Albrecht Haushofer

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Autor*in von Moabiter Sonette.

Lebenslauf

Albrecht Haushofer, 1903 in München geboren, 1945 in Berlin- Moabit erschossen, Geograph und Historiker, zunächst Dozent an der Hochschule für Politik in Berlin und Berater der Dienststelle Ribbentrop, später Professor für Geographie an der Berliner Univer- sität, suchte seit Beginn des Zweiten Weltkriegs verstärkt den Kontakt zum Deutschen Widerstand, dem Kreisauer Kreis, der Gruppe um Carl Friedrich Goerdeler und Mitgliedern der Roten Kapelle. Seit 1941 politisch verfolgt und zeitweilig inhaftiert, wurde er 1944 nach dem Attentat auf Hitler in Bayern verhaftet und ins Gefängnis Berlin- Moabit gebracht, in dessen Nähe er kurz vor der Einnahme Berlins durch die Rote Armee von SS-Männern liquidiert wurde.

Quelle: Verlag / vlb

Alle Bücher von Albrecht Haushofer

Cover des Buches Moabiter Sonette (ISBN: 9783406794421)

Moabiter Sonette

(1)
Erschienen am 30.03.2023

Neue Rezensionen zu Albrecht Haushofer

Cover des Buches Moabiter Sonette (ISBN: 9783406794421)
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Rezension zu "Moabiter Sonette" von Albrecht Haushofer

Trishen77
Ein wichtiges Werk, sorfältig und gut editiert

       "So wenig in den stoffgebundnen Reichen,
Seit Schöpfertum im Sonnenkreis begann,
Ein Körnchen Staub verlorengehen kann,

So wenig darf ein Seelenhauch entweichen.
Wohin er weht, wenn er dem Leib entflieht -
Die Frage scheut, wer keine Grenze zieht."

Sonette sind eine Symbiose von Aufgang und Abklang, die dezente Verbindung von 14 Zeilen, denen es in genau dieser Länge gelingt ihre Idee oder ihr Bild zu vollenden. Es ist die vielleicht traditionellste lyrische Form Europas, wie es sich in seinen Traditionen lange Jahre entwickeln konnte bis zwei Weltkriege es in einen (auch kulturellen) Abgrund rissen. Einen Abgrund, der auch heute noch seine Scherben offenbart, die vielfach aufgelesen, aber auch vielfach vergessen werden. Letzte Botschaften dieses alten Europas sind Stefan Zweigs Erinnerungen ( Die Welt von Gestern ), einige Roman Joseph Roths und Alexander Lernet-Holenias und einige Gedichte Hermann Hesses oder Anna Achmatowas.

Albrecht Haushofer, mir vor diesem Buch nur wegen seiner Bekanntschaft mit Annemarie Schwarzenbach ein Begriff, lebte in der Zeit großer Umbrüche, von 1903 bis zu dem Tag, an dem er von SS-Schergen 1945 im zerstörten Berlin hingerichtet wurde. In der Haft in Moabit, wo er seit Herbst 1944 wegen des Verdachts der Mitwisserschaft beim Attentat auf Hitler vom 22. Juli 1944 einsaß, schrieb er diesen Zyklus aus 80 Sonetten. Eher Konservativ eingestellt, weitgereist und in vielen Bereichen begabt und gebildet, hält dieser späte Widerständler darin Eindrücke und Momente seiner Haft fest, aber auch seine Gedanken, die sich in Selbstzeugnissen und philosophischen Einfassungen niederschlage, aber auch in zentralen Themen, Geschichten und Erkenntnissen seines Lebens. So beschäftigen sich ein paar besonders gelungene Sonette mit Personen wie Thomas Morus oder Omar Khajjam.

Gerade in jenen zeigt sich die Stärke des Sonetts, wie es Ebenen von Gedanken, Wissen, Begebenheiten, lyrischer Art und strenger formaler Eleganz zu etwas verschnürt, was sich sehr leicht von jedem menschlichen Geist aufnehmen lässt. Allgemein hat der Reim ja eine unterschwellige Übertragungsmöglichkeit, die die Prosa oder der freie Vers, die meist aus offeneren Zusammenhängen bestehen, nicht immer erreichen können. Im Sonett wird diese Art der Erfahrung noch stärker zu einer Einheit verschmolzen - geometrisch gesehen sind Sonette Kreise, bei denen ja jeder Punkt auf der Oberfläche gleichweit vom Zentrum entfernt ist. Haushofer macht sich diese "Intensität" zunutze, um sehr eindrückliche Stimmen in jedes Sonett zu packen, die teilweise abgekapselt an Dinge seines Glücks anschließen, teilweise offen sind und mit dem Ort der Niederschrift untrennbar verbunden sind.

