Adriaan van Dis Das verborgene Leben meiner Mutter

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Inhaltsangabe zu „Das verborgene Leben meiner Mutter“ von Adriaan van Dis

Der sehr persönliche Roman des niederländischen Bestsellerautors: Adriaan van Dis, ein mitreißender Erzähler und großartige Stilist, zeichnet eindringlich die Auseinandersetzung eines Sohnes mit seiner Mutter. Für dieses Werk wurde der renommierte Autor in seiner Heimat Niederlande gefeiert und preisgekrönt. Van Dis erzählt das Leben seiner Mutter - eine Geschichte, die sie ihm lange verheimlichte, und erst hochbetagt preisgibt. Vor van Dis' Augen entfaltet sich das Panorama eines Lebens zwischen den Niederlanden und Indonesien, zwischen Ohnmacht und LIebe, zwischen Verrat und drei Kriegen. Aber seine Mutter stellt eine Bedingung: Der Sohn darf das Erzählte nur dann veröffentlichen, wenn er ihr einen sanften Tod schenkt: "Du bekommst die Geschichte und ich eine Tablette." Ein ungeschönter Kampf um Vertrauen, Achtung und Ehrlichkeit.

Mich hat das Buch sehr beeindruckt. Es ist vom Schreibstil her für mich sehr ansprechend zu lesen gewesen und inhaltlich extrem interessant

— HEIDIZ

"Wir werden alle ein Brühwürfel unserer eigenen Suppe". So die Protagonistin dieses Buches. Was dahintersteckt? Lesen Sie selbst!

— TochterAlice

Realistische Schilderung einer Mutter-Kind-Beziehung, gepaart mit Ereignissen eines Jahrhunderts, die nicht nur die Protagonisten bewegen.

— MariaWiegel

Gnadenlos ehrlich, emotional und tief berührend. Adriaan van Dis ist ein meisterhafter Erzähler.

— KatrinBlomquist

Eine spannende und sehr interessante fiktionalisierte Biographie.

— KevinMeier

Im Roman „Das verborgene Leben meiner Mutter“ lässt der Autor den Leser mitreisen auf der Suche nach der Verbindung zwischen Mutter und Sohn

— Lisn

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  • Tiefgründige ehrliche Biografie

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    HEIDIZ

    30. November 2016 um 10:23

    Der niederländische Bestsellerautor Adriaan van Dis schrieb mit diesem Buch eine persönliche Biografie, die dennoch weit mehr ist als das ...   Es geht tiefgründig um die Auseinandersetzung eines Sohnes und seiner Mutter. Seiner Mutter - der Frau, die ihm - ihrem Sohn, ihre Geschichte verheimlichte.  Erst im hohen Alter erzählte sie ihm davon. Ihr Lebens zwischen den Niederlanden und Indonesien, und zwischen drei wahnsinnigen Kriegen wird lebendig - und so auch für den Leser ...   So steht es im Buch: "Aber seine Mutter stellt eine Bedingung: Der Sohn darf das Erzählte nur dann veröffentlichen, wenn er ihr einen sanften Tod schenkt: "Du bekommst die Geschichte und ich eine Tablette ....""   Wie sehe ich das Buch und seinen Inhalt?   Ich sehe es als Aufarbeitung zweier Leben - des Sohnes und der Mutter.   Leseprobe: ========   Kapitel 1   Wir standen uns gegenüber, meine Mutter und ich. Sie auf der einen Seite der Truhe, ich auf der anderen. Und zerrten an den Griffen. Sie hatte Pantoffeln an, ich feste Schuhe. Sie rutschte weg, und ich keilte sie ein. Gewonnen.   Der Schlüssel steckte noch im Schloss. Er hatte darum gefleht, gestohlen zu werden, es war ein geheimer Schlüssel - aus verschnörkeltem Schmiedeeisen -, meine Mutter trug ihn an einer Silberkette um den Hals, wie ein Schmuckstück. ...   In 58 Kapiteln gibt er das Leben seiner Mutter preis.   Eindringlich und bewegend liest man von dem Leben einer starken Frau. Mit dem Sohn erfahren wir von der Großmutter, deren Namen er bisher nicht kannte. Er erfährt das alles sozusagen während der letzten Reise mit seiner Mutter, die sie sich noch einmal gewünscht hat.   Sie redet sich alles von der Seele - Stück für Stück - manchmal auch per Telefon - und irgendwann schreibt Adriaan es auf - zum Glück - so können wir es lesen ....   Mich hat das Buch sehr beeindruckt. Es ist vom Schreibstil her für mich sehr ansprechend zu lesen gewesen und inhaltlich extrem interessant und lebendig.   Absolute Empfehlung !!!

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  • Ein bewegtes Leben, ein bewegendes Buch

