Éric Plamondon

 3,5 Sterne bei 4 Bewertungen
Autor von Taqawan.

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Cover des Buches Taqawan (ISBN: 9783857878237)

Taqawan

 (4)
Erschienen am 04.01.2021

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Cover des Buches Taqawan (ISBN: 9783857878237)Buecherschmauss avatar

Rezension zu "Taqawan" von Éric Plamondon

Der Kampf der Mi´gmaq
Buecherschmausvor 5 Monaten

Kanada war und ist Gastland der Frankfurter Buchmesse, Dank Corona sowohl 2020 als auch 2021. „Singular Plurality“ ist das Motto, die einzigartige Vielfalt, die die Veranstalter in den Mittelpunkt ihres Auftritts stellen möchten. Die Gleichberechtigung zweier Amtssprachen – Englisch und Französisch -, die vorbildlich erscheinende Einwanderungspolitik (rund ein Fünftel der Kanadier ist neueren Zahlen zufolge im Ausland geboren worden) und die Vielfalt an indigenen Völkern schafft diese Pluralität, die sich offiziell dadurch auszeichnen soll, die Individualität aller friedlich nebeneinander koexistieren zu lassen. Das dies zumindest nicht immer so reibungslos vonstattenging, kann man im neuen Roman von Éric Plamondon, Taqawan, nachlesen.

Éric Plamondon siedelt seine Geschichte auf der Halbinsel Gaspésie an, die nordöstlich von Québec in den Sankt-Lorenz-Strom hineinragt. Am südlichen Ende, am Fluss Restigouche liegt das ehemalige Stammesgebiet der Mi´gmaq, eines indigenen Volksstamms, der hier immer noch siedelt und traditionsgemäß vom Lachsfang lebt. Zur Zeit der Romanhandlung, 1981, tobten hier Unruhen zwischen den Mi´gmaq und Regierungsstellen. Es ging um die Fischereirechte. Vorgeblich für den Umwelt- und Artenschutz wurde den hier lebenden indigenen Fischern der Fang mit großen Netzen verboten. Vorgeblich, da die Mengen an Lachsen, die von großen Trawlern vor der Küste abgefischt wurden, ungleich größer waren.

Direkt zu Beginn von Taqawan lässt Éric Plamondon die beiden Parteien aufeinanderprallen. Die Polizei geht bei der Beschlagnahmung der Netze für den Fischfang, der oft einzige Lebensgrundlage der indigenen Familien und vor allem auch identitätsstiftend ist, mit großer Härte und Gewalt vor. Die 15jährige Océane sitzt gerade im Schulbus und muss zusehen, wie ihr Vater schwer misshandelt wird.

Im Laufe des ausbrechenden Chaos und der Unruhen, wird Océane brutal vergewaltigt. Täter sind ausgerechnet Polizisten. Das erzählt sie Yves Leclerc, einem ehemaligen Ranger, der aus Protest gegen die Bevormundung der frankokanadischen Provinzen durch die Zentralregierung in Ottawa seinen Job an den Nagel gehängt hat. Er hat das verletzte und verängstigte Mädchen am Fluss gefunden und bringt sie nun zu sich nach Hause. Hier nimmt der fiktive Krimiplot vor den historischen Ereignissen seine, zunächst sehr gemächliche Fahrt auf.

Wichtiger als die Ermittlungen, die Yves nun aufnimmt, sind Plamondon die Einblicke, die er in die kanadische Geschichte, den Verlauf und die Folgen der Kolonisierung der indigenen Bevölkerung seit dem 15. Jahrhundert und den seitdem herrschenden strukturellen Rassismus gibt. Dass sich Kanada beim Umgang mit seinen First Nations auch nicht mit Ruhm bekleckert hat, wissen wir spätestens nachdem die Gewalt und der sexuelle Missbrauch in den sogenannten „Residential Schools“ bekannt wurden. Hier wurden die indigenen Kinder zwangsweise in Internaten zusammengefasst, die sie der eigenen Sprache und Kultur entfremden und „zivilisieren“ wollten. Ein Protagonist beschreibt es mal so:

„In Québec haben wir alle Indianerblut. Entweder in unseren Adern oder an den Händen.“

Éric Plamondon unterbricht seine Handlung, die er in relativ kurze Kapitel aufteilt, immer wieder mit kleinen Splittern aus der Geschichte, über Traditionen, die Jagd und den Fischfang der Mi´gmaq und die Kolonisierungsbestrebungen der Weißen. Kaleidoskopartig setzt sich dadurch ein Bild zusammen. Wir lernen, das „Taqawa“ in der Sprache der Mi´gmaq den Lachs beschreibt, der zum ersten Mal seit seiner Geburt wieder in seine Ursprungsgewässer zurückkommt. Es werden aber auch kleine Werbetexte, Rezepte und Anekdoten eingestreut. Das passt mal mehr, mal weniger gut, ist aber immer interessant. Auch gelungene Beschreibung von Natur und Tierwelt haben ihren Platz in dem schmalen Buch.

Irgendwann nehmen diese essayistischen Einschübe ab und die Krimihandlung, die bisher eher so nebenher mitgeplätschert ist, nimmt enorm an Fahrt auf. Mit seinem Nachbarn William und mit der Hilfe der Französischen Lehrerin Caroline versucht Yves, nicht nur die Schuldigen der Vergewaltigung ausfindig zu machen, sondern bald auch Océane als Zeugin zu schützen. Dabei wird es richtig actiongeladen und auch ziemlich brutal.

