Heimkehr nach Fukushima

von Adolf Muschg 
3,2 Sterne bei6 Bewertungen
Heimkehr nach Fukushima
Bestellen bei:

Neue Kurzmeinungen

E

Endzeitstimmung mit Zen-Charakter und die späte Liebe eines gealterten Schriftstellers

Dajobamas avatar

Ein anspruchsvoller Roman über die Nachwirkungen der Katastrophe von Fukushima mit ganz neuen Gedankenansätzen. Lesenswert!

Alle 6 Bewertungen lesen

Auf der Suche nach deinem neuen Lieblingsbuch? Melde dich bei LovelyBooks an, entdecke neuen Lesestoff und aufregende Buchaktionen.

Inhaltsangabe zu "Heimkehr nach Fukushima"

Der Architekt Paul Neuhaus, frisch verlassen, erhält eine Einladung von seinen alten Freunden Ken-Ichi und Mitsuko. Der Bürgermeister eines Dorfes nahe beim Unglücksmeiler von Fukushima, Mitsukos Onkel, bittet Neuhaus, ihn zu besuchen. Die Gegend ist verstrahlt, die Dörfer sind verlassen, die kontaminierte Erde ist abgetragen. Die Regierung wünscht die Rückbesiedlung, aber die Menschen haben Angst. Der Bürgermeister will Neuhaus für eine Künstlerkolonie gewinnen – in der verstrahlten Zone –, um neue Hoffnung zu wecken. Neuhaus reist mit Mitsuko an und sie geraten in eine unentrinnbar intensive Nähe zueinander. Ist in der schönen, verseuchten Landschaft Fukushimas eine Zukunft möglich wie auch in der Liebe zwischen Paul und Mitsuko?
Sie beide begleitet die Lektüre Adalbert Stifters. So wie dort die geheimnisvolle Kette von Ursache und Wirkung die Bereiche des Lebens gleichermaßen verknüpft, so stellt die unheilvolle Kettenreaktion im Atommeiler in Fukushima nicht nur die Japaner vor die Frage, was diese Katastrophe über uns alle sagt. Sind wir im Zentrum der Gefahr nicht näher an unserer Wahrheit und an der unserer Gegenwart?

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783406727023
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:244 Seiten
Verlag:C.H.Beck
Erscheinungsdatum:20.09.2018

Rezensionen und Bewertungen

Neu
3,2 Sterne
Filtern:
  • 5 Sterne0
  • 4 Sterne3
  • 3 Sterne1
  • 2 Sterne2
  • 1 Stern0
  • Sortieren:
    E
    evaczykvor 25 Tagen
    Kurzmeinung: Endzeitstimmung mit Zen-Charakter und die späte Liebe eines gealterten Schriftstellers
    Späte Liebe in der Todeszone

    Er ist nicht mehr der Jüngste, der Architekt und Schriftsteller Paul Neuhaus. Hat es sich gut eingerichtet in seiner Pendel-Beziehung mit der Wissenschaftlerin Susanne, gutem Essen und Literatur – Adalbert Stifter und das Thema “Nachkommenschaften” hat es dem Mann, der als reicher Jüngling grau geworden ist, besonders angetan.


    Unverhofft kommt in seine Idylle eine Einladung in die atomar verstrahlte Zone Fukushima: Der Manga-Künstler Ken, den Paul und Susanne vor Jahren bei einem Japan-Besuch kennengelernt haben, lädt das Paar ein. Der Onkel seiner Frau Mitsu, so schreibt er, wolle sein Heimatdorf in der “Zone” wieder besiedeln. Die Menschen seien da noch skeptisch, gerade Familien mit Kindern. Eine von Paul zu gründende Künstlerkolonie, nach dem Vorbild von Worpswede, soll Abhilfe schaffen, Touristen anlocken und vor allem die langersehnte Normalität zurück bringen. Schließlich melden sich Künstler eher nicht zum Selbstmordkommando, ihre Anwesenheit soll symbolisieren: Es lebt sich wieder sicher zumindest in Teilen der Zone von Fukushima.