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    Girdie

    28. November 2016 um 21:39

    „Das verborgene Leben meiner Mutter“ erzählt Adriaan van Dis im gleichnamigen Buch. Am Ende ihres Lebens erfährt er sehr viele Details von ihr, die ihm bisher unbekannt waren oder bekommt sie in einem neuen Licht zu sehen. Der Schleier über den Geschehnissen der Vergangenheit lüftet sich für ihn immer mehr.Marie van Dis wird 98 Jahr und lebt seit langem in einer Seniorenresidenz unweit der See. Nun fühlt sie, dass ihr nicht mehr viel Zeit auf dieser Erde bleibt. Zwei ihrer Töchter aus erster Ehe sind bereits verstorben, die dritte wohnt mit ihrer Familie in Italien. Daher wendet sie sich an ihren Sohn, der zu der Zeit in Paris lebt. Sie möchte noch einmal ihren Heimatort besuchen. Auf dieser kurzen Reise erfährt Adriaan zum ersten Mal den Namen seiner Großmutter. Er ist erstaunt, denn er hatte gedacht, dass er deren Namen nicht erwähnen darf, wenn er seine Mutter nicht erzürnen möchte. Doch Marie antwortet ihm, dass er nie danach gefragt hätte. Das ist einer der kleinen Momente im Buch, mit denen sich der Autor auseinandersetzt, ob sie für ihn die Möglichkeit bedeuten sich seiner Mutter anzunähern, denn sie Nähe zu ihm nie zugelassen. Geboren ist er in den Niederlanden, aber Marie hat ihren zweiten Mann, den Vater von Adriaan van Dis, mit dem sie offiziell nie verheiratet war, in einem Rotkreuzlager in Indonesien kennengelernt. Doch bis er zu diesem Punkt der Erzählung kommt, ist es ein langer Weg für die beiden. Marie ist ihres Lebens überdrüssig. Jeder Tag fällt ihr schwerer, sie kann kaum noch gehen. Als sie nach Tabletten aus der Schweiz fragt merkt Adriaan auf. Seine Mutter hat inzwischen sein gestiegenes Interesse an den Geschichten aus ihrer Vergangenheit registriert und bietet ihm einen Deal an: ihre Erzählungen gegen die Mithilfe zu einem schnelleren Ableben. Doch so einfach ist das nicht, weder für Marie noch für Adriaan und schon gar nicht wegen geltender Gesetze und Regelungen.Viele Erinnerungen von Marie sind verschüttet. Dadurch, dass sie beginnt ihre persönliche Habe aufzuräumen, kehren Teile davon, verbunden mit Geschichten zurück. So gern Adriaan es auch hätte, dass sie ihm ihr Leben kontinuierlich mitteilen würde, so sehr kommen immer nur Gedankenfetzen an die Oberfläche, die sie ihm meist telefonisch mitteilt. Irgendwann beginnt der Autor sie nach den Gesprächen aufzuzeichnen, damit sie nicht verlorengehen. Er versucht seine Mutter, die zunehmend fordernder wird, zu verstehen. Ihr Leben war nicht einfach. Als junges Mädchen vom Lande verliebte sie sich in einen dunkelhäutigen Offizier aus der niederländischen Kolonie, heiratete ihn, bekam drei Töchter und folgte ihm nach Indonesien. Hitze, Einsamkeit, Lager, Repatriantenheim und immer ein Gefühl zwischen zwei Welten zu stehen, begleiteten sie durch die folgenden Jahre. Marie war eine starke Frau, nicht nur körperlich, sondern vor allem darin, ihre Kinder und sich selbst zu schützen. Dafür musste sie viele Unannehmlichkeiten in Kauf nehmen, die Adriaan erst jetzt in den Gesprächen mit seiner Mutter bewusst werden.Der Autor fügt seine Aufzeichnungen zu einem Roman zusammen, der bewegend ist und betroffen macht. Der Autor erklärt sein Handeln in dieser Zeit des Ringens um Nähe zu seiner Mutter. Das Einfügen seiner eigenen Gefühle in den verschiedenen Situationen zeigte mir, dass es oftmals zwei Seiten gibt, mit denen man das Geschehene auffassen kann. Marie deckt immer mehr Begebenheiten, große und kleine, aber allesamt für sie bedeutsam auf, die sie in all den Jahren erlebt hat und vergessen wollte, um sich nicht dem Kummer und der Trauer hinzugeben, immer auf eine bessere Zukunft für sich und ihre Kinder hoffend. „Das verborgene Leben meiner Mutter“ ist nur insoweit fiktiv, wie die Erinnerungen von Marie die Realität nicht mehr zugelassen haben. Es ist eine Geschichte, auf die man sich einlassen muss, um sowohl Mutter wie Sohn und ihr Verhältnis zueinander zu verstehen. Es ist ein Buch, das sich zu lesen lohnt, weil viele Szenen in Erinnerung bleiben werden. Absolute Leseempfehlung!

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  • Zeit des Erinnerns

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    buecherwurm1310

    30. October 2016 um 16:02

    Maria Van Dis ist schon fast hundert Jahre alt und des Lebens überdrüssig. Zwei Töchter hat sie begraben und eine wohnt im Ausland. Daher hat sie einen regelmäßigen Kontakt zu ihrem Sohn Adriaan. Sie ruft ihn zu unmöglichen Zeiten in Paris an, doch es sind keine Unterhaltungen, die sie führen. Nachdem sie ihren Ruhesitz an der Küste genommen hat und Adriaan aus finanziellen Gründen aus Paris weggeht, wohnen sie recht nah beieinander. Adriaan und seine Mutter haben ein sehr unterkühltes Verhältnis, dennoch besucht er sie regelmäßig. Er versucht mehr über seine Mutter zu erfahren, doch sie gibt nur das preis, was sie möchte und oft sind es erfundene Geschichten. Sie schließen dann einen Vertrag. Während die Mutter sich verpflichtet, ihm ihre Geschichte zu erzählen, muss er dafür sorgen, dass sie das Medikament bekommt, um sich aus dem Leben zu schleichen. Ob es soweit kommt? Während der Sohn die Geschichte am liebsten chronologisch erfahren möchte, verliert sich die Mutter in sprunghaften Erinnerungen. So lernen wir die Geschichte aus vielen Puzzleteilen kennen, die scheinbar nicht so recht zusammen passen. Teilweise zeigt sie nun boshafte Züge, wenn sie das vernichtet, was Zeugnis ablegen hätte könnte. Sie hat drei Kriege hinter sich und das Leben hat sie bis nach Indonesien verschlagen. Schlimmes hat sie dort erlebt. Aber sie hat es beiseitegeschoben und weitergemacht. Sie hat es den Menschen um sie herum nicht leicht gemacht, genauso wenig wie sie es sich selbst leicht gemacht hat. Während dieser Zeit des Erinnerns spürt man deutlich die Distanz zwischen Mutter und Sohn und doch kommen sie sich auch näher. Im Besitz der Mutter gibt es jeher eine Truhe, geheimnisvoll und für niemanden zugänglich gemacht, dabei immer präsent. Es ist am Ende für ihn eine Überraschung, was er dort findet. Diese sehr emotionale Geschichte lässt sich angenehm lesen, dabei ist sie ziemlich nüchtern erzählt. Sie erinnert einen daran, dass das Leben endlich ist und dass das, was nicht ausgesprochen wird, dann für immer vergessen ist. Wenn man die Geschichte der Vorfahren besser kennen würde, wäre vielleicht manches Verhalten verständlicher. Es ist keine liebevolle Mutter-Sohn-Beziehung, die wir in diesem sehr persönlichen Buch erleben, aber sie ist sehr authentisch.

