Adam Hochschild Der Große Krieg

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Inhaltsangabe zu „Der Große Krieg“ von Adam Hochschild

In einem spannenden Epos lässt Hochschild diesen Krieg, dessen Echo bis in unsere Zeit nachhallt, anschaulich, lebensnah und erschütternd wie nie zuvor lebendig werden. Er richtet seinen Blick auf das Kriegsgeschehen und die diplomatischen Verwicklungen der großen Mächte. Im Zentrum der Darstellung stehen nicht nur die prominenten Befürworter des Krieges (u.?a. Rudyard Kipling, H. G. Wells, Conan Doyle und John Galsworthy); viele, wenig beachtete Kritiker und Gegner aus allen Schichten kommen zu Wort. Zahlreiche meisterhafte Porträts von Kaiser Wilhelm II., Kaiser Franz Joseph, den Romanows und der -Generäle wie von Hindenburg, von Moltke, Ludendorff, French, Haig, Milner und des jungen Churchill runden das Panorama ab. Hunderte von Soldatenfriedhöfen säumen die Felder in Belgien und Frankreich; dort kamen Millionen Soldaten in dem Krieg ums Leben, der allen Kriegen ein Ende machen sollte. Gelingt es uns, die Wiederholung dieser Geschichte zu vermeiden?

