Alexandra Balzer Roen Orm - Söhne des Lichts

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Inhaltsangabe zu „Roen Orm - Söhne des Lichts“ von Alexandra Balzer

Mit dem Tod des Königs und des alten Erzpriesters droht Inanis Leben zu zerbrechen, denn ihr werden Entscheidungen aufgezwungen, die ihre Kräfte übersteigen. Ilat übernimmt nun den Thron und verlangt nach Krieg. Thamar hingegen verlässt sein Exil und zieht für Maondny ins Ungewisse. Auch der junge Sonnenpriester Janiel muss schicksalshafte Entscheidungen treffen, denn er entwickelt Fähigkeiten, für die ein wahrer Sohn des Lichts mit dem Tode bestraft wird ...

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  • Leserunde zu "Roen Orm 2: Söhne des Lichts" von Alexandra Balzer

    Roen Orm - Söhne des Lichts

    Alexandra__Balzer

    Hallo liebe Lovelybooks-Gemeinde, auf vielfachen Wunsch einiger liebenswerter Leser, die Teil 1 von Roen Orm, "Töchter der Dunkelheit", mochten, lade ich nun zur Leserunde für Teil 2 ein. Es wird eine offene Runde, teilnehmen kann jeder der möchte und das Buch besitzt - leider kann ich diesmal aus finanziellen Gründen keine Verlosung anbieten. Hier nun erst einmal der Klappentext: Mit dem Tod des Königs und des alten Erzpriesters droht Inanis Leben zu zerbrechen, denn ihr werden Entscheidungen aufgezwungen, die ihre Kräfte übersteigen. Ilat übernimmt nun den Thron und verlangt nach Krieg. Thamar hingegen verlässt sein Exil und zieht für Maondny ins Ungewisse. Auch der junge Sonnenpriester Janiel muss schicksalshafte Entscheidungen treffen, denn er entwickelt Fähigkeiten, für die ein wahrer Sohn des Lichts mit dem Tode bestraft wird ... Zweiter Band der vierteiligen Fantasy-Saga über Magie, Macht, Schicksal und Liebe. Leseprobe: 1.   „Feuersbrünste, Sturmfluten, Erdbeben, Wirbelstürme – ich habe den Zorn der entfesselten Elemente gesehen und fürchte sie. Doch mehr als dies fürchte ich den Zorn einer Frau.“ Zitat aus „Jianmaco“, Theaterstück, uraufgeführt in Roen Orm, 2034 n. Gründung Schlecht gelaunt trieb Inani die Gruppe durch den Nebel vor sich her. Sie mochte diese Männer nicht – Söldner aus Akanor am Südmeer. Die Kämpfer hatten Thamar zwar schon vor Jahren die Treue geschworen, doch sie galten als wenig zuverlässig. Man musste sich ständig Aufgaben für sie ausdenken, damit sie sich nicht langweilten und unruhig wurden, oder sogar einen anderen Herrn suchten. Akanor war eine zu wichtige Macht, als dass man sie außen vorlassen durfte. Thamar hatte sie nach Briol geschickt, um Vieh zu stehlen. Briol war eine reiche, stark befestigte Stadt, deren Bewohner an Wegelagerer gewöhnt waren und ihr Hab und Gut zu verteidigen gewusst hatten. Die erbeuteten Rinder und Schafe waren die Mühe durchaus wert gewesen. Einige Männer des kleinen Söldnertrupps waren verletzt worden, sie fühlten sich jetzt als Helden – und damit war der Hauptzweck der Unternehmung erfüllt. Inani hasste es trotzdem, diese grölende Bande führen zu müssen. Sie war mittlerweile einundzwanzig Jahre alt und Mittelpunkt der männlichen Aufmerksamkeit, wohin auch immer sie ging. Ihre flammendroten Haare zogen alle Blicke auf sich – bewundernde wie verängstigte. Der Aberglaube, dass rothaarige Frauen Anhänger des Finsterlings