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  • "Wir werden alle ein Brühwürfel unserer eigenen Suppe"

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    TochterAlice

    26. October 2016 um 11:28

    So urteilt die Mutter des Autors über den Charakter des Menschen, der sich ihr zufolge im Alter nicht abnutzt, sondern einkocht, wobei die Essenz herauskommt (S. 138). Eine spezielle Person? Aber Hallo! Beim Lesen dieses Romans, des Denkmals, das ihr eigener Sohn ihr gesetzt hat, wird deutlich, dass nicht nur ihre Kinder sie so sahen.Die alte Dame - wir lernen sie hier kurz vor ihrem Tod kennen, einem Tod, den sie selbst sich wünscht, denn eigentlich ist sie noch ganz gut beisammen, vor allem geistig und das ist mehr, als viele Altersgenossen von sich behaupten könnten.Ich muss gestehen, ich würde zu gern wissen, was ihr Landsmann und ungefährer Altersgenosse Hendrik Groen, dessen ehrliches Alterstagebuch "Eierlikörtage" gerade so boomt, über diese Dame sagen würde - ich glaube, sie wäre eine von denen, deren Histörchen er ab und an mal gerne lauschen würde, um sich dann aber wieder schnell zu verdrücken, wenn es gar zu garstig wird, denn das ist ein wesentlicher Charakterzug dieser Dame.Sie hat es nie leicht gehabt und auch nicht leicht gemacht - weder sich noch anderen, teilweise auf richtig niederträchtige Art ihre Kinder gegeneinander ausspielend, dann wieder überraschend offen ihre Erinnerungen herauskramend - und die sind spannend, wenn auch unglaublich hart: zwei Weltkriege und ein japanisches Internierungslager in Indonesien liegen hinter ihr, zwei Ehen bzw. Beziehungen zu Männern, aus denen ihr Kinder blieben, eine schwierige und traurige Liebesbeziehung. Soweit wir wissen. Naja, einige wissen möglicherweise mehr, da ihnen bereits mehr über den Autor Adriaan van Dis bekannt ist bzw. sie sein Werk kennen. Ich bisher nicht und so fiel es mir recht schwer, mir dieses Buch, die Mutter des Autors und seine eigene extrem schwierige Beziehung zu ihr zu erschließen, auch wenn er großartig schreibt (und ebenso übersetzt wird) , mit Humor, Respekt, aber auch mit einer gewissen Distanz, die wohl ein Leben lang zwischen ihm und seiner mutter bestand.Obwohl auf dem Cover als solcher bezeichnet, ist es eigentlich kein Roman, es sind eher (auto)biographische Erinnerungen, die auch für den Autor neu sind. Vieles packt die Mutter erst am Ende ihres Lebens aus, in der Hoffnung, dass man ihr dafür den Tod schenkt. Was ich damit meine? Lesen Sie selbst. Allerdings lassen Sie sich auf ein schwieriges Buch ein, auf eine Herausforderung, die gemeistert werden, Worte, die in ihrem Zusammenhang erst erobert werden müssen. Schwere Kost, allerdings mit leichten Untertönen und nichts für Leser, die einfach nur so unterhalten werden wollen!

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  • Adriaan van Dis' 'Das verborgene Leben einer Mutter'