"Von denen, die sich die Wache teilen,
Spielt einer Geige. Manchmal klingts herauf,
Ein harter Griff, ein holpriger Lauf,
Und dennoch lässt es mich im Geist verweilen.
[...]
Musik im Schatten der Gefängniswände.
Von Mozart war die letzte Melodie -
Und Mozart - Nein: Gescholten hätt er nie!"

Weisheit ist schwerer, als sie augenscheinlich anmutet; sie enthält fast nur Botschaften der leichtesten Art und ist gerade deswegen schwer zu erlangen und noch schwerer in eine so strenge Form wie das Sonett zu integrieren, bei dem jede Botschaft an das Konzept der abba Reime gebunden ist und wo meist nur die letzten zwei Zeilen für eine klare Perspektive auf alle Elemente des Textes sorgen können.

Auch deswegen ist dieser Sonettzyklus Haushofers ein beeindruckendes Werk. Man würde (rein von Form und Vollendung, vom Inhalt abgesehen) meinen diese 80 Texte seien in langen Jahren der asketischen Zurückgezogenheit in einem Landhaus entstanden, unter der ruhigen Hand der Freiheit, vielleicht im Garten über viele Stunden ausgefeilt worden, fast schon glanzvoll in ihrem natürlichen Gefüge. Szenen wie aus dem Gedicht "Spatzen", welches die einfache Beobachtung eines Spatzenpaars, das sich vor dem Gitterfenster der Zelle zankt und begibt, auf ganz und gar "runde" Weise einfängt, hält und doch loslässt, bleiben einem nachhaltig in Erinnerung und sind doch nur einem einfachen Bild entsprungen. Einem Bild für das Haushofer ein unnachahmliches metrisches Äquivalent fand, glatt und doch tief, eindrücklich und schlicht als wäre man selbst kurz im Bilde

"Die Wächter die man unsrer Haft gestellt,
sind brave Burschen. Bäuerliches Blut,
herausgerissen aus der Dörfer Hut
in eine fremde, nicht verstandne Welt."

Auch, last but not least, die Vielschichtigkeit (wie bereits oben erwähnt) hebt diese Sonette über den Rang einer bloßen Haftniederschrift hinaus. Ein tibetisches Geheimnis, eine persische Legende, Parabeln, Geschichten, finden sich hier ebenso wie einige fast schon analytische Gedichte über den Krieg und die Verwerfung, dem großen Niedergang, der an der Kante dieses Zeitalters bereitsteht und einem Gedicht über Gerechtigkeit im Tod am Beispiel Roland Freisslers, zusammen mit Eindrücken von Bombennächten, Krähen und besinnenden Selbstbekenntnissen. Alles in einem Band, in einer Zeit, die Summe eines Lebens, die Gedankenkreise eines Häftlings, der aus seiner Zelle heraus noch einmal alle Partituren dieses Lebens spielt.

"Doch schuldig bin ich. Anders als ihr denkt!
Ich musste früher meine Pflicht erkennen,
Ich musste schärfer Unheil Unheil nennen,
Mein Urteil hab ich viel zu lange gelenkt..."

Am Ende sind diese Sonette vor allem eine großartige Lektüre, nicht einmal bloß der Schönheit, sondern viel mehr verpflichtet. Im Bezug zu ihrer Entstehung bergen sie hier und da auch eine (immer zart bleibende) Rührung, aber vor allem sind sie ein Zeugnis für das Überleben von allem, was uns mit der Welt im Guten verbindet, selbst wenn wir in schlechten Zeiten gefangen sind. Zeiten, über die Haushofer, fast schon lakonisch, schrieb:

"Es gibt wohl Zeiten, die der Irrsinn lenkt.
Dann sind’s die besten Köpfe, die man henkt."

Die Editierung, da kann ich mich meinen Vorrezensenten anschließen, ist sehr gelungen, auch das Nachwort, das als eine kleine Biografie Haushofers gelten kann, ist sehr hilfreich und informativ. Namen und Anspielungen werden ebenfalls in einer kleinen Sammlung von Anmerkungen erläutert.

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