waren, hatte sich in den letzten Jahren eher noch verstärkt. Am Königshof war Inanis Stellung davon allerdings nicht beeinträchtigt, im Gegenteil: Viele adlige Männer versuchten ihr nahe zu kommen. Als sie endlich die Holzhütten von Thamars Siedlung erreicht hatten, atmete sie erleichtert auf. Die Söldner waren schwieriger zusammenzuhalten gewesen als die Tiere, mehr als einmal wäre ihr beinahe einer der Männer im Nebel verloren gegangen. Wie sehr sie ihre Vertraute vermisste! Aber die Leopardin hatte im Frühjahr Junge geworfen und konnte Inanis Ruf nicht folgen, ohne die Kleinen zu gefährden. In höchster Not würde die Raubkatze ihre eigenen Jungen im Stich lassen, um Inani beizustehen. Doch das war ein Opfer, das sie nicht annehmen wollte, sollte es irgendwie zu vermeiden sein. Wenn sie durch den Nebel wanderte, besuchte sie die Leopardin dafür bei jeder Gelegenheit. Die zwei Kätzchen akzeptierten Inani wie eine zu groß geratene Schwester, versuchten mit ihr zu balgen und attackierten mit ihren nadelspitzen Zähnchen ihre Stiefel. Es waren wundervolle Momente des Friedens, die Inani sich erschlich. Im Augenblick hätte sie ihren rechten Arm dafür gegeben, bei ihrer Seelenschwester sein zu dürfen. „Du siehst etwas unfröhlich aus.“ Corin empfing sie mit sanftem Lächeln und tatkräftigen Händen. Innerhalb weniger Minuten hatte die blonde junge Frau das Vieh auf eine Weide geführt, Platz in den Ställen für eine Kuh gefunden, die bald kalben würde, und die Söldner fortgescheucht. „Die Kerle sollen selbst für sich sorgen, die wissen ja, wo alles zu finden ist.“ Corin lachte und umarmte Inani herzlich. Es war einige Wochen her, seit sie sich zuletzt getroffen hatten. „Pya weiß, du hast mir gefehlt“, erwiderte Inani seufzend und lächelte endlich. „Es ist unruhig in Roen Orm. Maondny hat sich noch nicht geäußert, trotzdem bin ich sicher, der König wird bald sterben. Die Priester schwärmen wie die Motten durch den Palast, es sind mehr Adlige versammelt, als ich es jemals erlebt habe. Ich schaffe es kaum, mich für eine halbe Stunde zu Niyam zu schleichen, alle paar Sekunden klopft jemand an meine Tür.“ Corin nickte nachdenklich. „Ja, man spürt selbst hier, dass irgendetwas anders ist. In Bewegung, könnte man sagen. Thamar wird Tag und Nacht belagert, Kythara schleppt Männer heran, die ich vorher nie gesehen habe. Viele bleiben nur ein paar Minuten und werden sofort wieder fortgebracht. Ich wage kaum, Kythara anzusprechen, sie ist schrecklich gereizt. Und Thamar will ich auch nicht belästigen, er ist sehr angespannt.“ „Es wird höchste Zeit, dass die Sache sich entwickelt, wir warten bereits lange genug.“ Inani umarmte sie und wollte dann gehen, doch Corin hielt sie fest. „Bitte, bleib wenigstens heute Nacht. Du bist das erste freundliche Gesicht seit Wochen. Niemand hat Zeit, mit mir zu reden, es sei denn, um mir einen Auftrag zu geben. Thamar und seine engsten Vertrauten essen gerade zu Abend. Er würde sich bestimmt freuen, wenn du dich dazu gesellst.“ Inani zögerte kurz. Sie hatte ihre eigenen Gründe, warum sie es vermied, mit Thamar zusammenzutreffen. Aber so inständig, wie Corins Augen flehten, konnte sie nicht anders als schließlich zu nicken. „Danke!