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    MariaWiegel

    01. September 2016 um 19:08

    Die folgende Rezension wurde auf der Grundlage einer Leseerfahrung der niederländischen Fassung von Adriaan van Dis’ Buch Ik kom terug (2014) (Das verborgene Leben meiner Mutter) geschrieben. Alle Zitate wurden von mir ins Deutsche übersetzt.Der autobiografische Roman Ik kom terug von Adriaan van Dis, erzählt die Geschichte eines Sohnes, der die Geheimnisse der Vergangenheit seiner Mutter aufdeckt. Einer Frau, die zwei Weltkriege und das Japanische Internierungslager in Indonesien überlebt hat, des Lebens und ihrer Vergangenheit jedoch müde geworden ist. Ihr Sohn soll ihr helfen ihrem langen Leben ein Ende zu machen und sie vor dem Tod, zudem, ihrer Geschichten und Geheimnissen erleichtern.Auch wenn man zu Beginn des Buches an eine Collage von Darstellungen der Grausamkeiten eines Internierungslagers glaubt, wird man schnell eines Besseren belehrt: Die Thematik des Romans ist der Beziehung zwischen einer Mutter und ihrem Sohn gewidmet. Die Erinnerungen an die Zeit im Lager und die Briefe eines Deutschen Arztes, der die Brutalität der Japaner an der Eisenbahnlinie beschreibt, bilden einen roten Faden, in dem das Trauma der Mutter, und die damit verbundene Flucht in die Esoterik, sowie die Distanz zu ihren Kindern, versucht verständlich zu machen. Die Mutter-Kind Beziehung ist von Hass geprägt. In einem Gedicht schreibt van Dis: „Maar zie je ook de haat die tussen ons staat?“ (S.109) (“Aber siehst du auch den Hass der zwischen uns steht?”) Van Dis deutet die Distanz zwischen ihm und seiner Mutter als Hass, jedoch wird ihm bald bewusst, dass Hass ohne Liebe nicht möglich ist, denn „Wut ist auch Liebe[…]“ (S.148). Man muss etwas oder jemanden lieben können, um es, ihn oder sie zu hassen. Beim Lesen des Buches kann man kurze Einblicke in die Geschichte Niederländisch-Indiens erhaschen. Die Absurdität der Kolonialherrschaften ist ein wesentlicher Teil des Romans, denn „wie konnte eine Handvoll Niederländer glauben hier [Indonesien] Macht ausüben zu können?“ (S.185) Eine Frage, die bereits vor einem Jahrhundert von Louis Couperus - auf den im Roman verwiesen wird - gestellt wurde. Wieso glaubt der Westen über den Osten bestimmen zu können?Die Antwort ist so simpel wie unmöglich zu beantworten. So wie eine Mutter glaubt über ihre Kinder bestimmen zu können, glaubt auch eine Kolonialmacht, die oft als Elternteil der Kolonie gesehen wird, über diese bestimmen zu können.Die zwei zentralen Handlungen im Buch sind nicht nur durch die Tatsache, dass die Mutter das Ende der niederländischen Kolonialherrschaft in Indonesien miterlebt hat, miteinander verbunden, sondern auch durch die Dialektik zwischen den Akteuren. So wie Hass zwischen Mutter und Sohn besteht, ist auch Hass zwischen Kolonialmacht und kolonialisiertem Land zu erkennen. Die Kolonialmacht, so wie die Mutter, versucht ihrem Kind (der Kolonie) einen Lebensstil aufzuzwingen. Dieses Aufzwingen wird mit Hass belohnt, „[…] einem Hass gegenüber Büchern, Wissen, westlichem Wissen, westlichen Werten […]“(S.236). Im Gegensatz zur niederländischen Kolonialmacht, will die Mutter, jedoch, selbst darüber bestimmen, wann sie sich aus dem Leben ihrer Kinder verabschiedet.Als Leser muss man sich dessen bewusst sein, dass es sich bei dem Roman um eine (zum Teil) fiktive Handlung handelt, wie das Motto des Buches verkündet: „You must sacrifice your family on the altar of fiction.“ (David Vann) Der Leser wird nie erfahren, welche Passagen hinzugedichtet wurden und muss die geschilderten Ereignisse kritisch betrachten. Parallelen zwischen der Mutter-Kind-Beziehung im Roman und den Eltern-Kind-Beziehungen in jedermanns Umfeld können sicherlich gemacht werden. Dieser Roman lehrt uns unter anderem, uns mit der Vergangenheit und der Geschichte unserer Eltern und Großeltern zu befassen. Vielleicht gelingt es uns dann auch ihr Wesen und ihre Entscheidungen besser nachzuvollziehen. Adriaan van Dis schildert in Das verborgene Leben meiner Mutter eine nüchterne und dadurch realistische Beziehung zwischen Mutter, Sohn und Vergangenheit, welche überaus lesenswert ist. Denn es ist die Nüchternheit des Romans, die den Leser berührt.

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  • Adriaan van Dis: "Das verborgene Leben meiner Mutter"

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    Hristina

    31. August 2016 um 16:01

    Diese Rezension basiert auf dem niederländischen Originaltext „Ik kom terug“. Dieser Roman ist in den Niederlanden in 2014 erschienen. In „Das verborgene Leben meiner Mutter“ versucht der Hauptcharakter die Geschichte seiner Mutter Maria Van Dis zu entdecken. Sie ist schon über neunzig Jahre alt und fühlt dass sie genug gelebt hat. Es ist wahrscheinlich seine letzte Möglichkeit um Dinge zu lernen, dass er sich noch nie seine Mutter zu fragen getraut hat. Es ist eine gute Chance zu finden was hinter der Erscheinung seiner Mutter versteckt ist. Ob er den Mut hat, das zu tun, ist eine andere Frage. Jedenfalls hat er Erfolg um verstreuten Teile des Puzzles zu sammeln und ein Bild vor ihr zusammenzusetzen. Wir bekommen die Teilchen über das Leben in ehemaligen Indonesien, ihre Familie und ihre Männer sowie die Kriegszeit. Das bekommen wir nicht nur durch die Monologe und Geschichten, sondern auch von den Düften, Fotos und Briefen. Über die Mutter, lernen wir aus dem Blickwinkel des Erzählers. Er schreibt ihre Geschichte, aber gleichzeitig gibt er ihr ein neues Leben. Das Buch sollte wie eine fiktionalisierte Biographie betrachtet werden; wie ein Roman über einen Sohn und eine Mutter mit einer erstickenden Beziehung. Ihre Beziehung ändert stetig und der Ich-Erzähler zeigt uns das deutlich von Anfang an. Das Buch beginnt mit einer Szene mit einer Truhe, deren Inbegriff die Mutter aus den Ansichten ihres Sohns versucht zu halten. Er ist damit nicht zufrieden und ist aggressiv gegen sie. Diese Neugier und der Wunsch zu entdecken, was in der Truhe seiner Mutter versteckt ist, werden ihm das ganze Leben lang folgen. „Das verborgene Leben meiner Mutter“ würde ich empfehlen. Erstens, finde ich diesen Roman nett geschrieben, oft mit interessantem Wortwahl. Er ist auch ziemlich einfach zu lesen und die Handlung des Buchs hält die Aufmerksamkeit. Die Kapitel schließen schön auf einander an. Adriaan van Dis hat ein höchst-lesenswertes Buch geschrieben. Das Buch enthält viele verschiedene Emotionen und unterschiedliche Beziehung zwischen Mutter und Sohn. Insbesondere die Passagen über die Veränderungen, empfand ich ganz emotional. Unsere Eltern werden immer älter und das ist etwas das uns alle betrifft. Es ist uns vielleicht auch gemeinsam dass wir nicht so viel an die Vergangenheit unserer Vorfahren denken. Unsere Mütter waren auch einmal Kinder. Ihr Leben gab es auch vor wir auf diese Welt gekommen sind. Sie haben wahrscheinlich auch eine Kiste mit Dingen, die wir nicht sehen können. Sie haben auch Geschichten, die wir nicht wissen, und die sie versuchen zu verstecken. Ein Leben, das sie versuchen zu verbergen. Ein Leben, das wir zu entdecken versuchen können. Aber werden wir das machen?