    Paul reist alleine, und auch Ken lässt sich entschuldigen. Statt zweier Paare sind es Paul und Mitsu als seine Dolmetscherin, die in die Zone aufbrechen. Gemeinsames Sinnieren über Literatur, über Ästhetik und die Lebensspuren in der verstrahlen Region bringen das ungleiche Paar einander Nähe. Ausgerechnet in der Todeszone, mit dem Takt des Geigerzählers, entwickelt sich eine späte Liebe zwischen dem alten Schriftsteller und der sehr viel jüngeren Japanerin, die sich erst sehr viel später als eine planvoll strategierende Frau erweist.


    Detailreich ist dieser Roman, da wird Bento-Häppchen und japanischer Einrichtung mehr Platz eingeräumt, als manchmal zur Handlungsentwicklung nötig ist. Nicht “lost in translation”, sondern einander und der Kultur des anderen zugewandt, kommen sich Paul und Mitsu näher. Es ist eine Liebe im Augenblick, wie auch jeder Moment in der Zone zwischen festgefrorener Zeit und gleichsam permanent unsichtbarer Todesgefahr zu verlaufen scheint.


    Die Schilderungen der verstrahlten Region zwischen scheinbarer Normalität, landschaftlicher Schönheit und den die Idylle zerstörenden Veränderungen sind eindrucksvoll. Auch die kulturellen Unterschiede zum Umgang mit der Kathastrophe werden herausgearbeitet. Selbst Endzeitstimmung hat hier Zen-Charakter.


    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Dajobamas avatar
    Dajobamavor einem Monat
    Kurzmeinung: Ein anspruchsvoller Roman über die Nachwirkungen der Katastrophe von Fukushima mit ganz neuen Gedankenansätzen. Lesenswert!
    Über die Nachwirkungen der Katastrophe von Fukushima

    Adolf Muschg – Heimkehr nach Fukushima

     

    Japan scheint mit einem Fluch belegt zu sein, was atomare Katastrophen betrifft. Nach Hiroshima und Nagasaki, erlebt 2011 auch Fukushima seinen Super-Gau. Genau hier setzt Adolf Muschg mit seinem Roman an, allerdings weniger bei der Katastrophe selbst, sondern vielmehr bei den Folgen, die die Bevölkerung zu tragen hat, lange nachdem die Weltöffentlichkeit schon wieder wegsieht.

     

    Der Bürgermeister eines japanischen Dorfes, nahe des Unglücksmeilers von Fukushima gelegen und damit in der Sperrzone, möchte den Ort wieder mit Leben füllen. Die ehemaligen Bewohner sollen zurückkehren, obwohl die Böden verseucht sind. Er lädt den Architekten Paul Neuhaus ein, dieser soll als Botschafter und Pionier fungieren. Gleichzeitig bahnt sich eine Liebelei mit der Nichte des Bürgermeisters an. Paul kommt als Besucher, als Außenstehender und nimmt als solcher den Leser an die Hand. Er informiert sich, er interviewt Menschen.

     

    Dieser, sowohl sprachlich als auch inhaltlich anspruchsvolle Roman hat es auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis geschafft. Tatsächlich fand ich ihn nicht leicht zu lesen, was zum Teil an der nicht gekennzeichneten wörtlichen Rede liegt. Auch setzt der Autor einiges an vertiefter Allgemeinbildung voraus. Etliche Abschweifungen in unterschiedliche kulturelle Bereiche machen die Lektüre nicht einfacher. 

    Das ganze Buch durchziehen immer wieder Bezüge, auch Zitate, zu Adalbert Stifter. Damit könnte ich persönlich eher weniger anfangen. Ich habe auch den Zusammenhang nicht ganz nachvollziehen können. Vielmehr empfand ich diese Zitatstellen als den Lesefluss störend, irgendwann hab ich sie dann einfach überlesen.

