Alexandra Tobor

(70)

Lovelybooks Bewertung

  • 99 Bibliotheken
  • 8 Follower
  • 0 Leser
  • 49 Rezensionen
(35)
(28)
(6)
(1)
(0)

Interview mit Alexandra Tobor

Alexandra Tobor im Interview mit LovelyBooks // August 2012

1. Wie bist du zum Schreiben gekommen und was begeistert dich daran besonders?

In jungen Jahren hatte ich es schwer, bei Gleichaltrigen Anschluss zu finden. Ich war so unsportlich, dass es bei den Bundesjugendspielen nicht mal zur Siegerurkunde gereicht hat. Ich rollte das „r“, trug Karottenjeans von C&A und das einzige Piercing, das meine Eltern mir erlaubten, war ein mit Silber-Edding übermalter Pickel. Mein Vater würde nie Schützenkönig werden, meine Mutter nie auf einer Klassenpflegschaftssitzung Geld für einen kunstvoll verpackten Fresskorb eintreiben. Mit meinem blassen, polnischen Mondgesicht empfand ich mich als Fremdkörper, zum Schweigen in die Ecke getrieben von unerreichbaren Integrationsanforderungen. Irgendwann in der achten Klasse stellte der Englischlehrer uns die Aufgabe, über die Erfahrung des Fremdseins zu schreiben. Und ich schrieb wie besessen. Der Lehrer gab mir mein Heft mit feuchten Augen wieder und lobte meinen Aufsatz vor den Mitschülern, sie ungerecht niedermachend für ihre ereignislosen Kindheiten, ihren Mangel an Fremdheitserfahrung. Zum ersten Mal wurde mir klar, dass meine Defizite sich im Schreiben in Stärken verwandelten. Ich entdeckte das Schreiben als Weg, mich anderen mitzuteilen, ohne ihren Vereinen beitreten zu müssen. Seitdem schreibe ich, um mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Worte schreiten über Vorurteile und Äußerlichkeiten hinweg. Sie bannen sich ihren Weg durch das Dickicht aus Unsicherheiten, Ängsten und Ignoranz. Sie können gewaltig an der Wirklichkeit rütteln, sie sogar kippen und neu gestalten.

2. Welche Bücher/Autoren liest du selbst gern und wo findest bzw. suchst du Empfehlungen für den privaten Buchstapel?

Ich liebe die Kinderabteilung der Stadtbücherei! Bücher von Michael Ende, Roald Dahl oder Angela Sommer-Bodenburg machen mich immer noch glücklich. Seit einigen Jahren ernähre ich mich auch von zeitgenössischer polnischer Literatur. Darin finde ich häufig meine Vorlieben vereint: Subjektivität, magischen Realismus, das Groteske, Surreale und Poetische, schonungslose Beobachtung und mitreißende Sprachgewalt. Neue Autoren entdecke ich über Nominierungen, z.B. für den Warschauer Literaturpreis Nike. Wenn Lieblingsschriftsteller in Interviews ihre literarischen Einflüsse verraten, lege ich mir die genannten Bücher gleich zu.

3. Von welchem Autor würdest du dir mal ein Vorwort für eines Deiner Bücher wünschen und warum?

Steffen Möller aus Wuppertal, der in den Neunzigern nach Polen ausgewandert ist und in seinen Büchern „Viva Polonia“ und „Expedition zu den Polen“ von der anderen Seite des Spiegels berichtet. Ein unerhört sympathischer Typ, mit dem ich das Ziel teile, die Kommunikation zwischen Deutschen und Polen zu fördern; nicht politisch-symbolisch, sondern menschlich.

