Adam Zamoyski 1812 - Napoleons Feldzug in Russland

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Inhaltsangabe zu „1812 - Napoleons Feldzug in Russland“ von Adam Zamoyski

Napoleons Feldzug in Russland war eines der größten militärischen Desaster aller Zeiten und eine menschliche Tragödie von beispiellosen Ausmaßen. Für sein Epos über die Hybris eines Eroberers, den Wahnsinn des Krieges und einen der Wendepunkte der Weltgeschichte hat Adam Zamoyski eine Vielzahl von Augenzeugenberichten in französischer, russischer, deutscher, polnischer und italienischer Sprache ausgewertet. Als Leser hat man teil an den Überlegungen und Entscheidungen Napoleons, des Zaren Alexander I. und der militärischen Befehlshaber beider Seiten. Gleichzeitig kann man den Verlauf der Invasion, das Katz-und- Maus-Spiel der Strategen, die unheimlichen Tage im eroberten, aber brennenden Moskau, den unfassbar grauenvollen Rückzug der Grande Armée nachvollziehen. Nicht etwa nur der eisige Winter zwang die Franzosen in die Knie, sondern politische Fehleinschätzungen schon im Vorfeld des Feldzuges, strategische Fehler, widersprüchliches Handeln und die Unfähigkeit, Versorgung und Nachschub der Truppen zu sichern, führten die katastrophale Niederlage herbei: ein Muster, dem wir hier nicht zum letzten Mal in der Geschichte begegnen.

Gigantisch. Grandios. Nichts für Zartbesaitete. Grausam. Ein Zeugnis. Etwas das einem niemals los lässt. Man leidet mit.

— theoutsider
theoutsider

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    1812 - Napoleons Feldzug in Russland
    Kopf-Kino