     

    "Erinnern und Vergessen gehören zusammen." Seite 80

     

    Die Katastrophe von Fukushima ist allgegenwärtig, meist jedoch aus einem ganz speziellen japanischen Blickwinkel. Ich war eigentlich positiv überrascht,  wie detailliert auf die Katastrophe und ihre Folgen eingegangen wird. Der Autor schafft ein umfassendes und einfühlsames Bild der ehemaligen Bewohner der Sperrzone, wobei auch die japanische Kultur und Mentalität nicht zu kurz kommt. 

     

    Letztendlich geht es um die Gegenüberstellung und Abwägung von Sehnsucht nach der Heimat, dem Wunsch in das verstrahlte Gebiet zurückzukehren, und auf der anderen Seite die Gefahren für die Gesundheit.

     

    Den Protagonisten Paul muss man nicht verstehen oder gar mögen. Er ist nur sehr holzschnittartig dargestellt, um ihn geht es nicht. Er ist nur der Mittler, der dem Leser Zugang zur Bevölkerung dieses kleinen japanischen Ortes macht. So mein Empfinden. Auch die Liebesgeschichte passiert ihm eher und wirkt teilweise etwas skurril. Das mag an den Beschreibungen liegen.

     

    Dieser Roman hat ein spezielles Thema und er ist insgesamt besonders. Sicherlich wird er mir länger im Gedächtnis bleiben. Die Nominierung auf der Longlist halte ich für gerechtfertigt. Auf jeden Fall ein interessantes Buch, mit ganz neuen Gedankenansätzen.

     

     




    Kommentieren0
    10
    Teilen
    lesefreude_books avatar
    lesefreude_bookvor 2 Monaten
    Heimkehr nach Fukushima

    Mit „Heimkehr nach Fukushima“ hat es Adolf Muschg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2018 geschafft. Auch wenn ich an dem Buch nicht alles gut heiße, eine Nominierung, die ich unterstütze.

    Eine Rückkehr oder Heimkehr nach Fukushima klingt im ersten Moment verrückt und auch im zweiten bleibt es dies. Doch fängt man zu recherchieren an, merkt man sehr schnell, dass Adolf Muschg seinen Roman sehr nahe an der Realität platziert hat.

    „Heimkehr nach Fukushima“ ist in einer sehr melodischen, aber auch eher schwierigen Sprache geschrieben. Verzweigte Sätze fordern die Aufmerksamkeit des Lesers. Zusätzlich werden immer wieder Fremdwörter verwendet, die ich teilweise nachschlagen musste. Das lege nicht negativ aus. Ich persönlich mag es gerne auf diese Art und Weise meinen Wortschatz zu erweitern. Es sollte nicht ausarten, dass man vor lauter Nachschlagen nicht mit der Geschichte vorankommt und das tut es in „Heimkehr nach Fukushima“ auch nicht.

    Eine weitere Herausforderung waren die absolut ungewohnten japanischen Namen der Menschen und Orte. Ich musste mich konzentrieren nichts durcheinander zu bringen.

    Mir gefällt es wahnsinnig gut, wie Alfred Muschg die japanische Kultur beziehungsweise viel mehr die japanischen Denkgewohnheiten und Verhaltensweisen wiedergibt. 

    Der österreichische Schriftsteller Adalbert Stifter zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Paul Neuhaus erkennt seine eigene Geschichte in die „Nachkommenschaften“ von Stifter aus dem Jahre 1864 wieder. Der Leser bekommt ganz Absätze aus „Nachkommenschaften“ präsentiert. Diese rissen mich aus dem Leserhythmus, da ich mich plötzlich in einer ganz anderen Zeit und Geschichte befand.

    Als leidenschaftlicher Leser von Liebesromanen sind mir Sexszenen natürlich nicht fremd. Und auch in „Heimkehr von Fukushima“ spielen zwischenmenschliche Beziehungen und Sex eine Rolle. Die Sexszenen beschränken sich auf ein Minimum und werden nicht ausführlich beschrieben. Details darf sich der Leser selbst in seiner Gedankenwelt ausmalen.

