Kampfsterne

von Alexa Hennig von Lange 
4,1 Sterne bei71 Bewertungen
Kampfsterne
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Den Reigen aus Einzelschicksalen verdichtet Alexa Hennig in einer lakonisch verknappten Sprache meisterhaft.

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Philosophierende Kinder und endlos jammernde Erwachsene. Sinn- und ziellos verlaufendes Vorstadtdrama ohne Mehrwert.

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Inhaltsangabe zu "Kampfsterne"

1985 – Es ist ein verrückter, heißer Sommer, in dem Boris Becker Wimbledon gewinnt, vier Passagierflugzeuge innerhalb eines Monats abstürzen, alle großen Rockstars bei Life Aid für das hungernde Afrika singen und in einer Siedlung am Rand der Stadt drei Familien zu zerbrechen drohen.

Ulla und Rainer. Rita und Georg. Ella und Bernhard. Drei Paare. Mütter und Väter. Sie wohnen in dänischem Design, fahren nach Südfrankreich in den Urlaub, schicken ihre Kinder zum Cello-Unterricht und zum Intelligenztest. Sie versuchen, sich als aufgeklärte und interessierte Menschen zu beweisen, die das richtige Leben führen. Wo wäre das leichter als in den sorgenfreien Achtzigerjahren der Bundesrepublik? Und warum funktioniert es trotzdem nicht?

Alexa Hennig von Lange erzählt die Geschichte einer Generation von Eltern, die ein freieres Miteinander wollten. Der Ideologien, denen sie folgten. Der Liebe, die sie verband. Der Ängste, die sie hatten. Der Kindheit, die sie sich für ihre Söhne und Töchter wünschten. Der Fehler, die sie machten. Der Entschlüsse, die ihre Kinder deshalb fassten.

Buchdetails

Aktuelle Ausgabe
ISBN:9783832197742
Sprache:Deutsch
Ausgabe:Fester Einband
Umfang:224 Seiten
Verlag:DuMont Buchverlag
Erscheinungsdatum:09.10.2018

Rezensionen und Bewertungen

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    R_Mantheys avatar
    R_Mantheyvor 5 Tagen
    Gefangen im Ghetto der Lieblosigkeiten

    Was auf der öffentlichen Bühne des Lebens gespielt wird, vertuscht oft die Wirklichkeit. Manchmal mehr, manchmal weniger. Aber immer geht es um Beziehungen zwischen Menschen, die meistens nicht so verlaufen, wie es sich beide Seiten einst vorgestellt, erhofft oder gewünscht haben.

    Rita lebt mit einem Mann zusammen, den sie als Schwächling empfindet. Man schläft getrennt, weil man keine Lust mehr aufeinander hat. Doch irgendwie suchen die hormonellen Zwänge dann doch einen Ausweg aus ihrer Unterdrückung. Rita glaubt, dass sie es gerne mit Ulla treiben würde. Die ist so knackig und weiblich. Vielleicht hat ihr da auch der feministische Zeitgeist einen Streich gespielt, was dann übrigens die einzige Anleihe aus den letzten Zügen der 1980er Jahre im Westen Deutschlands wäre. Na ja, es mag auch sein, dass Ritas Interessen (oder das, was sie dafür hält) ihren Teil zur Verwirrung beigetragen haben. Sozialkram und Kunstgeschichte. Da steht man mitten im Leben.

    Auch Ritas Kinder sind nicht so geraten, wie sie es gerne hätte. Kein Wunder bei diesem Mann. Stattdessen beneidet Rita eben ihre "Freundin" Ulla wegen ihres tadellosen Körpers und ihrer kraftvollen Kinder. Aber Ulla muss sich mit Karohemden, Jeans und Männerstiefeln unkenntlich machen, damit kein anderer Mann nach ihr ein Verlangen entwickeln kann. Obendrein kriegt sie oft ein Veilchen verpasst, wenn sie nicht spurt. Dennoch verkündet sie, ihren gelegentlich grobmotorischen vorgehenden, angetrauten Naturburschen zu lieben. Auch wenn man das nicht richtig begreifen kann - ganz untypisch sind diese beiden Ehen nicht.