    Kopf-Kino

    04. March 2017 um 11:12

    »Ich wünsche nicht, Krieg gegen Rußland zu führen«, erklärte er dem Fürsten Schuwalow während einer Unterredung im Mai 1811 in St. Cloud. »Es wäre ein Verbrechen meinerseits, denn ich würde grundlos einen Krieg beginnen, und ich habe, Gott sei Dank, noch nicht den Verstand verloren, ich bin nicht verrückt.« Geschätzt verloren eine Million Menschen im Zuge von Napoleons Einmarsch mit seiner multinationalen Grande Armée ihr Leben. Der Autor Zamoyski legt anschaulich dar, dass sowohl Napoleon Bonaparte als auch Zar Alexander gleichermaßen am Ausbruch dieser Katastrophe beteiligt waren, indem sie sich in einer Spirale aus Machtpolitik und Misstrauen ineinander verfingen, was verheerende Folgen nach sich trug. Bereits im Vorwort stellt der Autor klar, dass das Buch nicht den Anspruch erhebe, alle Fragen endgüldig zu beantworten – um dies zu bewerkstelligen, müsse der Umfang des Buches mehr als doppelt so groß angelegt sein. Und dennoch schaffte es der Autor - meiner Meinung nach -, den meisten gerecht zu werden. Da viele Kriege – und dieser explizit – zu nationalen Geschichtsschreibungen und zweckbestimmten Deutungen genutzt werden, bietet Zamoyski ein Panoramablick und vergleicht Quellen, um diese wiederum zu kommentieren, wenn sich Widersprüche zeigen - mithilfe des gesammelten Wissens der Gegenwart. Daher kommt es immer wieder mal zu Beurteilungen, wer wann welchen Fehler machte, was das Buch wiederum einen analysestarken Ton verleiht. Grundsätzlich ging es dem Autor um Folgendes: Mein Hauptziel beim Verfassen dieses Buches bestand darin, eine außergewöhnliche Geschichte zu erzählen, von der jeder gehört hat, aber von der nur wenige genaue Kenntnisse besitzen.Vor allem habe ich mich bemüht aufzuzeigen, was diese Ereignisse auf allen Ebenen für die Betroffenen bedeutet haben – denn es ist eine menschliche Geschichte schlechthin, von Hybris und Nemesis, von Triumph und Katastrophe, von Ruhm und Elend, von Freude und Leid. Erstaunlich, wie viele Teilnehmer von beiden Seiten ihre Erlebnisse und Gedanken in Briefen und Tagebucheinträgen festhielten. So kommen in diesem Buch nicht nur die „Großen“, wie beispielsweise gebildete Kommandeure, zu Wort, sondern auch (wenn nicht sogar überwiegend) die einfachen Soldaten, sowie Wundärzte, Marketenderinnen, Bauern und anderen Zeitzeugen. Gerade diese Auszüge und der Perspektivenreichtum, die in allen Kapiteln zu Hauf vorkommen, machen das Buch angenehm lebendig und erschreckend zugleich. »Bis dahin war unser Marsch nichts weiter als ein schöner Spaziergang gewesen«, schrieb ein wehmütiger Julien Combe, Leutnant im 8. Regiment der Gardejäger zu Pferde. Von jetzt an würde er eine Qual sein. Der Vorgeschichte, sowie den bisherigen Lebenswegen von Napoleon und Alexander werden im Buch genügend Raum gelassen. Auch die einzelnen Züge, Vorstoße, Ruckzüge und Schlachten zeichnet der Autor souverän und überschaubar nach. Die Aufstellungen und Verläufe werden hierbei mithilfe von Skizzen unterstützt. Abgesehen von den üblichen Historiengemälden wurden um die 60 Zeichnungen von Beteiligten abgedruckt, die den bildhaften Schreibstil zusätzlich unterstreichen. Interessant zu lesen fand ich u.a. die unterschiedlichen Vorstellungen, die die beteiligten Gruppen, wie beispielsweise die Italiener, in der Grande Armée hatten und welche Beweggründe sie hatten - ebenso die Unwissenheit vieler, wohin es eigentlich gehen sollte. Das Soldatenleben wird hier ebenfalls sehr detailliert beschrieben, so u.a. die unterschiedlichen Uniformen. Der Autor erklärt einiges, worüber ich mir bislang nie Gedanken gemacht hatte: Der [Anmerkung: französische] Soldat trug Schuhe mit häßlichen viereckigen Spitzen – um vor Diebstahl oder dem Weiterverkauf an Zivilisten abzuschrecken.“ Grundsätzlich arbeitet das Buch oftmals mit Vergleichen, was mir naheliegend erscheint, da der Gegensatz manchmal nicht hätte größer sein können: Während Napoleon jedem Soldaten großzügige Aufstiegsmöglichkeiten einräumte (was ihm später u.a. zum Verhängnis werden sollte), gab es bei der russischen Armee, für die man sich übrigens fünfundzwanzig Jahre verpflichteten (und viele starben bereits bei der Ausbildung), kaum Beförderungen (außer man hatte entsprechende Beziehungen bei Hofe), zumal es dort anscheinend weitaus brutaler zuging: Wer versuchte, einer Kanonenkugel auszuweichen, wenn die Einheit angetreten war, wurde mit Stockschlägen bestraft. Ein Soldat oder Unteroffizier, der Feigheit vor dem Feind zeigte, war sofort zu erschießen. Gräueltaten gab es auf beiden Seiten zu