Soderle. Also dieses Buch war wirklich wieder etwas Besonderes! Wieso?
Weil es sich zwischen zwei Genres bewegt: Memoiren und True Crime. Diese Kombination aus persönlich eingefärbter Erinnerung und wahrheitsgetreuer Berichterstattung über ein reales Verbrechen hat mich echt gefesselt und sehr begeistert! Wenn du bisher dachtest, dass True Crime voyeuristisches Gruseln mit Podcast-Charme sei, dann bereite dich darauf vor, eines Besseren belehrt zu werden! Dieses Buch zeigt, was es wirklich sein kann.
Aber erst mal kurz worum es geht. Keine Sorge, ich versuche nicht zu sehr zu spoilern!
Alexandria Marzano-Lesnevich, selbst Kind zweier Anwälte, tritt ein Praktikum in einer Kanzlei in Louisiana an, die sich gegen die Todesstrafe einsetzt. Als sie eines Tages die Videoaufzeichnung eines verurteilten Kindermörders namens Ricky Langley sieht, verspürt sie den überwältigenden Wunsch, dass er hingerichtet wird. Und das, obwohl sie doch genau das bekämpfen wollte. Dieser Moment des inneren Widerspruchs ist der Ausgangspunkt für alles, was dann folgt. Schockiert von ihrer Reaktion recherchiert sie tief in den Fall und stößt auf frappierende Parallelen zu ihrer eigenen Kindheit, in der sie von ihrem Großvater sexuell missbraucht wurde. Das Buch erzählt beide Geschichten parallel: den Mordfall und ihre eigene. Das ist wirklich keine leichte Kost und man wird als Leser:in recht häufig auf die Probe gestellt - vor allem moralisch. Ich hab mich oft gefragt, wie ich zu solchen Fällen stehe und wie sich der Blick auf das Ganze ändert, je tiefer man in die Historie, Beweggründe und das andere Leben eintaucht und die Umstände, die es beding(t)en.
Was das Buch für mich so besonders machte war, dass es Marzano-Lesnevich nicht darum geht, das voyeuristische Bedürfnis der Leserschaft zu befriedigen oder einen Fall aufzuklären. Ihr geht es darum, selbst zu verstehen, und sie lässt uns daran teilhaben, dass es bei der Betrachtung eines Angeklagten immer auch darauf ankommt, was der Betrachtende in dieser Person sieht. (Zumindest ist das meine persönliche Wahrnehmung nach dem Lesen.) Wir beurteilen einander (zu) oft durch die Linse unserer eigenen Vergangenheit und wir tun das so selbstverständlich, dass wir ein Rechtssystem brauchen, das vorgibt, genau das nicht zu tun. (Wenn man länger drüber nachdenkt, ist diese Tendenz sehr beängstigend.)
Wer das hier lesen mag, muss aber auch wissen, dass das Buch polarisiert. Wer ein klassisches True-Crime-Buch erwartet (Spannung, Aufklärung und ein konkretes Verbrechen im Zentrum) könnte sich ggf. ein bisschen verloren fühlen. Manche Leser empfinden den Text vielleicht auch als langwierig und ausschweifend, weil das eigentliche Verbrechen immer wieder hinter der Reflexion der Autorin zurücktritt. Das Thema ist außerdem schwer: sexueller Missbrauch, Kindesmord, Todesstrafe. Und das alles gleichzeitig, immer in Nahaufnahme. Das ist kein Buch für eine entspannte Abendlektüre nach deinem aufregenden Arbeitstag.
Wenn dich Bücher interessieren, die Genres sprengen und solche Themen wie Schuld und Gerechtigkeit und Recht reflektieren, dann ist das wirklich die perfekte Lektüre. Die Frankfurter Rundschau schrieb zum Beispiel, dass man in jeder Zeile das Ringen um Rekonstruktion, Nuancen und unbedingte Einfühlung spüren könne. Wer das sucht, wird hier reichlich belohnt. Es ist auch ein Buch für Menschen, die selbst wissen, was es bedeutet, eine Geschichte über sich selbst immer wieder neu erzählen zu müssen.
Weniger geeignet ist dieses Buch allerdings für Menschen, die sich selbst gerade in einer belastenden Phase befinden, oder wenn True Crime primär als Spannungsunterhaltung gesucht wird. Dann wird das hier nicht die richtige Lektüre sein und das wäre schade, denn dieses Buch verdient es, verschlungen zu werden.
Wirklich: Große Leseempfehlung!


