Nach einem Virus, der Nutztiere ungenießbar gemacht hat, wird Kannibalismus legalisiert und industrialisiert. Menschen werden gezüchtet, geschlachtet und verarbeitet. Im Mittelpunkt steht Marcos, der in einem Schlachthof arbeitet und täglich mit dieser neuen, grausamen Normalität konfrontiert ist. Eines Tages erhält er ein lebendes „Weibchen“ als Geschenk und für Marcos beginnt die Grenze zwischen Ware und Mensch zu verschwimmen.
Die Autorin schreibt schonungslos, nüchtern, distanziert und gleichzeitig unglaublich eindringlich. Viele Szenen sind schwer auszuhalten, weil sie den Menschen konsequent als Ware beschreibt. Beschönigende Begriffe wie „Produkt“, „Zucht“ und „Schlachtung“ lassen das Grauen beinahe alltäglich erscheinen und genau das macht es so verstörend.
Doch die eigentliche Botschaft dieser Dystopie ist für mich nicht der Kannibalismus. Es geht um uns Menschen und darum, wie wir andere Lebewesen kategorisieren, ausbeuten und ihr Leiden ausblenden, da wir sie nicht als Individuen wahrnehmen. Ob Tiere in der industriellen Massentierhaltung und in Schlachthöfen oder – wie in diesem Buch – Menschen: Wir sprechen ihnen ihre Würde ab, weil sie für uns zur Ware werden.
Bazterrica hält uns mit ihrem Buch einen unangenehmen Spiegel vor und zwingt uns, über Fleischkonsum, industrielle Tierhaltung, Macht und die Frage nach dem Wert eines Lebens nachzudenken. Und man darf dabei nie vergessen, dass vieles von dem, was in diesem Buch beschrieben wird, für jene Tiere, die wir als „Nutztiere“ bezeichnen, jeden Tag Realität ist. Wäre ich nicht schon seit langer Zeit Veganerin, ich wäre es spätestens nach diesem Buch.
Das Ende der Geschichte war für mich absolut überraschend und hat mich verstört zurückgelassen.
Mein Fazit: „Zart ist das Fleisch“ ist kein Buch, das man einfach wegliest. Es verstört, provoziert und bleibt im Kopf. Eine beklemmende, radikale und gesellschaftskritische Dystopie, die einen noch lange nach der letzten Seite beschäftigt.
Agustina Bazterrica

Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Agustina Bazterrica
Zart ist das Fleisch
Die Nichtswürdigen
Tender Is the Flesh
The Unworthy: A Novel (English Edition)
Nineteen Claws and a Black Bird: Agustina Bazterrica
Neue Rezensionen zu Agustina Bazterrica
"Zart ist das Fleisch" gehört momentan zu meinem absoluten Lesehighlight in 2026. Ich habe selten etwas gelesen, was so einen Sog auf mich hatte. Ein äußerst wichtiges Buch, dass einen den Spiegel vorhält und seinen eigenen Fleischkonsum überdenken lässt. Muss man gelesen haben (setzt aber einen starken Magen voraus).
Genau das ist das Albtraumszenario in das uns Augustina Baztericca in „Zart ist das Fleisch“ wirft.
Ein für Menschen tödlicher Virus macht Tierfleisch giftig und auch den Kontakt zu Tieren generell lebensgefährlich.
Marcos, der Hauptcharakter, arbeitet in einem Schlachtbetrieb als rechte Hand des Chefs, so kann er uns auch in den ganzen Produktionsprozess und die Wertschöpfung durch Spezialfleisch, wie Menschenfleisch genannt wird, mitnehmen.
Der Schreibstil ist steril und distanziert, was ich als Stilmittel sehr gut finde, weil die Story und vor allem das Worldbuilding sonst nicht auszuhalten wären.
Es ist natürlich sehr leicht Parallelen zu unserer Konsumgesellschaft, Massentierhaltung und der Fleischproduktion zu ziehen. Auch die Perversionen die entstehen, wenn Gruppen von Menschen entmenschlicht werden oder wie mit Menschen umgegangen wird die am Rande der Gesellschaft stehen werden sehr plastisch dargestellt.
Auf der anderen Seite steht eine Bürokratie die das alles ermöglicht und regelt und damit jedem das Gefühl gibt auf der „richtigen“ Seite zu stehen, so lange man sich an diese Regeln hält.
Ich will euch das Ende nicht verraten, aber es hat mich sehr überrascht und hat mir das Gefühl gegeben den Hauptcharakter das ganze Buch hindurch falsch eingeschätzt zu haben.
Ich empfehlen dieses Buch Fans von tiefgründigen, gesellschaftskritischen Dystopien die einen starken Magen haben.
Gespräche aus der Community

Als Produktionsleiter eines Schlachthofs ist Marcos für alles zuständig: die Kontrolle der eingehenden Waren und die Verhandlung mit Zulieferern, die Überwachung des korrekten Schlachtvorgangs, die Qualität des Fleisches, die Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften. Klingt nach Alltag in der Fleischproduktion – bis auf den Umstand, dass das, was Marcos verarbeitet, menschlich ist.
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