Genüge. Harter Tobak stellen ebenfalls die beschriebenen Umstände der Märsche und Gemetzel dar, die derart schlimm waren, dass hunderte sich selbst umbrachten. Allgemein schildert Zamoyski so anschaulich, dass mir stellenweise regelrecht übel wurde. Die Grausamkeiten und Auswirkungen des Krieges werden hier mehr als deutlich. Außerdem zeigt das Buch eindrucksvoll auf, dass der Russland-Feldzug zwar „Helden“ schuf, aber – wie jeder Krieg - vor allem Opfer. Gleichzeitig räumt es mit hartnäckigen Legenden und Mystifizierungen, die aufgrund des rätselhaften Ausgangs des Ganzen entstanden, auf. Hier hätte ein Dante Inspiration für seine Schilderung der Hölle finden können. Wie ambivalent Napoleon im Charakter, aber auch mit seinen Plänen und Entscheidungen in diesem Fall war, aber auch seine Anhänger zu ihm standen, ergibt sich in diesem Buch mehr als anschaulich. So verlangte Napoleon beispielsweise am 14. Juni von den Kommandeure aller Korps, dass sie ihm ehrliche Angaben bezüglich ihrer Truppen zu geben hätten. Zamoyski schreibt dazu: „Napoleon reagierte grundsätzlich zornig, wenn man ihm schrumpfende Zahlen vorlegte, insbesondere, wenn sie sich nicht auf Verluste in Kampfhandlungen zurückführen ließen; daher gewöhnten sich die Verantwortlichen an, ihm ihre Verluste schlicht zu verheimlichen.“ Gut finde ich, dass der Autor dort Lücken ließ, wo er keine belegte Quellen fand - da heißt es dann beispielsweise „Man kann lediglich spekulieren, was für eine Reaktion Alexander von Napoleon erwartete.“ - und nimmt dies zum Anlass, um den Stand der Dinge abermals kurz zu skizzieren, und zieht, um bei diesem Beispiel zu bleiben, die Schlussfolgerung eines anderen Historikers hinzu („Er kann Alexanders Botschaft nur als Provokation aufgefaßt haben, als „freche Herausforderung“, wie der britische Historikers William Hazitt es formulierte.“) So sehr auch die Entbehrungen, Grausamkeiten und Qualen im Buch überwiegen, da nichts verschwiegen wird – weder das Los der Gefangenen und Verletzten noch der Kannibalismus, der aufgrund der Hungersnot ausbrach -, findet der Leser zwischendurch ebenso kleine Momente des Mitgefühls, der Freundschaft und der Hilfsbereitschaft, die ich manchmal so herzzerreißend fand, dass ich beim Lesen Tränen in den Augen hatte - vor allem aber auch dann, wenn Einzelschicksale festgehalten wurden, wie beispielsweise eines jungen Soldaten, den seine Kameraden am Morgen wecken wollten, der aber über Nacht mit dem Bild seiner Liebsten in der Hand bereits erfroren war. »Die Russen tranken auf der einen Seite, wir auf der anderen; wir verständigten uns mit Worten und Händen, tauschten Getränke und Tabak, womit wir reicher ausgestattet und großzügiger waren«, schrieb Lyautey nach Hause. »Bald darauf beschossen sich diese guten Freunde mit Kanonen.« Zusätzlich versucht der Autor dem Phänomen, was die Faszination Napoleons ausmachte, näher zu kommen Auch hierfür stützt er seine Deutungen mit zahlreichen Aussagen. Obgleich dem Krieg nur wenig Erhabenes entsprang, wusste Napoleon, selbst beim qualvoll langsamen Rückzug, wie er sein Bild als Idol zu stilisieren hatte. »Niemand, der die Zeit Napoleons nicht miterlebt hat, vermag sich den mitreißenden Einfluß vorstellen, den er auf die Gemüter seiner Zeitgenossen ausübte«, schrieb ein russischer Offizier und fügte hinzu, daß sich bei jedem Soldaten, gleich auf welcher Seite, schon die bloße Erwähnung seines Namens mit der unmittelbaren Vorstellung grenzenloser Macht verband. Ab und an lässt sich Zamoyski zu pauschalen Aussagen hinreißen, wenn es da heißt „Alle waren der Meinung, dass ...“, was ich aber verschmerzen konnte. Anmerken möchte ich noch, dass auch die Schriftsteller Puschkin, Tolstoi und Stendhal, der in dieser Höllenfahrt involviert war, kurz erwähnt werden. Nun muss ich abschließend einräumen, dass ich bislang kein weiteres Sachbuch zu dieser Thematik las, um Vergleiche ziehen zu können. Da der Anhang - und somit auch die Quellennachweise - um die 100 Seiten umfasst, gehe ich von einer gründlichen Recherchearbeit aus. Summa summarum kann ich dem Autor lediglich meine Bewunderung aussprechen, wie er dieses epochale Ereignis aus russischer, französischer, unterer und oberer Sicht erzählt und zu einem Ganzen zusammenfügt. Ich zumindest konnte das Buch nicht mehr aus der Hand legen, was u.a. auch an Zamoyskis gekonntem Schreibstil lag. Ségur schrieb: »Ein Schauspiel ohne Zuschauer, ein Sieg so gut wie ohne Früchte, ein blutiger Ruhm, für den der Rausch, der uns umgab und unsere einzige Eroberung zu sein schien, das nur allzu wahrhaftige Symbol war.«