Mit Taqawan hat der seit vielen Jahren in Frankreich lebende Kanadier Éric Plamondon einen spannenden und interessanten Roman geschrieben, der gleichzeitig Abenteuergeschichte, Krimi und Sozialstudie ist und hoffentlich auch ohne den physischen Buchmessenauftritt Kanadas die Aufmerksamkeit erhält, die er verdient.

 

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Cover des Buches Taqawan (ISBN: 9783039250042)Gulans avatar

Rezension zu "Taqawan" von Éric Plamondon

Salmon salar.
Gulanvor 7 Monaten

Sie verlor das Zeitgefühl. Jede Sekunde dehnte sich endlos, wurde zu einer Stunde. Der Schmerz schien von einem Ort weit ausserhalb ihrer selbst zu kommen. Sie spaltete sich von ihrem Körper ab, Überlebensmechanismus, liess sich ins Dunkel sinken und spürte nur noch eine diffuse Mischung aus Angst, Hass, Wut, Demütigung, hörte, wie die Stimmen sie beleidigten, ohne sie auseinanderhalten zu können, ohne zu begreifen. (E-Book, S.111)

Provinz Québec am 11.Juni 1981: Die 15jährige Océane fährt mit dem Bus von der Schule nach Hause in das Dorf und Reservat der Mi’gmaq. Auf der Brücke über den Restigouche wird der Bus von der Polizei gestoppt und die Schüler sehen von dort mit an, wie die Polizei eine brutale Razzia durchführt und die Fischernetze der Mi’gmaq beschlagnahmt. Es kommt zu gewalttätigen Krawallen, viele Männer, darunter Océanes Vater werden verhaftet. Kurze Zeit später findet der ehemalige Ranger Ives Leclerc Océane im Wald schwer verletzt auf, mehrfach wurde sie vergewaltigt. Ives sucht Hilfe beim Mi’gmaq William, der als Einsiedler im Wald lebt, und seiner Ex-Freundin Caroline, einer jungen Lehrerin aus Frankreich. Gemeinsam versuchen sie, Océane zu heilen und stellen dabei fest, dass sich das Mädchen immer noch in akuter Gefahr befindet.

Der Romanhintergrund basiert auf den tatsächlichen Ereignissen des sogenannten „Salmon Raid“ 1981. Die Mi’gmaq zählen zu den zahlreichen First Nations Kanadas, den Ureinwohnern. Sie leben in den östlichen Provinzen Kanadas, unter anderem auf der Halbinsel Gaspésie im Osten Québecs. Seit Jahrtausenden leben sie vom Fischfang, insbesondere Lachsfang. Die Fangrechte der Mi’gmaq waren seit der Kolonisierung immer wieder umstritten und bedroht. Im Jahr 1981 versuchte die Québecer Provinzregierung, die Fischereirechte einzuschränken und wollte dies auch mit polizeilichen Mitteln durchsetzen. Der Aufruhr erschütterte ganz Kanada und war auch ein Stellvertreterkonflikt, den die Regierung in Québec gegen die der kanadischen Regierung unterstellten Reservate führte.

Er war sieben Jahre alt, und er konnte seiner Grossmutter stundenlang beim Nähen zusehen. […] Eines Tages erklärte sie ihm den Fadenlauf. […] Für Ives`Kinderseele lag darin etwas Magisches. Später, wenn er in einer schwierigen Lage war und das Gefühl hatte, den Faden zu verlieren, suchte er nach dem Fadenlauf. […]
Jetzt, wo er gekündigt hatte und eine junge Mi’gmaq beschützen musste, zwei Männer tot waren und ein Teil der Québecer Bevölkerung die Indianer ein für alle mal loswerden wollte, hatte Leclerc mehr denn je das Gefühl, den Faden verloren zu haben. (E-Book, S.122-124)

Ein Taqawan ist übrigens die Bezeichnung der Mi’gmaq für einen Lachs, der zum ersten Mal nach seiner Geburt zum Laichen wieder zu seinem Geburtsfluss zurückkehrt. Dies ist aber nur eine von zahlreichen Erläuterungen und Einschüben, die Autor Éric Plamondon, ein gebürtiger Québecer, in seinen Roman einflechtet. Die Kapitel sind kurz, manchmal weniger als eine Seite. Plamondon fügt viel Dokumentarisches ein: Erläuterungen zum Lachs und Lachsfang, die Kolonialgeschichte Kanadas und der Provinz Québec, Mythen und Erzählungen der Mi’gmaq und deren schwieriger Kampf um ihre Identität. Dabei bezieht der Autor ganz klar Stellung für die Ureinwohner.

Der Kriminalplot ist dabei recht kurz und knackig und ziemlich noir. Man wirft zahlreichen Autoren immer gerne etwas Geschwätzigkeit vor, hier hatte ich im Gegensatz dazu das Gefühl, dass man den Plot sicherlich noch ausdehnen hätte können. Erstaunlicherweise gelingt dem Autor auf den wenigen Romanseiten aber auch eine gute Zeichnung seiner Hauptfiguren (die Nebenfiguren und die „Bösen“ bleiben allerdings etwas diffus) und vor allem der Ambivalenz und die Zerrissenheit zwischen Québec und Kanada und auch zwischen den Québecern und den Ureinwohnern.

In Québec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen. (E-Book, S.87)

Insgesamt ist „Taqawan“ ein anregender Roman noir mit viel Hintergrundinformation über einen Teil der kanadischen Geschichte. Allerdings muss ich gestehen, dass es mir für eine Topbewertung wegen der zahlreichen Einschübe doch zu fragmentarisch aufbereitet war. Nichtsdestotrotz war es ein bemerkenswerter und lesenswerter Roman.

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