe. Sein Debütroman wurde von verschiedenen Seiten gelobt und als literarischer Schock bezeichnet. Sein zweiter Roman ist nach Didier Eribon noch stärker und macht Louis zu einem der bedeutendsten Autoren der Gegenwart. Um ehrlich zu sein, hatte ich meine Schwierigkeiten mit dem Buch. Ich fand sowohl die Form als auch den Inhalt schwer. Beides zusammen hat bei mir zu grossen Verwirrungen geführt, ich bin nicht nachgekommen und habe nicht alles verstanden. Als Leserin ist gut zu erkennen, dass Édouard Louis autobiographisch schreibt, die Geschichte, die ganzen Gefühle und Handlungsstränge kommen sehr authentisch rüber. Die Form war hingegen sehr verwirrend. Es wurde nicht chronologisch erzählt, sondern von einem Punkt zum nächsten gesprungen und das ohne erkennbaren roten Faden - vor und zurück. Der Roman beginnt mit Édouards Begegnung am Weihnachtsabend an der Place de la Rebupliquec in Paris. Er trifft einen Mann namens Reda und nimmt ihn nach kurzem Zögern mit zu sich nachhause. Im Laufe des Buches erfährt man immer mehr über die Beziehung der beiden Männer, was sie gemeinsam getan haben, was schön war, was sonderbar war, was schrecklich und was angsteinflössend war. Diese Art des Aufrollen einer Geschichte finde ich immer sehr spannend, auch wenn es immer zu Komplikationen führt. 



    Für mich war dieses Buch auf Seite des Autors mehr ein Werk der Verarbeitung dieser Begegnung, als Literatur. Ich hoffe es ist nachvollziehbar, was ich damit meine. Natürlich ist es Literatur und ich würde auch so weit gehen, dass ich sagen würde, dass das Buch gut war, auch wenn es mir nicht ganz zusagen konnte. Irgendwie hat er es sich beinahe etwas einfach gemacht. Das ist natürlich sehr gewagt, das so zu formulieren, ich wünsche niemandem ein Erlebnis, das dem gleicht, das Édouard  Louis erlebt hat, aber er hätte etwas mehr rausholen können. Die Handlung wird detaillierter beschrieben, aber ihm wesentlichen geschieht nicht viel mehr. Wenn es euch also interessiert und ihr euch gut auf eine etwas gewagte Erzählform einlassen mögt, bin ich sicher, dass es euch gefallen wird. Mir ist es irgendwie nicht gelungen, obwohl ich den Roman auch sehr gerne und gespannt gelesen, beinahe schon verschlungen habe. Dennoch habe ich mir einige Passagen genau eingeprägt, der junge Franzose hat einen schönen Wortschatz und eine Message, die ich ebenfalls aus dem Buch mitgenommen habe, ist, dass Freunde einem das Leben retten können - im übertragenen Sinne natürlich. Ohne Menschen, die einem zuhören, einem helfen und einem beraten sind solche schweren Situationen im Leben kaum bestreitbar und dieser Roman hat mich in dieser These bestärkt. Ein weitere Teil des Buches, der mich beeindruckt hat, ist zu sehen, was eine solche Begegnung mit einem anstellt. Inwiefern sie einem verändert, schwächt und wie sich das im Alltag zeigt. Ich bin gespannt auf eure Meinungen zum Buch, wir freuen uns über jeden Kommentar!


    https://wonderful-ne-books.blogspot.ch/2017/10/im-herzen-der-gewalt-buchbesprechung.html

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    Kleine8310s avatar
    Kleine8310vor 8 Monaten
    Im Herzen der Gewalt

    "Im Herzen der Gewalt" ist ein autobiographischer Roman des Autors Édouard Louis. Dieses Buch hat aufgrund des Thema's direkt meine Neugier geweckt. Die Inhalte sind aktuell und für mich klang allein schon der Klappentext nach einer bewegenden und tiefergehenden Geschichte, auf die ich sehr gespannt war. 

     

    In dieser Geschichte geht es um den Protagonisten Édouard. Der junge Mann ist auf dem Weg nach Hause, als er dem jungen Reda begegnet. Reda stammt aus Algerien und schon nach einem kurzen Gespräch fühlt sich Édouard zu ihm hingezogen und nimmt ihn mit in seine Wohnung. 