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  • Ein Weg

    1812 - Napoleons Feldzug in Russland
    theoutsider

    theoutsider

    25. July 2014 um 02:35

    Grandioser Ausblick in die Geschichte. Die Europäische. Woher wir kommen, wer wir sind. Episch, mit zahllosen Details gespickt. Niemals so was gelesen. So was bewegendes. Man leidet mit. Ich kann das nur dadurch abmildern in der Bewertung, das ich völlig Geschichtsbessen bin. Viele wird dieses Buch wohl zu Tode langweilen. Für mich ist es eine Erklärung mit einem warmen Ofen, Essen und einer Versuchung. Ein Heim. Himmel. Eine Verklärung. Wobei es völlig, und sehr viele. grausame Stellen enthält. Es zeigt so sehr wie sich Ereignisse gänzlich unkontollierbar gestalten. Sich zu etwas entwickeln, das keiner wollte. Ein Sturm, völlig außer Kontrolle. Wie das Leben, die Liebe, die Hingabe an Etwas. Warum soll man etwas lesen, über etwas was sich wirklich ereignet hat? Und das weniger Erklärung, Sinn oder Befriedigung gibt als Sciene Fiction, Fantasy oder sonstwas Romane? Weil es wirklich passiert ist. Es gibt mir mehr als alles Erfundene. Das was wirklich stattfand, wird für mich immer größer sein als alles Erfundene, dabei liebe ich Fantasy und SF. Größe ist ein ewiger Widerspruch. Ich weiß nicht ganz was ich sagen will. Wenn man etwas liebt, kann man es nicht in Worte packen. Nur versuchen. Versuchen. Man will es nicht schmälern. Am Ende kann man Gefühle nicht ausdrücken, nur die Taten sprechen lassen. Den Taten Napoleons, so widersprüchlich sie auch sein mögen, wohnt ein Herz inne, das zumindest geschlagen hat wie ein Slipknot, Rammstein Konzert. Man muss diese Rocker nicht mögen. Aber sie haben die Welt verändert. Für immer. Weitertanzen bis zum Ende.

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  • Adam Zamoyski: 1812: Napoleons Feldzug in Russland

    1812 - Napoleons Feldzug in Russland
    DamonWilder

    DamonWilder

    25. June 2013 um 11:33

    Ganz ehrlich, - was interessiert mich Napoleons Feldzug in Russland, dachte ich so bei mir, als ich das Vorwort zu diesem Buch las. Aber innerhalb kürzester Zeit hatte mich der Autor so in den Bann gezogen, dass ich das Buch kaum mehr aus der Hand legen konnte. Zamoyski beginnt sein Werk, indem er die beiden Protagonisten vorstellt: auf der einen Seite der glänzende Feldherr Napoleon, der über ganz Europa herrscht, unbesiegt und ungeschlagen auf dem Höhepunkt seiner Macht; auf der anderen Seite der junge, unerfahrene, unbeliebte Zar, der augenscheinlich nur eine Marionette seiner viel einflussreicheren Mutter ist. - Und doch weiß man als gut gebildeter Leser natürlich, dass Russland der Anfang von Napoleons Ende war und schwupp! hat Zamoyski seinen Leser am Schlawittchen gepackt, denn nun muss man wissen, wie alles geschah. Das Buch ist unheimlich gut recherchiert, präsentiert alte und neue Fakten in unterhaltsamer, wenig akademischer Form. Auch wenn man sich nicht für Napoleons Feldzüge interessiert, sollte man dieses Buch lesen, denn hier zeigt ein Fachmann seiner Zunft, wie Wissen unterhaltsam und spannend vermittelt werden kann.