    Alexa Henning von Lange breitet diese zähe Gemengelage vor ihren Lesern aus. Ob sie nun vor vierzig Jahren angesiedelt ist oder in der Gegenwart, scheint dabei eigentlich unbedeutend, denn eine Änderung des Bühnenbildes würde das Stück nicht verändern. Lieblosigkeit ist eine Seuche, die sich von einer Familiengeneration auf die nächste weiterverbreitet. Wer als Kind keine Liebe kennengelernt hat, dem fällt es später meistens schwer, selbst liebevoll und einfühlsam mit seinen Kindern umzugehen. Beim Lesen dieses Buches kann man gewissermaßen in Zeitlupe dabei sein, und beobachten, wie sich diese Seuche auf die nächste Generation auszubreiten droht. Manchmal sind einige der potentiellen Opfer jedoch von Natur aus immun. Es bleibt zu hoffen, dass das auch hier so ist.

    Man wird in diesen Roman ansatzlos hineingeworfen und auch wieder ohne ein wirkliches Ende schlagartig hinauskatapultiert. So als ob man zeitweise das berühmte Mäuschen ist und dabei gleichzeitig in die Köpfe der Beteiligten schauen kann. Was passiert, wird stets aus der Sicht der Beteiligten erzählt. Eine interessante Methode, die passend gewählt wurde und dem Ganzen jegliche Glätte und Beruhigung nimmt. Im Fernsehen sieht man heute eine Weiterentwicklung dieses Stils, der dort Scripted Reality heißt, aber so ähnlich abläuft. Man sieht die Szenen und bekommt anschließend die Erklärungen und Sichtweisen einiger Beteiligter nachgeliefert. In diesem Buch erzählen die Beteiligten die Szenerie gleich mit ihrer Bewertung.

    Im völligen Gegensatz zu miserabel aufgeführten Fernsehsendungen gelingt es der Autorin jedoch auf beeindruckende Weise die handelnden Figuren präzise zu beschreiben und tatsächlich realitätsnah zu zeichnen. Dass es sich dabei um geradezu klassische Typen handelt, ist sicher kein Zufall. Wenn es das Ziel war, die kleinbürgerliche Mittelschicht in ihrer Einfamilienhaus-Siedlung schlaglichtartig in Szene zu setzen, dann ist das hervorragend gelungen. Wer hingegen eine Geschichte sucht mit einem Anfang und einem Ende, einer Botschaft oder gar einem Happyend, der wird enttäuscht werden.

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    RubyKairovor 13 Tagen
    Kurzmeinung: Den Reigen aus Einzelschicksalen verdichtet Alexa Hennig in einer lakonisch verknappten Sprache meisterhaft.
    Wie kann sich das richtige Leben nur so falsch anfühlen?

