Adania Shibli

 4,4 Sterne bei 28 Bewertungen
Autor*in von Eine Nebensache, Eine Nebensache und weiteren Büchern.

Lebenslauf

Adania Shibli, geboren in 1974 in Palästina, schreibt Romane, Theaterstücke, Kurzgeschichten und Essays und ist zudem in der akademischen Forschung und Lehre tätig. »Täuschung« ist ihr zweiter Roman auf Deutsch nach »Eine Nebensache« (2022), der in über vierzig Sprachen übersetzt und für den National Book Award (2020) sowie für den International Booker Prize (2021) nominiert wurde. Adania Shibli lebt in Palästina und Deutschland.

Quelle: Verlag / vlb

Neue Bücher

Cover des Buches Täuschung (ISBN: 9783446288355)

Täuschung

Erscheint am 15.09.2026 als Gebundenes Buch bei Hanser, Carl.

Alle Bücher von Adania Shibli

Cover des Buches Eine Nebensache (ISBN: 9783949203213)

Eine Nebensache

(22)
Erschienen am 15.03.2022
Cover des Buches Eine Nebensache (ISBN: 9783293710177)

Eine Nebensache

(3)
Erschienen am 29.07.2024
Cover des Buches Täuschung (ISBN: 9783446288355)

Täuschung

(0)
Erscheint am 15.09.2026
Cover des Buches Minor Detail (ISBN: 9780811229074)

Minor Detail

(3)
Erschienen am 26.05.2020

Neue Rezensionen zu Adania Shibli

Cover des Buches Eine Nebensache (ISBN: 9783949203213)
C

Rezension zu "Eine Nebensache" von Adania Shibli

carolin_schreibt
Eindrückliches Buch über Besatzung, Unterdrückung, und darüber, wessen Geschichte erzählt wird und wessen nicht.

Mit Spoilern
CN: Vergewaltigung, Mord

Auf dieses Buch aufmerksam geworden bin ich ironischerweise, weil die Autorin 2023 einen Preis auf der Frankfurter Buchmesse erhalten sollte, welcher auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.

Worum geht es:
Das Buch besteht aus zwei Teilen. Der erste Teil spielt 1949, ein Jahr nach der Nakba, der massenhaften Vertreibung von Palästinensern, und beruht auf einer wahren Begebenheit. Israelische Soldaten töten eine Gruppe Beduinen, bis auf ein Mädchen, das die Soldaten entführen, vergewaltigen und ermorden.
Im zweiten Teil liest eine palästinensische Frau in einem Zeitungsartikel von dem Vorfall. Sie spürt eine merkwürdige Verbindung zu dem Verbrechen, da dieses exakt 25 Jahre vor ihrer Geburt passiert ist, und möchte mehr über das Mädchen herausfinden.
Ein eindrückliches Buch über Besatzung, Unterdrückung, und darüber, wessen Geschichte erzählt wird und wessen nicht.

Kommentar:
Der erste Teil ist komplett emotionslos aus der dritten Person geschrieben. Man erfährt die Ereignisse aus Sicht des Kommandanten des Militärpostens, jedoch nicht seine Gedanken oder Gefühle. Das ist eine interessante erzählerische Perspektive, die ich so noch nicht gelesen habe. Es ist, als würde sich das Innenleben der Vergewaltiger der Erzählbarkeit entziehen. Ebenso die Perspektive des Opfers. Es bleiben – scheinbar – die reinen Fakten.
Diese sind gerade durch die nüchterne, naturalistische Erzählweise eindrücklich. So zum Beispiel die detaillierte Beschreibung, wie die Soldaten das Mädchen ausziehen, waschen und ihr die Haare abschneiden. Diese Stelle wirkt ähnlich beklemmend wie die eigentliche Vergewaltigung, weil sie zeigt, wie die Soldaten das Mädchen wie ein bloßes Objekt behandeln.
Außerdem ist die Erzählung geradezu besessen davon, wie sich der Kommandant dauernd wäscht und rasiert. Vielleicht ist diese Obsession mit der Körperpflege eine Metapher zu dem Glauben, man selbst wäre die „Guten“ und „Sauberen“. Ein Glaube, der sich auch in der Propagandarede widerspiegelt, die der Kommandant vor den Soldaten hält, von wegen sie würden Zivilisation in die Wüste bringen.
Bemerkenswert ist auch, dass der Kommandant zu Beginn der Erzählung von einem Tier gebissen wird. Die Wunde entzündet sich und beginnt zu stinken. Nachdem er das Mädchen vergewaltigt hat, behauptet er, sie stinke und er könne ihren Geruch nicht ertragen – obwohl er es doch ist, von dem der Geruch ausgeht. Das kommt mir wie eine Metapher für Victim Blaming vor, also dass den Opfern die Schuld gegeben wird und die Scham statt den Täter das Opfer trifft.