     

    Die beiden Männer flirten und lachen, aber sie sprechen auch über ernstere Dinge. Doch im Verlauf der Nacht endet die Leichtigkeit und schlägt um in Gewalt, an deren Ende der Protagonist mit einer Waffe bedroht wird und um sein Leben fürchten muss ...

    Der Einstieg in diese Geschichte ist mir gut gelungen. Der Schreibstil von Édouard Louis ist detailliert und der Autor hat ein tolles Feingefühl mit dem er auch schwierige Themen, die hier vorherrschen, gekonnt vermittelt. Die Geschichte ist autobiographisch und wird aus mehreren verschiedenen Sichten geschildert, zum Beispiel von Édouards Schwester oder auch Polizeibeamten. Durch das Wissen, dass der Autor dieses Geschehen selber erlebt hat gingen mir die Inhalte noch einmal mehr unter die Haut und bescherten mir ab und an echte Gänsehaut. 

     

    Die Themen dieses Buches sind vielfältig und in der Kombination durchweg dazu da, um zum Nachdenken anzuregen. Ich war als Leserin geschockt, verunsichert, wurde geängstigt, habe den Kopf über manches Verhalten geschüttelt und bin mir sehr sicher, dass diese Inhalte nicht nur einen kurzzeitigen, sondern einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen werden. 

     

    Die Ausarbeitung der Charaktere ist recht gut gewesen, aber das Hauptaugenmerk liegt doch deutlich auf dem Protagonisten. Die anderen Charaktere waren mir ab und an ein bisschen zu klischeehaft skizziert, aber es ist nicht mal unrealistisch, da es solche Reaktionen und Denkweisen, ja leider wirklich zu hauf gibt. Wer selbst unter Missbrauchserfahrungen leidet sollte aufgrund des ungeschönten Blick's auf solch eine Tat vielleicht eher Abstand zu dem Buch nehmen, da es durchaus triggern könnte. Allen anderen kann ich diese Geschichte aufgrund ihrer emotionalen Bandbreite und der wichtigen Themen nur ans Herz legen.

     

    Positiv: 

    * detaillierter und empathischer Schreibstil

    * spannende Handlung

    * wichtige und vielseitige Themenauswahl

    * tolle Mischung verschiedenster Emotionen 

     

    Negativ: 

    * wenige Charaktere waren mir etwas zu klischeehaft skizziert

     

    "Im Herzen der Gewalt" ist ein vielschichtiges und bewegendes Buch, welches einen starken Eindruck hinterlässt und durch die wichtigen Inhalte auch zum Nachdenken anregt!

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    Nespavanjes avatar
    Nespavanjevor 8 Monaten
    Kurzmeinung: Nach einem Onlinemagazin nach, hasst Édouard Louis das Schreiben - ich allerdings liebe seine Romane.
    Wenn Worte für das Unaussprechliche fehlen

    Eddy, der Hauptprotagonist in dieser Geschichte ist in Paris auf dem Nachhauseweg von einem Weihnachtsessen. Hier wird er von einem jungen Mann angesprochen und trotz seiner Vorbehalte, nimmt er den aufdringlich wirkenden jungen Mann mit heim. Von einem Flirt der in Gewalt endet, handelt dieses Buch; von einem Morgen danach, wo Worte für das Unaussprechliche fehlen; wo trotz intensiven Benutzen von Reinigungsmittel, der Ekel sich nicht wegwischen lässt.
    Im Herzen der Gewalt ist der zweite Roman von Éduard Louis. Mit seinem Debütroman avancierte er zum Shootingstar der französischen Literaturszene. Geschuldet ist es wohl auch dem sehr jungen Alter des Schriftstellers, denn nur mit 19 Jahren hat er die erste Fassung von „Das Ende von Eddy“ geschrieben. Man muss hier zwar den ersten nicht gelesen haben um sich im zweiten Roman zurecht zu finden, liest man aber nun - Im Herzen der Gewalt - im Kontext des ersten, begreift der Leser, dass Paris für Eddy oder Éduard nur scheinbar ein Befreiungsschlag war. Das enge Korsett von Gewalt, Homophobie und Rassismus im Alltag im Dorf Hallencourt, in der Picardie hat er nur oberflächig hinter sich gelassen. Als er seine Schwester belauscht, die ihrem Mann das Unsagbare erzählt, dass Eddy widerfahren ist, wird dem aufmerksamen Leser - er möge mein Vorweggreifen des Inhaltes verzeihen - klar, dass man seiner Kindheit nicht entkommt und Eddy, so schrecklich es sich auch anhören mag, einen Teil der Gewalt, der Homophobie und des Rassismus nicht entfliehen kann.
    Lange bevor die #metoo Debatte weltweit eine Solidarisierung mit den Opfern von sexueller Gewalt und eine weltweite Debatte über den Missbrauch losgetreten hat, schrieb also Édouard Louis in sehr nüchternen, beinahe in analytischen Sätzen einen Roman der von einer für ihm sehr verhängnisvollen Begegnung mit einem anderen Mann handelt. Ihm gelingt es, die Geschichte in ihrer ganzen Grausamkeit zu schildern und die Ohnmacht gegenüber seines Peinigers und die schamvolle Auseinandersetzung mit Polizei und Mitarbeitern von Krankenhäusern wahrhaft zu schildern. Wer bislang seinen ersten Roman noch nicht gelesen hat, sollte es spätestens jetzt nachholen.