              1985 – Es ist ein verrückter, heißer Sommer, in dem Boris Becker Wimbledon gewinnt, vier Passagierflugzeuge innerhalb eines Monats abstürzen, alle großen Rockstars bei Life Aid für das hungernde Afrika singen und in einer Siedlung am Rand der Stadt drei Familien zu zerbrechen drohen.
    Drei Paare. Mütter und Väter. Ulla und Rainer. Rita und Georg. Ella und Bernhard. Sie wohnen in dänischem Design, fahren nach Südfrankreich in den Urlaub, schicken ihre Kinder zum Cello-Unterricht und zum Intelligenztest. Sie versuchen, sich als aufgeklärte und interessierte Menschen zu beweisen, die das richtige Leben führen. Wo wäre das leichter als in den sorgenfreien Achtzigerjahren der Bundesrepublik? Und warum funktioniert es trotzdem nicht?
    Alexa Hennig von Lange erzählt die Geschichte einer Generation von Eltern, die ein freieres Miteinander wollten. Der Ideologien, denen sie folgten. Der Liebe, die sie verband. Der Ängste, die sie hatten. Der Kindheit, die sie sich für ihre Söhne und Töchter wünschten. Der Fehler, die sie machten. Der Entschlüsse, die ihre Kinder deshalb fassten. Die Sprache mit der die Autorin dieses Werk erzählt ist gewöhnungsbedürftig, aber wenn man sich darauf einlässt, ist sie großartig, die Geschichte ist unglaublich abgefahren aber extrem unterhaltsam! Den Reigen aus Einzelschicksalen verdichtet Alexa Hennig in einer lakonisch verknappten Sprache meisterhaft. Präzise zeigt sie auf, wie deren unterschiedliche Bedürfnisse und Erwartungen aufeinanderprallen und sich schließlich in einem spontanen Akt der Verzweiflung entladen. Sie schreibt ohne Rücksicht, ohne Scham, ohne Bremse, wechselt atemlos die Perspektive, daß einem als Leser schwindelig wird. Passt genau zu dem Buchcover, extravagant, und handelt vom Mittelstands(un)glück in einem bundesrepublikanischen Winkel, der nur noch in der Literatur vermessen werden kann. Es scheint es ist ein Buch für alle die jenseits der normalen Literatur mal Lust auf etwas abgefahrenes haben, es ist ein Sentiment, eine Flut an Erinnerungen.
           

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    Thalas avatar
    Thalavor einem Monat
    Kurzmeinung: Anders als erwartet, aber sehr faszinierend!
    Tolle, vielschichtige Charakterstudie

    Handlung: Alexa Hennig von Langes neuer Roman "Kampfsterne" handelt von einer Siedlung am Rand der Stadt in den Achtzigern. In dem bürgerlichen Umfeld sind alle aufgeklärt und frei, jedoch fühlen sich alle Charaktere auf seltsame Weise in ihrem Leben gefangen.
    Da ist zum Beispiel Rita, die ihren Mann als Langweiler empfindet und sich sexuell zu ihrer Nachbarin Ulla angezogen fühlt. Doch Ulla ahnt nichts von Ritas Gefühlen, ist sie selbst doch zu sehr damit beschäftigt, von ihrem Mann Rainer verprügelt zu werden.

    Meine Meinung: Die Autorin lässt verschiedene Charaktere zu Wort kommen und erzählt als der jeweiligen Erzählperspektive, so dass sich der Leser ein relatives objektives Gesamtbild machen kann. Mich hat das Buch wirklich fasziniert, denn fast schon sachlich wird über Missbrauch und Vergewaltigung gesprochen. Die Nachbarin Rita weiß von Ullas Schicksal, empfiehlt ihr aber nur, sich von dem gewalttätigen Mann zu trennen und ist genervt, wenn Ulla Trost bei ihr sucht. Es ist fast schon ungeheuerlich, wie jede Person fast ausschließlich egoistisch handelt, im Fokus des Handelns steht fast immer das eigene Wohlbefinden. So wirkt es fast schon altruistisch, als sich Ritas Sohn Johannes um die Nachbarstochter Constanze kümmert.

    Gerade weil die Handlungs- und Denkweisen der Figuren so untypisch sind, ist die Geschichte sehr interessant und unvorhersehbar. Ich habe die Geschichte sehr schnell an wenigen Abenden durchgelesen und war gleichermaßen schockiert wie fasziniert.

    Dabei hätte das Buch auch in der Gegenwart spielen können, einen sehr großen Bezug zu den Achtzigern konnte ich nicht feststellen.

    Ich kann das Buch all jenen empfehlen, die gerne mal etwas anderes lesen möchten!

