"dass ich auflebe und begreife, dass der Moment gekommen ist,
der Moment ist gekommen - und wird gleich vergehen."
Gedichte sind oft, wenn sie gut sind, eine Vervollkommnung oder Ergänzung von Dingen, die wir selbst bedacht, in die wir uns dann und wann plötzlich vertieft, die wir erlebt, als Gefühle gespürt oder einfach einmal registriert haben. Dabei kann man grob unterscheiden zwischen sprachlichen und bildlichen Erweiterungen, also impressiven Expressionen und expressiven Impressionen. Die sprachliche Variante, asketisch übermütig, ist in der deutschen Gegenwartslyrik sehr präsent - die großen europäischen Dichter des zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhunderts (von denen viele im Hanser Verlag erschienen sind, z.B.: Tomas Tranströmer oder Charles Simic ) tendieren dagegen eher zum Bildhaften oder haben zumindest beides zugunsten der lebendigen Symbiose miteinander verschmolzen. Adam Zagajewski darf zu ihnen gezählt werden.
"Im Sommer schlägt das Licht direkt
auf die Gegenstände, im Winter verbirgt
es sich träge im Schrank, schläft auf dem Ofen
wie Mineralien auf Museumsregalen."
Durch das Lesen ihres Bandes in eine Stimmung zu kommen, in der man ihre Gedichte wie Seifenblasen, die dabei nicht platzen, beinahe berühren kann, gleichzeitig im Ich und weit da draußen manifestiert, und in der man spürt, wo sie hinerzählen, wie sie auf die Dinge schauen, um sie tief drinnen zu erhalten, das schaffen nur wenige Dichter. Momente in die Kreise eines Gedichts zu führen, auf denen sie sich ewig drehen können, das schaffen nur wenige Dichter immer wieder.
"Tiefe Stimmen bitten aufdringlich um Erbarmen
und haben nichts zu ihrer Verteidigung außer der Tatsache,
dass sie so herrlich singen - obwohl niemand
im Zimmer ist und sich nur schnell
die unsichtbare Platte dreht und wirbelt.
[...]
Ohne Schweigen gäbe es keine Musik."
Adam Zagajewski, geb. 1945 in Lembach, ist ein solcher Dichter, einer, über den zu sprechen eine einfache Angelegenheit scheint und über dessen Gedichte zu sprechen eine schiere Unmöglichkeit darstellt. Ein guter Dichter braucht keine extraterrestrischen Namen und Begriffe, um die Inhalte seiner Gedichte zu skizzieren, - Sprache hat bei aller Autonomie auch immer etwas mit Nähe zu tun (wie die Liebe) - er muss nur die Geschichte dieser Namen und Begriffe gut erzählen können. Und Zagajewski erzählt Geschichten. Er ist kein reiner, großer Gestalter, sondern ein meisterhafter, wunderbarer Beobachter und Verwalter.
"die beiden Wörter,
gestorben und Paola, trafen sich damals
zum ersten Mal.
Paola war
erst vierzig Jahre alt,
eine hübsche, lächelnde Frau.
[...]
Das Wort gestorben ist viel älter
und lächelt nie."
Von Besinnung, Bedenklichkeit und Stimmung erzählen seine Gedichte, von dem eingefasst Schwindenden, das in diesem gespaltenen Zustand über Jahre zu verweilen weiß. Aber vielfach ranken sie sich auch um Erinnerungen und Erlebnisse - und von dem, was hinter der Erinnerung zurückbleibt, das ganz Eigene und doch Fremde, dem Alles nahestehende, schon nicht mehr Erinnerung, sondern etwas einstmals dem Glanz des Lebens Entliehenes, über kurz oder lang fest an sich gezogenes, das einen Abdruck hinterließ und das dann mit der Zeit wieder einkehrte in den Glanz der Welt, um nur noch von Zeit zu Zeit daraus hervorzuleuchten, an undurchsichtigen, offenen Stellen.
Darin vielleicht Wahrheit, aber vielleicht wirkt es nur wie Wahrheit, weil es nicht ganz fassbar ist.
"Ich dachte an dich und daran, dass die Leere
nur eines versprechen kann: Fülle-"
"...warum alte Menschen Kinder sind
und Kinder in alten Körpern wohnen,
in einem hohen Stockwerk ohne Aufzug, und versuchen,
uns etwas zu sagen, etwas mitzuteilen, aber vergeblich"
Manchmal gelingt es Dichtern, mit ihren Gedichten Pfeile abzuschießen, die sich durch Raum und Zeit, Sprache und Erinnerung, auf einer zugeschnittenen, perfekten Bahn bewegen, einer Fuge aus aufkommenden Bildern, wobei natürlich diese Bahn in die Beschaffenheit des Pfeils eingeschnitzt wurde, was wir aber nicht direkt wahrnehmen, wenn wir ihn sehen, wenn wir die Gedichte lesen. Wir wissen nur, dass mit dem Pfeil auf etwas gezielt wurde - und ob er etwas trifft; ob jenes dann das war, dass der Schütze treffen wollte, wissen wir natürlich nie. Vielleicht reicht es auch so: vielleicht betrachtet man auch nur den Bogenflug eines Pfeils.