“ Corin strahlte so glücklich, dass es Inani einen Stich gab – sie hatte ihre Freundin wirklich vernachlässigt. Die Ärmste lebte seit Jahren mehr oder weniger abgeschoben zwischen Scharen von raubeinigen Kriegern. Thamar lächelte ihr zu, als sie Arm in Arm mit Corin eintrat. Etwa dreißig Männer waren mit ihm in der Hütte versammelt, sie saßen um einen riesigen Holztisch und aßen gemeinsam. Inani erkannte Freunde, die den Prinzen von Anfang an begleitet hatten, genauso wie ihr fremde Gesichter auffielen. „Inani! Es ist schön, dich zu sehen“, begrüßte Thamar sie freundlich. Den unsicheren, tief verletzten Jungen von einst gab es nicht mehr. Aus ihm war ein Mann geworden, mit breiten Schultern und dem kräftigen durchtrainierten Körper eines Kriegers. In seiner ruhigen Art strahlte er eine natürliche Autorität aus, die ihm sofort Respekt verschaffte. Inani gelang es, das Lächeln und den Gruß unverfänglich zu erwidern. Sie wusste, man sah ihr an, wie sehr sie diesen Mann mochte, aber bislang hatte sie es geschafft, das wahre Ausmaß ihrer Zuneigung zu verbergen. Wenn sie von schwesterlicher Liebe sprach und sich bei jeder Gelegenheit mit Thamar neckte, täuschte sie damit sogar Corin, die ihr doch so nahe stand – und am wichtigsten war, sie täuschte Thamar selbst. Seine Liebe gehörte ausschließlich P’Maondny, gleichgültig, wie unerreichbar sie war. Inanis Kopf wusste es. Ihr Herz war leider anderer Meinung. „Erzähl, was gibt es Neues aus dem Palast?“, fragte er und gab dem Mann rechts neben sich einen Schubs. Kýl, einer seiner ältesten Freunde und Vertrauten, grinste nur, machte allerdings bereitwillig Platz für die Frauen, die sich mühelos beide auf dem breit gezimmerten Stuhl niederlassen konnten. Während Corin mit der Lehne zu verschmelzen schien und von niemandem weiter wahrgenommen wurde, hingen die Blicke aller Männer an Inani. Sie war daran gewöhnt, es störte sie längst nicht mehr so wie früher. Genießen würde sie diese Art von Aufmerksamkeit wohl nie. Eine Weile tauschten sie sich über Klatsch und Tratsch, Gerüchte und Intrigen des Königshofs aus. Sie vermieden dabei sensible Themen wie die schwindende Gesundheit des Königs. „Du Schöne, wann erhörst du mich endlich?“ Einer der Krieger jammerte plötzlich mit dramatischem Unterton und übertriebener Gestik von seiner Liebe zu ihr. Er war ein wenig betrunken, sichtlich auf Spaß aus und glücklicherweise Herr seiner Sinne. „Falls du meinst, wann ich zu dir ins Bett komme – nun, wenn du stirbst, dann setze ich mich freudig neben dich und flüstere dir ein paar tröstliche Worte ins Ohr, bis Geshar deine Seele holt“, erwiderte Inani geziert. Sie war eine Meisterin in dem Spiel mit doppeldeutigen Worten und belanglosem Plänkeln. Am Königshof half es, um Intrigen zu überleben. Hier, inmitten von raubeinigen Kerlen, konnte sie es entspannt genießen. „Falls du Hilfe brauchst, um Geshar zu locken, bin ich jederzeit die deine.“ Der Krieger lachte und wollte etwas erwidern, als sich einer der fremden Söldner vorbeugte: „Warum packste dir das Weib nich‘, Harko?“ „Weil sie, werter Arlan, eine Hexe ist, und ich gerne noch ein wenig leben möchte!“ „Das’n Weib, ist alles dran, was dazu gehört. Hexen, ist doch alles gelogen, die Priester sagen’s!