Interessante Projekte reizen mich immer sehr. Wenn sie sich dann auch noch mit gesellschaftlichen Veränderungen beschäftigen, bin ich dabei.
In diesen Reportagen aus einem neuen Deutschland haben sich 3 Autorinnen als „Überlandschreiberinnen“ vor den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg 2024 auf den Weg gemacht, die Stimmung in Ostdeutschland einzufangen. Dabei ging es Ihnen in erster Linie darum, „verborgene, gesellschaftliche Brüche und Kipppunkte sichtbar zu machen“
Es ist ein zerrissenes Bild, dass sie liefern. Es wird relativ schnell sehr deutlich, wie viel Angst und Unsicherheit in den Teilen der Bevölkerung stecken, die sich einen demokratischen Umgang mit unseren Problemen wünschen. Die Präsenz von extrem rechten Parteien Verbünden und Zusammenschlüssen, und sei’s nur in der Nachbarschaft, ist unübersehbar. Dabei findet vieles im Verborgenen statt, zu hause, und nicht offen auf den Plätzen. Es fällt auf, dass die Zentren kleiner Gemeinden sehr verwaist sind. Mangelnde Infrastruktur und der Wegzug junger Leute befeuern den Rückzug ins Private.
Die 3 Autorinnen haben unterschiedliche Schwerpunkte. Während sich die Eine um die oben genannten Initiativen und Brennpunkte in Brandenburg kümmert, bereist die andere entlegene Gebiete und Dörfer im sächsischen Erzgebirge. Ihre Beschreibungen haben etwas offensichtlich Beobachtendes. Landschaftsbeschreibungen wechseln mit Rückblicken auf verlassene Industrieanlagen oder markante Ereignisse. Sehr interessant fand ich ein Kapitel, dass sich mit der NSU und Zwickau beschäftigt. Erinnerungsarbeit findet hier nicht statt. Generell gedenkt man mehr der Befreiung der Russen nach dem Zweiten Weltkrieg als der Wiedervereinigung. Die dritte im Bunde, ergänzt durch Alexander Leistner, beschäftigen sich eher mit der Theorie und der Chronologie der politischen Entwicklung und Identität im Osten Deutschland. Wo gab es vulnerable Ereignisse die mehr spalten als einen. Fanden die Denkweisen erst 1989 ihren Anfang oder vielleicht sogar schon früher. Was befeuert den Rechtsruck? Und wo schaut man weg und wer schweigt?
Diese Reportagen haben mich wirklich gefangen genommen. Ich fand hier Bestätigung aber auch einen neuen Blick. Sie sind leicht verständlich geschrieben, haben einen sehr einnehmend Stil und sparen trotzdem nicht mit Input. Gefallen hat mir das unzählige Menschen eine Rolle spielen, die sich gegen die Normalisierung von Angst, von Narrativen und Anti- Demokratische Strukturen wehren und dadurch sowohl mentale, physische oder wirtschaftliche Repressalien in Kauf nehmen. Das ist mutig und da sollte unser Blick drauf gehen.
Zusammenfassend bleiben mir zwei große Gedanken: Wie können wir das aufhalten? Die demokratischen Parteien unseres Landes müssen im Osten in Form von bekannten Politikern viel mehr Präsenz zeigen, und ihre kommunalen Kollegen nicht alleine mit den Problemen lassen. Einerseits, damit sie sehen, was dort los ist, denn man hat den Eindruck, dass sie das nicht tun, und andererseits um den Leuten zuzuhören und das in ihrer Arbeit einfließen zu lassen. Ich mein danit nicht, sich die Themen von rechtsextremen Gedankengut anzueignen , sondern die Menschen zu unterstützen, die sich dort vor Ort positionieren, um unser Land nicht politisch in den Abgrund reiten zu lassen.
Ich empfehle die Lektüre allen, die sich mit den Ursachen und Auswirkungen des Rechtsrucks beschäftigen möchten, nach Antworten suchen und die sich für unsere Mitbürger und unsere Demokratie wirklich interessieren