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  • Rezension zu "1812" von Adam Zamoyski

    1812 - Napoleons Feldzug in Russland
    Bibliophil

    Bibliophil

    04. January 2013 um 08:48

    Adam Zamoyski/1812 Napoleons Feldzug in Russland Hätte ich nicht den eisernen Grundsatz, jedes Buch, das ich erhalte, geschenkt oder ausgeliehen bekomme, zu lesen – dann wäre mir dieses geniale Werk vom Historiker Adam Zamoyski durch die Lappen gegangen. Nie hätte ich dieses Buch für mich ausgesucht: Kriegsgeschichte interessiert mich nicht wirklich. Zögerlich fing ich an zu lesen und das mit dem Vorsatz mindestens 10 Seiten pro Tag zu lesen; dieses Ziel habe ich aber schon nach kurzer Zeit übertroffen. Zamoyskis Erzählkunst hatte mich schnell in den Bann gezogen. Zu Beginn des Buches stellt uns der Autor die zwei grossen Kontrahenten vor: Napoleon und Zar Alexander. Er erklärt dem Leser wie es zu diesem verheerenden Feldzug überhaupt gekommen ist. Dann beginnt das grosse Abenteuer: Napoleons Grand Armee marschiert Richtung Russland. Zamoyski schildert den Feldzug hauptsächlich aus der Sicht der Soldaten, dabei bedient er sich in grossem Masse an Zeitzeugenberichten. Und darum ist diese Geschichtslektion so überaus spannend und authentisch. Vorsicht: Einige beschriebene Vorfälle im Buch sind wirklich hart zu lesen. Die Grand Armee geht im Verlaufe des Feldzugs mehrere Male durch die Hölle. Hunger, Durst, Hitze und extremer Frost bei unzulänglicher Kleidung machen den Soldaten das Leben so schwer, das viele Männer den Tod dem Leben vorziehen und sich selber töten. Zamoyski beschönigt nichts, und so manche Begebenheiten im Buch sind unvorstellbar entsetzlich. Der Feldzug kostete, Zivilisten mit eingerechnet, rund einer Million Menschen das Leben. Nur wenige von Napoleons Soldaten überlebten das Desaster. Im Internet findet man vorwiegend Rezensionen von begeisterten Lesern. Mir fielen nur gerade zwei Kritiken auf, die dem Autor zwar seine grosse Erzählkunst anerkennen, ihm aber Russenfeindlichkeit vorwerfen. Ich persönlich kann das nicht nachempfinden. Was kann Zamoyski schon dafür, dass Russlands Armee so unorganisiert war? Dass die einfachen russischen Soldaten vor allem Leibeigene waren, die sich verständlicherweise nicht so begeistert für ihre Heimat, ihren Unterdrücker einsetzten? Und dass das Militärkader von Russland vor allem mit ihren eigenen Streitigkeiten beschäftigt war, als sich mit Kriegstaktik auseinander zu setzen? Zamoyski kritisiert ausserdem auch immer wieder den grossen Feldherrn Napoleon. So beschreibt er immer wieder seine lächerlichen Wutausbrüche und macht auf seine so verhängnisvollen Fehlern aufmerksam. Aber natürlich spürt man beim Lesen Zamoyskis Respekt vor Napoleons Leistung, dass es ihm gelungen ist, verschiedene Nationen zu einer Armee zu vereinigen, die sich so begeistert für Napoleons Ideen einsetzte. Das Buch hat mich in höchstem Mass beeindruckt, überrascht und auch schockiert. Und es hat meine Sicht auf das Leben allgemein bestimmt beeinflusst. Wahrscheinlich hatte ich während der Lektüre nicht so ein offenes Ohr für Gejammer und Klagen in meinem Umfeld. Jeder der dieses Buch gelesen hat, liest oder lesen wird, kann das sicher verstehen. Eins weiss ich jetzt mit Sicherheit: Ich lebe ein äusserst privilegiertes Leben.