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    sternenstaubhhvor einem Monat
    Kurzmeinung: Best of the 80s
    Best of the 80s

    Die Autorin Alexa Hennig von Lange kannte ich bisher nur vom Namen nach. Ich hatte zuvor noch nicht das Vergnügen gehabt etwas von ihr zu lesen. Nach der Lektüre des Klappentextes und der Leseprobe habe ich mich für dieses Buch entschieden und bin mit meiner Wahl sehr zufrieden. In dem Roman geht es um drei Familien in den 80er Jahren. Dabei geht es um Fassaden, die mühsam aufrechterhalten werden, um Träume und Sorgen und das bürgerliche Leben im Allgemeinen. Mir hat dieses Buch vor allem aufgrund seiner Protagonisten unglaublich gut gefallen. Ein lesenswerter Roman, der es mir richtig angetan hat. Der Schreibstil der Autorin lädt den Leser von der ersten Seite ein in eine Geschichte einer längst vergessenen Zeit einzutauchen. Dieses Buch kann ich nur weiterempfehlen. Für mich war es nicht das letzte Buch dieser talentierten Autorin.

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    buchstabensammlerins avatar
    buchstabensammlerinvor einem Monat
    Kurzmeinung: Versetzt in die Kindheit - aber eine andere Perspektive
    Versetzt in die Kindheit - aber eine andere Perspektive

    Rund ums Buch:
    Titel: Kampfsterne
    Autorin: Alexa Hennig von Lange
    Verlag: Dumont
    Buch: Gebundene Ausgabe / farbiges Vorsatzpapier / Lesebändchen
    Seiten: 224
    Erschienen: 20.08.2018
    ISBN: 978-3-8321-9774-2
    Preis: 20,00 €

    Cover:
    Ich finde das Cover brilliant.... die Wohnsiedlung quasi von Oben! Man kann es nur schwer beschreiben, es ist statisch, es ist farblich, es ist klar.

    Inhalt:
    Drei Familien in einer Bungalowsiedlung in den 80er Jahren. Jeder hat sein Päckchen zu tragen, jeder erzählt dem Leser seinen Blick der Geschichte. 


    Meine Meinung:
    Alexa Hennig von Lange nimmt uns mit in die Zeit, in der man mit den Nachbarn regelmäßig gegrillt, Kaffee getrunken und die neuen Schnittmuster ausgetauscht hat. Als die Kinder abends nach dem Spiel gemeinsam in die Dusche gesteckt wurden und es keine Handys, keine DVDs und vor allem kein Smart Home gab. Sie geht tief, in die Abgründe der ach so wunderbar glücklichen Siedlungsfamilien, ein Eigenheim mit kleinem Garten, die Männer gehen arbeiten, versorgen die Familien, die Frauen kümmern sich um den Haushalt die Kindern und schleppen die Einkäufe ins Haus.
    Was in diesem Buch passiert, ist die Umkehrung dieser schönen heilen Welt, die man sich aus den Beschreibungen vorstellt. Hier geht es um zerrissene Familien, die nur den Schein wahren und nach Außen ein Bild der glücklichen 80er Corbusier Sessel-Besitzer darstellen. Die Frauen, die die örtliche Putzfrau beneiden, denn sie bekommt Geld für ihre Arbeit und fährt BMW.
    Und dann sind da die Kinder, die auf Hochbegabung getestet werden, untereinander „vergeben“ werden und die wirkliche Freundschaften gar nicht ausleben können, da ihre Eltern etwas anderes mit ihnen vorhaben.
    Das Buch zeichnet sich durch kurze, teilweise sehr – nur zeilenweise – kurze Kapitel aus, welches immer von einem anderen Protagonisten, ein Mitglied einer der drei Familien, quasi dem Leser im direkten Dialog erzählt wird. Das macht es unglaublich schnell, denn teilweise werden die Geschehnisse im nachfolgenden Kapitel aus einer anderen Protagonistensicht erzählt. Für mich eine sehr kluge Schreibweise eines gesellschaftskritischen Romans, der aufrütteln soll, der zeigen soll, dass nicht immer alles so gut ist/war, dass vieles unter dem Deckmäntelchen der „glücklichen“ jungen Familie versteckt wurde.
    Ich habe das Buch in einem Tag gelesen, mich manchmal in meine Kindheit in der Reihenhaussiedlung der 70er und 80er zurückversetzt gefühlt, aber immer mit einem anderen und positiven Blick. Ich hatte anscheinend riesengroßes Glück und die Autorin wohl auch, denn sie widmet das Buch ihren Eltern, die „uns Kindern gezeigt haben, was Liebe ist“.