    Und dennoch waren diese wenigen Beschreibungen irritierend und seltsam komisch beschrieben. Ich weiß nicht ob mich die gehobenen, leicht schwülstigen Beschreibungen ansprechen oder ich doch lieber eine direktere Ausdrucksweise bevorzuge. Vermutlich würde es reichen, dem Leser eine Idee zu geben und die beteiligten Protagonisten beim eigentlichen Akt alleine zu lassen. Denn die Szenen sind jeweils auf wenige Sätze reduziert und hätten vermutlich gänzlich ausgespart werden können.

    C.H.Beck hat mir eine Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt. Vielen Dank.


    Kommentieren0
    0
    Teilen
    Buchraettins avatar
    Buchraettinvor 2 Monaten
    Braucht vollste Aufmerksamkeit des Lesers

    Manchmal gibt es Bücher, da habe ich beim Lesen das Gefühl, als türme sich zu Beginn der Geschichte eine Art Berg vor mir auf. Ein Berg aus Wörtern, Sätzen, aber die Idee eine Geschichte über Japan, den Atomzwischenfall, das klang interessant und war auch der Grund, warum ich die Geschichte lesen wollte.
    Das Lesen des Buches dauerte länger, ich benötigte immer wieder Pausen, aber ich man spürt schnell, dass es vielleicht doch besser ist, schon einige Seiten am Stück zu lesen, denn es braucht volle Aufmerksamkeit des Lesers, aber es fesselt dann auch durchaus.
    Die eigentliche Geschichte, dass der Erzähler nach Japan reisen will, wird immer wieder unterbrochen von Erinnerungen und Rückblenden, die im Text auftauchen. Es gab durchaus Textstellen, die musste ich auch zweimal lesen. Das machte das Lesen des Buches durchaus etwas anstrengend und ich fand den Text sehr komplex.
    Ich denke aber, manchmal zwingen diese Bücher den Leser auch dazu, einfach mehr am Stück zu lesen, das Buch nicht gleich bei Seite zu legen und auch die Erkenntnis zu erlangen, dass es durchaus auch fesselt.
    Ich merkte so im Flugzeug nach Japan, dass ich das Gefühl bekam, als würde ich neben ihm sitzen. Ab hier gefiel mir die Geschichte auch immer besser. Gut gefallen haben mir die Kleinigkeiten, wie der Umgang von Japanern untereinander, kulturelle Eigenheiten, die auch immer wieder angesprochen werden.
    Aber auch die Gespräche zwischen Mitsuo und Neuhaus, über Liebe, das hat mir gut gefallen, blieb aber kühl und distanziert bei diesem emotionalen Thema, wie ich finde, passend zum Text.
    Auch Gedanken zu Fukushima, die der Autor durch einen Mann vor Ort schildern lässt in einem Gespräch mit dem Architekten Neuhaus empfand ich als gelungen. Eine Textstelle ließ mich innehalten. Als Paul seinen Freund fragte wie es sich anfühle, diese Hilflosigkeit gegen die Atomenergie (S. 58). Das Buch greift immer wieder das Thema Atomkraft auf.
    Gut gefallen hat mir übrigens auch das Inhaltsverzeichnis zu Beginn des Buches und die Einteilung in Kapitel. Vielleicht finden das andere Leser auch interessant, das Cover des Buches, stellt, wie man innen lesen kann, ein Abbild des Kühlturms des Kernkraftwerks Leibstadt da.
    Gestutzt habe ich beim Lesen, da immer wieder daß mit ß geschrieben wurde, das gefiel mir überhaupt nicht und auch, dass die wörtliche Rede nicht gekennzeichnet ist, sondern in den Text einfließt, störte meinen Lesefluss.

    Die Sprache im Buch, der Text, verlangt volle Aufmerksamkeit vom Leser.
    Für mich war es ein wenig auf und ab beim Lesen. Ich fand es sehr schwer zu lesen, dennoch hat mich die Geschichte immer wieder fesseln können und auch neugierig gemacht, auf die japanische Kultur, ihre Menschen und auch nachdenklich in Bezug auf Nutzung der Atomenergie.