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    BeaMilanas avatar
    BeaMilanavor 9 Monaten
    Eine dramatische Nacht und ihre Folgen

    In der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember begegnet der Ich-Erzähler Édouard in Paris einem fremden Mann und nimmt diesen mit in seine Wohnung.

    „Ich ging weiterhin nicht auf das ein, was er sagte, und er ging weiter neben mir her, mit nicht nachlassendem Lächeln, nicht nachlassender Energie und Willenskraft; hatte er vielleicht die Veränderung in meiner eigenen Stimme und meinem fliehenden Blick erkannt, diese Winzigkeit, die es brauchte, um mich Ja sagen zu lassen, die mikroskopisch kleine Geste, die genügen würde, um mich kapitulieren, umfallen, gestehen zu lassen, dass ich ihm, seit er mich auf dem Platz angesprochen hatte, nur zu gern antworten wollte, dass ich nichts lieber wollte, als ihn zu mir zu nehmen, meine Hand auf ihn zu legen, und dass ich mühsam danach strebte, diese Lust zum Verstummen zu bringen.“

    Die beiden Männer verbringen die Nacht zusammen. Sie schlafen miteinander, lachen, trinken, Reda erzählt von seinem Vater, der aus Algerien geflohen ist. Gegen Morgen, kurz vor dem Abschied, vermutet Édouard, von Reda beklaut worden zu sein; ohne Vorwurf, eher mit Verständnis, denn er selbst klaute einst, um über die Runden zu kommen. Doch Reda rastet aus, zieht eine Waffe, stranguliert und vergewaltigt ihn.

    Mit großer Eindringlichkeit, in kraftvoller Sprache erzählt Édouard Louis in seinem autobiografischen Roman das Ereignis dieser Nacht und dessen Folgen aus zwei Perspektiven: Der seiner Schwester, der er vieles, aber nicht alles, erzählt hat, und seiner eigenen. Für manchen Leser mag dies ein wenig verwirrend sein, da beide Perspektiven oft direkt ineinander übergehen. Mir gefiel diese Erzählkonstruktion und sie schmälert nichts an der mit beeindruckender Sprachgewalt geschriebenen Geschichte eines Verbrechens, in der ein gedemütigtes, verzweifeltes Opfer Reflexionen über die Gewalt in unserer Gesellschaft zieht, erstaunlicherweise nie anklagend.

    Der 24-jährige französische Autor hat bereits mit seinem Debütroman "Das Ende von Eddy" Furore gemacht. Sein zweiter Roman "Im Herzen der Gewalt" wurde auf der diesjährigen Buchmesse in Frankfurt vorgestellt. Kein leichter Stoff, doch tief berührend in all seinen Facetten. Louis gilt als eine der neuen Stimmen Frankreichs und kommt aus der Arbeiterschicht vom Land.