Der zweite Teil ist ebenfalls recht nüchtern erzählt. Die Ich-Erzählerin scheint bemüht, jede Empörung, Wut oder Trauer aus ihrem Bericht herauszuhalten. Sie äußert sogar die einigermaßen bizarr anmutende Worte: „Ich hoffe übrigens, dass ich niemanden in Verlegenheit gebracht habe, [...] wenn ich ausspreche, dass wir hier unter Besatzung leben.“ Als wüsste sie, dass ihre Geschichte nicht erwünscht ist (insbesondere im Westen). Sie hat sich scheinbar mit der Situation abgefunden und stört sich mehr an dem Staub, den eine Explosion an ihrem Arbeitsplatz verursacht, als daran, dass das Militär schon wieder Leute getötet hat. Nur ihre Angstzustände und Nervosität verraten, dass die Situation alles andere als in Ordnung ist.
Und doch ist sie besessen davon, die Geschichte des Mädchens herauszufinden, weil sie aufgrund des Datums 25 Jahre vor ihrer Geburt eine Verbindung spürt. Möglicherweise ist sie autistisch, worauf es einige Hinweise gibt.
Bei ihrer Suche stößt sie auf jede Menge kafkaesk anmutender Hindernisse. So darf sie als Bewohnerin der „Zone A“ gar nicht in die anderen Zonen reisen und muss dafür den Ausweis einer Kollegin aus „Zone C“ leihen. Auf dem Weg muss sie einige Checkpoints passieren. Sie sieht, dass viele Dörfer verschwunden sind, wie sie auch aus dem Abgleich einer israelischen und einer palästinensischen Landkarte erkennt. Stattdessen gibt es Mauern und Gefängnisse.
Zugleich schafft es die Autorin, auf nationalistische Narrative zu verzichten und die Israelis, denen die Prota begegnet, nicht als böse darzustellen. Sie werden als freundlich und hilfsbereit gezeigt, scheinen aber erstaunlich ahnungslos über die Lebensrealität der Palästinenser. So sagt ein Journalist, er wüsste nicht, was dagegen spräche, dass die Prota als Palästinenserin die Museen und Archive aufsuche. Daraufhin denkt sie, sie wüsste auch nicht, was dagegen spräche – außer ihrem Ausweis. Deutlich wird, wie sehr die beiden Gruppen in unterschiedlichen Welten leben. Der freundliche Archivar erzählt dann auch nur eine wohlwollende Version der Geschichte und weiß nichts von der Vergewaltigung. In den Archiven und Museen ist nichts darüber zu finden, diese Geschichte wird nicht erzählt.
Stattdessen scheint sich die Geschichte in der Protagonistin selbst auf unheimliche Weise zu replizieren. So wird sie beim Tanken mit Benzin bekleckert, dessen Geruch an ihr haften bleibt – genauso, wie die Soldaten das Mädchen zwangsweise mit Benzin gewaschen haben. Die Prota wird von einem Hund verfolgt, genau wie damals ein Hund dem Mädchen gefolgt ist. Und schließlich ergeht es ihr wie dem Mädchen – sie wird von einer Militärpatrouille erschossen. Damit endet dieser Versuch, die Geschichte der Ermordeten zu rekonstruieren, konsequenterweise mit der Ermordung derjenigen, die sie rekonstruieren will. Denn die Ursachen der Gewalt sind weiterhin vorhanden.
Dazu passt auf geradezu bizarre Weise, wie die Preisverleihung für Shibli auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.
Damit bleibt anscheinend das Fazit, dass Geschichte von den Siegern geschrieben wird. Zumindest offiziell. Es gibt nämlich eine alte Frau, die der Prota über den Weg läuft und die in der Wüste lebt. Diese alte Frau müsste wohl die Ereignisse mitbekommen haben, fällt der Prota ein, doch sie traut sich nicht, die Alte danach zu fragen. So bleibt der Hinweis, dass es Leute gibt, die sich erinnern – man müsste sie nur fragen.