“ Der Söldner lallte, er hatte bereits mehr getrunken als ihm gut tat. Inani spürte, wie die Männer interessiert auf ihre Reaktion warteten – sie war berüchtigt für nahezu unkontrollierbare Wutausbrüche. Bei solch einem Schwachkopf gab es dazu keinen Grund, sie wollte ihn verspotten und danach die Runde verlassen. Bevor sie allerdings antworten konnte, ergriff Thamar das Wort: „Arlan, ich für meinen Teil glaube gerne an das, was ich sehe. Eine Frau, die im heiteren Sonnenschein Nebel rufen kann, welcher eine ganze Armee innerhalb weniger Herzschläge von einer Ecke des Kontinents an die andere bringt, das ist wohl keine Lüge. Und ich habe noch keinen Priester erlebt, der etwas Ähnliches geschafft hat.“ „Sind die zu was mehr fähig, außer schmierigen Nebel zu rufen?“ Der Betrunkene grölte vor Lachen. „Nebel is’ nich’ gefährlich, oder? Warum nimmst dir das Hexenweib nich’, du willst’se, oder?“ Kýl gab dem schwankenden Mann einen Schubs, sodass der beinahe vom Stuhl gefallen wäre. „Die haben noch mehr Tricks drauf, Arlan, glaub’s mir. Es sind die Augen, verstehst du? Alles ist gut, solange du einer Hexe in die Augen siehst und ein Mensch schaut zurück. Selbst, wenn die wütend sein sollte, alles ist gut. Falls sie dich aber anstarrt und die Pupillen sind geschlitzt, oder gelb wie bei einer Katze, dann solltest du rennen! Ich bin schon ein paar Jahre länger hier als du, ich weiß, was Hexen können.“ Er erschauderte unwillkürlich und warf Inani einen leicht nervösen Blick zu. „Die Blonde da nich’, oder?“ Der Söldner wies unsicher auf Corin, die er wahrscheinlich mindestens zwei Mal vor sich sah. „Die ist weich.“ Inani ballte gereizt die Fäuste, bereit, ihre Freundin zu verteidigen, doch wieder erhob Thamar die Stimme: „Corin gehört zu der seltenen Sorte Hexe, die immer gefährlich ist, egal, wie ihre Pupillen geformt sind. Je sanfter sie lächelt und je unscheinbarer sie aussieht, desto gefährlicher ist sie. Sie findet jede Schwäche und weiß von all deinen Ängsten, Arlan. Sie ist allerdings klug genug, dir das erst zu verraten, wenn sie dich vernichten will.“ Er nickte Corin respektvoll zu, und sie lächelte mysteriös. Vor sich hinmurmelnd wandte sich Arlan seinem Trinkbecher zu, die anderen lachten – einige von ihnen übertrieben heiter. Hexen waren nun mal anders. Plötzlich spürte Inani, wie sich Corin versteifte. Sofort waren ihre Sinne hellwach, sie wusste, dass ihre Freundin den Raum und sämtliche Anwesenden aufmerksam beobachtet hatte. „Was ist los?“, fragte sie geistig. „Ich weiß es nicht. Irgendetwas … einer der Söldner, die du mitgebracht hast. Ich sehe einen Schatten, Hass, ich weiß es nicht!“ „Konzentrier dich. Löse dich von mir und sage mir, welcher der Männer eine Gefahr ist. Du kannst ihn finden!“ Thamar griff nach ihrem Arm, beunruhigt von der Geistesabwesenheit der beiden Hexen, doch Inani schüttelte nur leicht den Kopf. Aufmerksam beobachtete sie Corin, die mit geschlossenen Augen dasaß, tief in sich selbst versunken. Dann wies sie mit ausgestrecktem Finger auf einen Mann mit grauen Haaren und Vollbart, der am unteren Ende des Tisches saß und scheinbar angeregt in ein Gespräch mit seinem Sitznachbarn vertieft war. Schlagartig wurde es still im Raum. Der stämmige Bärtige sah auf, starrte verwundert um sich, als er sich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit fand. „Wo ist die Gefahr, Corin?