Agustina Bazterrica

 4.5 Sterne bei 19 Bewertungen
Autor von Wie die Schweine.
Autorenbild von Agustina Bazterrica (©Alejandro Meter/Suhrkamp Verlag)

Lebenslauf von Agustina Bazterrica

Agustina Bazterrica, geboren 1974 in Buenos Aires, traf mit der Veröffentlichung ihres Romans einen neuralgischen Punkt der argentinischen Kultur. Nach wochenlanger Platzierung auf der Bestsellerliste und der Verleihung des Premio Clarín, der wichtigsten literarischen Auszeichnung des Landes, gilt sie als eine der erfolgreichsten Autorinnen ihrer Generation.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Agustina Bazterrica

Cover des Buches Wie die Schweine (ISBN:9783518470237)

Wie die Schweine

 (19)
Erschienen am 20.01.2020

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Rezension zu "Wie die Schweine" von Agustina Bazterrica

Das Buch geht einem an die Nieren
Volponavor einem Tag

Ein Schlachthofbesitzer mit durchschnittlichen familiären Problemen, einer bizarren Affaire, der den Verlust der eigenen Haustiere bedauert, bewohnt eine dystopische Welt. Da durch ein vermeintliches (?) Virus sämtliche Tiere mehr oder weniger ungenießbar sind, begehen die Menschen in diesem Gesellschaftsentwurf industrialisierten Kannibalismus. Das totalitäre Regime, das das düstere Argentinien einer unbestimmten Zukunft beherrscht, hat sich eine Klassengesellschaft herangezüchtet, wobei qua Geburt festgelegt wird, wer zu den Essenden und wer zu den Gegessenen zählt (bzw. die Reste bekommt). Soziale Mobilität gibt es nur nach unten, wenn man etwa durch Verschuldung in die Situation gerät, seinen Körper für die vielfältigen Vergnügungen verkaufen zu müssen, für den vor einer fiktiven Zeitenwende einst Tiere herhalten mussten. 


In dokumentarischem Duktus folgen wir Marcos, dem Schlachthofbesitzer, abwechselnd durch verschiedene Stationen der humanen Fleischverarbeitung und seinem sozialen Nahbereich. Dazu zählen etwa  eine Gerberei, der Schlachthof selbst, ein Altersheim, der Wohnung seiner Schwester, einem Metzgereifachgeschäft, bis hin zu einem Forschungslabor und einem verlassene Zoo. Und bekommen erwartungsgemäß das Grausen - gleichermaßen über die Behandlung der Träger/innen des "Spezialfleisches" wie auch den bizarren alltäglichen Bosheiten unter den wenigen Privilegierten gegeneinander.


Die Botschaft ist klar, es handelt sich um eine Gesellschaftskritik an der Konsumgesellschaft und die Märchen, die sich Fleischkonsument/innen einreden, wenn sie ihren Fleischkonsum rechtfertigen wollen. Und natürlich auch an der neoautoritären Welle, die derzeit einige Länder politisch heimsucht. Wie wäre es, wenn man mit Menschen so umgehen würde? Und welche moralischen Konsequenzen hat das? Will Bazterrica uns davor warnen, wohin uns der weltweite Rechtsruck im übertragenen Sinne (wieder?) führen könnte? 


Es ist klar: so wie in diesem Plot mit Menschen umgegangen wird, ergeht es in der echten Welt täglich Millionen von Tieren in der Zucht, Schlachtung und auch manchen Tierversuchslaboren. Als Vegetarierin weiß ich das natürlich und brauche diese Drastik im Stile eines Peta-Schock-Videos nicht. 


Die implizite Kritik an der ökonomischen wie politischen Macht der Fleischindustrie, die wohl in Argentinien wie auch hierzulande mehr als angebracht ist, finde ich hingegen sehr gut umgesetzt und an mehreren Stelle bitterböse pointiert. Btw: googelt mal Clemens Tönnies ;) (Ob das am Ende "der Deutsche" ist?)


