Özlem Çimen

 4,3 Sterne bei 4 Bewertungen
Autor*in von Babas Schweigen.

Lebenslauf

Özlem Çimen, geboren 1981 und aufgewachsen in Luzern, lebt mit ihrer vierköpfigen Familie in Zug. 2012 schloss sie den Master in Education in Special Needs an der Pädagogischen Hochschule Luzern ab und ist als Heilpädagogin im Kanton Luzern tätig.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Özlem Çimen

Cover des Buches Babas Schweigen (ISBN: 9783039260713)

Babas Schweigen

(4)
Erschienen am 14.03.2024

Neue Rezensionen zu Özlem Çimen

Cover des Buches Babas Schweigen (ISBN: 9783039260713)
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Rezension zu "Babas Schweigen" von Özlem Çimen

MarcoL
Auf der Suche nach den eigenen Wurzeln, der eigenen kulturellen Identität.

Die Autorin erzählt in drei Erzählsträngen über ihre Reisen nach Ostanatolien, das Land ihrer Wurzeln. Sie hat ein gefestigtes, gutes Leben in der Schweiz, und möchte ihre Erinnerungen an ihre Kindheit bei ihren Großeltern festhalten. Es sind unbeschwerte Kindheitstage mit einer fürsorglichen Großmutter, einen manchmal schimpfenden Großvater, einer Tante, die aus dem Kaffeesatz die Zukunft liest. Sie stehlen Melonen und baden im Fluss Firat. Es ist eine heile Kindeswelt.
Jahre später ist sie mit ihrem Mann wieder dort. Sie werden in der Verwandtschaft herumgereicht, jeder will sie sehen und sprechen. Eines Tages lässt ihr Onkel, zugleich ihr Chauffeur und Fremdenführer, eine Bemerkung los, dass das Land einst den Armeniern gehörte.
Özlem wusste nichts davon und beginnt mit Recherchen. Die stößt an ihre eigenen Wurzeln und stellt fest, dass ihre Familie Zaza sind, eine kurdische Minderheit. Irgendwann wurden sie einfach als Türken assimiliert.
Erst als sie ihren Vater darauf anspricht, erzählt dieser alles, was er darüber weiß.
Leider war mir das viel zu wenig. Der im Klappentext angesprochene Genozid an die Armenier lässt einen zunächst mehr erwarten, ein tieferes Eintauchen in diese dunkle Geschichte der Türkei. Doch leider bleiben hier die historischen Begebenheiten außen vor. Lediglich ein kleines Kapitel widmet Cimen den Berichten ihres Vaters (die Großeltern längst verstorben), wie es sich damals mit der Umsiedlung zugetragen hat, und welches Leid die Menschen erfahren mussten.
Der Großteil der Erzählungen widmet sich aber tatsächlich um die Urlaubsaufenthalte und Einblicke in die Kultur ihrer Ahnen.

Die Erzählerin bekommt somit eine neue Identität als Zaza, der Massenmord an den Armeniern und Kurden wird nur am Rande erwähnt.
Gerne wäre ich mehr in die Geschichte eingetaucht, habe mir Hintergrundwissen erwartet. So bleiben viele Fragen für mich als Leser unbeantwortet und hinterlassen einen etwas dünnen Geschmack.
Erzählerisch möchte ich das Buch dennoch loben, es sind nette, unterhaltsame und auch nachdenklich machende Geschichten dabei, die ich gerne gelesen habe.

Cover des Buches Babas Schweigen (ISBN: 9783039260713)
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Rezension zu "Babas Schweigen" von Özlem Çimen

dracoma
Kinder brauchen Geschichten!

„Kinder brauchen Geschichten!“ 

Das ist der Antrieb der Ich-Erzählerin Özlem: sie will ihren Kindern Geschichten über ihre Familie erzählen und damit dem Vergessen entgegenwirken. Diese Geschichten bilden einen eigenen Erzählstrang. Sie erzählen von unbeschwerten Kindersommern bei den Großeltern im östlichen Anatolien, und in ihren Erzählungen werden die schon länger verstorbenen Großeltern wieder lebendig. Wir lesen Geschichten von dem Diebstahl einer Wassermelone und dem schimpfenden Großvater, von der Tante, die aus dem Kaffeesatz für die Großfamilie die Zukunft herausliest und vor allem von der liebevollen Zuwendung der Großmutter. Diese Erinnerungen werden ergänzt mit Geschichten, die innerhalb der Großfamilie erzählt wurden.

Ein anderer Erzählstrang erzählt von der inzwischen erwachsenen Ich-Erzählerin. Sie wuchs als Tochter türkischer Gastarbeiter in der Schweiz auf und hat das Schweizer Bürgerrecht. Sie will ihrem Mann und ihren Kindern den Ort ihrer glücklichen Kindheitserinnerungen zeigen und stolpert über eine kurze Bemerkung ihres Onkels: das alles habe Armeniern gehört. Özlem beginnt zu recherchieren und erkennt, dass ihre Familie ihre Identität bisher versteckt hat. Sie sind keine Türken, sondern Angehörige einer kurdischen Minderheit, der Zaza: Daher sind die Kapitelüberschriften in Zazaki formuliert, auch wenn die Sprache in der Familie Özlems nicht gesprochen wird. 

