Ich möchte diese Rezension sehr kurz halten, denn ansonsten würde sie ausufern bis in ungeahnte Richtungen, Weiten, Ideen. Das verdanke ich nicht allein meiner Phantasie, sondern dem wunderbaren, vielschichtigen und inspirierenden Buch von Manguel. Ich habe es jetzt gerade zum dritten Mal gelesen und noch immer kann ich nicht alles zusammenfassen, sortieren, was dieses Buch in mir angestoßen hat, welche Schönheit sich in ihm entfalten kann und welche Courage und unaufdringliche Gelehrsamkeit es ausstrahlt.
In fünf Kapiteln fasziniert uns Manguel mit Geschichten rund um die Gesellschaft und wie die Wahrnehmung der Kunst diese spiegelt, analysiert, ausdrückt, abbildet, assimiliert und imaginiert. Die Fülle der Gedanken und Themen, die er dazu benutzt - vom Gilgamesch-Epos über Mythen der Eskimos, mit Zitaten a la Borges (Manguel ist für mich der einzige Schriftsteller, der sich einer gewissen Ähnlichkeit mit Borges rühmen kann), Auden und Vergil, bis zu Kubricks Computer Hal und mittelalterlichen Fälschungsgeschichten aus dem maurischen Spanien - spinnen einen ein in großes Netz aus Kultur und Faszination.
Man könnte Stadt aus Worten als ein Plädoyer bezeichnen. Und viele der Geschichten sind lehrreich was das Zusammenleben betrifft, ebenso lehrreich in Bezug auf die Möglichkeiten, die in Geschichten stecken, uns selbst und das Fremde aufeinander zuzubewegen und beides kennenzulernen. Aber trotzdem ist Plädoyer zu eng gegriffen. Dieses Buch ist ein Essay und ebenso eine Erzählung. Es ist eine Vorlesung, die einem vorkommt wie etwas, dass man jemandem teilweise als Gutenachtgeschichte vorlesen könnte. Es ist eine Liebeserklärung an die Differenz, die die Literatur ins Leben bringt und doch auch an alles, was sie vereinen kann. Es ist, schlicht und ergreifend, ein wunderbares Buch, eine wunderbare Lektüre!
Alberto Manguel
Lebenslauf
Quelle: Verlag / vlb
Alle Bücher von Alberto Manguel
Eine Geschichte des Lesens
Die Bibliothek bei Nacht
Tagebuch eines Lesers
Die verborgene Bibliothek
Zwei Liebhaber des Schattens
Alle Menschen lügen
Eine Stadt aus Worten
Neue Rezensionen zu Alberto Manguel
"Man kann das Leben, diese einmalige Kutschfahrt, nicht neu beginnen, wenn es vorüber ist; aber wenn man ein Buch in der Hand hält, ganz gleich, wie schwierig es zu verstehen ist, kann man am Schluss zum Anfang zurückkehren, von vorn beginnen, um das Schwierige und damit das Ganze Leben zu begreifen."
Orhan Pamuk
Es gibt kaum ein Buch, das ich je mit so großem Wohlbefinden gelesen habe wie Alberto Manguels "Eine Geschichte des Lesens". Es ist, um es schlicht und einfach zu sagen, ein wunderschönes Buch. Ein Werk hinter dem dieselbe Botschaft steht, die Manguel auch in seinem großartigen Eine Stadt aus Worten herausarbeitet: Sprache ist Leben, ist Kommunikation, ist Grundzug der menschlichen Wahrnehmung, Deutung, des existenziellen Erlebens.
"Ich habe die Welt in den Büchern kennengelernt: dort war sie assimiliert, klassifiziert, etikettiert, durchdacht, aber immer noch ungeheuer."
Jean-Paul Sartre
In diesem Buch begegnen einem viele Geschichten. Es ist eine Geschichte des Lesens und gleichsam eine Anekdotensammlung des Lesens, ein Philosphie des Lesens, eine Reflexion des Lesens, eine Landkarte des Lesens, eine Analyse des Lesens und eine Eroberung des Lesens. Und naturally eine Liebeserklärung an das Lesen.
Denn vor allem sind Literatur und Lesen etwas Lebendiges, nichts Totes, wie es manchmal hingestellt wird.
"Mit Hilfe seiner Ignoranz, seines Glaubens, seiner Intelligenz, mittels List und Tücke und dank seiner Phantasiebegabung schreibt der Leser den Text neu. Er hat denselben Wortlaut, wir aber von einem anderen Leitgedanken durchsetzt, und so schafft sich der Leser den Text neu, indem er ihn aus den Buchseiten ins Leben ruft.
[...]
