Abdullah Al-Sayed

 5 Sterne bei 2 Bewertungen
Autor von Geflüchtet.

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Abdullah Al-SayedGeflüchtet
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Geflüchtet
Geflüchtet
 (2)
Erschienen am 16.02.2018

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Benni_Cullens avatar

Rezension zu "Geflüchtet" von Abdullah Al-Sayed

Ein perfekter Mix aus Nachempfinden und Informieren
Benni_Cullenvor 6 Monaten

Bereits auf der Frankfurter Buchmesse 2017 wurde mir das Buch vorgestellt und ich war mir sofort sicher: Das musst du lesen! Denn ein Buch, welches die Flüchtlingssituation von 2015/2016 thematisiert und dabei auch noch so persönlich ist, das muss einfach etwas für mich sein! Als es dann bei mir ankam, dauerte es nicht lange und ich fing mit dem Lesen an - und war wie im Rausch. Was das bedeutet, erfahrt ihr jetzt.

Wir lernen Abdullah kennen, der mit 16 Jahren in Deutschland ankommt. Er berichtet von seinen ersten Tagen in Deutschland, dabei lernen wir ihn erst kennen als er gerade auf dem Weg in ein Kinderheim im Hartz ist. Zwischendurch gibt es immer wieder Flashbacks, wo wir erfahren, wie sein Leben in Syrien war - vor und während dem Krieg, der dort seit Jahren tobt. Der Leser erhält wertvolle Einblicke in die Geschichte des Landes als auch emotionale Momente, die Abdullah in einem fremdem Land erlebt - hautnah und echt. Wo das hinführt, erfahren wir, doch wir lernen besonders eins: Ein neues Leben ist ständig ein "work in progress".

Ich muss gestehen, dass ich Abdullah vom ersten Moment an mochte. Er ist so ein kluger, sympathischer und, sorry für das Wort, normaler junger Mann, dass man sich einfach sofort mit ihm identifizieren kann. Man schließt ihn einfach sofort ins Herz, was natürlich großartig ist, da man sofort mitfühlt und sich gut in seine Lage hineinversetzen kann. Dies führt dazu, dass man an seinen Worten hängt und unbedingt wissen möchte, was seine Vergangenheit, aber auch seine Zukunft ist. Und genau hier sind wir bei einem sehr starken Aspekt des Buches: Abdullah als Identifikationsfigur. Wir betrachten den Syrienkonflikt nicht objektiv aus einer höheren Ebene, sondern erleben ihn hautnah durch Abdullahs Augen. Das führt dazu, dass man bei vielen Aspekten viel tiefgründiger nachdenkt und einen besseren und sehr viel authentischeren Eindruck erhält.

Hinzu kommen dann noch die ganzen Informationen, die wirklich geschickt eingebaut werden. In einem Kapitel werden die Anfänge des Krieges zwar sehr detailliert, aber gleichzeitig auch sehr interessant aus dem Blickwinkel des Jugendlichen erzählt. Später werden diese Informationen auch noch durch die des weiteren Verlaufes ergänzt, sodass man ein wirklich gutes Bild erhält, wie es in dem Land zum Krieg kommen konnte. Natürlich können diese Ausführungen nicht die eigentliche Recherche ersetzen, doch als Einstieg gelingt es dem Buch sehr gut die wichtigsten Aspekte auf einen Punkt zu bringen. Kombiniert wird das dann durch eine wirklich emotionale Geschichte, denn wir erfahren in den Ausführungen natürlich auch, wie es dazu kam, dass Abdullah aus Syrien fliehen musste.

