A.S.A. Harrison

 3.9 Sterne bei 53 Bewertungen
Autor von Die stille Frau.

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Die stille Frau

Die stille Frau

 (55)
Erschienen am 12.05.2014

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Rezension zu "Die stille Frau" von A.S.A. Harrison

Zerfall einer perfekten Fassade
RosaEmmavor 3 Jahren

Dieser großartige Debütroman der amerikanischen Schriftstellerin A. S. A. Harrison ist eine Qualitätsklasse für sich. Ich habe noch keine Geschichte gelesen, die auch nur ansatzweise diese literarische Durchschlagskraft hatte, obwohl sie sprachlich bewusst schlicht gehalten ist. Der bis ins Detail ausgefeilte Stil, der schleichend Hochspannung generiert, reflektiert das fundierte psychologische Verständnis der Autorin, der es brillant gelingt, die differierenden Gedankenwelten einer Frau und eines Mannes offenzulegen. Mit unaufgeregter klarer Sprache präsentiert uns Harrison die schleichende und schließlich explosive Entwicklung vom aufschlussreichen Beziehungsroman zum beeindruckend raffinierten Thriller, dessen völlig überraschende Wendung den Leser am Ende perplex zurücklässt. Die stille Frau ist ein Leseerlebnis der ganz besonderen Art, das man so schnell nicht vergisst, weil es mit Eindringlichkeit und profundem Wissen um die Abgründe der menschlichen Seele erzählt wird.

Beziehungsroutine

Oberflächlich betrachtet sind Todd Gilbert, erfolgreicher Architekt, und Jodi Brett, etablierte Psychotherapeutin, ein Traumpaar, dem es in seinem Luxusappartement in Chicago an nichts fehlt. Und dies soll - wenn es nach Jodi ginge - auch so bleiben, denn in ihrer geordneten Welt, in der geregelte Tagesabläufe ein Muss sind, ist kein Platz für Konflikte. Sie ist eine perfekte Hausfrau, die ihrem Mann jeden Abend das Essen stilvoll zubereitet und die trotz ihres beruflichen Engagements auch noch Zeit für ihr Fitnesstraining und Spaziergänge mit dem Hund findet. Alles in allem ist sie also eine Powerfrau, die einem Hochglanz-Frauenmagazin entsprungen zu sein scheint und die den heutigen Multitasking-Ansprüchen absolut gerecht wird.

Erste Risse

Doch unter der schönen Oberfläche brodelt es: Todds zahlreiche Seitensprünge, die er vor sich selbst als aufregende Ausbrüche aus seiner sicheren Beziehungswelt mit Jodi und als Heilmittel für seine Depressionen rechtfertigt, machen Jodi unterschwellig sehr zu schaffen, doch sie ignoriert sie, weil eben nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie will auf jeden Fall vermeiden, wie ihre Mutter zu enden, die an der Untreue ihres Mannes zerbrach, und daher verhält sich Jodi angesichts Todds wechselnder Affären eben so, wie man sich in ihren Augen als moderne Frau verhält: Sie sieht großzügig darüber hinweg, weil sie ja weiß, dass er am Ende doch immer wieder zu ihr zurückkommt. Mit dieser Einstellung hält Jodi ihr Leben aufrecht und fährt damit ihres Erachtens auch sehr gut - bis sich das Blatt wendet und Todd die junge, verführerische Natascha kennenlernt, in die er sich Hals über Kopf verliebt, da sie so anders ist als seine bisherigen Geliebten. Er verfällt ihr mit Haut und Haar und schafft sich immer häufiger Freiräume für leidenschaftliche Stunden mit Natascha, die ihn mit ihrer Spontanität mitreisst und ihm die Illusion vermittelt, wieder jung zu sein.

Der Anfang vom Ende

Jodi gelingt es immer weniger, ihre Fassade als pflichtbewusste und tolerante Frau zu wahren, obwohl sie immer noch daran glaubt, dass sie für Todd nach dem Ende der Affäre wieder die Nr. 1 ist. Doch sie hat die Rechnung ohne Natascha gemacht. Als Natascha schwanger wird, ist Todd zunächst schockiert, doch schon bald muss er sich eingestehen, dass er stolz ist, Vater zu werden - ein Glück, das ihm mit Jodi stets versagt blieb. Natascha, die Todd zunehmend dominiert, drängt ihn, Jodi zu verlassen, wozu er sich tatsächlich auch überreden lässt, obwohl ihm die tägliche Routine mit Jodi immer ein Gefühl der Geborgenheit gab.