Was ich insgesamt extrem irritierend fand, waren die unverhohlenen Holocaust-Tropen, die leider streckenweise als Leitmotive den/die Leser/in durch diese Landschaft des Grauens vor sicher herscheuchen. Die Grausamkeiten erstarren dabei allerdings zum Klischee, sodass sie außer einer instinktiven Betroffenheit keine echte Empathie zulassen. - Weder mit den fiktiven "Stücken" noch mit realen Kühen, Schweinen und Hühnern. 


Auch wird Fleischkonsum allzusehr als unverzichtbares Grundbedürfnis des Menschen stilisiert. Ob das wirklich so ist - und warum nach dem Virus nicht alle einfach Gemüse und Getreide essen - wäre ein deutlich fruchtbarerer Ansatz der Reflektion von Fleischkonsument/innen. Kannibalismus kommt immerhin weitestgehend erst dann vor, wenn Menschen generell an extremer Nahrungsknappheit leiden, nicht einfach nur an Fleischknappheit.





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Rezension zu "Wie die Schweine" von Agustina Bazterrica

Fleischeslust oder -last?
Aischavor 7 Tagen

Die Argentinierin Agustina Bazterrica zeichnet eine erschreckende Zukunft. Erschreckend grausam und unmenschlich und zugleich dennoch erschreckend vorstellbar: Ein Virus macht Rind, Schwein, Geflügel & co. ungenießbar für den menschlichen Verzehr, und so muss "Spezialfleisch" her - Menschen, die gezüchtet werden, um als Speise auf dem Teller anderer Menschen zu landen. 

Thematisch ist dies fürwahr keine leichte Kost, und doch entwickelt die Geschichte eine große Sogwirkung. Einerseits führt uns Bazterrica die Brutalität unserer heutigen Massentierhaltung vor Augen, denn die von ihr geschilderten Szenen in den Schlachthöfen sind größtenteils real, nur eben mit Schweinen und Rindern statt mit menschlichem Schlachtvieh.

Andererseits zeigt die Autorin geschickt auf, wie totalitäre Regime anhand von Sprachvorgaben Menschen entmenschlichen und dadurch Verbrechen zunächst denkbarer und schließlich gesellschaftlich akzeptabel werden. Moralisch-ethische Grenzen werden überschritten - wie etwa aktuell auch in Tschechien, wo Buchläden das antisemitische Kinderbuch "Der Giftpilz" wieder vertreiben, in dem Juden als giftige Gewächse verunglimpft werden.

Außerordentlich gut gelungen ist auch das Cover : Wie ein Stück abgepacktes Fleisch in der Kühltheke des Supermarkts kommt das Paperback daher. Titel und Autorin sind wie in ein Etikett eingedruckt, hier ist alles stimmig bis ins kleinste Detail, einschließlich der realen Gewichtsangabe des Buches, seines Preises und des "100 % Mensch"-Piktogramms.

Fazit: große Literatur, die ganz große Fragen aufwirft und Alltägliches in neuem Licht erscheinen lässt. Unbedingt lesen!

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S

Rezension zu "Wie die Schweine" von Agustina Bazterrica

Rezension zu "Wie die Schweine" von Agustina Bazterrica
sophia22vor 14 Tagen

Der Kannibalismus als einträgliches Geschäft, die Tierwelt nicht mehr existierend: das verstörende Bild einer Zukunft, welches so vorher wohl noch nie gezeigt wurde.

Die Welt, in der Marcos leben muss, könnte elendiger und schrecklicher nicht sein: als Verantworter der Produktion einer Schlachterei hat er tagtäglich nicht - wie man vermuten würde - mit der Verarbeitung von Tierfleisch zu tun, sondern muss die Tatsache akzeptieren, dass an seinem Arbeitsplatz Menschen verpackungsgerecht zum Fleischverzehr abgerichtet werden. Ein illegales und verhängnisvolles Geschäft? Keineswegs - denn aufgrund eines tödlichen Virus, das die Tierwelt befallen und ausgerottet hat, steht den Menschen nicht mehr länger eine Fleischnahrung zur Verfügung. Was beschließt die Regierung also, um für die notwendige Beschaffung von Proteinen eine Lösung zu finden? Sie erklärt die zielgerichtete Zucht von Menschen zum Fleischverzehr zur moralischen Vertretbarkeit.

