Was ist dieses kleine Buch? Ein Abenteuerroman? Eine psychologische Studie auf der Suche nach einem verschütteten Leben? Die Geschichte eines Mentizids?
Es beginnt und endet in Frankreich in Form eines Dialogs zwischen Baptiste alias Yumai und einem Therapeuten und wird alternierend immer wieder unterbrochen durch Textpassagen, die das Leben des jungen Protagonisten in einer Extremsituation widerspiegeln.
Baptiste, 14 Jahre alt, kann sich nur bruchstückhaft erinnern: seine Eltern, seine Brüder und er sind unterwegs in der Wüste, ohne wirklich auf das Geschehen vorbereitet zu sein, weder auf eine Entführung noch auf andere Gefahren. Er selbst nennt sich Yumai, der Fuchs, und behauptet, Baptiste sei gestorben, nachdem sie ihm diesen Namen gegeben hätten. Sie, das sind die Entführer, die sich ein gutes Lösegeld erhoffen und sich zugleich als muslimische Gläubige gerieren. Sie, das sind der Anführer Amir, der grausam und herrisch, aber auch sanftmütig sein konnte und seine Gefolgsleute. Yumai wurde sein Kriegername, er wäre die erste Geisel im richtigen Alter, um zu einem Krieger transformiert zu werden. Er musste Arabisch und Koransuren lernen; dazu ein starkes Bild: der Entführer lässt die Geisel bei Mondlicht den Koran rezitieren.
Für Yumai war die Wüste nicht die Hölle, sondern unberührte Weite, eine freie Landschaft, nur von Wind und Sonne geformt.Er verspürte tiefe Einsamkeit, aber auch tiefe Glücksgefühle. Eine Lost in space-Situation.
Er erinnert Details wie die magischen Sterne der Nacht, das Glücksgefühl bei Schatten am Tag, der Frische des Wassers; die Milliarden Sterne am Himmelszelt gaben ihm Trost. Und die Faszination der Höhle, (als Höhle der Schwimmer und der Bestien tatsächlich im Gilf el Kebir existent) in der er einige Tage allein als Initiationsritus verbringen musste: deren Felszeichnungen gaben ihm trostreiche Freude. Die Entdeckung der Tausenden von Händen, von Giraffen, Gazellen, Elefanten, Dromedaren, Hunden, Straussenvögeln. Von Menschen, die jagten, tanzten und sogar schwammen.
Immer wieder bohrt der Therapeut nach und ganz langsam lösen sich die Gedächtnislücken auf. Baptiste hatte kein enges Verhältnis zu seinen Eltern, die einem religiösen Wahn verfielen und beteten und beteten um Vergebung für ihre Sünden. Vielleicht war diese Distanz zu den Eltern ein unbewusster Grund, dass er sich immer mehr an sie gebunden fühlte. Eine Art Stockholm-Syndrom. Und natürlich die Pillen, die Mut- und Glückspillen, mit denen sie sich vollpumpten. So wurde ihm beigebracht zu töten. Ich müsste töten können, um zu überleben. Keine Gedanken mehr an die Eltern nach der Trennung voneinander, nur des kleinen Bruders Louis letzter Blick voller Schrecken und Entsetzen verfolgte ihn und er fragte sich, was ihm geschehen war….Louis wusste nicht, dass er nicht mehr Baptiste war, sondern Yumai, der Kindersoldat mit den blonden langen Haaren.
Ein zweiter Aufenthalt in der Höhle. Er schneidet und ritzt sich mit seinem Messer, das schon blutgefärbt war. Wovon? Eine Hand im Inneren der Grotte, so groß wie seine, daneben eine kleinere, auf die er seine blutbefleckte Hand legte. Immer wieder zog es ihn zu seiner blutbesudelten Hand auf dem Fels. Stunden des Wandern und Entdecken neuer Gestalten. „Mutu", dessen Silhouette anders war, mit der Botschaft, sein wahrstes Inneres zu verbergen. Er wollte der Erste und Einzige sein, der dieses Höhlen-Bilderbuch liebte und bewahrte.
Man fand Yumai/Baptiste bewusstlos, vollgepumpt mit Schlafmitteln neben einem Brunnen. Mit einem Video-Chip in der Tasche. Von seiner Familie keine Spur….
Ein aufwühlendes Buch. Man kann sich hinein fühlen in die verlorene Seele eines Kindes, das sich der Manipulationen durch Pillen, Hasch und Predigten nicht erwehren kann, vielleicht auch nicht erwehren will? Was versprachen sie ihm? Paradiesische Gärten mit Huris, wie zur Zeit der Assassinen oder fand Baptiste/Yumai sein Paradies in den Höhlen der Vorzeitmenschen? Viele offene Fragen, die zum Nachdenken anregen über Extremsituationen, über die Naivität mancher Reisender, über religiöse und psychologisch Gehirnwäsche, über die eigene Standhaftigkeit, über das Sterben und den Tod: „Bei uns stirbt man im Bett, im Krankenhaus oder Altersheim. Meine Großmutter hat schon das Heim besichtigt, wo sie sterben wird. Das ist die sanfte Version eines zum Tode Verurteilten, den man sein eigenes Grab schaufeln lässt.“

