Perle und Stasia sind zwölf und unzertrennlich, als sie 1944 deportiert werden. Doktor Mengele sucht eineiige Zwillinge für seine grausamen Forschungen. Um zu überleben, flüchten sich die Geschwister in magische Welten, schmeicheln sich sogar beim Arzt ein. Doch eines Tages, kurz vor der Befreiung, verschwindet Perle. Ein Verlust, den Stasia nicht zu verwinden vermag. Zusammen mit Feliks, einem weiteren Opfer Mengeles, reist sie durch die verwüsteten Landschaften Polens auf der Suche nach ihrer Schwester.
Es fällt mir nicht leicht, dieses Buch zu bewerten. Das Grundthema (zumindest laut Klappentext) um Mengeles Experimente in Auschwitz ist tragisch und wichtig. Der Roman entwickelt sich jedoch nicht so, wie man es vielleicht erwartet oder vermutet. Es gibt zwar immer wieder Anspielungen auf Mengeles Experimente und der Arzt tritt in kurzen Szenen auch selbst in Erscheinung. Viel mehr im Vordergrund sind aber die Gedanken der beiden Schwestern dazu, wie es ist, ein Zwilling zu sein, wie ähnlich sie sich sind (eigentlich: wie vollkommen gleich sie sind), wie sie sich ohne Worte und ohne Blickkontakt verstehen, wie sehr sie zusammen gehören... Der eigentliche Grund ihres Eingesperrtseins tritt demgegenüber deutlich in den Hintergrund. Zwischenzeitlich fand ich die schrecklichen Experimente auch nur so am Rande und fast beiläufig erwähnt, dass das traurige Schicksal der Mädchen mich kaum emotional erreicht hat. Ist das in diesem Kontext nicht merkwürdig, dass ein solches Buch nicht richtig berührt? Obwohl abwechselnd aus den Ich-Perspektiven der beiden Schwestern erzählt wird, blieb eine deutliche Distanz zu den Geschehnissen bestehen. Ungefähr die Hälfte des Buches spielt sich nach der Befreiung von Auschwitz ab. Kurzum, wer eine umfassende Darstellung der kranken Ideen des Dr. Mengele erwartet, wird hier nicht fündig werden. Gegen Ende des Romans lässt die Autorin eine der beiden Protagonistinnen dann auch äußern, dass dem "Onkel Doktor" kein Denkmal gesetzt werden soll. Vielleicht war das also genau so beabsichtigt. Dennoch finde ich, dass man kein solches historisches Setting wählen muss oder sollte, wenn man eigentlich einen Roman über die Einzigartigkeit und Zusammengehörigkeit von Zwillingen schreiben möchte. So war jedenfalls mein Eindruck zum vorherrschenden Thema des Romans. Die Schrecken und Grausamkeit der Experimente und wie die Menschen bzw. vor allem Kinder dadurch gebrochen wurden, kommt zwar durchaus zum Ausdruck, jedoch muss man sich vieles zusammen reimen und zwischen den Zeilen lesen. Mich hat diese Beiläufigkeit sehr gestört. Ich hätte mir wohl einfach ein deutlicheres Statement im Sinne einer Verurteilung gewünscht (nicht, dass die Autorin irgendetwas gut heißt, im Gegenteil, aber ein solches Buch muss den Leser emotional einfach voll mitreißen und mit Gänsehaut zurücklassen, finde ich). Dass der Roman eher distanziert wirkt, mag auch an der Sprache liegen. Hier würde ich das auch gar nicht so auf die Übersetzung schieben, wie ich es manchmal bei anderen Romanen vermute. Es ist vielmehr eine recht poetische Ausdrucksweise, die häufig aufgesetzt und nicht in den Kontext passend erscheint. Die Mädchen sind zum Zeitpunkt ihrer Deportation 12 Jahre alt und erzählen ihre Geschichte später - wann, ist nicht ganz klar. Irgendwie vermischen sich aber naive Ansichtsweisen mit dieser hochtrabenden Sprache, was absolut nicht zusammen passen will und dadurch so bemüht kunstvoll klingt. Sehr schade, aber ich denke, dass das auch erheblich dazu beiträgt, dass der Roman nicht authentisch wirkt und mich nicht so berühren konnte, wie ich es angesichts des Themas erwartet hätte. Ganz grundsätzlich hatte ich noch ein anderes Glaubwürdigkeitsproblem: Die Zwillinge stammen aus Polen. Zu "Stasia" kann ich mich nicht positionieren, aber welches polnische Mädchen heißt denn bitte "Perle"? Da hätte man vielleicht typischere Namen aus der Zeit wählen sollen. Das Ende ist zwar sehr versöhnlich und hoffnungsvoll, was ja irgendwie schön ist, was mich aber in Anbetracht der Umstände auch nicht wirklich überzeugen konnte.
Fazit:
Ich hatte einen hoch-emotionalen Roman erwartet, der mich das tragische Schicksal eines jüdischen Zwillingspärchens unter Mengeles Händen näher bringt. Erschütternd und tragisch ist ihr Schicksal sicherlich, aber an Emotionalität mangelt es dem Roman leider. Sprachlich ist es sehr kunstvoll gemacht, passte für mein Empfinden aber nicht zum Thema. Hinzu kommt das nicht überzeugende Ende - für mich kommt der Roman nicht über 3 Sterne hinaus.