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Rezension zu "Kritik der schwarzen Vernunft" von Achille Mbembe

Eine Dekonstruktion der "Rassen"
Sokratesvor 2 Jahren

Ein schwer zu lesendes Buch: Mbembe's philosophisch-abstrakte Darstellungsweise macht es nicht einfach, hinter Wortschablonen, Metaphern und Analogieketten den Kontext ausfindig zu machen. Dieser wäre mitunter in einfacheren Worten ausgedrückt besser vermittelbar gewesen. Rein inhaltlich sind die Ideen des Autors nachvollziehbar und waren - aus der Perspektive eines Historikers betrachtet - auch nichts Neues. Mbembe skizziert in seinem Buch neben den Rassenbildern und -stereotypen der (französischen) Kolonialherren ab dem 17. Jahrhundert beginnend auch die globalen Routen des Sklavenhandels und zeichnet zugleich die politische Geschichte einiger Sklavenkolonien nach (bspw. Haiti), in denen bereits frühzeitig Widerstand gegen die Kolonialherren geübt wurde. Hiervon ausgehend lassen sich rassisch motivierte Ausschlussmechanismen der (ehemaligen) Kolonialherren konsistent nachzeichnen. Schon an der Begriffswahl der einstigen Kolonialherren skizziert Mbembe die Rhetorik der kategorischen Unterscheidung: die einen mit, die anderen ohne Zivilisation. Sprechen westliche Theoretiker Menschen aus Afrika grundsätzlich eine "Zivilisation" bzw. Kultur eigenen Gewichts ab, so ist die Zahl der wirklichen "Afrikakundigen" bereits bei den Weltreisenden des 18. und 19. Jahrhunderts marginal: die wenigsten Kulturforscher und Bildungsreisenden waren in Afrika, haben den Kontinent bereist und haben Sitten und Gebräuche studiert. Die zivilisatorische Unterscheidung in "zivilisiert" und "unzivilisiert" basiert daher - wie Mbembe gut herausarbeiteten - im Wesentlichen auf einem subjektiv empfundenen Überlegenheitsgefühl westlicher Intellektueller, denen die Akzeptanz gegenüber anderen Lebens- und Verhaltensweisen fehlte. Eine Umbewertung des Afrikabildes begann erst mit der Kritik am Kolonialismus als solchem, und damit erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts (bis heute nicht endgültig beendet). Mbembe arbeitet gut heraus, wie aus Äußerlichkeiten (Hautfarbe, Physiognomie) menschliche Wertigkeiten konstruiert und gesellschaftlich habituiert werden. Ins kollektive Gedächtnis verbracht werden diese nun als latenter Rassismus, von einer zur nächsten Generation tradiert (ein Beispiel hierfür die heutige USA). Die Geschichte des Rassegedankens, die Mbembe hier sehr ausführlich darstellt, zeigt, dass eine nach Rassegesichtspunkten stuktuerierte Welt nicht erst unter den Nationalsozialisten entwickelt, ausformuliert und physisch angewandt wurde. Hier lassen sich viel längerfristige Kontinuitäten nachzeichnen. Gleichzeitig skizziert Mbembe das überaus komplexe Phänomen des indifferenten Rassentyps: nicht jeder Afrikaner ist "Neger"; mit dem Begiff der "Rasse" bzw. des "Neger" werden vielmehr auch andere kulturelle Herkünfte betitelt und kategorisiert, die nicht zwingend aus Afrika stammen müssen. Mbembe weist zudem darauf hin, dass die Ausdifferenzierung von "Rassen" in ebenjenen Jahrzehnten geschieht, in welchen sich in Kontinentaleuropa und den USA "Nationalstaaten" konstituieren, die sich auf ein vermeintlich einheitliches "kulturelles und ethnisches" Substrat zurückführen lassen und hieraus ihre Legitimation ziehen. Eine Ausdifferenzierung in (fremde) "Rassen" kann daher auch als Schematisierung in "Fremde" und "Eigene" interpretiert werden und folgt damit zwangsläufig der Nationalisierungsideologie ab den 1850er Jahren (in Europa). Von großer Wichtigkeit bleibt Mbembe These, wonach die Unterscheidung in gute und schlechte "Rassen" vor allem der Hierarchisierung der Gesellschaft dient, die hieraus u.a. Arbeitskräfte, Ausbeutungsstrukturen und Herrschaftslegitimation zieht. Für Mbembe wurzelt in der damit verbundenen strukturellen und ideologischen Unterlegenheit des afrikanischen Kontinents, gekoppelt an die zivilisatorische Abwertung der dortigen Kultur(en), dessen bis heute andauernde ökonomische Unterentwicklung.

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