Jodi ist außer sich und kann nicht fassen, dass ihr alles entgleitet. Sie versucht krampfhaft, ihren Kontrollverlust zu kompensieren, bis dann auch ihre Toleranzgrenze endgültig überschritten ist: Todd willigt nicht nur ein, Natascha zu heiraten, sondern beansprucht auch noch das gemeinsame Luxusappartement für sich, das er angesichts wachsender Geldprobleme bedingt durch schlecht laufende Geschäfte und Nataschas aufwendigen Lebensstil verkaufen möchte.

Perfide Rache

Jodi denkt nicht daran auszuziehen, doch sie übersieht dabei einen wichtigen Punkt: Aufgrund der schlechten Ehe ihrer Eltern konnte sie sich nie dazu durchringen, Todds Heiratsantrag anzunehmen. Als ihr schlagartig bewusst wird, dass sie mit nichts dasteht, wenn Todd sie verlässt, verliert sie den Boden unter den Füßen. Doch ihre beste Freundin Alison schafft es, Jodis kontrollierte Fassade zu durchbrechen und rät ihr, Todd nicht ungeschoren davonkommen zu lassen. Jodi kann sich mit diesem Gedanken nicht anfreunden, aber sie ändert ihre Meinung, als Todd einen Anwalt beauftragt, um sie aus der Wohnung zu klagen - eine letztmalige Demütigung, die sie nicht mehr zu tolerieren bereit ist. Und so lässt sich Jodi auf Alisons perfiden Racheplan ein, der die Stützpfeiler ihres bisherigen Lebens endgültig einstürzen lässt. Sie wird in eine Spirale aus Gewalt und Verrat gezogen und entdeckt eine teuflische Seite an sich, die sie nie für möglich gehalten hätte...

Grandioses Psychoduell mit ungeahntem Ausmaß


Das fesselnde Psychoduell, in das Harrison ihre Protagonisten involviert, ist von äußerster Intensität. In den Kapiteln, die abwechselnd die Überschrift Sie und Er tragen, lässt die Autorin den Leser in die komplexen Gedankenwelten von Jodi und Todd eintauchen und offenbart ihm somit das Innerste ihrer literarischen Figuren. Dies ist Harrison mehr als eindrucksvoll gelungen. Ihren außergewöhnlichen Erzählstil verwendet sie jedoch nicht dazu, um für eine Seite Partei zu ergreifen. Sie hebt weder den moralischen Zeigefinger noch bewertet sie das Verhalten von Jodi und Todd. Somit überträgt sie dem unbeeinflussten Leser die Aufgabe, sich selbst ein Bild der handelnden Personen zu machen. Dies wird zu einem äußerst diffizilen, aber fesselnden Puzzlespiel, denn nach und nach offenbart Harrison dunkle Geheimnisse und wunde Punkte ihrer Protagonisten, die sie genau dann in einem neuen Licht erscheinen lassen, wenn der Leser meint, die Hauptfiguren ergründet zu haben. Diese psychologische Finesse macht den Roman so einmalig und unbedingt lesenswert.

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Rezension zu "Die stille Frau" von A.S.A. Harrison

Eine Ehe ist eine Ehe ist eine ...
BettinaR87vor 3 Jahren

Die Kapitel werden untereilt in "er" und "sie" - das allein ist schon eine wunderbare Parodie auf eine amerikanische Eigenart, die gerne auf scheinbar perfekte Pärchen angewendet wird. Da sieht man in kitschigen Hollywoodfilmen ja schon mal "his" und "hers" auf den beiden Autos eines Pärchen stehen - die natürlich das gleiche Modell sind. Ganz so krass sind Todd und Jodi nicht.

Dadurch, dass sie nicht verheiratet sind, stellen die beiden ein modernes Pärchen dar. Die Entscheidung gegen eine Hochzeit geht auf Jodi zurück, damit ist sie die Vertreterin einer selbstbewussten, emanzipierten Frau der Gegenwart. Die in ein geradezu altertümliches Problem läuft - der Mann hat eine andere, verlässt sie und raubt ihr damit ganz easy ihre Lebensgrundlage. Ein Spiegelbild für die Gesellschaft, die glaubt, wenn Frauen nur etwas emanzipierter werden, würde das schon ausreichen, um ihre Position in sich zu verbessern. Dazu gehört aber offenbar mehr.

