„Sie sah dem ungleichen Kampf zu, den fließenden Bewegungen des Fremden. Der Lehrer, ein Ertrinkender in einem Mahlstrom aus Gewalt.“
Der Lebensweg der junge Holly Salem wird durch ein traumatisches Ereignis scheinbar unwiderruflich geprägt: Die Begegnung mit einem Vampir, die in einem Gewaltrausch endet. So wird sie Mitglied der Geheimorganisation „Thirteen Stripes“, die es sich zur Aufgabe macht, den Vampirbestand in den USA zu regulieren und zu kontrollieren. Unter Ausschluss der Öffentlichkeit, die nicht über die Existenz von Vampiren in Kenntnis gesetzt wird. Das heißt jedoch nicht, dass diese Organisation sich nicht der besonderen Fähigkeiten der Vampire zu bedienen weiß: Sie werden zu Soldaten ausgebildet und kämpfen in den Kriegen der Menschen. Ohne Rechte, in ihren Möglichkeiten, ihrer eigenen Existenz kleingehalten.
„Der Trick ist, nichts mehr zu fühlen, sondern einfach weiterzumachen und die Befehle, die mit Absicht widersprüchlich sind, zu befolgen.“
Der Tag, an dem Holly ein tödliches Experiment an dem Soldaten Lieutenant Frank Lee Lavender durchführt, markiert einen Wendepunkt. Das Fundament ihrer bislang fest gemauerten Vorstellung vom Wesen der Vampire bekommt Risse. Kann es sein, dass es sich gar nicht um Monster handelt, die lediglich die Befriedigung ihres Blutdurstes und körperlicher Triebe kennen?
„Wenn sie Monster waren, dann zweifelsfrei die selbstlosesten, von denen Holly je gehört hatte.“
Oder ist dieser schleichende Sinneswandel der besonderen Art und Weise geschuldet, wie Vampire ihre potentiellen Opfer umgarnen und gefügig machen?
Fakt ist, dass die Vampire nicht darauf warten, bis die Menschen, die sie unterdrücken, ihre Rechte neu bewerten und eventuell ein Umdenken einsetzt. Sie nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand – mit katastrophalen Folgen.
In „Tiefe Gräben“ führte A.K. Buchmann in die Schützengräben des Ersten Weltkrieges und konfrontierte uns mit den Gräueln des NS Regimes. Auch in „Rote Meere“ werden militärische Strukturen untersucht und hinterfragt. Außerdem unternehmen wir mit ihr in exquisiter Gesellschaft eine Schiffsreise über den Nordatlantik auf dem Luxusliner NORTHERN STAR. Und diese Reise wird es in sich haben. Der Titel kommt schließlich nicht von ungefähr.
Sehr gelungen finde ich, dass es keine Figur gibt, deren Beweggründe ich nicht in irgendeiner Form nachvollziehen kann. Sie sind mit ihrer Vergangenheit und den Entscheidungen der Gegenwart fein austariert. Sind ihre Geschichten zu Beginn noch lose Fäden, verknüpft sich alles in diesem spannenden Genre-Mix zu einem temporeichen Pageturner. Bei der Lektüre stellte sich für mich nicht nur einmal die Frage, wie weit der Kampf um Freiheit und wie weit Loyalität gehen darf. Die Antwort darauf erlaubt sie uns selbst zu finden. Und natürlich ist das Meer ein nicht unerheblicher Protagonist in dieser Geschichte. Weiter hat es mich sehr gefreut, Figuren aus „Tiefe Gräben“ zu begegnen, um die ich nicht nur einmal bangen musste. Und ich bin sehr gespannt, ob es einen weiteren Roman von A.K. Buchmann gibt, in dem ich ein kleines Wiedersehen feiern darf.
Mit einem für mich zentralen Zitat: „Euer Weltbild kennt nur Schwarz und Weiß, aber inzwischen wurde der Farbfilm erfunden.“ geht eine Leseempfehlung raus an alle, die Lust auf einen ungewöhnlichen, „lesbar“ gut recherchierten (und extrem gut lesbaren) Vampirthriller haben, seefest sind und bereit sind, sich auf die Töne zwischen Schwarz und Weiß einzulassen. Sinnlich, schockierend und kompromisslos.