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    Der Große Krieg

    Wortklauber

    12. February 2015 um 18:03

    Vorweg: Mit dem Titel „Der große Krieg“, Untertitel „Der Untergang des alten Europa im Ersten Weltkrieg“ (Originaltitel: „To end all wars. A story of loyalty and rebellion, 1914 – 1918“) hat sich der deutsche Verlag eher bedeckt gehalten; vielleicht fürchtete man, dass ein konkreterer Titel den möglichen Leserkreis (hierzulande) eingeschränkt hätte? Tatsächlich erzählt der Amerikaner Adam Hochschild vollständig aus britischer Perspektive. Hochschild, der nicht etwa (Militär-) Historiker ist, sondern Journalist (was man dem Buch anmerkt, und das ist durchaus nicht als Manko gemeint!), fächert – natürlich unweigerlich vor dem Hintergrund des Kriegsgeschehens – ein Panorama der englischen Gesellschaft auf, der großen Schar der Kriegsbefürworter und der deutlich kleineren der Gegner. Wie bei einem Bühnenstück beginnt Hochschild mit einer Vorstellung der handelnden Figuren. Hinter den Kapiteln „Bruder und Schwester“, „Ein Mann ohne Illusionen“, „Die Pfarrerstochter“, „Heilige Krieger“ und „Boy Miner“ verbergen sich (unter anderem) die Frauenrechtlerin Charlotte Despard und Feldmarschall John French, ein Geschwisterpaar, das sich trotz seiner gegensätzlichen Einstellungen persönlich herzlich zugetan war, der Politiker und zeitweilige Kriegsminister Alfred Lord Milner, die Menschenrechtsaktivistin Emily Hobhouse, die Frauenrechtlerinnen Pankhurst und der Schriftsteller Rudyard Kipling, schließlich Keir Hardy, Gründer der Labour Party. Literaturnobelpreisträger Kipling – sein bekanntester Roman wohl „Das Dschungelbuch“ – wird als klarer Befürworter des Krieges und darüber hinaus als Mann mit „vielen Abneigungen“ porträtiert, zum Beispiel gegen (Zitat) „Demokratie, Steuern, Gewerkschaften, irische und indische Nationalisten, Sozialisten und (…) Frauen“. (Nebenbei: Das Gedicht, das er über seinen 1915 gefallenen Sohn schrieb („My Boy Jack“), wurde zur Grundlage für ein Theaterstück und vor wenigen Jahren auch verfilmt.) Rudyard befand sich mit seiner (zumindest anfänglichen) Kriegseuphorie (zum Gegner hat er sich nie entwickelt) in „guter Gesellschaft“. Auch Arthur Conan Doyle (der 1918 ebenfalls einen Sohn im Ersten Weltkrieg verlor) leistete so zum Beispiel seinen schriftstellerischen Beitrag pro Krieg, von der Regierung zum „Dienst am Vaterland“ genauso aufgefordert wie Thomas Hardy, James Barrie oder H. G. Wells. Als Chefpropagandist wird John Buchan vorgesellt, sein bekanntestes Werk wahrscheinlich „Die neununddreißig“ Stufen (unter anderem von Alfred Hitchcock verfilmt). Das Buch schildert, wie viereinhalb Jahre Propaganda funktionierten, wie sich angesehene Zeitungen (im bewussten Fall die Times) weigerten, mahnende Stimmen (von Lord Lansdowne, 1917) zu veröffentlichten, jeder gefallene Soldat selbstverständlich den Heldentod gestorben war, ehrenvoll und kurz, auch wenn es in Wahrheit oft ein grauenvolles Dahinsiechen war, es berichtet über Manipulation, um die eigene Reputation zu stärken, über zynische Rechenspiele. So mag ein Feldmarschall (Sir Douglas Haig) die Zahl der eigenen Verluste für zu niedrig befunden haben, weil sie im Umkehrschluss Aufschluss darüber gab, „wie wenige“ (tausend!) im gegnerischen Schützengraben ihr Leben gelassen hatten. Verluste als Maß des Erfolgs – bei gleichzeitigem tunlichem Meiden der Verbandsplätze, um persönlicher Übelkeit vorzubeugen. Es zeigt auch den Wahnwitz auf, der sich unter Umständen hinter Entscheidungen von Militärs verbarg: dass man die glorifizierte Kavallerie schlecht gegen Maschinengewehre einsetzen konnte (obwohl man deren verheerende Wirkung bereits im zweiten Burenkrieg erlebt hatte), dass Gas nicht gegen Stacheldraht (dem Haupthindernis bis zur Erfindung des Panzers) wirkte, dass einer auf dem Schlachtfeld schlecht beraten war, an Rot und Blau und jeglichem blinkenden Uniformbeiwerk festzuhalten … Man erfährt dezidiert, wie gefährlich es war, sich gegen den Krieg auszusprechen, gar aktiv zu handeln. Der Leser begegnet Personen wie Alice Wheeldon und ihren Töchtern, denen ein Schauprozess gemacht wurde, nachdem sie Fahnenflüchtigen Unterschlupf gewährt hatten, genauso wie dem Philosophen und Mathematiker Bertrand Russell, einem wortgewaltigen Kriegsgegner, der für die Äußerung seiner Meinung ebenfalls zu einer Haftstrafe verurteilt wurde (die er dazu nutzte, mehrere Bücher zu verfassen). Man liest über wachsende Kriegsmüdigkeit von Soldaten und den Exempeln, die an manchen von ihnen statuiert wurden, um die „Kampfmoral“ der anderen zu stärken. Man liest, wie selbst klare Kriegsgegner freiwillig zurück an die Front gingen, weil sie sich ihren Kameraden verpflichtet fühlten – wie letztendlich der Traum der europäischen Sozialisten dem (Zitat) „triebhaften Drang des Menschen nach Solidarität mit den Angehörigen des eigenen Stammes“ nicht standhalten konnte. Nach dem 7. und letzten Teil, nach der „Dramatis personae“ vom Anfang folgerichtig „Exeunt omnes“ genannt, hat Hochschild einen großen Bogen von den Burenkriegen bis nach Ende des Ersten Weltkrieges gespannt. Das Buch, auch wenn es mit gut 470 Seiten plus ca. 50 Seiten Anhang zu den umfangreicheren und allein schon wegen des Themas nicht zu den „Leichtgewichten“ zählen dürfte, ist sehr anschaulich, gut verständlich und lebendig geschrieben. Ich habe es gerne gelesen und würde es jedem empfehlen, der sich für die Hintergründe des Ersten Weltkrieges (auch) aus diesem Blickwinkel interessiert.