Cover des Buches Eine Nebensache (ISBN: 9783949203213)
Leserstimmes avatar

Rezension zu "Eine Nebensache" von Adania Shibli

Leserstimme
Passend zur Zeit, aber sehr beklemmend

Zu unrecht wurden der Autorin Vorwürfe gemacht, antiisraelische Narrative zu bedienen. Ich finde, sie bleibt in ihrer Erzählung sachlich und sehr knapp, was den Text erzählerisch sehr stark macht. 1949 wird ein beduinisches Mädchen in der Wüste Negev von israelischen Soldaten entführt, vergewaltigt und ermordet. All dies wird eher im Hintergrund dargestellt und man sieht dies aus der Sicht eines Offiziers, der mit einem giftigen Spinnenbiss zu kämpfen hat. In diesem Abschnitt bellt ständig ein Hund, was auch im zweiten Teil der Geschichte wiederholt wird und damit die Verbindung beider Teile bestärkt. Ich kann der Autorin keinen Vorwurf machen, dass sie antiisraelisch schreibt, stimmt nicht. Im Krieg -  egal welcher - sind die Schwachen immer im Nachteil. 

25 Jahre später macht sich eine junge Palästinenserin auf den Weg und will dieses Ereignis genauer erforschen. Dass dies nicht einfach werden wird, auch um 1974, war ihr von vornherein klar und immer wieder stößt man im 2. Teil auf Ängste der jungen Frau, die sie aus ihrer Sicht erzählt. Als Palästinenserin darf sie sich innerhalb des Landes nur in bestimmten Gebieten frei bewegen und muss mit Kontrollen rechnen. Daher fährt sie mit geliehenem Ausweis und Mietauto mit gelbem Nummernschild los und versucht die Wahrheit  in Museen und Archiven zu finden -  und scheitert.  

Ein sehr aktueller und eindrucksvoller, kleiner aber feiner Roman, der die Missstände zweier Bevölkerungsschichten erzählt und auf den Punkt bringt. Wie Eva Manessse sagt: Dieses Buch ist ein Diamant! 

Zutiefst verstörend und nachdenklich.

Über Israel gibt es weitere sehr gute Bücher, die bei Interesse einfach auch gelesen werden können:

"Jaffa Road" von Daniel Speck

"Who the fuck is Kafka" von Lizzie Doron

"Wir spielen Alltag" von Lizzie Doron

ALLE HABEN MICH AUSNAHMSLOS BEGEISTERT.



 

Cover des Buches Eine Nebensache (ISBN: 9783293710177)
Aischas avatar

Rezension zu "Eine Nebensache" von Adania Shibli

Aischa
Die stille Wucht der Erinnerung

Mit "Eine Nebensache" legt Adania Shibli einen ebenso verstörenden wie literarisch herausragenden Roman vor. Es ist das erste Werk der palästinensischen Autorin, das ins Deutsche übersetzt wurde – und es macht eindrucksvoll deutlich, warum sie zu den wichtigsten Stimmen der arabischen Gegenwartsliteratur zählt.