Besonders ergreifend waren hier die Flüchtlingsgeschichten seiner Familienmitglieder. Abdullah reist mit einem Cousin zunächst in die Türkei, bevor er über die Balkanroute nach Deutschland kommt. Seine Brüder sowie seine Mutter und die kleine Schwester flüchten auch in die Türkei - jedoch erleben sie eine völlig andere Art des Flüchtens. Was das heißt, verrate ich hier nicht, doch so viel darf gesagt werden: Jede Geschichte regt zum Nachdenken an und zeigt deutlich, wie verzweifelt die Menschen in Syrien waren. Dabei werden auch die finanziellen Komponenten berücksichtigt, sodass der Leser einen wirklich ausgewogenes und sehr differenziertes Bild erhält. Dabei wird aber auch die emotionale Seite nicht vernachlässigt, was ich persönlich als sehr gelungen empfunden habe.

Besonders beeindruckend - neben all den Umständen und der Thematik - fand ich dabei die persönliche Entwicklung Abdullahs. Dieser junge Mensch, der in ein ihm völlig fremdes Land kommt, ohne Familie, ohne Freunde - mit nichts als einem Rucksack. Dieser junge Mensch schafft es, sein Leben hier zu meistern und setzt sich Ziele. Vielleicht sind diese zunächst unrealistisch, doch mehr und mehr kommt durch, worum es eigentlich geht. Um Glauben. Vertrauen. Und besonders darum, für seine Träume zu kämpfen und sich für diese einzusetzen. Eine Message, die nicht nur Flüchtlinge inspirieren kann, sondern universell für jeden einzelnen Jugendlichen gelten kann. Und genau diese allumfassende Aussage hat mich schwer beeindruckend - besonders, da sie von einem Jungen kommt, der selbst so viel Leid erlebt hat.

Mein Fazit:
Was soll ich sagen, außer, dass mir "Gefüchtet" wahnsinnig gut gefallen hat. Nicht nur, dass das Buch es geschafft hat, die Geschichte Syriens wahnsinnig gut darzustellen. Auch emotional traf das Buch genau die richtige Stelle und schaffte es, dass man mit dem Protagonistin mitfühlen konnte. Diese beiden Komponenten konnten perfekt zusammengeführt werden und führten dazu, dass man die angesprochene Thematik aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln betrachten konnte. Für mich ist das Buch wirklich ein Tipp für jeden - denn wir alle waren Zeugen der Flüchtlingssituation in 2015 und 2016 und wir alle müssen mit den Herausforderungen, aber auch mit den Chancen umgehen. Dies kann nur geschehen, wenn man anfängt, sich mit den Menschen, die zu uns gekommen sind, zu identifizieren und durch ihre Augen die Situation zu betrachten - dafür kann es einfach nur 5 Sterne geben, denn genau das tut dieses Buch. Hervorragend!