    Fazit:
    Ein kluger Roman, ein schneller Roman, ein offener Roman und vor allem ein Buch, welches den Leser hoffentlich darüber nachdenken lässt, dass hinter den schönen Fassaden oftmals nicht nur heile Welt steckt. Jeder hat seine Geschichte zu erzählen. 

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    esb07vor einem Monat
    Leider war es nicht für mich.

    80´er in eine kleine Wohnsiedlung, drei unterschiedliche Familien äußerlich sehr perfekt wirken, drei unterschiedliche Lebensstile, viele Erwartungen, Probleme, Eifersucht, Neid, streit, Traurigkeit, Unzufriedenheit und mittendrin die Kinder, die alles verstehen versuchen und die ganze Streiterei mit eigenen Augen sehen müssen.


    Als 80´er Kind habe ich mich sehr über das Buch gefreut. Grund der Leseprobe und der Klappentext hatte ich Retrodesign vor meinen Augen gehabt und wurde ich leider enttäuscht. Hier geht es um Familienprobleme und um Beziehungsdrama nicht um 80´er, was ich wirklich schade fand.

    Erzählt wird das die Geschichte aus dem Sicht von jeweiligen Familienmitglieder, die aber sehr unrealistisch wirkt. Als Mama kann ich nicht nachvollziehen eine acht jährige über Gott und Jesus redet obwohl die Familien sehr Modern und nicht Religiös sind.

    Der sprunghafter Schreibstil und die Erzählweise aus von allen Charakteren macht das lesen auch nicht einfacher obwohl die Kapiteln sehr kurz waren, plätschert die Geschichte für sich hin und nimmt die Leser leider nicht mit. Mir hat der Tiefgang sehr gefehlt.

    Als ich die Leseprobe gelesen hab, fand ich die Idee und den Thematik interessant aber als erfahrene Leser merkt man schnell, die Handlung passt hier nicht mit dem Thema.


    Stürmischer Anfang, zähe Mitte, verwirrendes Ende! Kann man lesen, ein muss aber nicht! Sehr schade!

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    Haversvor einem Monat
    Kurzmeinung: Das schonungslose Portrait einer Generation. Ein Buch, bei dem jede Zeile schmerzt.
    Hinter verschlossenen Türen...

    …lauern die familiären Abgründe. Der schöne Schein trügt, die Vorstadt-Idylle hat Risse. Außen hui und innen pfui. Alexa Hennig von Lange hält mit dem Brennglas unbarmherzig darauf und zeigt das dysfunktionale Familienleben der ach so intakten Keimzelle der Gesellschaft: Der erfolgreiche Architekt, der seine Frau vor den Augen der Kinder verprügelt und in finanzieller Abhängigkeit hält. Die Nachbarin, bei der sie sich nach den Prügelattacken ausheult. Die sich zu ihr hingezogen fühlt. Die ihren eigenen Mann verabscheut und ihre Kinder mit so viel emotionaler Distanz betrachtet, dass es fast schon weh tut. Die sich ihr Leben mit ordentlich Rum schon am Nachmittag schön, oder besser gesagt erträglich trinkt. Kinder, die ihre Eltern verachten, und Eltern, die es längst aufgegeben haben, ihren Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu bieten.