“, flüsterte Inani hastig. Der Blick des Mannes flackerte zu Thamars Kelch, den dieser seit Minuten hielt, ohne daraus zu trinken, und sie reagierte sofort: Mit einer fließenden Bewegung riss sie den Weinkelch an sich, drückte ihn Corin in die Hände, sprang auf den Tisch und kniete vor dem Mann nieder. Mit einem Dolch an seiner Kehle verhinderte sie Fluchtgedanken. Sofort hielt sie einen zweiten Dolch bereit und zielte damit auf das Herz eines Mannes zu ihrer Linken, dessen Hand zum Griff seines Schwertes geirrt war. Die Waffe des Bärtigen riss Kýl an sich und warf es in die hintere Ecke des Raumes, bevor er mit erhobenen Händen vom Tisch zurückwich. „Ich habe nichts damit zu tun“, stammelte er. Inani fixierte die beiden verdächtigen Männer und sicherte den Raum mit ihrem unmenschlich geschärften Gehör. „Gebt mir einen Grund, wagt es falsch zu atmen, und ihr seid sofort tot!“, zischte sie drohend. Sie hörte, wie ihre Stimme eine ganze Oktave tiefer sackte und wusste, die Raubkatze in ihr war vollends erwacht. Das Blut rauschte in ihren Ohren, vertrauter Zorn kämpfte gegen ihre Barrieren. Es wäre so leicht, sich überwältigen zu lassen und zu einem gierig tötenden Monster zu werden, einer Bestie, die weder mit einem Panther noch einem Menschen etwas gemeinsam hatte. Zu oft hatte sie bereits an dieser Grenze gestanden und jedes Mal nur knapp den Sieg gegen sich selbst davongetragen. „Inani, beruhig dich.“ Sie hörte, Thamar war im Begriff, sich zu erheben. „Bleib wo du bist. Das gilt für jeden hier“, knurrte sie. „Corin, teste den Wein, ob Gift darin ist.“ „Nicht nötig. Es ist Wilder Blauhut, ich erkenne den Geruch“, erwiderte Corin leise. Einige Männer schnappten nach Luft, es war ein weithin bekanntes, starkes Pflanzengift. Einen langsamen und qualvollen Tod brachte es mit sich. „Du Hund, das wirst du büßen!“ Kýl zog seine Waffe und wollte auf den Söldner losgehen, den Inani vor sich in Schach hielt; doch sie fauchte so drohend, dass alle erstarrten. „Du bleibst, wo du bist!“ Als Kýl gehorchte, richtete sie ihre Raubtieraugen auf den zweiten Mann, ohne dabei den Druck ihrer Klinge auf die Kehle des Bärtigen zu lösen. Für einen langen Moment suchte sie in der angstvollen Miene des Söldners nach Zeichen, ob er eine Gefahr darstellte. Dann zog sie die Waffe von seiner Brust zurück. „Ist das ein Freund von dir?“, fragte sie mühsam beherrscht. Töte ihn!, schrie ihr Instinkt, töte ihn sofort! Es war ihr Raubtierinstinkt, nicht das, was ihr menschlicher Verstand ihr sagte. Ihr Instinkt, der ihr befahl, einen unbewaffneten Mann in Stücke zu reißen dafür, dass er Thamar hatte töten wollen. Thamar ... „Mein Vetter. Bitte, ich verstehe nicht! Nios würde niemals einen Giftanschlag ...“ „Das reicht. Lass deine Hände da, wo ich sie sehen kann, verstanden? Corin, achte auf ihn.“ Inanis ganze Aufmerksamkeit gehörte nun Nios. „Sprich, und wage nicht, mich anzulügen. Warum? Wer hat dich geschickt?