Aus dem Nebel der Geschichte

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Inhaltsangabe zu „Aus dem Nebel der Geschichte“ von

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    Aus dem Nebel der Geschichte

    dietrich_pukas

    08. November 2011 um 15:36

    Berufspädagogik lehrreich und unterhaltsam zugleich Volkmar Herkner (Hg.): Aus dem Nebel der Geschichte – Ein berufspädagogisches Schauspiel Rezension von Dietrich Pukas (08.11.2011) Das vorliegende Schauspiel ist an der Universität Flensburg in der Seminarveranstaltung „Kultur und Berufspädagogik“ entstanden und zeugt von einer ungewöhnlichen Kreativität der Lehrenden und Studierenden. So erweist es sich als bemerkenswerte Idee, das deutsche Duale System der Berufsausbildung in seiner Entwicklung und Veränderungsmöglichkeit, mit seinen Vor- und Nachteilen als Theaterstück in Form eines Gerichtsprozesses darzustellen und im Rahmen einer szenischen Lesung vor einem Publikum aufzuführen. Mit diesem hochschuldidaktischen Ansatz, Fachkompetenz in größtmöglicher Gestaltungsfreiheit umzusetzen, bewiesen die Akteure Mut und großen Einfallsreichtum und können so mit ihrer fachlichen Examensvorbereitung einem größeren Leserkreis ein zentrales Thema beruflicher Bildung anschaulich erschließen. Und zwar wird das Duale System deutscher Berufsausbildung wegen mehrfacher Gesetzesverstöße in einem Jahrhundertprozess vor Gericht angeklagt. Es soll gegen die Grundgesetzartikel zur freien Entfaltung der Persönlichkeit, Gleichberechtigung von Männern und Frauen, zum Benachteiligungsverbot, zur staatlichen Aufsicht des Schulwesens, zur Freiheit der Berufswahl, des Arbeitsplatzes und der Ausbildungsstätte, aber ebenfalls gegen die Paragrafen 1 und 2 des Berufsbildungsgesetzes betreffs beruflicher Qualifizierung und Lernorte verstoßen haben. Während der Staatsanwalt die Anklage mit den Hauptsystemmängeln fachmännisch begründet, preist der Verteidiger das Duale System eher plakativ mit Attributen wie evolutionär, einzigartig, demokratisch, gerecht, modern, leistungsstark, innovativ als beispielloses Erfolgsmodell. Mit einer illustren Zeugenreihe wird eine amüsante, vielseitige, zugleich treffende Beweisaufnahme durchgeführt: Da wird als Erster Adam Smith als Begründer der klassischen, auf Nützlichkeit ausgerichteten Volkswirtschaftslehre vernommen. Als Kontrahent folgt Jean-Jacques Rousseau, der leidenschaftlich für die freie Entfaltung des Menschen ficht. August Bebel, der vom Drechsler-Gesellen zum Parteivorstand und Arbeiterführer aufgestiegen ist und somit das duale Ausbildungssystem persönlich erfahren hat, wird ebenfalls zum Wert von Ausbildung und Berufsschule von Staatsanwalt und Verteidiger vernommen. Als nächster Zeuge ist Georg Kerschensteiner vorgeladen, der als „Vater der Berufsschule“ gilt und durch handlungsorientierte Berufsbildung den brauchbaren Menschen erziehen will, der mit Tugenden der Anpassung fügsam dem Obrigkeitsstaat dienen soll. Ein Loblied auf das duale Ausbildungssystem mit seiner Verbindung von Theorie und Praxis und wohltuenden Unterordnungsfunktion, wobei die Berufsschule allerdings nicht so wichtig sei, singt auch der Zeuge Prof. Dr. Erwin Krause, langjähriger Leiter der „Arbeitsstelle für Betriebliche Berufsausbildung“ (ABB) und einst der nationalsozialistischen Ideologie treu ergeben. Witzig ist, dass diese Zeugen bei der Personeneinvernahme gleich ihr Sterbedatum angeben, wodurch die Entwicklungsgeschichte unterstrichen wird. Sodann wird der Angeklagte, das Duale System (als körperlose Stimme symbolisiert), im Zeugenstand vernommen. Es läuft im Wesentlichen auf eine Rechtfertigung der sinnvollen Facharbeiterausbildung für einen Großteil der Heranwachsenden mit der Ermöglichung eines Hochschulzuganges hinaus, während für die Negativauswüchse zur Benachteiligung der Schwächeren in Warteschleifen und Übergangssystemen der Kompetenzmangel der Schulabgänger, also die Defizite der allgemeinen Schulen (s. PISA-Studien) verantwortlich gemacht werden. Statt der Akzeptanz einer Kernreform wird das Berufsbildungsreformgesetz von 2005 mit Optionen der Weiterentwicklung ins Feld geführt. Als Zeugen der Gegenwart treten noch Arbeitgeber und Ausbilder