    „Kampfsterne“ soll/will die Familienverhältnisse Mitte der achtziger Jahre portraitieren, der Generation nach 68, die doch alles besser machen wollte, aber dennoch in den alten Strukturen verharrt. Finanzielle Sicherheit ist gegeben in der Vorstadtsiedlung, aber die Emotionen, das Miteinander sind auf der Strecke geblieben. Alle Protagonisten kreisen nur um sich und ihre Befindlichkeiten, es fehlt ihnen an Empathie und Distanz. An Reflexionsvermögen oder auch an dem Willen dazu. Gefangen in tradierten Rollen. Jeder einzelne ist für sich allein. Die Träume sind geplatzt, bleibt nur zu hoffen, dass es die nachfolgende Generation besser machen wird.

    Das schonungslose Portrait einer Generation. Ein Buch, bei dem jede Zeile schmerzt.

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    Helena89vor 2 Monaten
    Kämpfernaturen

     „Das Fantatstische an der Zeit, in der wir leben, ist, dass in diesem Jahrzehnt alles total durchpsychologisiert wird. Keine noch so zarte Gemütsregung bleibt ohne Diagnose. Daher kennen wir Jugendlichen, die aus derartigen »Haushalten« kommen uns bestens mit Traumata und deren tiefenpsychologischen Folgeerscheinungen aus. Constanzes und mein »Nervenkostüm«, wie es hier in unseren Kreisen gerne genannt wird, ist wund gescheuert. Darum ist uns so kalt. Unsere Körper haben jetzt auf Autopilot geschaltet beziehungsweise aufs Notprogramm.“ 

    Die 80er Jahre stehen unter dem Stern der Psychologie und der Emanzipation, die Kinder werden zum Intelligenztest geschickt, die Frauen lesen Simone de Beauvoir und Alice Schwarzer. Sie wähnen sich aufgeklärt, frei und selbstbestimmt und sind doch auch nur Kinder ihrer Zeit, indem sie den gegenwärtigen Strömungen ausgeliefert und in den Trends ihrer Zeit gefangen sind. Der Leser taucht in die Innensicht von Rita, Georg, Johannes, Klara, Ulla, Rainer, Cotsch (Constanze), Lexchen (Alexa), Ella und Joschi ein und erfährt auf diese Weise wie diese Figuren die Welt, sich selbst und die anderen wahrnehmen. Angefangen bei Rita mit der dunklen Seele, die keine Erfüllung in ihrem Ehe- und Mutterdasein findet und glaubt, nur die erwiderte Liebe zu ihrer Nachbarin Ulla könnte ihrem Dasein einen tieferen Sinn geben, und aufgehört bei dem kleinen Lexchen, das die reine Liebe verkörpert, sind alle Figuren sowohl äußerst individuell gezeichnet, was sich in ihrer jeweils sehr eigenen Ausdrucksweise widerspiegelt, als auch psychologisch stimmig. Die Figur der Cotsch war nach meinem Gefühl als Charakter nicht ganz rund und auch Lexchens Sprache fand ich an einigen Stellen nicht passend, doch im Großen und Ganzen ist Alexa Hennig von Langes bis tief in die Seele bewegendes und zur (Selbst-)Reflexion animierendes Werk nur in höchsten Tönen zu loben. 

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    ichundelaines avatar
    ichundelainevor 2 Monaten
    Kurzmeinung: Der versteckte Wahnsinn hinter der 80er Jahre Vorstadtidylle - tiefgründig
    Brutal, gehässig und herrlich absurd

    Meet "Kampfsterne", der neuste Wurf von Alexa Hennig von Lange indem sie meine Kindheit oder viel mehr die heile Welt der 80er Jahre in irgendeiner x-beliebigen deutschen Vorstadt schmerzhaft seziert.