“ Einige Augenblicke lang schwieg der bärtige Mann. Ein höhnisches Grinsen breitete sich über sein Gesicht aus. „Niemand hat mich geschickt! Ich bin es einfach nur leid gewesen, einem Jungen zu dienen, der sich im Nirgendwo versteckt und von Weibern den Arsch abwischen lässt! Lieber einem Herrn dienen, der wahnsinnig ist, als so einem Feigling, der sich jahrelang verkriecht! Ich werde mich Ilat anschließen. Ich will nicht mehr durch Nebelschwaden waten und mir von kleinen Mädchen sagen lassen, wie man kämpft! Hexe oder nicht, du bist ein Weib, und Weiber gehören gefickt. Stoß mir ruhig deinen Zahnstocher in den Hals, es ändert nichts an der Wahrheit!“ Er spuckte Inani ins Gesicht, und es kostete sie jeden Funken Selbstbeherrschung, ihm dafür nicht die Kehle zu zerfetzen. Etwas von ihrer Mordlust musste sich in ihrem Gesicht spiegeln, sodass er unwillkürlich vor ihr zurückzuckte. Langsam, sehr langsam hob sie die freie Hand und wischte den Speichel fort. Es war totenstill im Raum, alle hielten den Atem an. Zerfetz ihn! Reiß ihm die Eingeweide raus! Trink sein Blut und friss sein Herz, während es noch schlägt! Bilder von grausiger Gewalt flackerten durch Inanis Raubtierbewusstsein, der Blutdurst ertränkte langsam ihre menschlichen Sinne. Zwei Menschen näherten sich ihr. Langsam, wohl um sie nicht zu reizen, laut genug, um ihr zu zeigen, dass keine Gefahr drohte. Ihr gesamter Körper zitterte leicht vor Anspannung, um diesem Mann vor ihr nicht den Kopf abzubeißen. Nios war bleich geworden. Sie roch seine Angst, es peitschte ihre Instinkte noch weiter auf. Nadelspitze lange Krallen formten sich dort, wo Fingernägel sein sollten. Schweiß stand auf der Stirn des anvisierten Opfers, sein Herzschlag dröhnte in ihren Ohren, so laut ... Du wirst sterben! Da spürte sie eine federleichte Berührung am Rücken, zugleich ein vertrautes Bewusstsein, das nach dem ihren suchte. Ihr Blick irrte zur Seite, nur einen Moment lang. Taube. Zart. So süß … Inani schloss die Augen, sie spürte, wie sie kurz in sich zusammensackte. Als sie langsam den Dolch sinken ließ, hatte sie sich wieder in der Gewalt. Die Gefahr, wie eine tollwütige Bestie über alles und jeden, sogar über ihre beste Freundin herzufallen, war gebannt. Sie bewunderte Corins Mut, sich ihr zu nähern. Corin hatte genau gewusst, wie gefährlich es war, Inani in diesem Zustand anzufassen. Thamar stand rechts neben ihr und umfasste ihre Schulter. Inani nickte ihm zu und setzte sich zurück auf ihre Fersen, die Klinge weiterhin bereit. „Danke“, wisperte sie in Is’larr, der geheimen Sprache der Hexen. Thamar verstand ein wenig davon, als einziger Mann seit unendlichen Zeiten war ihm dieses Wissen erlaubt worden. Er seufzte und sagte: „Nios, du glaubst also, ich würde mich verkriechen? Ich würde mich an den Rockzipfel von Weibern klammern? Nun, wie du gerade erlebt hast, tragen Hexen vielleicht Frauenkleider, wenn sie Lust dazu haben, doch man sollte sie nicht für harmlose kleine Mädchen halten. Du hast eine hoch geschätzte Verbündete beleidigt, eine langjährige Freundin. Du hast versucht, mich zu vergiften, eine hinterhältige, feige Tat, für die du den Tod verdient hast. Ich könnte dich Inanis Gnade überlassen und zusehen, wie sie dich mit bloßen Händen zerreißt, aber weißt du was, Nios?“ Thamar packte den Söldner unvermittelt am Kragen und zog ihn dicht zu sich heran. „Das wirklich Gute daran, dass ich noch kein König bin ist, dass ich mir viele Freuden gönnen darf, die mir auf dem Thron verwehrt bleiben werden. Eine davon ist, ich kann mit dir machen, was immer ich will.