Ordnet man Gullivers Reisen von Swift der schöngeistigen Literatur zu, wird daraus ein humoristischer Abenteuerroman; reiht man ihn in die Soziologie ein, ist er eine Satire auf das England des 18. Jahrhunderts; als Kinderbuch enthält er lustige Geschichten über Zwerge und Riesen und sprechende Pferde; unter der Rubrik Phantastik wird er zum Vorläufer des Science-Fiction-Romans; unter Reisen zur Beschreibung einer imaginären Reise; unter Klassik zu einem Spitzenwerk der abendländischen Literatur."
Manguel ist eine nicht akribische, sondern magische Biographie des Lesens gelungen. Ein tiefes Buch, das sich trotzdem mit großem Lesehunger weglesen lässt. Eine Sammlung voller faszinierender Detail, die sich aber in einem Ganzen bewegt, dem Wesen des Lesens.
Ein Buch, das zum Schmökern und gleichsam zum Schwelgen einlädt.
"Doch in jedem Fall ist es der Leser, der den Sinn in die Zeichen hineinliest, der einem Gegenstand, Ort oder Ereignis die Lesbarkeit abgewinnt. Der Leser ist es, der einem System von Zeichen Bedeutung beimessen muss, um es zu entziffern. Wir alle lesen in uns und der uns umgebenden Welt, um zu begreifen, wer wir sind und wo wir sind. Wir lesen, um zu verstehen oder auf das Verstehen hinzuarbeiten."
"Sieh, so ist die Natur ein Buch, lebendig,
Unverstanden, doch nicht unverständlich."
Walt Whitman
„Indem wir Wörter mit Erfahrungen paaren und Erfahrungen mit Wörtern, durchforschen wir Leser die Geschichten, in denen etwas nachhallt, die uns auf eine Erfahrung vorbereiten oder uns von packenden Abenteuern erzählen, die wir niemals anders erleben werden (wie wir nur zu gut wissen) als auf dem Papier. Dementsprechend ändert sich mit jeder Lektüre unsere Vorstellung von dem Buch, das wir uns vorgenommen haben.“
Seit ungefähr zwei Jahren zähle ich den Literaturliebhaber und vielseitigen Essayisten Alberto Manguel zu meinen Lieblingsautoren; für mich stehen seine Bücher gleichberechtigt neben den (natürlich umfassenderen, universelleren) Essay-Werk von Jorge Luis Borges (Borges verliebt sein ist einer der Essays in diesem Band gewidmet). Ich kann nur jedem empfehlen "Die Bibliothek bei Nacht", "Eine Geschichte des Lesens" und, allen voran, das Büchlein "Eine Stadt aus Worten" zu lesen. Viel Feinsinn und viel Anregung erwarten alle Lesenden.
„Im Spiegelreich“ habe ich in den letzten beiden Jahren immer wieder gelesen, mal einen Text, mal hundert Seiten am Stück, mal nur eine Passage; das Buch blieb eine Fundgrube, eine immer wieder gern zur Hand genommene Beschäftigung und ich habe mich auf sehr unterschiedliche Weise mit den Texten auseinandergesetzt.
Ich möchte nicht die ganze Geschichte dieser Auseinandersetzungen hier auswälzen. Fest steht, dass in diesem Buch eine Sammlung von Artikeln, Betrachtungen, Portraits, Rezensionen und Essays zusammenkommt, die eine beachtliche Anzahl von Ideen & Ansätzen zur Literatur und ihrer Umgebung ausarbeitet, bedenkt und widerspiegelt; mannigfaltiger als bei jedem anderen Band, den ich kenne. Letzteres ist nicht nur ein Qualitätsmerkmal, denn mancher Gesichtspunkt ist weniger gut ausformuliert, mancher Text hat eher den Charakter eines Einwurfs, einer Anmerkung oder verliert sich in seiner Agitation.
Nichtsdestotrotz: ein paar dieser Texte sind Gold wert. Sie umkreisen politische, ästhetische, gesellschaftliche, historische und biographische Dimensionen, fesseln manchmal durch das Beziehen einer klaren Position, oft aber auch durch das feine und nicht abschließend wertende Ausloten und -balancieren einer Idee. In jedem Fall enthalten Manguels Exkurse und Meditationen die eine oder andere Epiphanie.
„Wahres Erleben und wahre Kunst (mag dieses Adjektiv auch noch so unbequem geworden sein) haben eines gemeinsam: Sie umfassen immer mehr, als wir begreifen, mehr sogar als unsere Begriffsfähigkeit. Ihre Dimensionen liegen immer ein wenig außerhalb unserer Reichweite, wie es die argentinische Dichterin Alejandra Pizarnik einmal beschrieb:
Und wenn die Seele fragen würde, um wieviel weiter? Müsstest du antworten: Bis zum anderen Ufer des Flusses, aber nicht dieses Flusses, sondern des Flusses danach.“
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