Ein Buch, das sehr unaufgeregt daher kommt. Die Hauptprotagonistin ist natürlich Jodi und die lebt in ihrer eigenen Welt. Tendenziell neigt sie sogar, die Realität für sich so weit zu verfälschen, dass sie damit zurecht kommt. Zu viel Einbildung ist aber ein fragiles Fundament für die Zukunft, die platzt sehr schnell in tausend Scherben - das stellt auch Jodi fest. Und wandert seelenruhig barfuß darüber.

Ein Manko gibt es: Die Stille Frau ist ein klassischer Fall des falschen Klappentextes. Minutiös geplante Rache? Mitnichten. Das würde nicht nur wesentlich mehr Emotionen erfordern, als Jodi zulässt. Außerdem ist dem einfach nicht so. Den Großteil des Buchs ist sie damit beschäftigt, nicht auszuflippen, ihren Alltag gebacken zu bekommen und die Wahrheit zu verleugnen.

Fazit: Sehr gut geschrieben, sehr subtile Kritik an der heutigen Gesellschaft und psychologisch auch sehr interessant. Wer ruhige Bücher und die Beobachtung von Menschen mag, wird diese Geschichte sehr gern lesen.

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HarIequins avatar

Rezension zu "Die stille Frau" von A.S.A. Harrison

Stille Wasser
HarIequinvor 4 Jahren

„Mit anderen Worten, sie ist sich
absolut nicht der Tatsache bewusst, dass sie sich gerade auf dem
Höhepunkt befindet (...) und dass ihre Vorstellung
davon, wer sie ist und wie sie sich zu verhalten hat, sehr viel
instabiler ist, als sie bisher vermutet hat. Denn es wird nur noch
wenige Monate dauern, bis sie zur Mörderin wird.“ (Seite 7)


Jodi und Todd sind das perfekte Paar. Doch die Fassade bröckelt, denn Todd lebt ein Doppelleben, über das er langsam die Kontrolle verliert. Ihre Ehe steht vor dem Aus, doch das kann Jodi nicht so einfach hinnehmen. Während alles um sie herum in die Brüche geht plant sie still ihre Rache.

Meinung

Es fällt mir schwer das Buch als Krimi/Thriller einzuordnen, ich persönlich sehe es mehr in Richtung Roman.

Der Inhalt an für sich ist nicht wirklich spannend, dafür ist er aber umso spannender geschrieben. Die Autorin schreibt relativ nüchtern und klar über die schleichende Eskalation und man erwartet den Ausbruch förmlich. Man weiß von Anfang an, dass die Geschichte auf etwas Unausweichliches zusteuert und wartet gespannt darauf.

Es wird abwechselnd aus Jodis und Todds Perspektive erzählt, weshalb es mir schwer fiel mich für eine Seite zu entscheiden. Es ist kein Schwarz-Weiß-Schema, bis zum Ende kann man schwer zwischen gut und böse unterscheiden. Und selbst danach könnte man noch ewig darüber diskutieren.

Positiv überrascht haben mich die psychologischen Aspekte über Freud, Adler und Jung seitens Jodi.

Einziges Manko ist für mich die fehlende Dramatik. Mir haben Gefühlsregungen und ein richtiger Höhepunkt gefehlt.

Ansonsten ein super Debüt, geschickt formuliert und im Hintergrund immer mit einer bedrohlichen Atmosphäre.  


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Gespräche aus der Community

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Berlin_Verlags avatar
»Für alle, die Gone Girl mochten. Ein faszinierendes Pas-de-deux über die Ehe zwischen einer Psychotherapeutin und ihrem notorisch untreuen Ehemann.« Vogue

Er lebt ein Doppelleben. Sie plant minutiös ihre Rache. Denn sie hat nichts mehr zu verlieren. Raffiniert, elegant und atemberaubend spannend erzählt dieser Roman davon, wie eine alltägliche Liebe auf gefährliche Abwege geraten kann.

In Jodis und Todds Ehe kriselt es. Viel steht auf dem Spiel, auch das angenehme Leben, das sich die beiden aufgebaut haben in ihrem luxuriösen Apartment mit Seeblick in Chicago. Doch ihre Beziehung rast geradewegs auf einen mörderischen Abgrund zu: Er, der systematische Betrüger und sie, die stillschweigende Verletzte. Die schwindelerregend fesselnde Geschichte einer verhängnisvollen Partnerschaft, die in den USA zu einem großen Überraschungserfolg wurde.

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Hier noch einige sehr prominente Stimmen zum Buch: 

»Komplex und fesselnd, durch und durch überzeugend.«
Jojo Moyes

»Ich konnte nicht aufhören zu lesen.«
Elizabeth George

»Bei diesem Buch blieb mir die Luft weg.«
S.J. Watson

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