“ Er ließ diese Drohung wirken, bis Nios schwer atmend versuchte, aus seinem Griff zu entfliehen. „Sag mir eins: Hast du das Wissen, wo ich mich aufhalte, verkauft, oder irgendetwas anderes von dem, was du geheim zu halten geschworen hast? Ja oder nein?“ Hastig schüttelte Nios den Kopf. Thamar starrte ihn drohend an, bis Inani und Corin gleichzeitig riefen: „Er sagt die Wahrheit.“ „Ich wollte nur dafür sorgen, dass Ihr nicht mehr kommen und Ilat herausfordern könnt. Wer seinen Herrn betrügen will, sollte sicherstellen, dass der sich nicht mehr dafür rächen kann“, murmelte Nios. Es sollte vermutlich provozierend klingen, aber seine Stimme schwankte und er wagte nicht, Thamar anzusehen. Noch einen Moment lang hielt Thamar den Mann fest. Dann stieß er ihn von sich und wandte sich zu Kýl, der unmittelbar hinter ihm stand: „Mein Freund, leih mir dein Schwert. Und du“, er wies auf den unglücklichen Vetter des Attentäters, „du gibst deine Waffe an diese Ratte. Er soll im Duell beweisen, wer von uns beiden das Recht hat zu leben.“ „Hoheit, nein! Wenn er Euch tötet ...“ Mit einer ungeduldigen Geste brachte Thamar die Männer zum Schweigen. „Falls ein Feigling wie er es schaffen sollte, mich zu töten, habt ihr alle eure Zeit verschwendet, denn wie hätte ich so jemals hoffen können, meinen Bruder zu bezwingen? Sollte Nios mich besiegen, ist er frei. Niemand wird ihn hindern zu gehen, egal wohin er will. Sollte ich ihn töten, zweifelt nie wieder an mir, meinem Mut oder der Wahl meiner Verbündeten!“ Thamar sprach ruhig, ohne Zorn oder Hass. Gerade dadurch wirkten seine Worte umso tiefer. „Glaubt ihm nichts! Sobald ich einen Kratzer in unseren hochwohledlen Prinzen ritze, wird die Wildkatze da über mich herfallen! Ein gerechter Kampf, daran glaubt ihr doch selbst nicht!“, rief Nios hastig. Inani stieg mit langsamen Bewegungen vom Tisch, schüttelte kurz den Kopf, und ihre langen Haare färbten sich rot. „Ich schwöre bei Pyas Tränen, ich werde nicht eingreifen, egal, was geschieht.“ „Geh vor die Tür, Nios, dich erwartet ein ehrlicher Kampf.“ Thamar wog Kýls Schwert in der Hand und schritt voraus zur Tür. Nios wandte sich zu seinem Vetter. Der bewegte sich mit einem Mal schneller, als irgendjemand reagieren konnte. Er gab seine Waffe nicht weiter, sondern stieß sie in Nios’ Brust. Nios brach sofort tot zusammen. Sein Mörder warf sich Thamar zu Füßen. „Majestät“, stammelte er, „mein Prinz, ich zweifle nicht an Eurem Mut, Eurer Kampfkunst oder an Eurer Ehrlichkeit. Aber ich musste an meinem Vetter zweifeln, ob er Euch einen ehrlichen Kampf geliefert hätte. Lieber wollte ich ihn selbst umbringen als mit anzusehen, wie er Euch vielleicht hinterrücks erschlägt, nachdem Ihr ihm Gnade gezeigt habt ...“ Seine Worte verloren sich. „Macht mit mir, was Ihr wollt. Ich fürchte den Tod nicht.“ Thamar beugte sich zu ihm hinab und zog ihn auf die Füße. „Du magst den Tod nicht fürchten, doch ich fürchte, einen guten Mann zu verlieren. Es ist Blut geflossen, in meinem eigenen Haus. Du hast die Schande von dem Namen deiner Familie gewaschen, mehr gibt es nicht zu tun in dieser Sache.