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Rezension zu "Das Mädchen auf dem Eisfeld" von Adelaïde Bon

erschütternd, bewegend, lesenswert
dr_y_schauchvor 7 Tagen

Als die Protagonistin neun Jahre alt ist, wird sie von einem fremden Mann im Treppenhaus ihres Elternhauses missbraucht. Sie vertraut sich ihren Eltern an, sie erstatten Anzeige, ihr Leben geht weiter. Scheinbar unbeschwert. Jahrelang. Sie geht jahrelang zur Therapie, das schon, doch gleichzeitig ist die extrovertiert, studiert Schauspiel, ist der Mittelpunkt jeder Gesellschaft, lacht, quasselt, tanzt, flirtet. Das traumatische Erlebnis hat keine nennenswerten Spuren hinterlassen. Scheinbar. Denn in ihrem Inneren sitzen Quallen, die mit ihren Tentakeln nach ihr greifen, sie umfangen, festhalten, ihr den Atem rauben. Und da ist dieser Ort, auch in ihrem Inneren. Dort steht sie, „klein und verloren und frierend, in einer immensen weißen Wüste, wartet. Diesen Ort nennt sie ‚mein Mädchen auf dem Eisfeld‘, ahnt aber nicht, dass das Mädchen noch lange dort ausharren muss“.

Erst über zwanzig Jahre später wird der Täter gefasst und vor Gericht gestellt. Sie erkennt, dass sie bei weitem nicht die Erste und erst recht nicht die Einzige ist, die ihm zum Opfer fiel. Sie erkennt nach und nach - die Erinnerung will sich erst viele, viele Jahre später einstellen, langsam, bruchstückhaft, ein Mosaik der Angst -, dass der vermeintliche Missbrauch eine Vergewaltigung war. Sie erkennt, dass sie nicht alleine ist. Und sie erkennt, dass Heilung möglich ist. Allen Umständen zum Trotz.

Adélaïde Bon schildert das, was sie selbst als Kind erlebt hat, mit einer Kraft, die mir schier den Atem raubt. Die Abspaltung, die Dissoziation, die ein solches Trauma nach sich zieht, drücken sich unmissverständlich und unmittelbar in der wechselnden Erzählperspektive aus. Da ist zunächst von der namenlosen „sie“ die Rede, dann tritt, ganz zaghaft und vereinzelt, „Adélaïde“ namentlich in den Vordergrund, und schlief, anfänglich vereinzelt, dann immer häufiger, „ich“. Die Sprache ist klar und sachlich, zugleich berührend und poetisch.

Man muss dieses Buch mit einer Warnung versehen: Es sickert einem ins Bewusstsein. Setzt sich dort fest. Hinterlässt Spuren. Denn Adélaïde Bon lenkt ihren Blick von ihrer persönlichen Geschichte nach außen:

„[...] in den meisten Fällen gibt es bei sexuellem Missbrauch weder menschenfressende Ungeheuer noch Zauberfeen. Die meisten pädokriminellen Straftäter sind ganz reizende Menschen. Verwandte, gute Freunde, Nachbarn, Lehrer, unsere Idole, unsere Elite. Sie sind überzeugend in ihrer Rolle als aufrichtige Männer, ideale Mütter, hart arbeitende Fachleute. In Frankreich, wo etwa jedes fünfte Kind sexuelle Gewalt erlebt, wird nur wenigen von ihnen zugehört und noch seltener werden die Täter vor Gericht gestellt. Seit Jahrhunderten sind Vergewaltigungskultur, männliche Vorherrschaft und Kindesmisshandlung Teil unserer Gesellschaft. Wie viele geschlagene Kinder, wie viele von Angehörigen sexuell missbrauchte Kinder gibt es wohl unter unseren Vorfahren? Wie viele Mädchen wurden zwangsverheiratet, wie viele Frauen Abend für Abend unter dem Deckmantel der ehelichen Pflicht vergewaltigt? Wie viele Ehemänner, wie viele Väter haben sich das Recht herausgenommen, Handgreiflichkeiten als Mittel zum Stressabbau einzusetzen? Die ganze Menschheit ist ein Kind der Vergewaltigung, ein auf dem Eisfeld frierendes, wartendes Kind.“ (S. 146f.)

"Das Mädchen auf dem Eisfeld" ist ein intensives, erschütterndes, wichtiges, bemerkenswertes Buch. Unbedingt lesenswert.

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Rezension zu "Das Mädchen auf dem Eisfeld" von Adelaïde Bon