    Kommentare: 1
    23
    Teilen
    awogflis avatar
    awogflivor 3 Monaten
    Toxischer Japanroman

    Ohje, dieser Roman des Schweizer Schriftstellers Adolf Muschg war für mich bedauerlicherweise ein sehr sprödes auf Gewalt getrimmtes intellektualisiertes mühsames Werk, in dem seichte Querverweise und Zitierungen quasi mit der Mistgabel hineingeschaufelt wurden. Selbstverständlich habe ich als Leserin die Reminiszenzen an Adalbert Stifters Œuvre auf Grund des Klappentexthinweises erwartet, da ja beide Protagonisten den Linzer Autor, die Pflichtschullektüre-Nemesis meiner Kindheit, verehren. Auch habe ich mir erhofft, endlich einen moderneren erwachseneren Zugang zu Stifter zu erhalten, gleichwohl blieb mir das verwehrt, denn die sehr inflationär in vielen Szenen zitierten Stifter-Passagen passen leider nur marginal zum Geschehen des Romans und dekonstruieren die ohnehin schon sehr zerfledderte Handlung noch zusätzlich.

    Aber nicht nur bei Stifter wird sich voller intellektueller Eitelkeit bedient, um sich als braver Bildungsbürger darzustellen. Gleich einem Rundumschlag werden in einem recht präpotenten Zitate-Ratespiel sehr viele vage Anspielungen auf andere Werke bemüht, ohne in die Tiefe zu gehen: z.B. Tezukas Graphic Novel Adolf, sehr viele unterschiedliche Werke von Adalbert Stifter, Hiroshima Mon Amour, Hieronymus Bosch, einige wichtige Architekten … . Hätten solche Anspielungen wirklich punktgenau in die Handlung gepasst und wären sie inhaltlich etwas intensiver und tiefer in den Plot eingewoben worden, hätte es mir sogar sehr gut gefallen, aber fast immer war ich ob der Seichtheit der angewendeten Querverweise nur verführt auszurufen: „Jaja wir wissen es schon! Diesen Film hast Du auch gesehen, diesen Roman hast Du auch gelesen, diese Graphic Novel steht auch in Deinem Bücherregal herum und dieses Gebäude und Bild kennst Du.“ Selbst die Sexszenen waren keine uniquen Ideen, sondern eine Reminiszenz an Murakami. Da ich mich ja selbst in so einer Community bewege und um solche Auswüchse in Privatunterhaltungen zu verhindern, wurde bei mir zu Hause ein Phrasenschwein aufgestellt, in das jeder einzahlen muss, der solche unsäglichen Charaktereigenschaften außerhalb des beruflichen Unigeländes an den Tag legt (Zitate in toten Sprachen wie Latein und Altgriechisch zählen übrigens doppelt). Der Autor hat, wenn ich alle Strafbeträge zusammenzählen würde, ungefähr für 1000 Franken Phrasen für mein hungriges Schweinderl gedroschen.


    Dass ich erst im dritten Absatz zur Kritik an der Handlung des Romans komme, sagt eigentlich schon sehr viel aus. Der Plot ist nach Weglassung des intellektuellen Füllmaterials eigentlich gar nicht schlecht, wenn auch sehr dürftig. Im Prinzip war es diese Geschichte, die mich dazu veranlasste, das Buch als Rezensionsexemplar zu wählen. Der Architekt Paul Neuhaus wird nach Japan eingeladen, um als Gallionsfigur einer Künstlerkolonie nach dem Vorbild Worpswedes die verseuchte Landschaft Fukushimas wiederzubesiedeln. Mit der verheirateten Mitsuko und einem Geigerzähler reist er in einer Fact Finding Mission durch das von den Menschen teilweise aufgegebene und jetzt allmählich wieder kultivierte Land, in dem man die Strahlenbedrohung nicht sehen und auch nicht riechen kann, nur der Geigerzähler manifestiert durch sein Piepen diese unsichtbare, vage Gefahr.