4. Wo holst du dir die Ideen und Inspiration fürs Schreiben?

Bilder sind meine wichtigsten Quellen. Alle meine „Kreativitätstechniken“ sind visueller Natur. Ich blättere durch Kunstbände, Hochglanzmagazine, Modekataloge. Ich nutze die Bildersuche von Google, gehe ins Museum, mache Screenshots von Filmen. Ich habe Kunstgeschichte studiert. Da ging es immer nur darum, Bilder zu beschreiben, Dinge zu benennen. Klingt stupide, ein bisschen wie Grundschule, aber wenn man sich einmal auf ein Bild einlässt, läuft die Phantasie Amok. Wenn ein Bild mich anspricht, versuche ich, es so treffend wie möglich zu beschreiben. Oder die Gefühle, die es in mir auslöst, die Erinnerungen, die es weckt. Charaktere setze ich spielerisch aus Bildfragmenten zusammen. Manchmal zeichne ich sie, erstelle Karikaturen, um mehr über sie zu erfahren. Eine sehr intuitive Angelegenheit, bei der mir auf magische Weise die passenden Formulierungen in den Kopf sprudeln.

5. Wie und wann schreibst du normalerweise, kannst du dabei diszipliniert vorgehen oder wartest, bis dich in einer schlaflosen Nacht die Muse küsst?

Die wichtigste Erkenntnis, die ich während der Arbeit an meinem Roman gewonnen habe, ist die, dass Schreiben nicht das Formulieren druckreifer Sätze ist, sondern überwiegend aus Recherche, Spiel und Kritzelei besteht. Disziplin klingt so nach Schreiben wider Willen, und so fühlte es sich an, wann immer ich mir vornahm, zu bestimmten Zeiten aktiv zu „formulieren“. Aber als Autor kann und muss man auch passiv sein. Lesen zum Beispiel kann man auch, wenn man uninspiriert und stumpf ist. Bücher, die irgendwas mit den Themen zu tun haben, mit denen man sich selbst beschäftigt, sind immer eine Bereicherung, vor allem Sachbücher. Ideen kommen ja nicht aus dem Nichts, sondern wachsen aus vorhandenem Wissen. Ich warte weder auf die Muse, noch lasse ich Disziplin walten. Aber ich versuche stets, entweder aktiv (kritzelnd, zeichnend, formulierend) oder passiv (lesend, konsumierend) bei meinem Projekt zu bleiben.

6. Welche Wünsche hast du im Bezug auf deine Bücher und deine Arbeit für die kommenden Jahre?

Die Kindheit des Aussiedlermädchens Ola ist erzählerisch abgeschlossen, nun stehen für die geplante Fortsetzung die Jugendjahre an. Es wird nicht mehr so niedlich und naiv zugehen wie im ersten Band, aber es bleibt hoffentlich lehrreich und unterhaltsam. Daneben möchte ich unbedingt mit benachteiligten Kindern und Jugendlichen arbeiten, die Begeisterung fürs Lesen und den Mut zum Schreiben fördern. Das ist mein Traum.

7. Wie fühlt man sich, wenn man erfährt, dass das erste eigene Buch veröffentlicht wird?

Furchtbar. Heutzutage ist es ja üblich, für ein Exposé und ein Probekapitel unter Vertrag genommen zu werden. Man bekommt vom Verlag einen Vorschuss und eine Deadline. Das verdammte Buch muss also tatsächlich geschrieben werden. Bis dahin quält man sich mit Selbstzweifeln und Existenzängsten, träumt nachts von Versagen und Blamage. Alles ist ungewiss, man kann sich nicht mehr zurückziehen. Das Buch kann ein Erfolg werden, aber auch eine Katastrophe, für die man sich zeitlebens schämen wird. Hinzu kommt die Ohnmacht vor den Marketingwünschen des Verlags. Da hilft nur noch Gottvertrauen.

8. Was machst du am liebsten, wenn du gerade nicht schreibst?

Amerikanische Serien konsumieren! „Breaking Bad“ und „Mad Men“ zum Beispiel sind Meisterwerke. Sie faszinieren mich so sehr, dass ich über jede Folge Aufsätze schreiben könnte. Was in den letzten zehn Jahren in den USA und teilweise auch in Großbritannien produziert wurde, ist so gut, dass es nach dem Nobelpreis für Literatur schreit.