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danielamariaursulas avatar

Rezension zu "Geflüchtet" von Abdullah Al-Sayed

Sehr berrührend
danielamariaursulavor 7 Monaten

Als in Syrien die Aufstände gegen das brutale Willkürregime von Assad beginnen. Niemand hätte damit gerechnet, daß die Bevölkerung, der es relativ gut ging, auf die Straße geht. Syrien war von der Bevölkerung her liberal und offen. Es sah auf eine lange blühende Kultur zurück, es hätte alles so schön sein können, wäre da nicht dieser Autokrat, dessen unberechenbare Brutalität, die Meinungsfreiheit einschränkte. Die Angst war auch damals ein ständiger Begleiter in diesem Land. Abdullah hat das Glück in einer sehr gebildeten, liebevollen und wohlhabenden Familie aufzuwachsen. Nie hätte er es sich vorstellen können, woanders zu leben. Er wollte Abitur machen und studieren, wie seine Eltern, Brüder und Cousins. Doch als der IS in Rakka die Oberhand gewinnt und auch der Tod nicht vor seiner Familie halt macht, beschließt sein ältester Bruder, das neue Familienoberhaupt, daß ein Bleiben für sie unmöglich ist. Sie können es sich leisten zu fliehen, sie können sich sogar mehrere Fluchtversuche leisten, eine Wahl die nicht alle haben. Denn auch Wohlstand macht die Flucht nicht sicherer. Als Abdullah als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UmF) in einer kleinen Kinderheimwohngruppe ankommt, ist alles fremd, er ist allein und einsam.
Abdullahs Geschichte beginnt kurz vor dem Ausbruch der Aufstände in Syrien. Man erlebt, wie das Land, trotz der Autokratie durch die Bevölkerung ein offenes, tolerantes Leben zwischen den verschiedenen Religionen ermöglicht. Sehr schön finde ich dabei, daß man wirklich einen guten Alltag in Abdullah Alltag bekommt. Hierdurch bekommt man ein besseres Verständnis für die dortigen Verhältnisse und dafür, wie fremd er sich hier fühlen muß. Neben der Schilderung seines Integrationsprozesses und der Widerstände durch Verständigungschwierigkeiten, wird in Rückblenden von seinem Leben in Syrien und der Flucht erzählt. Obwohl Abdullah unvorstellbares Leid mit ansehen mußte, gerade auch bei Hinrichtungen am Straßenrand durch den IS oder Bomben, ist es dennoch so geschrieben, daß es für Jugendliche verträglich ist. Es geht nicht um unnötige Gewaltexzesse oder blutrünstige Schilderungen. Vor allem Abdullahs Gefühle und Gedanken als Reaktion auf den Terror und die Gewalt, lernt der Leser kennen. Heimat ist für ihn Syrien, aber dort gibt es für ihn keine Perspektive. Für seine Familie ist Bildung sehr wichtig und die ist in Syrien nicht mehr gewährleistet. Im Heim im Harz merkt er auch, wie wichtig Sprache ist, um seine Gefühle und seine Gedanken ausdrücken zu können. Ohne Sprache kommt es zu völlig unnötigen Missverständnissen, Ablehnung und Ausgrenzung. Sehr verständnisvoll erzählt Abdullah, wie er im Harz dann doch Freunde fand und sein Ziel des Studiums weiter verfolgt.
Auch wenn Abdullah den Horror des Krieges und die Gefahren der Flucht nicht ausschmückt sondern relativ knapp schildert, kann jeder Leser begreifen, daß diese Flucht, keine Flucht aus Wunsch nach Wohlstand war, sondern ein Kampf ums Überleben und um verpasste Chancen. Sehr gut gefiel mir aber auch, dass er einem Einblick in sein Leben, seinen Alltag und seine liberale Reliogionsausübung gibt. Wie er mit seinen Freunden freiwillig für ein Gebet in der Moschee das Fussballspiel unterbricht und wie schrecklich es wurde, dies unter Druck, mit vorgehaltenem Maschinengewehr es durch den IS wurde. Die Atmosphäre des Friedens und der Ruhe ging völlig verloren. Abdullah erfährt sowohl im Heim, als auch in der Schule viel Misstrauen und Abneigung, bis man ihn persönlich kennt und teilweise darüber hinaus. Wie wichtig war dann jedes Lächeln und jedes freundliche Wort. Ich bin auch sehr froh, von ihm einiges gelernt zu haben, um die syrische Freundin meiner jüngsten Tochter besser zu verstehen.
Heute ist Abdulla 19/20 Jahre und ist mit seinem Fachabi beschäftigt, er möchte nun Medizin studieren, wie seine Brüder. Beim Verfassen dieses Erlebnisromans (es ist sehr persönlich geschrieben und nimmt einen gefangen, ein Gefühl, das ich bei Biografien und Sachbüchern so sonst nicht habe) war ihm die 1973 geborene Journalistin Kerstin Kropac behilflich, damit aus seiner persönlichen Geschichte auch ein packender Roman wird.
Ein wirklich tolles Buch, daß ich ganz dringend empfehle und von dem ich hoffe, daß es viele Schulklassen lesen werden. Wer einem Nicht-Muttersprachler begegnet und nicht weiß wie er reagieren soll: Ein Lächeln ist international und durchbricht Barrieren.

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