Alexandra Dichtler Sein Artist

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Inhaltsangabe zu „Sein Artist“ von Alexandra Dichtler

Seit dem Tod seiner ersten Liebe Friedrich führt der Lehrer Julius Brück ein zurückgezogenes Leben in der Kleinstadt Waidbronn. Als er unerwartet dem jungen Leonid begegnet, einem ehemaligen Schüler, fühlt er sich auf merkwürdige Weise an Claudia erinnert - die einzige Person, der er nach Friedrich jemals nahekam und die unter ebenso tragischen Umständen starb. Kurz darauf macht Leonid Julius eine überstürzte Liebeserklärung, und auch Julius verliebt sich gegen alle inneren Widerstände in den viel jüngeren Mann. Kennt Leonid die Antwort auf eine Frage, die Julius sich seit Jahrzehnten nicht zu stellen wagt?

Eine Liebesgeschichte - zart, verletzlich, von der Vergangenheit überschattet und doch voller Poesie und Hoffnung - zauberhaft erzählt

— marstraveller
marstraveller

Eine ungewöhnliche Novelle, die überrascht und mit Leichtigkeit schwierige Themen behandelt.

— Contresse
Contresse
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  • Seiltanz - Von der Kunst, das Leben auszuhalten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren

    Sein Artist
    marstraveller

    marstraveller

    09. February 2016 um 00:48

    An dieser Novelle haben mich sofort der Aufbau und die sprachliche Gestaltung begeistert. Die einzelnen, sehr kurz gehaltenen Episoden/Kapitel, die manchmal nur aus einem Gedicht oder einer kleinen Notiz bestehen, wirken wie Streiflichter, die auf verschiedenen Zeitebenen die Geschichte flashlightartig ausleuchten und in einem angenehm entschleunigten Tempo vor dem inneren Auge des Lesers das Gesamtbild entstehen lassen. Besonders berührt haben mich gleich zu Beginn schon die lyrischen Passagen, die sehr eindrucksvoll auf assoziative Weise mit der erzählten Handlung verknüpft sind. Auch die wohldosiert eingesetzten Bilder und Metaphern, wie z. B. die des Seiltanzes, haben den Lesegenuss verstärkt. Die behutsame Annäherung zwischen dem sechzig Jahre alten Lehrer Julius und seinem ehemaligen Schüler Leonid wird einfühlsam, ruhig und überzeugend realistisch dargestellt. (Irritiert hat mich nur, dass ein Lehrer offensichtlich Schüler von der ersten Klasse bis zum Abitur unterrichtet. Gibt es das in irgendeinem Bundesland oder gehört das zur Freiheit der Fiktion?) Es gelingt der Autorin, ihren Figuren mit sparsamen, dafür aber sehr aussagekräftigen Mitteln klare Konturen zu verleihen und sie für den Leser lebendig und sympathisch erscheinen zu lassen. Beide Hauptfiguren verbindet miteinander, dass sie, obwohl ihnen das Schicksal nicht gerade wohlgesonnen war, das Leben dennoch bejahen und bereit sind, das Wagnis einer neuen, leicht zerbrechlichen Liebe einzugehen. Dass gegen Ende der Novelle eine mystische oder fantastische Komponente hinzu kommt, hat mich zunächst etwas gestört, wirkt aber innerhalb der Handlung stimmig und hält durchaus interessante Denkansätze bereit. Der Schreibstil wirkt ausgereift und bis ins einzelne Wort sorgfältig durchdacht. Ich habe es als angenehm empfunden, dass nicht alles ausgesprochen oder gar bis ins Detail seziert wird (vor allem, wenn es um Julius' frühere Liebesbeziehungen und den damit verbundenen Schmerz oder um Leonids emotionalen „Seiltanz“ geht). Statt dessen werden Hinweise und Andeutungen gestreut, die gerade das richtige Maß an Informationen enthalten, um dem Leser eine Vorstellung der Hintergründe zu vermitteln, gleichzeitig aber noch Fragen offen lassen oder genügend Interpretationsspielraum gewähren, um den Spannungsbogen nicht vorzeitig abflauten zu lassen. Auf diese Weise konnte mich die Geschichte von Anfang an so fesseln, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen wollte. „Sein Artist“ erzählt von der Kunst, das Leben auszuhalten, ohne das Gleichgewicht zu verlieren. Die Novelle vermittelt trotz allem die Zuversicht, dass auch ein Sturz in die Tiefe, der misslungene Tanz auf dem Seil, nicht das Ende sein muss. Ein absolut empfehlenswertes Buch für alle, die eine ausgefeilte, bildreiche, teilweise auch lyrisch geprägte Sprache schätzen und sich gleichzeitig auf die Darstellung einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte einlassen, die von berührender Zartheit geprägt ist, aber auch auf verstörende Weise von einer schicksalhaften Vergangenheit überschattet wird.

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  • besonders und wunderbar

    Sein Artist
    J_Walther

    J_Walther

    20. January 2016 um 13:57

    Manchmal stößt man auf Amazon einfach so auf ein eBook. Es hat ein geschmackvolles, unauffälliges Cover, wird für 2,99 € angeboten und steht da zwischen „Gangbang mit dem Deutschlehrer“ und „Liebe mich für immer und dreimal“ (Titel frei erfunden).   Und dann liest man, und wird völlig in den Bann gezogen. Das so extrem klingende Themen eines Altersunterschiedes von 41 Jahren wird ebenso überzeugend wie sensibel, dabei nicht unrealistisch herübergebracht, weit von reißerisch entfernt. Ebenso wie das, was Leonid ist (ich möchte nicht spoilern) mit großer Natürlichkeit nahegebracht wird. Dichtler erklärt absolut nichts, häufig bleiben Fragen, auf die es erst später eine halbe Antwort gibt. Die Erzählung enthält Sprünge und Auslassung, der Stil ist ausgereift und knapp, sehr gekonnt, Notizen und Gedichte ergänzen. Nichts für bequeme Leser und doch wird man vom Text auch nicht im Regen stehen gelassen. Und dann gibt es Sätze wie diesen: »Und dann küsst er ihn, ungestüm inmitten seiner Schüchternheit. Es ist das erste Mal, dass erste Mal für Leonid und das erste Mal für sie beide gemeinsam, und genau so fühlt es sich an. Leonids ungeschickte Zunge schmeckt noch subtil nach Zahncreme, seine Hände streichen zitternd über Julius´ Wangen, und dies ist der großartigste Moment seit ... Gott, zwanzig Jahren!« Zum Ende hin nimmt die Handlung eine Entwicklung, die nicht so meine Sache ist, aber das tut dem Buch ja keinen Abbruch. Ja, ich hätte gern mehr über die Entwicklung zwischen Leonid, der einen einfach berührt, und Julius erfahren, aber ein Buch ist ja nicht dafür da, um die Erwartungen des Lesers zu erfüllen. Ein besonderes, wunderbares kleines Buch einer sehr talentierten Autorin.

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