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    Girdies avatar
    Girdievor einem Jahr
    Berührt und bleibt im Gedächtnis

    „Im Herzen der Gewalt“ ist das zweite Buch des 24-jährigen Franzosen Édouard Louis. Der Roman ist autobiographisch. Im Rückblick schildert der Autor die zufällige Begegnung mit einem jungen Mann, den er am Heiligabend auf der Straße trifft und der sich ihm als Reda vorstellt. Die folgenden Stunden der Nacht enden für Édouard mit einer Morddrohung durch seine Zufallsbekanntschaft. Bereits das Cover des Buchs vermittelte mir die Ausgangslage einer grauen, düsteren Umgebung die dazu führt, dass der Autor den jungen Mann mit zu sich nach Hause nimmt.

    Der Geschichte beginnt im Waschsalon. Édouard befindet sich dort, unweit seiner Wohnung, um seine Bettwäsche zu waschen. Es ist überraschenderweise der 1. Weihnachtstag, wenige Stunden nachdem Reda ihm angedroht hat, ihn zu töten. Sein Bedürfnis nach Reinheit nimmt extreme Züge an. Zuhause säubert und desinfiziert er alle Flächen und duscht mehrmals. Doch seine Erinnerungen an das Erlebte kann er nicht so ohne weiteres wegwischen. Gleich auf den ersten Seiten lässt er den Leser ahnen, wie aufgewühlt er von den Ereignissen ist. Seine Schilderung ist ein Aufschrei, ein „ich möchte das nicht erlebt haben“ und doch kann er die Vergangenheit nicht ändern.

    Schließlich sucht er fast ein Jahr später Zuflucht bei seiner Schwester in Nordfrankreich, dort, wo auch seine Heimat ist. Während seines Aufenthalts lauscht er aus einem Versteck dem Gespräch seiner Schwester mit ihrem Mann. Sie schildert ihm das, was sie inzwischen von Édouards über die Nacht mit Reda erfahren hat. Aus dieser Distanz heraus reflektiert Édouard die Geschichte für sich und ergänzt das Gespräch für den Leser durch seine Gedanken. Hat der Beginn des Romans sich lediglich auf vage Andeutungen beschränkt, so erfuhr ich nun bruchstückhaft, aber in allen Einzelheiten, was sich in den wenigen Stunden des Zusammenseins mit Reda ereignet hat.

    Édouard ist verstört und hat ein großes Bedürfnis zu reden. Er will nicht allein sein mit seiner Geschichte, doch die Geschehnisse verlassen ihn nicht gemeinsam mit seinen Worten sondern bleiben bei ihm. Auch Tränen fließen, jedoch ohne die Erinnerungen mitzunehmen. Seine Freunde raten ihm zu einer Anzeige bei der Polizei. Jeder mit dem er spricht bedauert ihn, jedoch mit dem Unverständnis über die Tatsache, dass Édouard einem Unbekannten so schnell vertraut hat. Für ihn muss es einen Grund geben, warum Reda so gehandelt hat, vielleicht handeln musste. Er sucht dessen Tat zu rechtfertigen. Im Vordergrund steht dabei Redas Status als Immigrant und Kind eines kabylischen Flüchtlings von der er in dieser einen Nacht erzählt hat. Der Autor hat selber in seiner Kindheit und Jugend mit schwierigen Familienverhältnissen gekämpft, bevor er sich aus den engen Ansichten der Dorfbewohner seines damaligen Wohnorts befreien konnte. Letztlich kann er durch seine Argumentation nicht wirklich überzeugen, auch sich selber nicht, denn er selbst hat gezeigt, dass man seine Ziele aus einer ungünstigen Ausgangslage heraus dennoch erreichen kann. Seine ungewollte Opferrolle versucht er abzustreifen, doch eine von ihm gewünschte Mitschuld findet er nicht für sich. Was bleibt ist die ständig wiederkehrende Angst, das alles könnte wieder passieren.

    Als Leser habe ich die Verzweiflung von Édouard gespürt, der vergeblich versucht, das Geschehene zu vergessen. Er erzählt intensiv und eindringlich, in hellster Erregung, später auch erschöpft durch seine widerstreitenden Gefühle und sein Gedankenkarussell. Gerade das, was der Autor erlebt hat, kann auch denen von uns passieren, die ihren Empfindungen unbesonnen und spontan nachgeben. Dadurch sind die Schilderungen so beunruhigend in unserer heutigen Zeit zunehmender Gewaltbereitschaft. Der Roman berührt und bleibt im Gedächtnis. Darum eine Leseempfehlung von mir.