Zugleich erkennt die Erzählerin die Verstrickung ihrer Familie in den Genozid an den Armeniern. Bei ihren Recherchen liest sie zum ersten Mal von den Vertreibungen, den Todesmärschen und den Massakern. Und jetzt erst versteht sie, wieso der Fluss Firat den Beinamen „der rote Firat“ bekommen hat, wieso die Familie des Vaters nicht seit Generationen in dem Dorf wohnte und wieso der botanische Name des allgegenwärtigen Aprikosenbaums „prunus armenica“ lautet. Sie wird sich bewusst, dass ihre Familie ein Nutznießer des Genozids war und daher schwieg. 

Die Autorin schlägt damit zwei Themen an: einerseits die Minderheit der Zaza und deren eigenständige Kultur und andererseits den Genozid an den Armeniern. Keines der Themen wird – leider – tiefgründiger behandelt. Die Themen werden eher referiert, aber immerhin: das Schweigen der Familie ist gebrochen, die Ich-Erzählerin hat ihre Identität.

 

 


 

 

Cover des Buches Babas Schweigen (ISBN: 9783039260713)
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Rezension zu "Babas Schweigen" von Özlem Çimen

Seitenmusik
Babas Schweigen – Zwischen Familiengeheimnissen und der Suche nach Identität

"Wir sind noch nicht weit gefahren und trotzdem lassen der karge Munzur und der Fırat eine tiefe Sehnsucht entstehen. Sehnsucht wie Özlem. Jetzt weiß ich, warum ich so getauft wurde. Ich bin das Kind, das in der Sehnsucht entstanden und geboren ist." - Buchzitat (S.91)

Özlem Çimen entfaltet in ihrem Debütroman "Babas Schweigen" eine zutiefst emotionale Reise durch die Identität einer Familie. Die Geschichte wird aus der Sicht der Protagonistin aufgeblättert, die sich unerwartet der eigenen Vergangenheit stellen muss.

Die Autorin, selbst aufgewachsen in der Schweiz, begibt sich als Erwachsene zurück in das ostanatolische Dorf ihrer Kindheit. Die Sommer, einst von unbeschwerter Freude geprägt, werden zum Schauplatz einer schmerzhaften Enthüllung. Durch einen beiläufigen Kommentar ihres Onkels erfährt Çimen, dass das Dorf einst von Armenier:innen bewohnt war – eine Tatsache, die sie nie zuvor in Erwägung zog. Dieser Moment des Erwachens setzt eine intensive Forschungsreise in Gang, die sie schließlich dazu bewegt, das lang gehütete Schweigen ihres Vaters zu brechen.

Das Buch, obwohl kurz, entfaltet sich immer aus der Perspektive der Protagonistin in drei Zeitebenen: der Kindheit in den 90ern, der Erkenntnis im Jahr 2013 und der endgültigen Konfrontation im Jahr 2022. In knappen Kapiteln verwebt Çimen Kindheitserinnerungen mit gegenwärtigen Stimmungsbildern und schafft so ein facettenreiches Bild ihrer Familiengeschichte.

Die Erzählung ist geprägt von subtilen Hinweisen, die sich nach und nach zusammensetzen. Die Protagonistin durchlebt eine Achterbahn der Gefühle, von der Unschuld der Kindheit bis zur schmerzhaften Wahrheit über den Völkermord an den Armenier:innenn. Dabei werden nicht nur persönliche Familiengeheimnisse, sondern auch die kollektive Geschichte einer Minderheit enthüllt. Die kulturellen Elemente, eingewoben in die Geschichte, verleihen dem Werk eine besondere Authentizität. Çimen beschreibt mit Liebe zum Detail die aprikosenbestandenen Landschaften, kulinarische Genüsse und traditionelle Bräuche. Die Verwendung der zazakischen Sprache in den Kapitelüberschriften (hêkete, cirestiş ...) trägt zur kulturellen Tiefe bei und vermittelt einen Einblick in die Vielschichtigkeit der Erzählung. Die Sprache ist einfühlsam und poetisch, ohne dabei an Präzision zu verlieren. Besonders gelungen ist die Integration von humorvollen Momenten, die die Schwere des Themas auflockern. So hat mich die kurze Sequenz mit den Sonnenkernen erheitert, weil ich mich selbst auch in der Situation von Felix gesehen hab, als ich mich zum ersten Mal an die Kerne gewagt habe: "Das Knabbern von Sonnenblumenkernen ist so etwas wie ein Nationalsport. Die Schalen werden auf einen Haufen gespuckt. Dabei geht es darum, den größeren Haufen zu produzieren als die anderen" (S. 16)

Die finale Konfrontation des Vaters und die darauffolgende Friedensschließung der Protagonistin mit der Familiengeschichte hinterlassen einen starken Eindruck: "Wir werden viele Geschichten hören, die wir nicht immer verstehen werden. Vielleicht werden wir eines Tages alle Zusammenhänge begreifen, die für uns im Moment noch im Verborgenen sind." (S.90) Für mich war er allerdings zu kurz gegriffen und zu aprubt.

"Babas Schweigen" ist eine literarische Perle, die Geschichte, Kultur und persönliche Entdeckungen in einem harmonischen Geflecht verbindet. Als Leser:in wird man mit auf eine emotionale Reise genommen, die nachdenklich stimmt und zum Verständnis transgenerationaler Traumata beiträgt. Özlem Çimens "Babas Schweigen" verdient 4 Sterne (einen Stern Abzug wegen dem Ende) für seine tiefe Emotionalität, kulturelle Authentizität und subtile Enthüllung familiärer Geheimnisse. Ein Buch, das trotz seiner Kürze nachhaltige Eindrücke hinterlässt.

Das Buch ist ein Rezensionsexemplar. Dies hat die Meinung jedoch nicht beeinflusst.

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