“ Er drückte ihm die Schulter und wandte sich nun an alle, die im Raum anwesend waren. „Wenn es jemanden gibt, der an mir, meinen Taten oder meinen Verbündeten zweifelt, dann soll er es jetzt sagen. Er braucht keine Strafe zu fürchten. Die Hexen werden ihm die Erinnerung nehmen, wo wir uns befinden und ihn an jeden Ort in Enra bringen, den er sich wünscht – Roen Orm eingeschlossen. Ein aufrichtiger Rückzug ist besser als das, was gerade geschehen ist.“ Er sah jedem Mann in die Augen. Keiner senkte den Blick, keiner wich vor ihm zurück. Niemand regte sich. „Wir sind käufliche Krieger, aber wir sind treu, solange unser Herr uns bezahlt und anständig behandelt. Wir folgen Euch, Thamar“, sprach einer von ihnen, ein bulliger Axtkämpfer mit vernarbtem Gesicht. „Und gegen die Hexen haben wir auch nichts, solange sie ihre Krallen bei sich lassen und wir sie wenigstens angaffen dürfen“, fügte er grinsend hinzu, und löste damit ein wenig die Anspannung. „Gaffen ist erlaubt. Anfassen nur, wenn du deine Fratze weiter verschönern lassen willst.“ Inanis Worte klangen drohend, ihr schmales Lächeln wirkte beruhigend, und alle lachten. Die Gefahr war gebannt. Der Zorn war besiegt. Doch es war knapp gewesen. Wieder einmal. Zu knapp …

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    • 53
  • Spannend!!!

    Roen Orm - Söhne des Lichts

    sursulapitschi

    09. May 2013 um 13:40

    Im zweiten Teil der Geschichte um Roen Orm ist Inani mittlerweile 21 und hat ganz außergewöhliche Hexenkräfte entwickelt. Sie ist eine sehr attraktive Frau geworden. Die Männer fressen ihr aus der Hand. Nach wie vor hat sie ein gutes Herz und großen Spaß an kleinen Bosheiten. Einige Probleme des ersten Teils werden jetzt gelöst, dafür kommen noch viele neue dazu. Es tauchen auch tatsächlich noch neue Charaktere auf. Zum Beispiel lernen wir Avanya kennen. Sie stammt aus dem Volk der Nola, eine kleinwüchsige, zierliche Rasse, die tief unter der Erde lebt und Gesteinsmagie beherrscht. Die Nola sind verfeindet mit den Chysrk, schwerfälligen Höhlentrollen. Dann ist da noch Cero, ein Sonnenpriester, der nicht nur Hexenhasser ist. Ganz generell verwischen in diesem Teil die Grenzen zwischen Gut und Böse. Es tauchen Feinde auf, die über ihren Tellerrand blicken und erstaunlich Gutes tun. Dafür entgleist auch mal jemand, den wir in der guten Schublade hatten. Und immer wenn wir denken, jetzt wissen wir Bescheid, passiert wieder etwas Unglaubliches. Inzwischen gibt es sehr viele Handlungsstränge. Ich habe es nicht geschafft, sie zu zählen, weil sie sich oft überschneiden. Manchmal droht man, den Überblick zu verlieren, aber langweilig wird es nie. Alles ist spannend. Noch dazu in einem Schreibstil verfasst, den ich sehr mag. Direkt, mit einem leicht ironischen Einschlag hier und da. Gelegentliche poetische Schnörkel gibt es auch, immerhin lesen wir Fantasy! Man merkt, die Autorin liebt ihre Figuren, sogar die Trolle. Eigentlich ist es nicht möglich, dieses Buch als einzelnes Buch zu bewerten, da es deutlich ein Teil eines Buches ist. Allerdings ist es ein Teil einer ungewöhnlichen und aufregenden Fantasygeschichte. Oft sitzt der Leser da und denkt: Das kann doch nicht sein! und wird eines Besseren belehrt. Ich nehme mir jetzt Teil 3 vor!

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