Adania Shibli, geboren 1974 in Palästina, hat in London promoviert und lebt heute zwischen Berlin und Ramallah. Ihre Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, ihre Prosa ist sprachlich präzise, politisch herausfordernd und formal ungewöhnlich. "Eine Nebensache" greift ein reales historisches Ereignis auf – die Vergewaltigung und Ermordung einer Beduinin durch israelische Soldaten im Jahr 1949 – und entwickelt daraus einen formal strengen, tief bewegenden Text über Gewalt, Erinnerung und den Alltag unter einer Besatzungsmacht.

Der Roman ist zweigeteilt: Der erste Teil schildert das Verbrechen aus der Perspektive eines israelischen Kommandanten, in einer kühlen, distanzierten Erzählweise. Die scheinbare Nüchternheit der Sprache, die sich auf militärische Routinen, Beobachtungen und Abläufe konzentriert, lässt das Grauen nur umso deutlicher hervortreten – gerade, weil es sprachlich kaum benannt wird. Die Gewalt bleibt eine Art "blinder Fleck", der aber ständig spürbar ist. In der Reduktion liegt eine große literarische Kraft: Die sprachliche Enthaltsamkeit erzeugt eine unbestimmte Atmosphäre der Beklemmung.

Der zweite Teil folgt  einer palästinensischen Frau, die im Jahr 1974 geboren wurde, exakt 25 Jahre nach dem beschriebenen Verbrechen. In nicht genauer definierter Zeit entdeckt die Erzählerin, eine stille, zurückgezogene Frau, durch Zufall einen Zeitungsbericht über den Vorfall und beginnt eine obsessive Recherche. Ihr Weg führt sie durch ein zersplittertes Land voller Checkpoints, Bürokratie und ständiger Überwachung. Die Sprache wird in diesem Teil subjektiver, tastender, fragmentierter – sie reflektiert die Unsicherheit und Sprachlosigkeit einer Frau, die versucht, sich gegen ein System der Auslöschung zu behaupten. Ihre Suche ist nicht nur geografisch, sondern auch existenziell: Wer war dieses namenlose Mädchen? Was bedeutet es, sich zu erinnern – gegen das Vergessen, gegen die Struktur der Macht?

Die Erzählperspektive verschiebt sich damit von außen (im ersten Teil) nach innen (im zweiten). Es entsteht ein Spannungsfeld zwischen dokumentarischer Distanz und persönlicher Betroffenheit, das den Roman zu einer eindrucksvollen literarischen Reflexion über Gewalt, koloniale Macht und die Möglichkeiten des Erzählens macht.

Im Zuge der geplanten Verleihung des LiBeraturpreises 2023 wurde der Roman Ziel heftiger Kritik. Shibli wurde unter anderem vorgeworfen, antisemitische Stereotype zu reproduzieren. Ich persönlich teile diese Einschätzung nicht. Eine Nebensache arbeitet nicht mit Klischees, sondern mit literarischer Verdichtung, mit Andeutung, mit Leerstellen. Die Gewalt, von der hier erzählt wird, ist spezifisch – aber zugleich Ausdruck struktureller Machtverhältnisse. Shibli zeigt nicht "die Täter" oder "die Opfer", sondern stellt die Frage, wie Geschichte erzählt – oder zum Schweigen gebracht – wird.

Dass sie sich dabei radikaler sprachlicher Mittel bedient, ist kein Mangel, sondern eine Stärke dieses außergewöhnlichen Romans.

Eine Nebensache ist ein literarisch wie politisch bedeutendes Werk. Es fordert heraus – nicht durch Parolen, sondern durch seine leise, präzise und konsequente Sprache. Und es erinnert daran, dass das, was wir "Nebensache" nennen, oft das ist, worum es eigentlich geht.

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