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    HEIDIZs avatar
    HEIDIZvor einem Jahr
    Kurzmeinung: Ein wirklich tiefgreifend, feinsinniges und flüssig spannend zu lesendes Buch, welches mich nachhaltig beeindruckt hat.
    Gewaltig gut

    Im Herzen der Gewalt - dieser Titel hat mich neugierig gemacht. Es ist erst das zweite Buch des Autors, dennoch fühlt es sich während des Lesens an, als hätte man das Buch eines renommierten Autors vor sich, der nichts anderes macht, als schreiben.

     

    "Das Ende von Edy" war sein Debüt, ich habe es bisher noch nicht gelesen, aber nachdem ich jetzt das zweite gelesen habe, werde ich ganz sicher irgendwann auch zum ersten greifen, weil sein Stil wirklich genial zu lesen ist. Er geht in die Tiefe, schreibt ausschweifend und doch nicht langatmig, schafft einen perfekten Spagat zwischen ausschweifend und auf den Punkt bringen, genau, wie ich es mir für ein gutes und durchweg spannendes Buch wünsche.

     

    Außerdem ist der Inhalt zum einen dicht und zum anderen  brisant und für unsere Zeit extrem spannend und mit nachdenklichen Elementen hinterlegt.

     

    Der Autor erzählt von Reda in Paris, es ist Weihnachten und der Hauptcharakter - es ist übrigens ein autobiografischer Roman - lernt Reda kennen, als er auf dem Heimweg ist von einem Abendessen mit den beiden Freunden. Reda erzählt davon was sein Vater erlebt hat, er erzählt von seiner Kindheit. Unser Hauptcharakter, also Édouard nimmt Reda mit zu sich, sie scheinen sich perfekt zu verstehen, auf einer Wellenlänge zu schwimmen, aber als die Nacht vorüber ist, sie gemeinsam gelacht haben, passiert das Unfassbare ...

     

    Louis beschäftigt sich mit Gewalt auf eine ganz besondere Art. Mir hat es sehr gut gefallen, wie er an diesen sozusagen zweiten autobiografischen Roman heran gegangen ist. Man fühlt sich involviert, einbezogen.

     

    Leseprobe:
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    Also hat er gedacht: Ich muss an meine Fotos kommen. Und während er das denkt, will er den anderen beruhigen, er lächelt, er streichelt ihn, dann drängt er ihn ein bisschen, aber sanft, harmlos, gut. Aber der andere war ganz schön wild. Der ließ sich nicht so leicht bremsen, jedenfalls nicht so. ...

     

    Menschliche Abgründe, Gewalt und Schmerz, Zerstörung, Vertrauen .... all dies wird im Buch in die Handlung involviert.

     

    Ich gebe zu, es war nicht ganz einfach, in das Buch hineinzukommen, aber ich sage es jenen, denen es auch so geht, lest weiter, es lohnt sich. Das Buch ist tiefgreifend, nachdenklich machend und extrem spannend und in hochwertig gut zu lesendem Stil geschrieben.

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    M
    michael_lehmann-papevor einem Jahr
    Was genau geschah……

    Was genau geschah……

    Da reißt einen die Lust (ein wenig) dahin. Da nimmt man einen zwar fremden, aber attraktiven und freundlich scheinenden Mann mit nach Hause. Reda, der „schöne Stunden“ zu versprechen scheint.

    „Ich hätte nie gedacht, dass er gefährlich sein könnte“.

    Was ein Irrtum war im Leben von Édouard Louis. Wobei, das alles wird sich dem Leser erst nach und nach erschießen und in einer Form von verschiedenen Perspektiven, in denen die Geschichte verarbeitet und, nach dem „Stille-Post-Prinzip“ auch mit neuen Nuancen versehen wird, so dass es dauert, bis klar ist, was genau und was wirklich in jener Nacht geschah (wenn das überhaupt genau zu klären sein wird).

    Denn zunächst irritierend ist es ja, dass Freiwilligkeit ja gegeben war an diesem Heiligen Abend in Paris. Dass Louis jenen Reda mit eindeutigen Absichten mit nach Hause nahm.