"Die Denkmäler auf dem Planty, aus Bronze gegossen,
möchten sicher in ihre gewöhnliche Haut zurück,
zum Körper, zum Kopfschmerz, doch Ewigkeit verpflichtet."
Es gibt kaum ein Gedicht in diesem Band, das sich nicht wie eine kleine Meditation liest. René Char schrieb einmal, Gedichte lesen sei "Meditation zu den eigenen Gefühlen" und auch wenn das nicht sehr griffig ist, trifft es doch immer wieder, beim Lesen, zu.
Beeindruckende Gedichte, Gedichte über Dinge, die sich selbst betreffen und doch auch etwas in uns, weil es darin um etwas Wesentliches geht, um wesentlich mehr, als um Worte. "Du bist wirklich" - etwas, dass die besten Gedichte eines jeden Dichters uns zuflüstern; eine Art Verstärker, holen sie Erinnertes, Historisches, wesensmäßig Fernes herbei und führen es im gegenwärtigen Moment zusammen, ein das Ich und die Welt erleuchtendes kleines Feuerwerk… Spuren der Wirklichkeit werden aufgezeigt, als die einfachste Erkenntnistheorie und als die schönste.
"Beschreibungen regloser Bilder
sind in der Regel interessant.
Man widmet ihnen gelehrte Abhandlungen.
Doch wir sind lebendig,
erfüllt von Erinnerung und Verstand,
und bisweilen empfinden wir besonderen Stolz,
weil die Zukunft uns ruft,
und dieser Schrei macht uns zu Menschen."
"Unsichtbare Hand" ist ein bemerkenswertes Buch, voller bemerkenswerter Gedichte, geschrieben in einem sehr bedächtigen und doch wieder akkuraten Ton - es scheinen Melancholie und Freude, Rührung und Verständnis hindurch; es wird in Gedenken, in Furcht, in Glück und Unruhe gesprochen. Und einige Gedichte kann man am Ende nur "verstehen"...
"Liebst du die Worte, wie der scheue Zauberer die Stille liebt,
nach dem Auftritt, wenn er allein ist in der Garderobe, in der
mit rußiger, fetter Flamme die gelbe Kerze brennt?"
Adam Zagajewski
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Adam Zagajewski
Mystik für Anfänger
Unsichtbare Hand
Asymmetrie
Das wahre Leben
Die kleine Ewigkeit der Kunst
Ich schwebe über Krakau
Witold Gombrowicz - Gesammelte Werke / Band 4: Kosmos
Poesie für Anfänger
Neue Rezensionen zu Adam Zagajewski
Befangen bin ich, was jede Dichtung angeht, denn ich liebe Gedichte. Ganz besonders aber liebe ich die Gedichte von Adam Zagajewski (hier übersetzt von Renate Schmidgall). Ich weiß was, laut mancher Stimmen, gegen sie spricht: Sprachlich seien sie nicht besonders komplex (zumindest in den Übersetzungen), nichts Neuartiges sei daran, vielmehr wirkten sie artig, gepflegt und gutbürgerlich, fast schon betont altmodisch.
Aber ihre Qualitäten sind ebenso offenbar wie ihr scheinbarer Mangel an Zeitgeist. Viele Rezensent*innen schrieben in diesem Zusammenhang von Melancholie, von Weisheit, von Gelassenheit, manchmal kritisch von Larmoyanz, Lapidarem. Ich würde von Erbarmen sprechen. Mitgefühl, mögen manche jetzt denken, sag doch Mitgefühl, das klingt nicht so sakral, so martialisch.
Ich kann nichts daran ändern, wie das Wort Erbarmen konnotiert ist, plädiere aber dennoch dafür, dass es genau das richtige Wort ist, um Zagajewskis Poesie zu beschreiben (schon im ersten abfotographierten Gedicht kann man besichtigen, was ich meine).
Nun ist Erbarmen keine singuläre Qualität Zagajewskis. Im Grunde hat wohl fast jedes gute Gedicht einen Funken Erbarmen in sich, ob damit nun eine Kerze angezündet wird, eine Fackel, eine Zigarette oder ein Molotow-Cocktail. Was ich aber fast nur von Zagajewski kenne (vielleicht noch von Wisława Szymborska oder Lars Gustafsson) ist die souveräne und geradlinige Art, diese Empfindung darzulegen, schlicht und doch anschaulich, unverdrossen, ohne gefällig zu sein; ohne Ambition, so scheint es, und doch ganz nah herantretend, eine Berührung über Zeiten und Räume, Grenzen und Fragen hinweg.
Es sind vielleicht die letzten Gedichte, die wir von Zagajewski lesen können, es sei denn, es (be)finden sich noch weitere im Nachlass. Aber schon diese letzen empfinde ich als großes Glück.
"Wir schätzen die Kunst,
weil wir wissen möchten, was unser Leben ist.
Wir leben, aber wir wissen nicht immer, was das bedeutet.
Also reisen wir, oder wir schlagen zu Hause ein Buch auf."
Wenig habe ich in den letzten Jahren so schätzen gelernt wie die Gedichte von Adam Zagajewski. Es sind Meisterwerke der schlichten und doch elementaren Poesie.
Eine längere Rezension von mir zu diesem Band findet sich auch beim Onlinemedium Fixpoetry.














