Ali Zamir

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Ali ZamirDie Schiffbrüchige
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Die Schiffbrüchige
Die Schiffbrüchige
 (2)
Erschienen am 29.09.2017

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Rezension zu "Die Schiffbrüchige" von Ali Zamir

Lebenshunger und Tod im Meer
evaczykvor 20 Tagen

Anguille weiß – sie wird sterben. Eine junge Frau, deren Traum von einem besseren Leben als Schiffbrüchige im Meer endet. Doch ehe sie ertrinkt, zieht sie noch einmal Bilanz, rechnet ab mit ihrem Leben in einem wahnsinnigen Tempo, einem bunten Gedankenstrom. Alles muss gewissermaßen raus aus ihrem Bewusstsein, ehe das Ende kommt.

Ali Zamir, ein junger Schriftsteller von den Komoren, wurde für seinen Debütroman «Die Schiffbrüchige» mit dem Prix Senghor für ein französischsprachiges Erstlingswerk ausgezeichnet. Nun liegt das Buch des 1987 geborenen Schriftstellers auch in deutscher Übersetzung vor – eine atemlos und von Lebenshunger strotzende Lebens- und Liebesgeschichte.

Zamir lässt farbenfrohe Bilder von einer Inselwelt entstehen, die für die Touristen der Kreuzfahrtschiffe exotisch und vom Duft von Gewürzen erfüllt ist. Für die Menschen der Inseln dagegen ist es eine kleine Welt begrenzter Perspektiven.

Anguille ertrinkt nicht im Mittelmeer, wie so viele ihrer Schicksalsgenossen, die auf eine Zukunft in Europa hoffen. Doch auch im Indischen Ozean, zwischen der armen Komoreninsel und der französischen Insel Mayotte, scheitern die Träume von einem neuen Anfang, beladen Menschenschmuggler kleine Boote mit viel zu vielen Menschen. 
Menschen wie Anguille tauchen im Bewusstsein vieler Europäer oft nur als Statistik-Zahl oder Fußnote der Abendnachrichten auf: Gesichtslos in der Masse verängstigter, verzweifelter, durchnässter Menschen, die noch rechtzeitig gerettet wurden oder deren Todeszahlen nur geschätzt werden können.

Zamir dagegen gibt Anguille, dem «Aal» eine Stimme, beschreibt ihre Inselwelt, lässt sie Rückblick halten. Unsentimental, mitunter schnodderig erzählt sie von ihrem Vater, dem Fischer und alleswissenden Gernegroß Connait-Tout, von Vorace, ihrer großen Liebe und noch größeren Enttäuschung, von engen Gassen und den Menschen ihres Dorfes, denen die 17-jährige schließlich den Rücken kehrt – ungewollt schwanger und vom Vater verstoßen. 

So verlässt sie den Ort, wo sie sich immer beschützt gefühlt hatte, «und genauso wusste ich, dass ich nicht dorthin zurückkehren würde, es war eine Reise in eine einzige Richtung, eine Hinfahrt ohne Zurück, das hatte ich in meinem Herzen unterschrieben, jawohl, genau dort, aber ich hatte nicht damit gerechnet, mich dort wiederzufinden, wo ich jetzt bin, an einem Nichtort, in einer Leere, einem Abgrund».

Anguille ist allein in der Nacht, das Sterben der anderen Schiffbrüchigen um sie herum kann sie nicht sehen, doch sie hört die Schreie, dann die Stille. Während sie sich mit letzter Kraft an einen Benzinkanister klammert, lässt sie trotzig die Hoffnung fahren. Überleben, nur um dann in Handschellen deportiert zu werden, das sei etwas für Feiglinge.

Die letzte Belohnung für den Mut zum Aufbruch, zur Veränderung sieht sie in den verbliebenen Minuten oder gar Stunden, die der Schiffbrüchigen erlauben, ihre Geschichte zu erzählen: «Und so gebe ich mich hin, Hals über Kopf und furchtlosen Herzens».

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