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  • Ein tief berührendes literarisches Denkmal

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    KatrinBlomquist

    30. August 2016 um 12:52

    In dieser sehr ehrlichen, emotionalen Erzählung von Adriaan van Dis lernen wir die Mutter eines niederländischen Autors kennen, der seinem übermächtigen, gewalttätigen Vater bereits in seinen anderen Werken ein Denkmal gesetzt hat. Die Beziehung zu seiner Mutter ist weitaus harmloser, jedoch nicht unbedingt liebevoller. Nach einem ganzen Erwachsenenleben mit nur spärlichem Kontakt erhält der Ich-Erzähler, in dem unschwer der Schriftsteller selbst zu erkennen ist, einen seltsamen Anruf seiner Mutter: am Ende ihres langen Lebens will sie sich ihm zu öffnen, er dürfe das auch gern in einem Buch verwenden. Sie will als Gegenleistung nur, dass er ihr dabei hilft zu sterben. Ihr Leben sei lang genug gewesen, sie sei nun bereit, der körperliche Verfall mache ihr zu schaffen und sie sei müde: „Älter werden ist auch Krieg, ein Kampf zwischen Feuer und Eis – so sehe ich das jedenfalls. Wenn die Energie schwindet, gewinnt das Eis. Wenn du nur wüsstest, wie schwer es mir fällt meine Zehennägel zu schneiden. Ich habe kein Gefühl mehr in den Füßen.“ Fortan finden nicht nur über das Telefon, sondern auch persönliche Gespräche statt, bei denen sich der schreibende Sohn immer wieder Notizen macht und die erzählende Mutter von einer Lebensphase in die nächste stolpert. Dabei folgt sie keiner Chronologie oder Logik, was den protokollierenden Sohn hin und wieder zur Weißglut treibt: „'Und ich darf das alles dann strukturieren.‘ 'Nein, genauso musst du es aufschreiben, so wie ein Mensch eine Geschichte erzählt. Manchmal geradeaus, manchmal rückwärts, erst dann ist es echt.‘“ Diese Ehrlichkeit und Lebensechtheit zeichnet das Buch aus und macht es zu einem gnadenlosen Bericht über das Altern und die Beziehungen zwischen Müttern und Söhnen. Den Prolog bildet eine Szene voller Aggression, in der sich die beiden Protagonisten um eine Truhe streiten, dessen Inhalt die Mutter ihr ganzes Leben hindurch vor ihrem Sohn versteckt hat. Man hat das Gefühl, so verschlossen die Truhe in dieser Szene ist, so vehement körperlich diese Verschlossenheit auch durchgesetzt wird, im Laufe des Romans öffnet sie sich immer wieder ein ganz kleines Stück und gibt das „verborgene Leben der Mutter“ immer mehr preis – bis sie am Ende beinahe leer zurückgelassen wird. Auch der körperliche Umgang der beiden verändert sich durch die neu gefundene Nähe. Die ungeschönt erzählten Szenen, die jeder pflegende Angehörige alltäglich erlebt, lassen die Geschichten nahbar wirken, nachvollziehbar und erschreckend glaubwürdig. Das Buch ist ein nachdenklicher Kommentar auf die älter werdende Gesellschaft, aber auch auf die Frage nach der Ethik von Euthanasie. Wenn der Sohn immer wieder hadert und zweifelt, sich seiner starken Mutter nicht widersetzen will, während sie selbst nicht hundertprozentig sicher zu sein scheint; wenn sie ihn um die erlösenden Tabletten anbettelt und er sie nicht besorgen kann – in all diesen Fragen äußert sich die Schwierigkeit einer solchen Freiheit. Adriaan van Dis ist ein komplexes Porträt einer selbstbewussten, beeindruckenden Frau gelungen, die in ihrem fast einhundertjährigen Leben wichtige Passagen der niederländischen Geschichte erfahren hat und er zeichnet ihr Leben so nah und emphatisch nach, dass es am Ende auch dem Leser schwer fällt, sich von ihr zu verabschieden. Es ist ein wichtiges Buch, auch ohne die niederländische Geschichte im Detail zu kennen. Denn wie oft spricht man mit den Alten, die so viel mehr werden in der Gesellschaft? Wie viele solcher Leben sind in engen, düsteren Altenheimwohnungen, in alten Kisten aus fernen Ländern und Zeiten verborgen? Mit aggressiven Kämpfen bekommen wir sie nicht zu Gesicht, wohl aber durch einfühlsame, vorsichtige, und dabei meisterhaft erzählte Geschichten wie diese von Adriaan van Dis. „Wenn ich tot bin, dürfen sie mich nicht aufhübschen. Kein Puder, kein Lippenstift. Ich will ehrlich in den Ofen. Wirst du dafür sorgen?“ Er sorgte dafür, indem er ihr ein tief berührendes literarisches Denkmal schuf. [Diese Rezension basiert auf dem niederländischen Original. Die Zitate habe ich selbst frei übersetzt.]

