Adolf Muschg Kinderhochzeit

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Inhaltsangabe zu „Kinderhochzeit“ von Adolf Muschg

Eine alte Dame sitzt zusammengesunken im Schaukelstuhl. Sie wurde erschossen. Der Name der Toten: Imogen Selber-Weiland, die letzte Nachfahrin und Alleinerbin eines Aluminium-Imperiums in der kleinen Grenzstadt Nieburg. Was ist geschehen? Die Spur führt zurück in die Nazizeit, in der das Familienunternehmen floriert, zu einem harmlosen und doch zukunftsweisenden Kinderhochzeitszug im Jahr 1949 und zu dem Historiker Klaus Marbach, der nach Nieburg gekommen ist, um die Geschichte der Firma zu erforschen … Kinderhochzeit brilliert mit dem bewährten Muschg-Mix aus spannendem Krimi, ergreifender Liebesgeschichte und scharfer Gesellschaftskritik.

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  • Rezension zu "Kinderhochzeit" von Adolf Muschg

    Kinderhochzeit
    Rat_Krespel

    Rat_Krespel

    16. April 2009 um 23:54

    „Grad so viel Noten als nötig sind“ – wenn sich Mozarts legendäres Zitat über die „Entführung aus dem Serail“ auf die Literatur übertragen lässt, dann auf den neuen Roman „Kinderhochzeit“ von Adolf Muschg. Ein sprachlich und inhaltlich gelungenes Buch wie lange keines mehr. Muschg ist wie kaum ein anderer Autor in der Lage, mit seinen Büchern nicht nur Geschichten zu erzählen, sondern literarische Welten entstehen zu lassen, wie schon in seinem grandiosen Roman „Der Rote Ritter“. „Kinderhochzeit“ erzählt von dem Versuch des Historikers Klaus Marbach, in einer badischen Kleinstadt dem Geheimnis einer Familie auf die Spur zu kommen. Ausgehend vom Foto einer Kinderhochzeit will der Wissenschaftler mehr über Geschicke der Personen im Laufe der NS-Zeit und danach erfahren. Er lernt das weibliche Familienoberhaupt kennen, das mit allen Mitteln Menschen manipulierte. Bald rückt aber deren Tochter Imogen, und ihr verschwundener Mann ins Zentrum seines Interesses. (Wer bei Imogen an Shakespeares König Cymbelin denkt, liegt richtig – diese Andeutung ist gewollt und wird auch thematisiert). Klaus Marbach macht sich auf die Suche nach dem verschwunden Mann und dessen Vergangenheit und dringt dabei tief in die Abgründe des kleinstädtischen Klüngels und des Bösen der Menschen ein. Aber er erkennt auch seine stetig wachsende Faszination für diese Frau. Imogen wird für Klaus Marbach und den Leser zum Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Doch schon im Prolog, der den Fund der Leiche Imogens schildert, wird klar: sie ist der tote Punkt der Handlung, der blinde Fleck der Geschichte. Und wie beim menschlichen Auge bleibt das, was man fixiert (Imogen) im Unklaren, dagegen wird ihre Umgebung umso schärfer, der Kern ist nicht zu finden, doch dazu später. Muschgs Roman ist vieles: Familien-, Entwicklung- und Liebessroman, aber auch eine Kriminalgeschichte – doch er lässt sich von keinem der Genres einfangen, sondern verbindet sie alle und geht weit über sie hinaus. So erzählt der Roman nicht wie beim Krimi die Vorgeschichte des Prologs, sondern liefert diese fast beiläufig viele Kapitel vor dem Ende, um dann weiter zu erzählen, bis zum überraschenden und fulminanten Finale. Dieses greift nebenbei gesagt eine wichtige Szene aus dem Zauberberg, die Wanderung im Schnee auf. Überhaupt ist der Roman voller Motive, Anspielungen und Symbole. Dabei ist das zentrale Motiv die Suche – nach Personen, der Wahrheit, dem Glauben, sich selbst. Das Finden ist dabei nicht entscheidend (da wundert es am Ende nicht, dass jemand völlig verschwindet), eher im Gegenteil: „Wer findet, hat nicht richtig gesucht.“ Wenn man einen Satz aus dem Roman ihm als Motto voranstellen wollte, dann diesen. So wird Muschgs Roman zu einem Leseerlebnis, wie ich es schon lange nicht mehr erfahren habe.

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