    Und sich dann in gefährlicher Situation, gewürgt, bedroht und vergewaltigt während jenes Abends und der Nacht wiederfand.

    Ein Geschehen, das Louis in der Betrachtung der Tat kühl, in der Aufarbeitung des Geschehens innerlich fiebernd fast erzählt.

    Er, der aus der Enge der Provinz doch entkommen, war, in der Metropole angelangt und der nun zurückflieht in den Schoß des Elternhauses, der Familie.

    Wo die Veränderungen der Geschichte ihren Lauf nehmen, subjektive Färbungen, eigene Erinnerungen anderer mit hineinfließen, gepaart mit dem Wirrwarr an Gefühlen in Louis, der zudem noch Polizei, Ärzte, das ganze Drumherum mit zu bewältigen hat.

    Was Louis, wohlwissend vorher wohl, erst zögerlich angegangen war. Nun liegt es nicht mehr in seiner Hand. Wobei als weitere Perspektive der Ereignisse auch die augenscheinliche Herkunft Reda´s beginnt, eine Rolle zu spielen.

    Polizisten, denen nach den ersten Worten klar zu sein scheint, dass man auch nichts anderes hätte erwarten können von einem „maghrebinischen Typen“.

    All diese Färbungen, und das ist ein interessant zu lesender mit Hauptaspekt des autobiographischen Romans ist, wie die Sicht der anderen die eigene Sicht immer mit „belagert“, mit färbt. So dass ein Gemisch entsteht von eigenen Ressentiments nun und fremden Meinungen und Äußerungen, wenn Louis nach einer Weile allen, die ähnlich fremd aussehen, mit zunehmenden bis absolutem Misstrauen begegnet.

    Eines wird klar, trotz allem heiß laufen des Verstandes, trotz aller Bemühungen um einen rationalen Umgang mit dem Geschehen, der eigenen Prägung, den vielfachen Stimmen des Umfeldes, den eigenen Unsicherheiten und dem zähen Lauf der Institutionen gegenüber wird die Machtlosigkeit des Einzelnen im Angesicht von Gewalt, tiefsitzenden negativen Traditionen und dem „Gang der Dinge“ gegenüber mehr und mehr bedrängend, umfassend und belastend.
    Gut, dass Édouard, im Leben wie im Roman, echte Unterstützung und Hilfe findet.

    Bedrängend und präzise zu lesen bietet Louis in seinem neuen Roman einen ungeschminkten Blick auf das Risiko des Lebens, auf latent breiter zunehmende Gewalt, auf einen tiefsitzenden Argwohn dem und den Fremden gegenüber, der den Leser lange nicht loslassen wird.


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    […] ein unerhört kluger Autor, der weit über individuelle Empfindlichkeiten ins Gesellschaftliche hinausdenkt

    Die Virtuosität mit der Louis die Deutungen gegeneinanderstellt, ist eindrucksvoll; die Selbstironie […] hat einen sardonischen Vergnügungswert.

    […] ein großes Buch über die Macht der Sprache, das Unsichtbare zu zeigen. […] Édouard Louis hat im Kertész’schen Sinne zwei sehr wahre Bücher geschrieben.

    […] die Kraft des Romans entfaltet sich genau […] durch Édouards ungeschönten Umgang – mit sich selbst.

    ein atemlos geschriebenes, beklemmendes, sehr persönliches und zugleich politisches Buch, reflektiert und von großer Sprachkraft. [.] Louis erweist sich damit als einer der großen zeitgenössischen Autoren Frankreichs.

    In seinem verstörenden, durch die geschickte Brechung der Chronologie immer spannenden Roman ›Im Herzen der Gewalt‹ macht Édouard Louis menschliche Abgründe sichtbar.

    Louis‘ Worte haben Gewicht, ohne schwer zu sein, sie kommen aufrecht daher, ohne den Zeigefinger zu heben. Sie verkörpern eine Haltung.

    Glänzend übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel, ist ›Im Herzen der Gewalt‹ ein atemlos geschriebenes, beklemmendes, sehr persönliches und zugleich politisches Buch, reflektiert und von großer Sprachkraft.

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