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  • Das verborgene Leben meiner Mutter, Adriaan van Dis

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    KevinMeier

    24. August 2016 um 16:59

    Wie der Titel des Buches suggeriert, handelt das Buch von Beziehungen zwischen einem Kind und dessen Mutter. Adriaan van Dis nimmt den Lesenden mit auf eine beinahe archäologische Unternehmung das Leben seiner Mutter zu entdecken und so vielleicht die problematische Mutter-Kind-Beziehung besser zu verstehen. Diese Beziehung kann als problematisch bezeichnet werden, weil, wie auch durch den Buchtitel impliziert, eine physische, emotionale und auch kognitive Distanz zwischen den Familienteilen herrscht. Der Autor beschreibt die Beziehung autobiographisch in der Ich-Person. Dabei wird aber kein Anspruch auf faktische Korrektheit der Geschehnisse gelegt; es ist eine fiktionalisierte Biographie von Adriaan van Dis und seiner Mutter. Der Fokus liegt stark auf diesen beiden Charakteren. Der Vater oder andere Familienmitglieder werden zwar erwähnt, bleiben aber im Hintergrund. Diese erzähltechnische Entscheidung ist verständlich und erlaubt ein besseres Abbild der Mutterfigur, trotzdem bleibt ein Schatten der Vaterfigur aufdringlich im Hintergrund, so als ob es da mehr zu erzählen gäbe, das nicht in dieser Geschichte erzählt werden darf. Der Lesende begleitet den Erzähler, wie er mit seiner Mutter ihr bisheriges Leben während ihrer letzten Monate aufdeckt. Die Geschichte läuft chronologisch ab, unterbrochen von Erinnerungen der Mutter, die sie erzählt. Diese Unterbrechungen sind das Ziel der Gespräche zwischen dem Erzähler und seiner Mutter. Aber wie Erinnerungen eben sind, vor allem bei älteren Menschen, laufen diese Erzählungen kaum chronologisch, sondern eher assoziativ ab. Dies macht das Buch einerseits sehr spannend, da der Erzähler und der Lesende die Erinnerungen zusammenfügen müssen, um die Lebensgeschichte der Mutter zu verstehen. Andererseits sind diese assoziativen Erinnerungen auch frustrierend: Eine kohärente Lebensgeschichte scheint unerreichbar, sowohl für den Erzähler, als auch den Lesenden. Eine weitere Folge dieser Erinnerungen ist, dass die Mutter dabei immer mysteriös bleibt und ihre Lebensgeschichte zersplittert. Das fesselnde an der Erzählweise ist, dass für den Lesenden leicht zu vergessen ist, wer eigentlich die Geschichte erzählt. Die Geschichte scheint zwischen dem Erzähler und seiner Mutter zu oszillieren; beinahe als würden die beiden kämpfen, wer eigentlich die Lebensgeschichte der Mutter wie und wann erzählen darf. Diese Filterung der Geschichte durch den Sohn als Erzähler macht dieses Buch über ein schweres Schicksal anders als andere Schicksalserzählungen. Das Los der Mutter berührt, obwohl der Lesende immer auf Abstand gehalten wird, von der Mutter und dem Erzähler. Das Buch ist beinahe performativ in dem Sinne, dass die Distanzierung und Verfremdung, die der Erzähler gegenüber seiner Mutter fühlt, auf den Lesenden übertragen und so weiter ausgeführt wird. Lesende, die gerne Bücher mit starken autobiographischen Zügen lesen, sind hier richtig. Das Schicksal und die Lebensgeschichte von Person, der Mutter, stehen im Fokus. Der Ton des Buches wechselt dabei zwischen berührend, nüchtern und frustrierend. So wird der Lesende in die Geschichte gezogen, aber niemals ganz herangelassen. (Diese Rezension basiert auf dem niederländischen Originaltext "Ik kom terug".)

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  • Adriaan van Dis: Das verborgene Leben meiner Mutter

