Utopie oder existenzielle Notwendigkeit? - Antwort: beides!
Dass sich etwas Grundlegendes in der Welt, in der Gesellschaft, in uns ändern muss, das ist den meisten Menschen heute klar. Zumindest jedoch können sich viele eines komischen Gefühls nicht mehr erwehren. Da kommt ein Buch, das nichts Geringeres als einen Systemwechsel zum Thema hat, gerade recht.
Lieberg beginnt damit, seinen Lesern die Probleme unseres Planeten vor Augen zu führen. Viele Punkte sind einem bekannt, doch erweitert er das allgemein Bekannte um weitere Details. Die Prägnanz, mit der der Autor seinen Lesern die Probleme sachlich und nüchtern präsentiert, verfehlt ihre Wirkung nicht. Ich habe bisher noch in keinem Buch eine solch detaillierte Auflistung globaler Probleme gesehen. Und das meine ich wörtlich: Lieberg verwendet viele Aufzählungen und spart damit an ausschweifenden Formulierungen, Übergängen etc. All dies mit der Folge, dass uns die Probleme schonungslos, gar erschreckend, gegenübertreten. Damit eignet sich sein Werk auch wunderbar als Nachschlagewerk für Diskussionen.
Für Lieberg braucht es einen radikalen Tabubruch, sollen die weltweiten Probleme gelöst werden. Er ist kein Fantast. Ihm ist klar, dass dies nicht von heute auf morgen geschehen - ja, es sogar mehrere Generationen dauern - kann, bis ein solcher in Etappen stattfindender Wechsel vollzogen ist. Neben all den Baustellen, die es auf diesem Weg hin zu einer besseren und gerechteren Welt zu bearbeiten gibt, sieht der Autor als Grundbedingung einen radikalen Ideologie- und Wertewandel. Und zwar einen, dessen Keim in der Erziehung unserer Kinder gepflanzt werden muss. Denn hier werden Denkstrukturen, Werte, Handlungsmuster usw. geformt. Nur hier kann einem persönlichen Machtstreben und einem egozentrischen Weltbild begegnet werden. Was sich vielleicht wirklich utopisch anhört, ist bei genauerer Betrachtung gar nicht so weit weg von realen Prozessen. Dass unser Bildungssystem in der Kritik steht, wissen wir nicht erst seit heute. Mittlerweile haben sich auch wissenschaftliche Stimme zu Wort gemeldet: So beispielsweise Manfred Spitzer, Joachim Bauer oder Gerald Hüther. Ihnen ist bewusst, dass wir durch unser Beharren an dieser Ich-Ich-Ich-Mentalität nicht nur unser Zusammenleben erschweren, sondern auch die Möglichkeit verspielen, grundlegende Strukturen zu verändern. Vielleicht tritt Liebergs Vision hier gerade mit zarten, vorsichtigen Schritten in Richtung Umsetzung. Man mag es ihr wünschen.
Dennoch: Seine beiden letzten Kapitel "Die gesamtgesellschaftliche Moderne: Worum es geht?" und "Transformation und Übergang in ein neues System" bleiben für meine Ohren (noch) eine schöne aber kaum zu realisierende Zukunftsversion. Das mag nicht schlecht sein. Immerhin kann uns diese Vision die Richtung vorgeben, wohin wir uns als Gesellschaft bewegen müssen. Leider fehlt es ein wenig an konkreten Handlungsempfehlungen, die von jedem einzelnen aber auch von politischer Seite konkret angegangen werden können; auch wenn der Autor selbst schreibt, dass die Punkte in seinem Buch noch explizit vertiefet werden müssten.
Mit dem Untertitel seines Buches stellt Lieberg die Frage, ob ein Systemwechsel eine Utopie oder eine existenzielle Notwendigkeit sei. Diese Frage suggeriert, wir müssten eine Entscheidung treffen? Ist der angedachte Wechsel entweder eine Utopie, oder eine existenzielle Notwendigkeit? Genau genommen ist er beides. Notwendig, weil wir alle wissen, wohin ein Beibehalten der Marschrichtung führt. Utopie, weil ein Wechsel, also eine Veränderung hin zu der von Lieberg skizzierten Gesellschaft soweit entfernt vom Status quo ist, dass uns dieses Vorhaben leicht als zu groß erscheinen mag. Und dennoch: Wir müssen uns mit dieser Thematik beschäftigen. Mehr noch, wir müssen anpacken! Alleine schon unseren Kindern und Kindeskindern zuliebe. Dieses Buch sollte zur Pflichtlektüre für jeden Politiker werden.