auf und beklagen den angeblich Produktivität mindernden Berufsschulunterricht, indes müssen sie auf Befragung zugeben, dass eine Berufsausbildung Aufstiegschancen schafft. Die Gewerkschaftssekretärin der IG Metall tritt als Zeugin der Anklage auf, weil das System der dualen Berufsausbildung heute nicht mehr funktioniert, insofern die Arbeitgeber zu wenige Ausbildungsplätze anbieten, aber die alternativen schulischen Ausbildungen zu wenig anerkennen – trotz Mitspracherecht der Gewerkschaften als Sozialpartner. Als Zeuge gegen das Duale System sagt gleichfalls ein Lehrer aus, weil es ein Auslese-System ist und die Nichtausgebildeten gesellschaftlich benachteiligt. Außerdem kritisiert er die Unterrepräsentation der Berufsschule und die Nichtanerkennung der schulischen Leistungen durch die IHK, obwohl die Berufsschule eine Kompensationsfunktion für die Betriebe und gesamte Gesellschaft einnimmt. Einen Höhepunkt stellt der Zeugenauftritt des idealtypischen Auszubildenden (im 3. Ausbildungsjahr) dar. Dieser – (als einfallsreicher Gag) scharf auf das Zeugengeld – schildert anschaulich und realistisch, wie sich in einer funktionierenden dualen Ausbildung beim Konstruieren und Fertigen von Toren die Lernorte Betrieb und Berufsschule zum Nutzen aller Beteiligten sinnvoll ergänzen. Der Zeuge Mustafa Ökmen, 1991 in Gelsenkirchen geboren, mit 18 Jahren die Hauptschule abgeschlossen, hat infolge seines Migrationshintergrundes vergeblich an die 100 Bewerbungen geschrieben, um eine Ausbildungsstelle zu ergattern, und illustriert die Grenzen und Fragwürdigkeiten des Dualen Systems. Schließlich bietet die Verteidigung noch Prof. Dr. Gerald Heidegger als Sachverständigen auf, der zur Leistungsfähigkeit des Berufsausbildungssystems befragt wird und auf Unsicherheiten bei den gesellschaftlichen Messgrößen, etwa in Bezug auf die Persönlichkeitsentwicklung, verweist, sodass er letztlich einen Misserfolg nicht ausschließen kann. Indes tritt er für eine Kombination von Maßnahmen zur Reform des Dualen Systems ein bis hin zur Stärkung schulischer Ausbildungen. In seinem Abschlussplädoyer klagt der Staatsanwalt das Duale System als Einrichtung von gestern an, das Ungerechtigkeit am laufenden Band produziert, zu wenig zur Entwicklung eines mündigen Menschen beiträgt und nicht den Anforderungen von morgen genügt. Demgegenüber beruft sich der Verteidiger auf Tradition und gesellschaftliche Akzeptanz und zieht den Schlüsselbegriff „Qualitative Mindeststandards“ als Ass aus dem Ärmel, womit er den staatlich anerkannten Facharbeiter-Abschluss meint, der das Rückgrat der deutschen Wirtschaft bildet und in der ganzen Welt als Synonym für höchste Qualität gesehen wird. Am Ende sprechen sich die Geschworenen bis auf zwei Ausnahmen für eine uneingeschränkte Unterstützung des Dualen Systems aus und der Richter verkündet den Freispruch in sämtlichen Anklagepunkten. Mit dem Urteil der Geschworenen muss man nicht einverstanden sein. Doch hat der Prozess Licht ins Dunkel der Berufsbildungsproblematik und Klarheit in die Positionen der berufsbildungspolitischen Akteure gebracht. Der Nebel der Geschichte (und der Dunst vor dem Gerichtssaal) hat sich gelichtet und der Gerichtsreporter sinniert darüber, dass das letzte Wort in dieser Angelegenheit noch nicht gesprochen ist und die Verlierer in die Revision gehen könnten. Die Leser oder Zuhörer dürfen sich darüber Gedanken machen, was Wahrheit ist, wie Recht und Gerechtigkeit aufeinandertreffen und ob das Urteil für die Zukunft bestehen kann. Diese inhaltliche Bestandsaufnahme – im Stück facettenreich ausgestaltet und ironisch zugespitzt – verdeutlicht die Perspektivenvielfalt und Mehrschichtigkeit der behandelten Thematik und verweist auf den großen Adressatenkreis der von der Berufsausbildungsfrage mittelbar und direkt Betroffenen, für die das Schauspiel wichtig und interessant dürfte: Ausbildungsaspiranten, Auszubildende, Ausgebildete, Ausbilder, Unternehmer, Gewerkschafter, Lehrer/-innen, Hochschulrepräsentanten, Bildungspolitiker, engagierte Bürger. Darüber hinaus spricht es mit seiner Originalität besonders Studierende, Referendare, in der Lehrerausbildung Tätige an.

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