Aleida Assmann Ist die Zeit aus den Fugen?

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Inhaltsangabe zu „Ist die Zeit aus den Fugen?“ von Aleida Assmann

Wie einst für Hamlet ist heute die Ordnung der Zeit aus den Fugen geraten. Die Zukunft hält nicht mehr, was sie einmal verspochen hatte, die Gegenwart ist unübersichtlich geworden und die Vergangenheit gibt keine Ruhe und kehrt in vielfältigen Gestalten zurück. Der Grund für dieses temporale Chaos ist der Niedergang des modernen Zeitregimes, das uns bis vor kurzem auf die Zukunft ausgerichtet hatte und die Vergangenheit vergessen ließ. Aleida Assmann blickt zurück auf diese Zeitordnung der Moderne und beschreibt ihre Orientierungskraft an Beispielen aus der Geschichte und der Literatur. Sie fragt nach den Gründen für die Krise des modernen Zeitregimes und zeigt, welche Erfahrungen zu seinem Niedergang geführt haben.

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    Ist die Zeit aus den Fugen?
    michael_lehmann-pape

    michael_lehmann-pape

    31. October 2013 um 11:08

      „Das es die Kinder mal besser haben“, ist ein geflügelter Satz, der über Jahrhunderte hinweg das Zeitempfinden der Menschen gut in sich zusammenfasste. „Nach vorne“ hin war man orientiert. Sicherung des Lebens, in der Moderne Teilhabe, Erwerb an „mehr Wohlstand“, dem Fortschritt vertrauend.   Diese weitgehend optimistische Grundhaltung der Zukunft gegenüber, die in konkreter Form u.a. den „amerikanischen Traum“ als Leitplanke der modernen Welt formulierte, ist nachhaltig in den letzten Jahrzehnten ins Wanken geraten. Die Fragilität der Lebensform, die hohe Unsicherheit, was die Zukunft betrifft, bricht sich mehr und mehr Bahn.   Aber auch die Vergangenheit lässt nicht einfach los. Überwunden geglaubte Haltungen und Bedrohungen, Gier und feudalistische Strukturen und vieles mehr treten immer wieder auf.   Die Gegenwart zudem ist ebenfalls kein Hort der Gewissheit oder Souveränität. Weder gesellschaftlich noch individuell sind die Abläufe klar zu durchschauen. Informationsflut, ständige und rasante Veränderungen in Bezug auf Wirtschaft und Arbeitswelt, politische Unruhen, ein „sicherer Ort“ ist auch das „Heute“ nicht unbedingt.   Bobachtungen, die Assmann zusammenfasst, näher beleuchtet, in ihren Entwicklungen dem Leser erläutert und sodann ihre Schlüsse daraus zieht und präsentiert.   „Es war einmal in den strahlenden 60ern, da gab es noch eine Menge Zukunft im Angebot“.   Ob da gleich nun die „Zeit aus den Fugen“ gerät, das mag dahin gestellt sein (der Titel wirkt ein wenig marktschreierisch), doch in klaren Argumenten, vielfachen Beispielen und einem sachlichen Blick auf die „Befindlichkeit der Zeit“ bietet die Lektüre des Buches doch erheblichen Gewinn und zunehmende Klarheit für den Leser.   Denn das sich das „temporale Zeitgefüge“ gerade in den letzten Jahrzehnten erkennbar verändert hat, dass ganz neue Begriffe (z.B. „kollektive Identität“ oder auch „Erinnerungskultur“) sich gebildet haben und eine solche Verschiebung der Gewichtung zwischen den Zeitebenen Folgen für die „Befindlichkeit“ und die „innere Ausrichtung“ der Gesellschaft mit sich bringt, das erweist Assmann eindrucksvoll und nachvollziehbar.   So arbeitet sie an vielfachen Rückblicken und ebenso vielfachen Orten heraus, was sie das „Zeitregime der Moderne“ nennt. Eine Haltung, die eben erst dann deutlich wird, wenn man den aktuellen Zustand an den klaren „zukunftsorientierten“ Strukturen der Vergangenheit spiegelt und die Unterschiede scharf stellt. Um daran dann abzulesen, dass die „Aktie Zukunft“ sich erschöpft hat im technischen Fortschritt, den ökologischen Bedrohungen und den ökonomischen Engpässen.   Worauf sich die Frage erhebt, ob nun ein „Rückgriff“ auf „alte Kulturen“ bevorsteht, welche ihre Werte aus einer gesicherten Vergangenheit heraus für die Zukunft festsetzten, bevor die Moderne ihre Wertschöpfung ganz auf die erwartete „bessere“ Zukunft hin abstellte.   In einer, auch in der Sprache, sehr anspruchsvollen Reise durch die Kulturgeschichte, von Bloch zum Konstruktivismus, von traditionsverhafteten Gesellschaftsformen hin zu „vergangenheitslosen“  Fortschrittsfanatikern geht Assmann dem „Aufstieg und Fall des modernen Zeitregimes“ nach.   Sie bietet keine einfache Kost, das Buch stellt durchaus teils hohe intellektuelle Anforderungen an den Leser, bietet dafür aber auch eine intensive und in dieser Form seltene Reflektion dessen, was den aktuellen „Zeitgeist“ und damit den „inneren Kompass“ vieler Menschen mit bestimmt und ausmacht.   Vielleicht liegt der konstruktiver Umgang mit dem Befund tatsächlich dann in jener „affektiven Bindung an Bestehendes und Vergangenes“, welches Assmann zum Ende des Buches hin als „anderen Weg“ auffährt.   Anspruchsvoll, fundiert und sorgfältig arbeitet Assmann das „Zeitgefüge“ heraus, verbleibt ein wenig zu sehr auf dem „Bruch des Zeitregimes der Moderne“, bietet ihre Inhalte teils sehr komplex an, ist aber im Buch jederzeit in der Lage, den Leser mit hineinzunehmen in die Frage der „Zeitbewertungen“ und deren Bedeutung für das „ganz normale, alltägliche“ Leben. Auf diese Weise bietet Assmann einen interessanten „Unterbau“ für die aktuelle gesellschaftliche Reibung zwischen einem „weiter so“ und einem „anders als bisher“.

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