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  • Rezension zu "1812" von Adam Zamoyski

    1812 - Napoleons Feldzug in Russland
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    02. March 2012 um 14:41

    Ein fulminantes Buch Es war einer der Feldzüge, die in ihren Folgen das Gesicht Europas verändert haben, der vor allem den Anfang des Untergangs Napoleons I. darstellt. Den Nimbus der Unbesiegbarkeit verloren. Zigtausende Soldaten verloren und die „glorreiche Armee“ entscheidend geschwächt. Noch schwerer mochte wiegen, dass Napoleon mit diesem Feldzug 1812 gegen Russland auch die bis dato fast unbedingte Bewunderung, das Vertrauen seines Volkes, stark erschüttert hat. Ein Volk, das kriegsmüde war. Ein Feldzug, der vielleicht „das größte militärische Desaster aller Zeiten“ darstellt und der sich in diesem Jahre zum 200. Mal jährt. Dieser Feldzug mit seiner Umbarmherzigkeit, seinen taktischen und strategischen Fehler, seiner „menschlichen Tragödie von beispiellosen Ausmaßen“, der „erste totale Krieg“ der Menschheitsgeschichte, ist das Thema dieses ganz hervorragend und mitreißend geschriebenen Buches von Adam Zamoyski. Ein Buch, in welchem Zamoyski allen Facetten der Operation nachgeht, in dem er es vor allem, neben allen Beschreibungen von Schlachten und Elend, Sieg und Niederlage, Matsch und Winter nicht versäumt, die eigentlichen Ursachen dieses Desasters zwingend in den Blick zu rücken. Die unglaubliche Hybris, den Caesarenwahn Napoleons, politische Fehleinschätzungen der „Großwetterlage“ im Vorfeld des Feldzuges, militärische Unentschlossenheit und Widersprüchlichkeit währenddessen, genauso wie hier und da reine Zufälle, aus Verwirrungen entsprungen . Ein zudem historisch wichtiges Buch. Denn legendenumwoben, literarisch zigfach ausgebreitet und filmisch zudem in vielfacher Weise bereits umgesetzt ist es nicht einfach, hinter all den modernen Bildern dieses Feldzuges der historischen Wahrheit habhaft zu werden. Eine Lücke, die Zamoyski nun eindrucksvoll zu schließen versteht. Fast in Romanform, mit vielen Erläuterungen und Verweisen auf das alltägliche Leben jener Zeit, auf die Atmosphäre und Stimmung in Paris, in Moskau unter und zwischen den Kontrahenten entwirft er eine immens lebendige Grundlage, auf deren Basis seine historischen Schilderungen eines zunächst zögerlichen, dann totalen Kriegs, folgen, Die Schlacht um Moskau, das folgende Patt, der Einbruch des Winters, ein Rückzug, der tatsächlich hier und da auch ein „Marsch ins Nirgendwo“ war mitsamt der fast völligen Auflösung der riesigen „Moskauer Armee“ der Franzosen, ohne Brüche und nie langweilig legt Zamoyski dieses Drama der Militär- und Zivilgeschichte vor die Augen des Lesers. Nicht nur dem lebendigen Stil des Buches ist dies geschuldet, auch die vielfache Verarbeitung der Berichte von Beteiligten, die Zamoyski verwendet, trägt erheblich zur Lebendigkeit der Darstellung bei. Briefe, Tagebücher, Memoiren, reichhaltig sind die Quellen, aus denen der Autor schöpft. Quellen aus allen Schichten der Beteiligten. Und so, Seite für Seite, ein objektives Bild der Vorgänge darstellt. Ein Bild, das aufräumt mit der dramatisch-romantischen Verklärung, nur der Winter habe Napoleon wie ein „göttliches Schicksal“ in die Knie gezwungen. Auch wenn die Witterung tatsächlich eine wichtige Rolle spielte, strategische Fehler, eine grundlegende Fehleinschützung schon zu Beginn des Feldzuges und vielfach weitere, auch kleinere Ereignisse, führten zur Zerschlagung der größten (und erfolgreichsten) Armee, welche die Welt bis dato gesehen hatte. Zufälle, Unentschlossenheit, widersprüchliches Handeln und allgemein Verwirrung boten viel mehr die Gründe für den Ausgang des Feldzuges als klares militärisches Handeln. Ein fulminantes Buch in Inhalt und Form, eine breite Darstellung, der es nirgends an Tiefe mangelt und die eingängig und höchst lebendig geschrieben vorliegt.

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