    Das ist Gottseidank KEIN Roman, der mit den 80er Kindern einen auf Buddy machen will a La Generation Golf, das ist eine ziemlich miese Geschichte über samt und sonders unglückliche Menschen, die doch eigentlich so verdammt glücklich sein sollten.

    Inmitten von schönen Vorgärten mit Komposthaufen, dänischen Möbeln und Bücherregale mit feministischer Literatur kocht die Unzufriedenheit, die Langeweile, die Sehnsucht nach MEHR oder ANDERS. Frauen sind emanzipiert, lass sich aber trotzdem vom Mann vermöbeln, Männer wissen nicht mehr so recht wohin mit sich und die Kinder sind noch die einzigen mit etwas Durchblick.

    Die Erzählung wechselt ständig die Perspektive, was das Ganze zu einem temporeichen Leseerlebnis macht, dass ungebremst auf eine Katastrophe zusteuert. Manche Perspektiven sind so erbärmlich, dass ich fast lachen musste, andere wiederum haben mir das Lachen im Hals stecken lassen. Kampfsterne kann so einiges und trifft an Stellen, wo es leicht weh tut. Vielen Dank an den dumontbuchverlag für diesen kompakten kleinen Kracher .

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    G
    Gisevor 2 Monaten
    Wünsche und Sehnsüchte und die Realität

    In einer Siedlung am Rande der Stadt, in den Achtzigerjahren in Deutschland. Hier wird das bürgerliche Leben gelebt, mit Ballett- und Musikunterricht bis hin zum Intelligenztest für die Kinder. Drei Paare wohnen hier mit ihren Kindern, ihr Leben ist miteinander verflochten. Wie geht es dabei den Eltern, wie geht es den Kindern? Welche Sorgen, welche Ängste, welche Freuden hegen sie?

    In dieser Siedlung, die den Traum all der Paare darstellt, mit allem jetzigem Komfort und Wünschen an die Zukunft, suchen die Erwachsenen und die Kinder nach ihrem Glück. Es sollte doch so einfach sein, dies zu realisieren! Trotzdem fühlen sich alle unfrei, suchen nach einer anderen Möglichkeit, ihr Leben zu gestalten. Und inmitten all der Wünsche spürt der Leser all die Sehnsüchte, die sich nicht erfüllen wollten, das Unglück, das sich in dieses heimlich gewollte Glück hineinstiehlt. Die Verlogenheit der Eltern der Kinder gegenüber, die Verlogenheit nach außen gegenüber den anderen. Einfach zu lesen ist das nicht, denn je mehr der Leser in die Tiefe der Geschichte einsteigt, umso tiefer wird auch das Gefühl der Enttäuschung, das sich in dieser Siedlung breitmacht. Jeder der Familienmitglieder bringt abwechselnd seine eigene Sicht der Dinge ein, sowohl die Eltern als auch die Kinder. So entsteht ein Puzzle, aus dem sich der Leser eine ganz übergeordnete Sicht der Dinge anlesen kann. Manches davon ist etwas überspitzt und erzeugt so eine ganz eigene, düstere Atmosphäre über die Heile-Welt-Anschauung der Achtzigerjahre.

    Dieses Buch erzeugt zunächst mal ein Nachdenken, man fragt sich: Ja, und jetzt? Spätestens dann laufen die eigenen Gedanken los, man ahnt, dass vieles davon so hätte sein können. Hat nicht jeder eine Leiche im Keller? Diese Familien haben sie allemal, trotz aller Ideale, mit denen sie mal neu gestartet sind in dieser ach so vorbildlichen Siedlung. Und nun kann jeder selbst überlegen, in welche Richtung die eigenen Gedanken spinnen dürfen… Dafür spreche ich gerne eine Leseempfehlung aus und vergebe vier von fünf Sternen.

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    LeenChavettevor 3 Monaten
    Die Leseprobe allein geht schon unter die Haut. Ich bin gespannt, wie sich die einzelnen Erzählstränge am Ende zusammen fügen.
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