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    Elmie

    19. August 2016 um 12:15

    Folgende Rezension basiert auf der niederländischen Fassung des Romans Das verborgene Leben meiner Mutter, der erstmals in 2014 unter dem Originaltitel Ik kom terug („Ich komme wieder“) erschienen ist. Die verwendeten Zitate habe ich nach eigenem Ermessen übersetzt. „Wir standen uns gegenüber, meine Mutter und ich. Sie an der einen Seite des Kästchens, ich an der anderen. Wir zogen an den Griffen. Der Schlüssel steckte noch im Schloss. […] ‚Es ist mein Kästchen,‘ kreischte sie.“ Es handelt sich um die Eingangsszene des Buches, die auf der übertragenen Sinnebene die Distanz, welche während der ganzen Geschichte nie gänzlich überwunden werden kann, wunderbar aufzeigt. Wie in einem Ringkampf versucht der zu dem Zeitpunkt 16 Jahre alte Ich-Erzähler sich des geheimnisvollen Kästchens seiner Mutter, ihr tiefstes Inneres, zu bemächtigen, in welchem sie ihre schmerzlichen Erinnerungen an ihre indonesische Vergangenheit verstaut hat. Es handelt sich um Postkarten, Fotos, Briefe und Souvenirs, die mit ihrer Erfahrung als Kriegsgefangene in einem japanischen Lager im vormaligen Niederländisch-Indien (heute: Indonesien) und mit dem brutalen Schicksal ihres indonesischen Ehe- und Lebenspartners in Verbindung stehen. Immer wieder startet der Erzähler einen Versuch, sich Zugang zum Verborgenen zu verschaffen, denn schließlich geht Indonesien auch ihn etwas an: „Dort wurde ich gezeugt.“ Vergeblich. Jahrzehntelang behält Mutter Marie ihr Kästchen hinter Schloss und Riegel. Sie gilt als charakterstarke, intelligente und wortgewandte Frau, doch ihrer traumatischen Erlebnisse kann sie sich dennoch nicht erwehren. Das zeigt sich symptomatisch an ihrer distanzierten Art, hinter der sich ihr Unvermögen, mit Empathie umzugehen, verbirgt. Der Erzähler hat darunter seit seiner Kindheit zu leiden, ein klägliches Erbe seiner Mutter. „Ich bin immer noch ein anhänglicher Sohn auf der Suche nach einer liebensvollen Mutter“, äußert er nach acht Jahren therapeutischer Behandlung. Kurz vor ihrem 98. Geburtstag, als der Tod stets näher rückt, scheint Marie erstmals bereit, langsam aber sicher ihre Geheimnisse zu lüften. Der Erzähler, der bereits mit 19 Jahren sein Elternhaus verlassen hat, nach Paris gezogen ist und seitdem nur sporadisch bis auf ein paar Telefonate und Hausbesuche pro Jahr Kontakt zu ihr gehalten hat, erhält einen ungewöhnlichen Anruf von ihr: Sie wünscht sich, noch einmal zu ihrem Elternhaus zurückzukehren. Der Sohn tut ihr den Gefallen. Es beginnt an dieser Stelle eine Reise durch ein hochgradig gefühlsexplosives Gebiet voller Bilder, Gerüche, Geschmäcker und verflogener Hoffnungen. Mutter und Sohn kommen sich befremdlich nahe. Gewissermaßen lernt der Erzähler erst ab jenem Zeitpunkt seine Mutter tiefergehend zu verstehen: „Ich habe eine andere Mutter kennengelernt.“ Das mysteriöse Kästchen beginnt sich einen Spalt zu öffnen, für den Leser ebenso aufwühlend wie es für den Sohn selbst gewesen ist. Maries Assoziationen und Erzählungen nehmen ihren Lauf und der Erzähler zögert nicht, sich fortlaufend Notizen darüber zu machen; er ist letztlich Schriftsteller. Aber sie lässt ihren Sohn nicht einfach freie Bahn, sondern stellt eine Forderung auf: sie will sich von ihrem ewigen Leid befreien, der Erzähler soll ihr gefälligst eine Sterbepille besorgen. Dafür kann er seine Geschichte haben. „Wie du mir, so ich dir.“ Bis ins hohe Alter erweist die Mutter sich als eisern und manipulierend - von Mutterliebe keine Spur. Der Roman endet schlussendlich mit ihrem Tod und einem entleerten Kästchen. Das Buch besticht durch seine Authentizität. Van Dis Mutter scheint, gemäß ihres festen Glaubens an Wiedergeburt und die Macht der Esoterik, gerade durch die zahlreichen, schlagkräftigen Zitate und längeren Monologe erneut zum Leben erweckt zu sein. Ein sehr gelungenes Portrait! Nahbar wird die Erzählung auch dadurch, dass Van Dis sich selbst in einer Doppelrolle figuriert hat. Als Sohn lässt er dem Leser seine Ängstlichkeit und Unterwürfigkeit wiederholt spüren. Oftmals traut er sich nicht nach Details über das Leben seiner Mutter zu fragen. Zu sehr plagt ihn das schlechte Gewissen, dass er sie verletzen könnte. Auch Schuldgefühle überkommen ihn. Als Autor dahingegen präsentiert er sich kühn und zielgerichtet: „Ein Schreiber muss seine Hände schmutzig machen.“ Er weiß die bösartigen Wesenszüge seiner Mutter zu Papier zu bringen und seinen Roman geschickt als Mittel der Revanche für ihren nachwirkenden Einfluss einzusetzen. Eines ist ihm während der Konfrontation mit seiner Mutter nämlich eindringlich bewusst geworden: dass seine Mutter ihn viel stärker geprägt hat, als sein kriegsbedingt geschädigter und gewalttätiger Vater, den er in seinen früheren Meisterwerken wie Nathan Sid (1983) oder Indische duinen (1994) immer in den Mittelpunkt platzierte. „Meine Mutter [war] [die Offizierin] im Hause.“ Man könnte das Buch auch als Abrundung verstehen, die endgültige Beendigung eines langen, psychisch sehr belastenden Verarbeitungsprozesses. Was mich sehr bewegt hat, waren die eindruckvoll beschriebenen Szenerien, beispielsweise über die einsame Wildnis im Indischen Archipel oder über Maries Appartement im Altenheim. Die Bilder haben sich bis heute in meinen Kopf gebrannt. Für einen Moment wird man bis zum Schauplatz verlagert und bekommt die Geschehnisse direkt vorgeführt. Die Leselust wird durch immer neu hinzukommende Fotos und Karten aus dem Kästchen angetrieben. Im Falle der geschilderten Kriegszustände entsteht dadurch ein besseres Geschichtsverständnis für die damaligen Ereignisse, zumal es sich um privatüberliefertes, autobiografisches Material handelt. Der Ton bleibt das ganze Buch über nüchtern bis distanziert, eine wiederzuerkennende Spiegelung der Mutter. Amüsant ist der Roman jedoch allemal! Die Erzählung ist durchweg gespickt mit Ironie und Humor, der durch den kühlen Schreibstil umso kräftiger zum Ausdruck kommt. Komik tut dem Gegenspieler Tragik gut, so halten sich beide die Waage. Ich habe das Buch als sehr unterhaltsam und spannungsreich empfunden, das trotz seiner unterschwelligen Last gut verdaulich, oder wie Van Dis es in einem Interview einst ausgedrückt hat, „tragbar“ ist. Ich kann diesen Roman jedem nur empfehlen. Adriaan van Dis ist ein großartiger, vielfach preisgekrönter Autor mit hohen literarischen Qualitäten. Wer nach Das verborgene Leben meiner Mutter bereits nach einem neuen Werk von ihm schmachtet, würde von ihm sicherlich ein gelassenes, aber besänftigendes „Ich komme wieder“ entgegnet bekommen.