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  • Der Zusammenbruch aller Träume

    Der Große Krieg

    michael_lehmann-pape

    26. September 2013 um 13:28

      Es gerät heutzutage ein wenig  in Vergessenheit, dass eine „europäische Euphorie“, der Wunsch und die Hoffnung auf ein Zusammenwachsen Europas, schon einmal sehr präsent im Raume stand. Zumindest auf kultureller Ebene gab es kurz nach der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert den Traum eines „geistigen Zusammenwachsens“, eines „Gedeihens in Frieden“ über die Grenzen hinweg. Stefan Zweig legte in seiner Autobiographie ein beredtes Zeugnis dieser Hoffnung dar.   Eine Hoffnung, die jäh und brutal in sich zusammenfiel durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges und schon die Entwicklung zu diesem hin. Nationalstolz gegen geistige Vereinigung, handfeste wirtschaftliche Interessen gegen Friedenssehnsucht, sture und selbstüberhöhende Persönlichkeiten und vieles an kleinen und größeren Ereignissen mehr hat 1914 zu einem bis dahin unbekannten, grausamen „Abschlachten“ geführt, das ganz Europa innerlich zerreißen und auf lange Zeit entzweien  sollte.   Adam Hochschild hat sich dieses Krieges nun angenommen. Wobei, und das ist eine der großen Stärken des Buches, er nicht nur nüchtern und sachlich über die „großen Linien“ und den Kriegsverlauf berichtet, sondern es durchaus versteht, den Leser durch seinen Stil, seine Sprache und sein besonderes Augenmerk emotional mit in dieses welterschütternde Ereignis hineinzunehmen. Allein schon, weil er sehr viel Wert darauf legt, vielfache Personen und Persönlichkeiten in ihren inneren Beweggründen offen zu legen (Hindenburg, Wilhelm II.; Kaiser Franz Joseph, Churchill und viele mehr), die unheilvollen Verhältnisse untereinander aufzuzeigen und ebenso darauf zu achtet, die kritischen Stimmen jener Tage mit in den Vordergrund zu rücken (bei aller verbreiteter Kriegseuphorie).   So beschäftigt sich Hochschild im ersten Teil des Buches auch vor allem mit „dem Personal“ auf allen Seiten, bevor er ins Jahr 1914 übergeht.   So kommt Hochschild auch jener, aus heutiger Sicht merkwürdiger, Haltung auf die Spur, wie begeistert „das Volk“ und „das Militär“ diesen Krieg aufnahm. Ohne zu ahnen, dass zwischen den letzten Kriegen (1870/71) und diesem Jahr 1914 Welten auch in der Kriegsführung lagen, moderne Technik, Panzer, Giftgas, Stellungskrieg erst nun in voller Wucht als dann „Zweifrontenkrieg“ zum Tragen kamen. Mit verheerenden Folgen, vor allem, aber nicht nur in den Schützengräben. Intensiv schildert Hochschild die Blockaden auf allen Seiten, die zu Hungersnot gerade in Deutschland führten und hunderttausende Todesopfer nach sich zog. Mit fast skurril wirkender Kriegsführung und umfassender Korruption gerade was Russland anging. Was nur eine der Erklärungen für die anfänglichen Erfolge Deutschlands in diesem Krieg war. Pyrrhus Siege, wie sich herausstellen sollte.   So geht Hochschild detailliert die Kriegsjahre nach, bis 1918, zumindest gefühlt, „mehr Tote als Lebende“ im Raume stehen werden und ein ganzer Kontinent erschöpft danieder liegt.   Das alles führt Hochschild in einem flüssigen, teils fast romanhaften Stil vor Augen und verfolgt die Entwicklungen auch anhand konkreter Personen (wie Lord und Lady Milner), ein Stilmittel, das für den Leser die Ereignisse personalisiert und so noch greifbarer Macht, als es die Betrachtungsweide Hochschilds an sich bereits hergibt.   Adam Hochschild führt den erster Weltkrieg in anderer, frischer Form eindringlich und in seinen inneren Entwicklungen ebenso vor Augen, wie er die äußeren Ereignisse darstellt und bietet so ein eindrucksvolles und den Leser mitnehmendes Gesamtbild dieser „Zeitenwende“ dar.

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