So erschreckend und krankhaft, dass es einem direkt unter die Haut geht: Agustina Bazterrica erschafft mit diesem Buch eine Existenz, von der man sich nur wünschen kann, dass sie niemals zur Realität wird. Mit ihrem einfühlsamen und detailverliebten Schreibstil durchläuft der Leser und die Leserin zwei Erfahrungswelten: Zum einen eine angsteinflößende, da Agustina mit präziser Genauigkeit die Handgriffe beschreibt, die es die Schlachter am Hof kostet, den gezüchteten Menschen in etwas Essbares zu verwandeln, zum anderen eine wahrhaftig gefühlvolle, da Einsicht gegeben wird in Marcos von Verzweiflung und Traurigkeit durchwirkte Welt und das mit großer emotionaler Intensität.

Es ist ein Buch, das eine der wichtigsten und aktuellsten Thematiken in ein ganz neues Licht rückt. Ein Buch, das wachrüttelt, zur Reflexion anregt und an Moral appelliert. Es ist dazu gemacht worden, es abstoßend und zugleich großartig zu finden.

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Gespräche aus der Community

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Cover des Buches Wie die Schweine (ISBN:undefined)

Als Produktionsleiter eines Schlachthofs ist Marcos für alles zuständig: die Kontrolle der eingehenden Waren und die Verhandlung mit Zulieferern, die Überwachung des korrekten Schlachtvorgangs, die Qualität des Fleisches, die Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften. Klingt nach Alltag in der Fleischproduktion – bis auf den Umstand, dass das, was Marcos verarbeitet, menschlich ist.

Darf’s noch ein bisschen Mensch sein? 

Als Produktionsleiter eines Schlachthofs ist Marcos für alles zuständig: die Kontrolle der eingehenden Waren und die Verhandlung mit Zulieferern, die Überwachung des korrekten Schlachtvorgangs, die Qualität des Fleisches, die Umsetzung der gesetzlichen Vorschriften. Klingt nach Alltag in der Fleischproduktion – bis auf den Umstand, dass das, was Marcos verarbeitet, menschlich ist.

Agustina Bazterrica erzählt in ihrem schockierenden und erkenntnisreichen Roman von einer Welt, in der Menschen Wie die Schweine zum Fleischverzehr gezüchtet werden und hinterfragt damit unseren täglichen Fleischkonsum und unsere Konzepte von Moral und Empathie.


Heftig, magnetisch, beunruhigend – der Roman des Jahres. Culturamas


Worum geht’s genau? 

Weil sich alle Nutztiere mit einem Virus infiziert haben, der für den Menschen tödlich ist, kann man in der Welt von Marcos keine Tiere mehr essen. So lautet zumindest die offizielle Version. Andere glauben, der Verzehr von Menschenfleisch sei legalisiert worden, um die Überbevölkerung zu stoppen und den Planeten zu retten. Marcos hat sich mit den neuen Gesetzen zum Fleischkonsum arrangiert. Er hat die Familienschlachterei auf die Produktion von Menschenfleisch umgestellt. Das Geschäft floriert. Woher das Fleisch kommt, dass er verarbeitet? Es wird gejagt – oder unter schockierenden Umständen, wie wir sie aus der Massentierhaltung kennen, gezüchtet.

In Wie die Schweine entwirft die argentinische Autorin Agustina Bazterrica eine erschreckende Welt, die sich von unserer Realität nur in einem einzigen Punkt unterscheidet: dass statt tierischen Produkten Menschenfleisch verzehrt wird.

Dieser radikale und schockierende Roman ist nichts für schwache Nerven: Nach der Lektüre wirst Du Deine Einstellung zum Fleischkonsum ganz sicher noch einmal überdenken.


Bist Du bereit, Marcos durch seinen Alltag auf dem Schlachthof zu begleiten? Dann schau doch mal in die Leseprobe »

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