    Diesen Aspekt des Romans möchte ich auch sehr loben, er ist innovativ, spannend, einerseits mysteriös und andererseits auch für manche in unseren Breiten sehr realistisch. Nämlich die Ambivalenz der Japaner zur Strahlenbelastung durch die Atombomben, die permanente sehr intensive Nutzung der Kernkraft zur Stromerzeugung und durch den Reaktorunfall in Fukushima. Hier wird alles verdrängt, was es zu verdrängen gibt, beschönigt und unter den Teppich gekehrt. Zuerst wundert man sich noch über dieses Verhalten und dann wird man plötzlich an der eigenen Nase gepackt, speziell jene Personen, die im deutschen Schwarzwald, in Bayern und im Salzkammergut in Österreich wohnen.
    Da sieht man sich selbst plötzlich vom Autor in die Rolle der Japaner versetzt, weil speziell diese Gegenden durch den Regen 1987 stark von Tschernobyl betroffen waren, was der Situation in Fukushima gleichkommt und merkt, dass wir genauso den Kopf in den Sand stecken, weil wir die Bedrohung nicht sehen und riechen können. Ab wann haben wir vergessen, darauf zu achten, keine Pilze aus diesen Regionen zu essen, kein Wildschwein von dort zu konsumieren? Ja, das macht nachdenklich!

    Wie schon erwähnt, zerfällt ansonsten der Plot gegen Ende des Werkes bedauerlicherweise ein bisschen, er wirkt degeneriert und dekonstruiert, die unmögliche Liebesgeschichte bzw. Liason ist tragisch, hat aber dennoch irgendwie ein Happy End. Aber wie bereits gesagt, die Geschichte ist das beste an diesem Roman.

    Einen weiteren massiven Ärgerfaktor muss ich leider auch noch erwähnen und meinen Unmut darüber kundtun. Der Roman strotzt nur so von systematischen orthografischen Fehlern, die ich überhaupt nicht tolerieren kann. Es wurde die alte ß-ss-Schreibung verwendet. Zuerst habe ich selbstverständlich gegoogelt, ob die neue Rechtschreibung in der Schweiz nicht angekommen ist, und erfahren, dass es dort überhaupt kein scharfes ß gibt. Also wieso verwendet ein schweizer Autor in einem deutschen Verlag 2018 publizierten Werk die alte Rechtschreibung, die nicht mal die heute gültigen Schweizer Orthofgrafieregeln implementiert? Das muss mir mal jemand erklären! Wie sollen junge lesende Leute richtig schreiben lernen, wenn nicht mal Autoren und Verlage inklusive Lektorat die neuen Regeln anwenden? Ist das altersstarrsinnige Eitelkeit? Oder was! Leute so geht das nicht! Und übrigens – ich will ja nicht klugscheissern, aber Olympiade ist der Zeitraum zwischen zwei Olympischen Spielen! Was soll das für ein Lektorat sein, das so etwas verwechselt und nicht weiß. Vor allem doppelt peinlich, wenn so etwas in einem derart intellektuell aufgemascherlten Roman passiert.

    Fazit: Lediglich die Handlung und die Figuren des Romans haben einen gewissen Charme. Die Ausführung derselben ist bedauerlicherweise grottenschlecht und aus diesem Grund gibts aus meiner Sicht auf keinen Fall eine Leseempfehlung.

    Kommentare: 2
    72
    Teilen
    Bibliomanias avatar
    Bibliomaniavor 14 Tagen

    Gespräche aus der Community zum Buch

    Neu

    Starte mit "Neu" die erste Leserunde, Buchverlosung oder das erste Thema.

    Was ist LovelyBooks?

    Über Bücher redet man gerne, empfiehlt sie seinen Freunden und Bekannten oder kritisiert sie, wenn sie einem nicht gefallen haben. LovelyBooks ist der Ort im Internet, an dem all das möglich ist - die Heimat für Buchliebhaber und Lesebegeisterte. Schön, dass du hier bist!

    Mehr Infos

    Buchliebe für dein Mailpostfach

    Hol dir mehr von LovelyBooks