Nikita und andere Erzählungen

(1)

Lovelybooks Bewertung

  • 1 Bibliotheken
  • 0 Follower
  • 0 Leser
  • 1 Rezensionen
(1)
(0)
(0)
(0)
(0)

Inhaltsangabe zu „Nikita und andere Erzählungen“ von

  • Rezensionen
  • Leserunden
  • Buchverlosungen
  • Themen
  • Rezension zu "Nikita und andere Erzählungen"

    Nikita und andere Erzählungen

    gst

    24. November 2010 um 10:27

    Erinnerungen spielen im 6. Jahrgang des MDR-Literatur-Wettbewerbs eine große Rolle. Erinnerungen , die zum Nachdenken anregen, Erinnerungen Andersartiger, Erinnerungen an Kindheit und Jugend, an Flucht und Verhaftung aus politischen Motiven. Michael Hametner wertet mit seinem Vorwort die gesamte Sammlung auf, denn darin erfährt der Leser etwas über die Auswahlkriterien der Jury und die Weiterentwicklung früherer Preisträger. Einige von ihnen sind inzwischen schon mehrmals in der Sisyphoss-Bücherreihe vertreten. Wie zum Beispiel Wilhelm Bartsch, dessen Erzählung "Der Wassermann" diesmal auch mich erreicht. Bisher war ich von seinem Stil weniger begeistert, da ich als ,gewöhnliche Leserin' deutlichere Sätze bevorzuge und nicht unbedingt gewillt bin, mich durch einen Text zu kämpfen. In diesem Band erinnert sich "Der Wassermann" während eines Oder-Hochwassers an seine Kindheit zu Ende des zweiten Weltkrieges und an ehemalige Freundschaften. Beeindruckt hat mich auch die rasante Geschwindigkeit in Tanja Dückers Erzählung "Nikita". Sie schreibt über eine vergangene Liebe, die noch lange nicht vorbei ist, obwohl sich die beiden Liebenden längst mit neuen Bekanntschaften bei gutem Essen vergnügen. Liebe kann beflügeln, einen aber auch in tiefe Schluchten reißen, wenn sie erlahmt. "In den Kopf gebissen", nennt das Reiner Mund. Maik Lippert, der im Vorjahr den Sonderpreis der Zeitschrift "Das Magazin" erhielt, ist diesmal mit "Die Königskinder" vertreten. Kurze, unvollständige Sätze führen durch Verliebtheitsphantasien eines jungen Mannes. Gerade der Schreibstil zeigt das Durcheinander im Kopf des Protagonisten, lässt den Leser mitfühlen. Bis das unerwartete Ende erreicht ist, bleibt genug Zeit, sich dieser unglaublichen Aussagekraft hinzugeben. Aufwühlend und erschütternd ist der kurze Text von Per Jendryschek "Janusz Pipel wusste Bescheid". Für seine Darstellung eines Jungen, der in einem Konzentrationslager geboren und aufgewachsen ist, hat er den zweiten Preis des diesjährigen Wettbewerbs erhalten. "Waku" ist ein kleiner Stoffhund, den ein Kind bei der Flucht unter seinem Mantel versteckt hält und dadurch die Aufmerksamkeit der Grenzkontrollen auf sich zieht. Der offene Schluss von Franz Granzows Erzählung, die den dritten Platz in der Gesamtwertung einnahm, lässt den Leser Schlimmes ahnen, nimmt aber die Hoffnung nicht ganz. Den ersten Preis erhielt im Jahr 2001 Clemens Meyer. Er erzählt in "Kinderspiele" sehr eindrücklich, wie verrückt sich Jugendliche manchmal gebärden. Seine Erinnerungen sind durchzogen von DDR und neuer Freiheit, von Haltlosigkeit, Alkoholexzess und Drogenproblemen - alles in einer unschuldigen Sprache verpackt, die es dem Leser gestattet, hinter die Fassade zu blicken. "Eine Verhaftung" eines aus nicht nachvollziehbaren Gründen politisch Verfolgten schildert Andreas Reimann. Michael Stefaniak versetzt sich in "Baalzebub / Eine Studie" in die Gedankenwelt eines verwirrten Mannes. "Red mir nicht von Mennigerode" nannte Utz Rachowski seine Anklage gegen das ,vergessliche Wegreißen einer Erinnerung'; in diesem Fall eines leeren Gefängnisses in Gera. Wo früher DDR-Feinde einsaßen, sollen die Menschen künftig einkaufen gehen. Wer diese Rezension bis hierher gelesen hat, könnte meinen, diese Anthologie bestehe nur aus schwer verdaulichem Stoff. Doch das täuscht. "Tildas Karpfen" von Anne Loch ist eine witzige Eifersuchtsgeschichte mit zwar grausigem Ende, aber einer Menge Gelegenheit lauthals aufzulachen. Auch "Der Rhombus" von Alfred Salomon ist trotz all der darin vorhandenen Tragik eine herzerfrischende Geschichte, in der ein Junge, der mir gerade wegen seiner Ahnungslosigkeit so sympathisch ist, zum Gespött von Gleichaltrigen wird. Die menschliche Individualität wird anhand spannend geschriebener Einzelschicksale in der gesamten Anthologie deutlich gemacht. Wer meint, alles am Stück in sich aufnehmen zu wollen, könnte sich dabei allerdings überfordern. Denn die gesamte Bandbreite der Erzählungen erschließt sich - meiner Meinung nach - erst nach mehrmaligem Lesen und Setzenlassen der einzelnen Beiträge.

    Mehr
  • Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist! Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach!

    Hol dir mehr von LovelyBooks