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  • Das verborgene Leben meiner Mutter

    Das verborgene Leben meiner Mutter

    Lisn

    29. July 2016 um 22:26

    Die folgende Rezension bezieht sich auf den niederländischen Originaltext "Ik kom terug". Die Zitate habe ich selbst frei übersetzt. „Wir schworen es uns: Ich würde ihr ein Leben auf dem Papier geben, oder noch besser: ein neues Leben.“ Diesen Beschluss fasst der Protagonist Adriaan van Dis zusammen mit seiner Mutter, der Mutter, die schon über neunzig Jahre alt ist, die stets eine geheimnisvolle Distanz zu ihrem Sohn wahrte und dessen Liebe dieser sich so sehr wünschte. Genau diese Mutter hat nun einen Entschluss gefasst: Sie will sterben. Adriaan soll ihr Pillen besorgen. Er soll in der Schweiz alles für sie vorbereiten. Er soll ihren Arzt überzeugen. Doch stattdessen sitzt Adriaan am Küchentisch seiner gesunden Mutter, er sitzt dort und hört ihr zu, der fremden Frau, die ihn auf die Welt gebracht hat. Seine Mutter beginnt damit, über die Vergangenheit zu sprechen, über die Zeit in Indonesien, im japanischen Kriegsgefangenenlager, über ihre Familie, den Krieg und ihre Männer. Adriaan sitzt bei seiner alten Mutter, lauscht ihren Geschichten und macht Notizen. Und so kommt es zu dem Abkommen zwischen dem Sohn und seiner Mutter. Er darf schreiben, wenn sie dafür sterben darf. Schon die erste Szene des Buchs lässt den Leser die Komplexität der Beziehung zwischen Mutter und Sohn erfassen. Der Junge, der immer von den Gefühlen der Mutter und ihrer Vergangenheit in Indonesien ferngehalten wurde, kämpft im wahrsten Sinne des Wortes um Informationen über das Geschehene. Ein Kampf, der schnell verloren ist. Hier wird bereits deutlich: Zwischen diesen beiden Menschen befindet sich eine Kluft, eine Schlucht, die der Protagonist Adriaan zu überwinden versucht. Er streckt die Hand nach seiner Mutter aus, und langsam, auf dem Weg zum Tod, beginnt die Mutter zu erzählen. Monologartig springt sie zwischen verschieden Schauplätzen und Jahreszahlen hin und her, weicht Fragen aus, und folgt nur ihrem Weg, während Adriaan Notizen macht, sich ihren Worten hingibt, und eine Symbiose zwischen beiden Parteien entsteht: „‘Hörst du es,‘ sagte ich, ‚du sprichst in mir, und ich in dir.‘ ‚Gemeinsam mit einer Stimme.‘“ Beim Lesen ist es so, als würde man mit am Küchentisch sitzen, als würde nachts neben dem Bett das eigene Telefon klingeln und die Stimme Adriaans Mutter aus dem Hörer kommen. Man sitzt dort, und erlebt die Mutter so, wie Adriaan sie erlebt. Man versteht seine zwiespältigen Gefühle für seine zwiespältige Mutter, wird mitgenommen auf die Erkundungsreise der Beziehung. Für andere Protagonisten oder Schauplätze ist in diesem Roman kein Platz, alles wird eng gehalten, wie die Altenheimwohnung der Mutter. Die Küche, der Tee, das Kissen auf dem Bauch, die Stimme der alten Frau. Der Fokus liegt auf Mutter und Sohn, auf dem Missverständnis zwischen beiden, auf den Geheimnissen und dem Verlangen nach mehr. Die Beziehung beider entfaltet sich auf jeder Seite ein kleines bisschen mehr, und der Leser erlebt mit, wie sich das Verhältnis verändert, wie die Mutter den Sohn braucht, und wie der Sohn sich nach diesem Gebrauchtwerden sehnt. Seine Gedanken und Emotionen hält Adriaan in kurzen Gedichten fest. Sie werden der Mutter als Lieder präsentiert, Lieder seien nicht so bedeutungsschwanger, wiegten nicht so schwer. Und diese Lieder und die Notizen für das geplante „Leben auf dem Papier“ der Mutter stellen schließlich die Verbindung her, eine neue Verbindung zwischen Mutter und Sohn und eine neue Grenze zwischen Leben und Tod: „Sie musste sich von der Liebe lösen, vom Hass, von allem, was sie auf der Erde hielt. Sie hatte mehr Zeit nötig: ‚Unser Buch, wie soll es dann mit unserem Buch weitergehen?‘.“ In Adriaan van Dis‘ Roman „Das verborgene Leben meiner Mutter“ lässt der Autor den Leser mitreisen auf der Suche nach der Verbindung zwischen Mutter und Sohn, er lässt ihn teilhaben an den Entwicklungen und Gefühlen. Gerade durch die sprung- und episodenhafte Erzählweise seiner Mutter, die durch kurze Kapitel und Abschnitte widergespiegelt wird, erwacht sie - so wie er es versprochen hat - auf dem Papier erneut zum Leben. Durch seinen Roman hat Van Dis eine neue Mutter und eine neue Geschichte entstehen lassen, die fesselt und berührt.

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