Ein hartes, aber wichtiges Buch!
Nina287vor einem Monat

In diesem autobiografischen Roman verfolgen wir Adélaide selbst, ab ihrem 9. Lebensjahr bis ins Erwachsenenalter. Mit 9 Jahren wird sie im Treppenhaus von einem fremden Mann sexuell missbraucht und kämpft ab diesem Zeitpunkt jeden Tag mit den Folgen. Wir begleiten sie bei ihren Kämpfen gegen sich selbst und die Traumafolgestörun-gen bis hin zum Prozess gegen den Täter.
Vorneweg muss ich eine Triggerwarunung aussprechen. Das Buch nimmt keinen Blatt vor den Mund und schildert sehr drastisch sexuellen Missbrauch / sexuelle Gewalt und deren Folgen.
Mich konnte das Buch komplett mitreißen. Ich habe sehr mit Adélaide mitfühlen können, sowohl ihre Schmerzen, als auch ihre Verwirrung über Symptome bis hin zu ihrer bodenlosen Verzweifelung. Dieses Mitgefühl löst die Autorin insbesondere mit dem besonderen Schreibstil des Buches aus. Wir verfolgen Adélaide in drei Perspektiven (sie-Perspektive: alles was mit der Tat und ihren Folgen zu tun hat; ich-Perspektive: die Verbindung zur Gegenwart und allwissende Ergänzungen; du-Perspektive: direkte Ansprache an den Täter), die gleichzeitig auch ihr Gefühlsleben sehr gut widerspiegeln. In der sie-Perspektive ist eine gewisse Distanzierung zum Geschehen sehr spürbar und erhöht damit aber noch die Grausamkeit des Geschehens. Die ich-Perspektive ist an einigen Stellen fast schon eine Erleichterung, ein Aufatmen, dass Adélaide dieses Grauen offensichtlich überstanden hat. Mit der direkten Täteransprache trifft die Autorin den Leser wieder sehr tief in seiner Gefühlswelt - es steigert die Empathie für Adélaide noch mehr.
Auch die Darstellung des Prozesses mit allen Unsicherheiten und dem großen Wunsch nach sozialer Unterstützung waren für mich sehr gut dargestellt. Einziger Kritikpunkt für mich sind die 15seitigen Tatdarstellungen der anderen Opfer während des Prozesses. Sexueller Missbrauch / sexuelle Gewalt sind absolut grausam! Die Grausamkeit wurde für mich durch die vielseitigen ausführlichen Schilderungen nicht verstärkt, es war mir eher nach einigen Seiten zu viel.
Insgesamt aber ein sehr lesenswertes und aufwühlendes Buch, was gleichzeitig ermutigt vor sexuellem Missbrauch nicht die Augen zu verschließen und zu handeln!

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Rezension zu "Das Mädchen auf dem Eisfeld" von Adelaïde Bon

Sehr emotional & eindrucksvoll, konnte mich tief bewegen!
Lia48vor einem Monat

“(...) diese Mädchen haben Beton, Blei über das Erlebte gegossen, aber darunter modert es weiter, eine solche Tat zerstört ganze Leben.“ (S.225)

INHALT:
Adélaïde ist 9 Jahre alt, als sie im Treppenhaus von einem unbekannten Mann sexuell missbraucht wird.
Sie steht neben sich, schafft es aber mit den Eltern zur Polizei zu gehen und Anzeige zu erstatten.
Eigentlich, ist ihr doch nicht viel passiert, sagt sie sich anschließend. Sie ist gesund, hübsch und intelligent, lebt in einem der besseren Viertel in Paris, ihre Eltern sind erfolgreich und liebevoll. Sie müsste doch glücklich sein!
Doch da ist diese Leere in Adélaïde, die diese mit Essen zu betäuben versucht. Sie beginnt ihren Körper zu verachten, dissoziiert, bekommt Panikanfälle und Flashbacks, schämt sich und versucht sich all die Jahre nichts anmerken zu lassen.
Mit der beruflichen Schauspielerei will es nicht so recht klappen und auch ihre Beziehungen verlaufen im Sand.
Ein steiniger Weg steht ihr bevor, doch sie beschließt zu kämpfen, für sich und für all die anderen Opfer da draußen...

MEINUNG:
Bücher, in denen Autoren ihre eigene Lebensgeschichte erzählen, und dann noch eine so tragische, wie die von Adélaïde, sind nicht immer einfach zu bewerten.
Doch dieses Buch hat mich schon nach 1-2 Seiten komplett gefangen genommen! Ich war so ergriffen von den Zeilen und hatte großes Mitgefühl mit der Protagonistin, die einen solchen Schicksalsschlag mit dessen weitreichenden Folgen erleben musste.
Die Autorin schaffte es, mich mit wenigen Worten in ihren Bann zu ziehen. Den Schreibstil fand ich ganz wunderbar, anfangs war dieser wenig detailreich (was hier gut passte, da das Opfer vieles verdrängt hat und unter Schock steht). Ich habe einige wundervolle Zitate für mich entdeckt (z.B.: “Sie lacht viel, vielleicht mehr als früher, denn ihr ist so schwer ums Herz, dass sie sich mit aller Macht auf die Freude stürzt, wenn sie am Horizont erscheint.“ (S.18)).
Zum Teil liegt in den Zeilen so viel geballtes Gefühl, und im nächsten Moment wird der Leser mit den rauen Tatsachen konfrontiert. Dabei nimmt die Autorin kein Blatt vor den Mund, so dass auch viele explizite Beschreibungen (z.B. zum Tathergang) vorhanden sind (Achtung, Triggerwarnung!).
Aufgrund der Schwere der Thematik, ist dieses Buch sicherlich alles andere als leichte Kost. Ja, es schmerzt regelrecht, das schwere Schicksal der Autorin zu verfolgen, so dass man als Leser eventuell manchmal Pausen einlegen muss.
Doch schon lange konnte mich kein Buch mehr so tief bewegen, wie die Geschichte von Adélaïde. Das Buch macht deutlich, wie schwer es für Opfer sexueller Gewalt sein kann, ein "normales" Leben zu führen. Der ganze Leidensweg und wie ein solcher Schicksalsschlag das Leben eines Menschen vollkommen auf den Kopf stellen kann, kommt hier sehr gut zum Ausdruck.
Ein Buch, welches sich zu lesen lohnt!

FAZIT: Sicherlich keine leichte Kost. Doch für alle, die sich in der Lage sehen, sich auf die Schwere des Themas (sexueller Missbrauch & dessen Folgen) einzulassen, möchte ich eine klare Leseempfehlung aussprechen! Ein äußerst emotionales & eindrucksvolles Buch, das meiner Meinung nach mehr Aufmerksamkeit verdient hat! Ganze 5/5 Sterne!

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